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Popliteratur - nur ein Etikett? Untersuchungen am Beispiel von Benjamin von Stuckrad-Barres 'Soloalbum'

Seminararbeit 2003 20 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist Popliteratur?
2.1 Eine kurze Aufarbeitung der Entstehungsgeschichte
2.1.1 Dadaismus und Beat-Generation – Anfänge der Popliteratur
2.1.2 Die Popliteratur kommt nach Deutschland
2.1.3 Popliteratur in der jüngeren Vergangenheit
2.2 Was zeichnet Popliteratur aus?

3. „Soloalbum“ – Das Buch
3.1 Der Autor Benjamin von Stuckrad-Barre
3.2 Kurze Inhaltsübersicht von „Soloalbum“
3.3 Sprache und Schreibstil
3.3.1 Musik als dramaturgisches Element
3.3.2 Hoffnungslosigkeit als Weg zum Humor
3.4 Medienbezug und Markennamen

4. Hohe Kunst oder Etikettenschwindel?

Literaturnachweise

1. Einleitung

Stellen wir uns folgende Situation vor: Benjamin Lebert hält eine Lesung in Karlsruhe. Der etwas schüchterne Autor trägt aus seinem aktuellen Roman „Der Vogel ist ein Rabe“ vor. Aufmerksam hört das Publikum zu und ist wie elektrisiert; doch scheinbar nicht nur von seinen Worten und seinem Buch. In den ersten Reihen sitzen junge Mädchen und hängen förmlich an den Lippen des jungen Mannes. Sie sind fasziniert von seinem Charisma und seiner Stimme, vielleicht auch seinem Aussehen. Nach der Lesung stürmen sie die kleine Bühne und wollen Autogramme von ihrem Idol ergattern. Doch der Literat wird sofort von seinem Management abgeschirmt und mit den Worten „Herr Lebert ist jetzt nicht in der Lage zu schreiben“ hinter die Kulissen geführt. Die jungen weiblichen Fans sind enttäuscht und ziehen ab...

So oder so ähnlich ist es im Dezember 2003 tatsächlich zugegangen. Autoren wie Alexa Hennig von Lange, Benjamin von Stuckrad-Barre oder eben Benjamin Lebert werden verehrt wie Popstars. Vor allem junge Mädchen lauern ihnen auf und überfallen sie mit ihren Autogrammwünschen. Junge Autoren wie Lebert und Stuckrad-Barre sind gerade „in“ und durchaus mit singenden Popstars zu vergleichen.

„Pop ist, was gefällt.“[1] So kurz und prägnant ordnet Thomas Jung in seinem Werk „Alles nur Pop?“ diese Bezeichnung ein. Populär werden kann, wer oder was der Masse bekannt ist und von der Masse konsumiert wird. Die „Talentschmieden“ Deutschland sucht den Superstar, Star-Search und Popstars setzen auf dieses Prinzip und lassen Ihren Sieger von den TV-Zuschauern wählen. Das Publikum bestimmt per Telefon-Entscheid, wer gefällt und wer nicht gefällt, wer populär und wer unpopulär ist. Heraus kommt ein von Popmusik durchtränkter neuer Popstar, der von den Zuschauern geliebt wird, denn sie selbst haben ihn gewählt. Jungs oder Mädchen von nebenan werden plötzlich zu populären Sängern – zu Stars eben.

Doch wie lange hält dieser Trend an, wie lange gefällt ein auf diese Art und Weise entstandener „Star“? Wurden er oder sie nur zum Star gezüchtet oder haben er oder sie tatsächlich Talent und können sich auch auf Dauer noch im Musikgeschäft behaupten? Werden sie nur als Marken und Produkte verkauft? Sind sie nur Aushängeschild und Etikett einer TV-Sendung?

Diese Fragen sind auch auf die Literatur übertragbar. Sind Autoren wie Christian Kracht, Alexa Hennig von Lange, Florian Illies, Benjamin Lebert und auch Benjamin von Stuckrad-Barre nur gemästete Literaturpäpste auf Zeit oder sind Ihre unbestritten erfolgreichen Werke auch tatsächlich literarisch wertvoll? Wird man auch in Zukunft noch von ihren Werken sprechen?

In der folgenden Arbeit sollen diese Fragestellungen näher betrachtet werden. Im Mittelpunkt der analytischen Betrachtung steht dabei Benjamin von Stuckrad-Barres „Soloalbum“[2].

Als Sekundärliteratur dienen mir vor allem die Werke „Der deutsche Pop-Roman“ von Moritz Baßler[3], „Arbeitstexte für den Unterricht: Popliteratur“ von Dirk Frank[4], „Alles nur Pop?“[5] von Thomas Jung und „Popliteratur“[6] von Thomas Ernst.

2. Was ist Popliteratur?

2.1 Eine kurze Aufarbeitung

der Entstehungsgeschichte

Was seit einigen Jahren in der jüngsten deutschen Literatur unter dem Namen „Popliteratur“ vermarktet wird, findet Leser, Hörer und Zuschauer in Massen, doch in den Feuilletons keine gute Presse. Für Thomas Ernst wurde der Ausdruck Popliteratur „[...] in den vergangenen Jahren hauptsächlich als Etikett benutzt [...], um Büchern ein jugendlich-frisches und aufmüpfiges Image zu geben und zu suggerieren, dass sie unterhaltsam und leicht lesbar seien“[7].

Anfang der 1990er erklärten Autoren wie Maxim Biller und Matthias Altenburg die deutsche Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg für langweilig akademisch und bezeichneten sie als eine Ausgeburt hochkultureller Arroganz. „Man müsse nicht mehr an die Frage einer Ästhetik nach Auschwitz, sondern dürfe auch wieder einfach an die Buchverkaufszahlen denken.“[8] Ein „neues Erzählen“, das Impulse von amerikanischer Unterhaltungsliteratur, Magazinjournalismus und Filmästhetik in die deutsche Literatur aufnimmt, war ihre Forderung.

2.1.1 Dadaismus und Beat-Generation

– Anfänge der Popliteratur

Diesen Ansatz verfolgten schon die Dadaisten Anfang des 20. Jahrhunderts. Sie stellten die hochkulturelle, bürgerliche Literatur erstmals nach dem Ersten Weltkrieg in Frage. Sie schufen als Gegenpol zum bürgerlichen Humanismus und den Idealen des Guten und Schönen eine Antikunst und eine Literatur der Sprachzerstörung und Formenzertrümmerung. Die Dada-Bewegung pflegte die Provokation des Publikums durch Zufall statt Planung, Destruktion statt Konstruktion, Nihilismus statt bürgerlichen Werten, Nonsens statt Sinn, letztlich durch Antikunst statt Kunst[9].

„Mit ihrer ästhetischen Radikalität, dem spielerischen Umgang mit Banalitäten des Alltags [...] stießen die Dadaisten erst die Türen auf zu den Straßen, auf denen sich die Popliteratur später abspielte.“[10] Von 1915 bis 1921 wurde durch den Aufenthalt europäischer Künstler in New York der amerikanische Dadaismus begründet. Damit war der Ausgangspunkt für die spätere Pop-Art gelegt[11]. Mit der Loslösung der Sprache von jeglichen formalen Zwängen wurde von den Dadaisten ein wichtiger Prozess zur Entstehung freierer Literatur in Gang gesetzt.

In den 1950er Jahren wurden diese Gedanken von der so genannten Beat-Generation in den USA aufgenommen. Die Beat-Poeten lebten als Außenseiter, praktizierten eine sehr freie Homo-, Bi- oder Heterosexualität und brachten sowohl der amerikanischen als auch der europäischen Literatur wesentliche neue Einflüsse[12]. Viele Jugendliche konnten sich in den Beobachtungen und der überspitzten Slang-Sprache, die obszön, expressiv und direkt war, wieder finden[13].

Bald beeinflussten Musik, Markenartikel und Filme die Literatur in Stil und Inhalt. Der Medientheoretiker Marshall McLuhan trat als erster Medientheoretiker hervor und beschrieb den Übergang zu den neuen Medien wie Radio, Film und Fernsehen, Computer und Internet[14]. Die Inhalte der Beat-Literatur richteten sich unter anderem gegen die konservative Bigotterie dieser Zeit. Leslie A. Fiedler prägte den Begriff der „Postmoderne“. Er sah in der Literatur der Beat Generation einen Schritt zur Schließung des Grabens zwischen Hoch- und Subkultur und sprach als erster von „Popliteratur“[15]. Ziel dieser war und ist eine „formale Eingängigkeit, d.h. die Verwendung von einfachen Prosa- und Lyrikformen, von Umgangs- oder Szenesprache; inhaltlich ein affirmatives, also bejahendes Verhältnis zur zunehmend medial geprägten Alltagswelt jugendlicher und jung gebliebener Menschen“[16].

[...]


[1] Thomas Jung: Alles nur Pop, Anmerkungen zur populären und Popliteratur seit 1990, In: Osloer Beiträge zur Germanistik, Bd. 32, Frankfurt am Main / Berlin / Bern / Bruxelles / New York / Oxford / Wien, 2002, S. 143.

[2] Benjamin von Stuckrad-Barre: Soloalbum, Köln, 2003.

[3] Moritz Baßler: Der deutsche Pop-Roman, Die neuen Archivisten, München, 2002.

[4] Dirk Frank (Hg.): Arbeitstexte für den Unterricht, Popliteratur, Stuttgart, 2003.

[5] Thomas Jung: Alles nur Pop?, Anmerkungen zur populären und Popliteratur seit 1990, In: Osloer Beiträge zur Germanistik, Bd. 32, Frankfurt am Main / Berlin / Bern / Bruxelles / New York / Oxford / Wien, 2002.

[6] Thomas Ernst: Popliteratur, Hamburg, 2001.

[7] Thomas Ernst: Popliteratur, Hamburg, 2001, S. 6.

[8] Ebd., S. 67.

[9] Thomas Ernst: Popliteratur, Hamburg, 2001, S. 10.

[10] Ebd., S. 11.

[11] Ebd., S. 13.

[12] Ebd., S. 15.

[13] Ebd., S. 14.

[14] Ebd., S. 22.

[15] Ebd., S. 23.

[16] Dirk Frank (Hg.): Arbeitstexte für den Unterricht, Popliteratur, Stuttgart, 2003, S. 6.

Details

Seiten
20
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638443876
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v47436
Institution / Hochschule
Universität Karlsruhe (TH) – Literaturwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Popliteratur Etikett Untersuchungen Beispiel Benjamin Stuckrad-Barres Soloalbum

Autor

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