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Die Dedikationsmosaiken der Martorana in Palermo

Seminararbeit 1997 10 Seiten

Kunst - Kunsthandwerk

Leseprobe

Einleitung

"Fast alle Herrscher des zwölften Jahrhunderts setzten die Kunst ein, um ihr Prestige zu steigern und politische Aussagen zu machen."1

Diese Aussage trifft auch auf Roger II. von Sizilien, der von 1112 bis 1156 herrschte, zu. In einem der Bauwerke, das unter seiner Regierung entstand, wird dies auch sehr deutlich. Es handelt sich um die Kirche Santa Maria dell' Amiraglio, genannt Martorana. Und hier sind es wiederum die beiden Dedikationsmosaiken, die die von Andreas Petzold oben gemachte Aussage unterstreichen. Dargestellt werden die Krönung König Rogers II. durch Christus und die Prostratio des heiligen Georg von Antiocheia vor der Gottesmutter, die zwischen 1143 und 1151 entstanden sind. Heute findet man sie - in der Vergangenheit stark restauriert und mit barocken Umrahmungen versehen - im nördlichen bzw. im südlichen Seitenschiff der Neuen Kirche. Ihre ursprüngliche Position läßt sich nicht mehr mit völliger Sicherheit feststellen, es liegt jedoch auf der Hand, daß sie als Paar konzipiert sind.

Die Krönung Rogers II. durch Christus

Ikonographie

König Roger steht mit geneigtem Haupt und in Gebetshaltung vor Christus. Der Bart und das schulterlange Haar sind dunkelbraun. Er trägt das Gewand eines byzantinischen Herrschers, das aus folgenden Teilen besteht:

1. Eine blaue Tunika mit goldenen clavii, die jedoch nur an den Ärmeln und der Kniepartie sichtbar ist.
2. Ein kürzeres Obergewand, das reich mit goldenen Kreuzen bestickt ist.
3. Ein Loros, der ebenfalls mit Perlen und Kreuzen reich verziehrt ist, und ein rotes Futter hat.
4. Eine Krone.

Christus ist größer und breiter gegeben, als der König. Sein Bart und das Haar sind heller, als Rogers. In allen anderen Teilen gleichen die Figuren einander. Christus hat darüberhinaus einen Nimbus mit einem eingeschriebenen Kreuz und trägt

1. eine purpurne Tunika mit goldenen clavii und
2. einen blauen Mantel.

Er steht frontal vor dem Betrachter, Kopf und Hände auf Roger gerichtet. In der rechten Hand hält er die Krone, in der Linken eine Schriftrolle. Neben dem Nimbus befindet sich die Beschriftung

ROGERIOC RHX IC CR1

Die untere Zone des Mosaiks ist stark restauriert. Man knann annehmen, daß Cristus, wie bei dem Moskauer Elfenbeinrelief von 945, das vermutlich die Krönung Kaiser Konstantin VII. Porpyrogenetes zeigt, auf einem Fußschemel stand. Die Gesten Rogers hatten wahrscheilich eine Antwort in der Vorwärtsbewegung eines Fußes.

Ikonologie

Beim Betrachten dieses Mosaiks stellt sich bald die Frage, ob es sich bei der Abbildung Rogers um ein Portrait handelt. Um eine Antwort geben zu können, kann man sich auf zwei Teile der Ausstattung des Königs beschränken - nämlich Loros und Krone.

Der Loros, eine Vorform der Stola, ist eine breite, reich mit Edelsteinen, Perlen und Stickerei versehene Schärpe, welche die byzantinischen Kaiser über die Schulter gelegt und um die Hüften geschlungen trugen, wobei das eine Ende vorne bis zum Saum herabfiel, während das andere locker über den linken Unterarm gelegt wurde.2 Doch zur Zeit Rogers II. war diese Art ihn zu tragen nicht mehr zeitgemäß. Er wurde schon im elften und zwölften Jahrhundert, wie die Mosaiken in der südlichen Galerie der Hagia Sophia in Istanbul es zeigen, gerade herunterhängend getragen. Andererseits gibt es bis 1100 auch Darstellungen die die traditionelle Form zeigen. Doch auch der Krönungsmantel in Wien besitzt zwar eine adlerbestickte Stola aber kein Loros. Der Mantel wurde wie ein Pluviale getragen und so hätte der Loros höchstens unter der Chlamys seinen Platz. Das Fragment eines ungefähr vierzehn Zentimeter breiten Bandes aus Cefalu aus dieser Zeit dürfte etwas ähnliches gewesen sein, aber kein Loros. Der Wiener Mantel gehörte jedoch zum Hofzerimoniell und war offizielles Kleidungsstück. Auch schriftliche Quellen dieser Zeit belegen das Pallium und andere Insignien, aber kein Loros.

Auch die Art der Krone in Form eines Diadems war zur Zeit Rogers nicht mehr üblich, denn um 1140 wurde sie an konstantiopolitanischen Hof durch die geschlossene Krone, das Kamelaukion, ersetzt.

Aus all dem kann man schließen, daß der Mosaizist ein älteres Vorbild, wie zum Beispiel das oben genannte Elfenbeinrelief hatte, da ihm dies inhaltlich als passendere Darstellungform für den König schien. Das Portrait als byzantinischer Kaiser erschien geeigneter, da dieser die absolute Macht hatte, die auch Roger für sich beanspruchte. Ob es sich um ein wirkliche naturgetreue Abbildung des Königs handelt kann man heute nicht mehr feststellen, da gesicherte bildliche Quellen fehlen. Auffälig ist jedoch die Ähnlichkeit der Gesichtes Christi und dem Rogers II.. Der König ist hier in Christomimesis gegeben, ein Motiv, das in dieser Zeit alles andere als ungewöhnlich war. Die damals herrschende Staatsform war die christozentrische Monarchie. Um 1100 schrieb ein normannischer Anonymus mehrere staatsphilosophische Traktate. Eines davon hatte den Titel "De consecratio pontificum et regum", in dem er über die Wirkung der Salbung auf Bischöfe und Könige schreibt. So behandelt er zuerst das Alte Testamen, wo folgendes zu lesen ist:" Itaque in unoquoque gemina intelligitur fuisse persona, una ex natura, altera ex gratia, una in hominis proprietate, altera in spiritu et virtute. Una, qua per conditionem nature ceteris hominibus congrueret, altera qua per eminentiam deificationis et vim sacramenti cunctis aliis precelleret. In una quippe erat naturaliter individuus homo, in altera per gratiam Christus, id est Deus - homo. "1 Nach der Auffassung des Anonymus war der König christus, Gesalbter oder Messias, und Vorläufer des wahren Messias Jesus Christus. Durch Tod und Auferstehung Jesu waren die Könige nun folglich nicht mehr seine Vorläufer, sondern Nachahmer und Schatten, sie wurden zu Christomimetes. Der Unterschied zwischen Christus und dem König war durch die Gnade gegeben. Jesus Christus war aufgrund seiner Natur König und Christus, während der irdische König durch die Gnade, die durch die liturgische Feier der Weihe auf ihn "übersprang" und zu einem anderen Menschen macht, zu einem christus. Diese Gnade wirkte jedoch nur auf Zeit und nicht ewig, wie bei Jesus Christus. Diese Idee stammte nicht von ihm, sondern er giff die alte Antithese von natura und gratia zurück. Der Anonymus bedient sich dieser Antithese einerseits um den inhärenten Unterschied zwischen Gott und König hervorzuheben, andererseits dient sie ihm auch dazu, die Grenze zu verwischen und zu zeigen, wo Unterschied zwischen dem "Gott von Natur" und dem "Gott durch Gnade" aufhört, mämlich bei der potestas, der Macht. So schreibt er:" Potestas enim regis potestas Dei est; Dei quidem est per naturam, regis per gratiam. unde et rex Deus et Christus est, sed per gratiam, et quicquid facit non homo simpliciter, sed Deus factus et Christus per gratiam facit. "2 Dadurch handelt Jesus Christus durch seinen königlichen Stellvertreter, der "in officio figura et imago Christi et Dei" ist. Das heißt, daß der König nicht nur Stellvertreter Christi ist, sondern auch ein Abbild des Himmelskönigs, was die Ähnlichkeit der Gesichter Rogers und Christi im Mosaik der Matorana erklärt. Er führt seine Thesen soweit, daß Jesus als im Jordan getaufter Mensch, die Macht des Kaisers akzeptiert, indem er Steuern zahlt.1 Er begründet das indem er in Tiberius eine zweite gemina persona schafft und sagt:" Reddite potestati, non persone. persona enim nequam, sed iusta potestas. iniquus Tyberius, sed bonus caesar. reddite ergo non personae nequam, non iniquo Tyberio, sed iuste potestati et bono caesari que sua sunt ... `da´,inquit,`pro me et te, iuste potestati et bono caesari, cui secundum hominem subditi sumus.´... Sciebat enim hoc pertinere ad iustitiam, ut redderet caesari que sunt caesaris ... Sed in iis omnibus implevit iusticiam. Iustum quippe erat, ut humana infirmitas divine subderetur potestati. Christus namque secundum hominem tunc infirmus erat, caesaris vero potestas divina. "2 Schließlich unterscheidet er noch zwischen Bischof und König, die zwar beide geminæ personæ sind. Es besteht lediglich ein Rangunterschied, der im Dualismus Christus Rex und Christus Sacerdos gründet. Dieser Dualismus wird in eine Antithese umgesetzt und nicht nur der göttlichen und menschlichen Natur des Gottmenschen gleichgesetzt, sondern auch mit dem Königs- und Priesteramt auf Erden:" Unde et uterque in spiritu Christus et Deus est, et in officio figura et imago Christ et Dei est. sacerdos sacerdotis, rex regis. sacerdos inferioris officii et naturae, id est humanitatis, rex superioris, id est divinitatis. "3 Dies erinnert an die Geschichte des Bischofs einer Stadt, an deren Tor Attila anklopfte:"Ich bin Attila, die Geißel Gottes." Der Bischof erwiederte:"Möge der Diener Gottes eintreten!" Er öffnete das Tor um sofort erschlagen zu werden, während er für den Eindringling den Segen murmelte:"Benedictus, qui venit in nomine Domini." Der Bischof hatte selbst in einem Attila die göttliche Macht respektiert.4 Daß diese Ideen weit verbreitet waren, zeigen neben dem Mosaik in der Martorana zahlreiche andere Darstellungen, wie zum Beispiel die Abbildung des thronenden Kaisers Otto III. im Aachener Luithar - Evangeliar, das um 975 entstanden ist.

[...]


1 A. Petzold, Romanische Kunst - Art in Context, Köln 1995, p. 85

1 Die erste Inschrift bezeichnet Roger als König, die zweite ist die übliche Beschriftung für Christus im byzantinischen Bild.

2 nach R. Bauer, Weltliche und geistliche Schatzkammer Wien, Wien 1987, p. 146

1 Monumenta Germaniae Historica, Libelli de Lite III, 664, 26ff

Wir müssen deshalb (im König) eine doppelte Person erkennen eine kommt aus der Natur, eine aus der Gnade, eine aus der Eigentümlichkeit des Menschen, die andere aus Geist und Tugend. Die eine war von Natur aus gleich wie bei anderen Menschen, die andere erhob ihn durch die Eminenz der Gottwerdung und die Macht des Sakraments über alle anderen. Einerseits war diese von Natur aus ein Mensch, andererseits durch die Gnade ein Christus, das ist ein Gottmensch.

2 MGH;LdL, III, 667, 36ff. Die Macht des Königs ist die Macht Gottes. Diese Macht ist nämlich Gott von Natur aus zueigen, dem König aber durch die Gnade. Somit ist auch der König Gott und Christus , aber nur durch die Gnade, und was auch immer er tut, tut er nicht einfach als Mensch, sondern als jemand, der durch die Gnade Gott und Christus geworden ist.

1 vgl. Mt.22,15 - 22

2 MGH, LdL, III, 671, 36ff. Gebt es der Macht, nicht einer Person. Die Person gilt nichts, aber die Macht ist gerecht. Böse ist Tiberius, aber gut ist der Kaiser. Gebt, aber nicht der unwürdigen Person, nicht dem bösen Tiberius, sondern der gerechten macht und dem guten Kaiser, was ihm gebührt ... "Gib", sagte er,"für mich und für dich der rechtmäßigen Macht und dem guten Kaiser, dessen Untertanen wir gemäß unserer Menschennatur sind." ... Denn er wußte, daß es zur Gerechtigkeit gehörte, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers war ... In all dem handelte er gerecht. Denn es war gerecht, daß die menschliche Scheäche sich der göttlichen Macht beugte. Christus war nämlich damal, weil er Mensch war, schwach; doch göttlich war des Kaisers Macht.

3 MGH, LdL, III, 667, 8ff. Beide sind im Geist Christus und Gott; im Amt handeln sie als Gegenstücke und Abbilder Christi und Gottes: der Priester als Priester, der König als König. Der Priester handelt als Gegenstück des niedrigeren Amtes und der niedrigeren Natur, der Menschlichkeit, der König als Gegenstück des höheren Amtes und der höheren Natur, der Göttlichkeit.

4 Johannes von Salisbury, Policraticus, 514b. Hg. Webb, Oxford 1909, Bd. 1, p. 236

Details

Seiten
10
Jahr
1997
ISBN (eBook)
9783638443210
ISBN (Buch)
9783638764117
Dateigröße
424 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v47354
Institution / Hochschule
Universität Wien
Note
gut
Schlagworte
Dedikationsmosaiken Martorana Palermo Proseminar

Autor

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