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Die Auswirkungen einer sicheren Mutter-Kind-Bindung auf die emotionale Entwicklung des Kindes von Geburt bis zum Alter des Kindergarteneintritts

Hausarbeit 2017 23 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung in die Thematik
1.1 Einleitender Gedanke und Themenbegründung
1.2 Aufbau der folgenden Arbeit mit zentraler Fragestellung

2 Bindung
2.1 Begriffsbestimmung „Bindung“
2.2 Die Bindungstheorie nach John Bowlby und Mary Ainsworth
2.3 Dyadische Bedingungen als Einflusskomponenten einer Bindung
2.3.1 Bindungspersonen
2.3.2 Feinfühligkeit als Einflusskriterium auf die „Bindung“
2.3.3 Internale Arbeitsmodelle
2.4 Klassifikationen von Bindungsbeziehungen
2.4.1 B – Sicheres Bindungsmuster
2.4.2 A – Unsicher- Vermeidendes Bindungsmuster
2.4.3 C – Unsicher- Ambivalentes Bindungsmuster
2.4.4 D – Desorganisiertes Bindungsmuster

3 Emotionale Entwicklung und Kompetenz
3.1 Begriffsbestimmung „Emotionen“
3.2 Begriffsbestimmung „Emotionale Kompetenz“
3.3 Entwicklungsverlauf der „emotionalen Entwicklung“ bis zum Kindergarteneintritt
3.3.1 Emotionale Bewusstheit und Emotionsausdruck
3.3.2 Sprachlicher Emotionsausdruck
3.3.3 Trennung von emotionalem Erleben und Emotionsausdruck
3.3.4 Emotionsregulation

4 Auswirkungen einer sicheren Eltern- Kind- Bindung auf die emotionale Entwicklung
4.1 Ausführliche Beschreibung des B – Bindungsmusters
4.2 Auswirkungen auf die „Entwicklung primärer Emotionen“
4.3 Auswirkungen auf die „Entwicklung des sprachlichen Emotionsausdrucks“
4.4 Auswirkungen auf die „Entwicklung von Emotionsregulationsstrategien“

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis.

1 Einführung in die Thematik

Die folgende Einleitung gibt einen kurzen Einblick in die nachfolgende Thematik, definiert die genaue Fragestellung, gibt Auskunft über die Relevanz dieser Fragestellung für die Profession der Kindheitspädagogin und liefert einen Überblick über die nachfolgende Hausarbeit.

1.1 Einleitender Gedanke und Themenbegründung

„Für Kinder wie Erwachsene gilt gleichermaßen: Freude, Liebe, Wut, Trauer, Glück – all diese und viele weitere Gefühle machen unseren Alltag lebendig und gestalten unsere Beziehungen.“ (Pfeffer 2017, 7)

Simone Pfeffer macht mit diesem Zitat deutlich, dass Gefühle ein wesentlicher und selbstverständlicher Bestandteil unseres Lebens und vor allem unserer Beziehungen zu unseren Mitmenschen sind. Emotionen lassen sich in der frühen Kindheit nicht nur durch das Weinen und Schreien des Säuglings definieren, Gefühle sind etwas, was wir täglich in unserem Leben begegnen und unmittelbar erleben und stellen ein essentielles Ausdrucksmedium dar, sie haben zudem auch die unterschiedlichsten Ursachen, äußern sich auf verschiedenste Art und Weise und in gewissen Situationen, unter bestimmten Umständen bedarf es ihrer Regulation.

Besonders im jungen Alter sind Kinder nicht in der Lage diese Regulation selbständig durchzuführen und benötigen die Hilfe ihrer Bezugspersonen, zumeist der Eltern, die die Kinder im Alltag begleiten, auf ihre Bedürfnisse reagieren, diese stillen und gleichzeitig als Vorbild agieren, denn „obgleich es eine ‚emotionale Grundausstattung‘ gibt, hängen unser gefühlsmäßiges Erleben und unser Umgang mit Gefühlen in starkem Maße davon ab, was wir von klein auf in unserer Umgebung erfahren und gelernt haben.“ (ebd.) Dementsprechend rückt nun die Interaktion und Beziehung zwischen Säugling bzw. Kind und Bezugsperson in den Fokus und deren „Qualität“, die maßgeblich zur Klassifikation der Bindung zwischen Kind und Bezugsperson einerseits und so scheint es, zum Voranschreiten der Emotionsentwicklung andererseits beiträgt. Es erscheint nur schlüssig, dass die im Alltag erlebte Vielfalt im Erleben und Umgang mit Emotionen bei Menschen mit deren bisherigen Erfahrungen, insbesondere ihren Bindungserfahrungen in früher Kindheit, zusammenhängt. Die Varianz im Umgang und Erleben von Emotionen lässt sich in der Praxis schon zu Beginn in der Eingewöhnung, den Umgang mit Trennung und Wiedervereinigung mit der Bezugsperson erkennen, aber auch im kleinkindlichen Alltag allgemein. Knapp ein Drittel der unter 3- Jährigen besuchte 2017 eine Kindertagesbetreuung (Statistisches Bundesamt) und vollzog somit den in dieser Arbeit fokussierten Teil der emotionalen Entwicklung, die des hilflos wirkenden, weinenden und schreienden Säuglings, bis zum Kind, das z.B. von seinem Wunsch eines Haustiers berichtet oder den Grund seiner Trauer benennt, in Fremdbetreuung. In kaum einer anderen Altersstufe werden Gefühle augenscheinlich so „roh“ und „ehrlich“ und doch so unterschiedlich an das Umfeld herangetragen. Wir werden als Fachkräfte in der Krippe regelrecht damit konfrontiert und es stellt sich die Frage inwiefern sich Kinder, abhängig von ihrer Bindungsqualität, in ihrer fortschreitenden emotionalen Entwicklung voneinander unterscheiden.

Aus diesem Grund sowie dem Interesse und der eigenen Erfahrung der Autorin in der Krippenarbeit, beschäftigt sich diese Arbeit im Folgenden mit der Eltern- Kind- Bindung (besonders der Mutter- Kind- Bindung) und deren variierenden Auswirkungen auf die emotionale Entwicklung des Kindes. Der Fokus wird hierbei auf die sichere Bindung und deren Auswirkungen gelegt.

1.2 Aufbau der folgenden Arbeit mit zentraler Fragestellung

Im ersten Abschnitt der Arbeit wird der Begriff „Bindung“ definiert, dessen Begründer, John Bowlby kurz vorgestellt und seine Bindungstheorie anhand einer kurzen inhaltlichen Einordnung mit den Kontroversen, die ihn von seinen damaligen Kollegen der psychoanalytischen Schule unterschieden, ausgeführt. Außerdem werden spezifisch drei dyadische Bedingungen einer Bindung genannt, die je nach deren Dimension Einfluss auf die Qualität der fokussierten Mutter- Kind- Bindung nehmen und anlässlich der zentralen Fragestellung wird weiterhin noch die klassische Laborbeobachtungsmethode zur Erhebung der Bindungsqualität skizziert und die vier möglichen „Bindungsergebnisse“, die Bindungsklassifikationen.

Die emotionale Entwicklung und Kompetenz werden im zweiten Teil der Arbeit zunächst begrifflich bestimmt und der Entwicklungsverlauf der emotionalen Entwicklung von Geburt bis etwa zum Alter des Kindergarteneintritts, in einzelne emotionale Entwicklungsbereiche untergliedert, aufgezeigt.

Den thematischen Schwerpunkt dieser Arbeit wird das Aufführen geeigneter Studien und deren Ergebnisse sein, die genau dieser Forschungsfrage nachgegangen sind, die die Auswirkungen unterschiedlicher, sich qualitativ voneinander unterscheidender, Mutter- Kind- Beziehungen auf die emotionale Entwicklung untersucht haben. Die in diesen Studien fokussierten Inhalte dieser drei Studien unterscheiden sich in Bezug auf die untersuchten Bereiche der Emotionsentwicklung und dem Prinzip folgend werden auch die Ergebnisse in diesem letzten Kapitel untergliedert.

Abschließend werden im letzten Abschnitt Erkenntnisse von Seiten der Autorin aufgezeigt und zusätzlich eine Prognose für die Zukunft in diesem Themenbereich gegeben.

2 Bindung

Folgend wird der Begriff „Bindung“, der in zahlreichen Eltern- aber auch Pädagogik- Ratgebern visuell mit Wurzeln verglichen wird, die dem Kind Halt und Sicherheit geben für ein lebenslanges Glück und stetige Gesundheit, als eine besondere, intensive Form einer Beziehung begrifflich bestimmt. Weiterhin wird geklärt woher dieser Begriff stammt und die dyadischen Bedingungen der Bindung, also die einflussnehmenden Komponenten der Interaktion zwischen Kind und Bindungsperson, die zu sicheren oder unsicheren Bindungen führen können. Abschließend wird dieses Kapitel eine Erhebungsmethode der Bindungsqualität im frühkindlichen Alter und dessen mögliche Einteilungsklassifikationen der Bindung.

2.1 Begriffsbestimmung „Bindung“

Dr. Anke Lengning, Vertretungsprofessorin für Entwicklungspsychologie an der Technischen Universität Dortmund und Autorin zahlreicher Publikationen zum Thema „Bindung“, definiert Bindung als eine enge emotionale, länger andauernde Beziehung zu bestimmten Menschen, die dem Kind gleichzeitig Schutz, als auch Unterstützung bieten und ihm auf diese Weise helfen, unter anderem, seine Emotionen zu regulieren (Lengning/ Lüpschen 2012, 11). Für John Bowlby, dessen Theorie der Bindung im nächsten Kapitel noch genauer erläutert wird, ist die Neigung starke emotionale Bindungen zu spezifischen Individuen aufzubauen, ethologisch gesehen, eine grundlegende Komponente der Natur und vom Neugeborenen bis ins hohe Alter gegenwärtig (Spangler/ Zimmermann 2002, 21). Bindung kann somit als Bedürfnis und gleichzeitig Geneigtheit eines Menschen angesehen werden, zu bestimmten Personen eine gefühlstechnisch so tiefgehende Beziehung einzugehen und aufrecht zu erhalten, die ihm in ihrem emotionalen Ausmaß ein Gefühl von physiologischer und psychologischer Sicherheit verschafft. Weiterhin wird eine „Bindung“, die dem Kind Sicherheit vermittelt, als grundlegende Basis für Explorationsverhalten beim Kind gesehen und Lengning bezeichnet Bindungs- und Explorationsverhalten als reziprok (Lengning/ Lüpschen 2012, 12). Das Kind zeigt somit Explorationsverhalten, wenn es sich sicher und wohl fühlt und umgekehrt bei erhöhter Unsicherheit vermehrt Bindungsverhalten, welches unter 2.3.3 näher definiert und beschrieben wird. Auch diese Eigenschaft des Phänomens „Bindung“ trägt zur Begriffsbestimmung bei, indem sie den Zusammenhang zwischen Bindung und dem Explorationsverhalten eines Kindes im Allgemeinen aufzeigt.

2.2 Die Bindungstheorie nach John Bowlby und Mary Ainsworth

„Die Bindungstheorie beschreibt und klärt wissenschaftlich, warum Menschen dazu tendieren, sich auf enge emotionale Beziehungen einzulassen und inwieweit die psychische Gesundheit einer Person beeinflusst wird, wenn diese Beziehungen beeinträchtigt, unterbrochen bzw. beendet werden.“ (Lengning/ Lüpschen 2012, 9)

Begründer der Bindungstheorie ist John Bowlby (*1907 †1990), Psychoanalytiker und Kinderpsychiater, der seine Hauptarbeiten zwischen 1950 und 1970 verfasste, als das Individuum und weniger dessen familiäres Umfeld im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit seiner psychoanalytischen Kollegen stand. Er verknüpfte eine psychoanalytische Strukturtheorie mit Erkenntnissen aus Evolutionsbiologie, Verhaltensforschung, Kognitionswissenschaft, Anthropologie und Kybernetik und wurde für diese Theorie in der damaligen Zeit scharf kritisiert. Die Fülle dieser Kritik kann hier nicht vollends ausgeführt werden, zusammenfassend ist aber erwähnenswert, dass besonders seine Kritik der Triebtheorie, die Marginalisierung der Bedeutung des Ödipuskomplexes und sein starker Akzent auf die interpersonelle Interaktion statt auf die intrapsychische Dynamik dem damaligen traditionellen psychoanalytischen Denken fremd war. Bowlbys Theorie der Bindung versteht das lebenslange Streben nach engen emotionalen Beziehungen als spezifisch menschlich und eine lang andauernde Trennung von der Mutter ist bei ungenügendem Ersatz ein Risikofaktor für die weitere seelische Entwicklung (Ahnert (Hrsg.) 2014, 42f.). Er bildete eine Forschungsgruppe, in der auch Mary Ainsworth mitwirkte, mit welcher er verschiedene Familienbeziehungen und ihre Auswirkungen auf die gesunde bzw. gestörte kindliche Entwicklung untersuchte. (Lengning/ Lüpschen 2012, 10). „Mary Ainsworth ist die erste empirische Bestätigung der Bindungstheorie zu verdanken.“ (ebd.) Sie ist verantwortlich für die erste standardisierte Beobachtungsmethode, die „Fremde Situation“ zur Feststellung interindividueller Unterschiede im Bindungsmuster zwischen Bindungsperson und Kind (Ahnert (Hrsg.) 2014, 86).

2.3 Dyadische Bedingungen als Einflusskomponenten einer Bindung

„Die Entwicklung einer Bindung ist (…) phylogenetisch vorprogrammiert, aber in ihrer phänotypischen Ausprägung ist sie abhängig von der Qualität des Umgangs von Bindungspersonen mit den Bindungsbedürfnissen des Kindes (…).“ (Ahnert (Hrsg.) 2014, 30).

Auf dieses Zitat bezugnehmend werden folgend die Komponenten einer Bindung, die „Bindungspersonen“, die von den Erwachsenen dem Kind entgegengebrachte „Feinfühligkeit“ und die daraus resultierenden „internalen Arbeitsmodelle“ in den Fokus der nächsten Kapitel gerückt.

2.3.1 Bindungspersonen

Während in einigen Fachwerken allgemein „Hauptbindungspersonen“ als Gegenüber des Kindes in Bindungsbeziehungen genannt werden (Lengning/ Lüpschen 2012, 11), ist in anderen spezifisch von der Mutter oder einer gleichbleibenden Mutter- Ersatz- Person die Rede. Vater und Geschwister bilden dieser Meinung nach nur die bereichernde Ergänzung zu dieser im besten Falle warmherzigen, intimen und stetigen Beziehung zur Mutterfigur (Bowlby 2011, 11). Bowlby weist dagegen auch den Vätern eine wichtige, jedoch sich anfangs eher im Hintergrund befindliche, Bedeutung zu. Sie stärken die Mutter durch ihre Liebe und Zuwendung gefühlsmäßig und helfen ihr so zu einer eigenen Harmonie und innerer Zufriedenheit, die wiederum auf das Kind und dessen Wohlbefinden übertragen wird (ebd., 13). Grossmann greift den reziproken Charakter zwischen Bindung und Exploration auf und betont unter dieser Sichtweise die Bedeutung des Vaters in westlichen Gesellschaften durch den hohen Anteil spielerischer Interaktionen in der Vater- Kind- Beziehung (Ahnert (Hrsg.) 2014, 38). Auch Bowlby sieht die sich vergrößernde Bedeutung des Vaters mit dem Verlauf der zunehmenden Selbständigkeit des kleinen Kindes (Bowlby 2011, 13). Im weiteren Verlauf dieser Arbeit werden „primäre Bindungspersonen“ bzw. „Hauptbindungspersonen“ als Pendant zum Kind in Bindungsbeziehungen genannt, welche auch heute noch in der Regel die Eltern sind und insbesondere die Mutter (Lengning/ Lüpschen 2012, 35), denn auch wenn andere Bindungspersonen wie Verwandte oder Betreuungspersonal und ähnliches denkbar sind, wurden die meisten Informationen, auf die sich diese Arbeit in Bezug auf Bindungsforschung und die Entwicklung der emotionalen Entwicklung beruft, über die Einflüsse der Mutter- Kind- Bindung gesammelt und anhand von Mutter- Kind- Stichproben entwickelt. Die Mutter als Hauptbindungsperson begründet sich zudem in der auch heute westlich- kulturell anzusehender Tatsache, dass die meisten Säuglinge den Tag über von der Mutter betreut werden und sie ihre Bedürfnisse stillt (Ahnert (Hrsg.) 2014, 37). Ist diese „primäre Bezugsperson“ nicht anwesend, kann sich das Kind auch an andere, ihm vertraute, Menschen wenden, dies kann auch als „Hierarchie von Bindungspersonen“ bezeichnet werden. Wie Bindungserfahrungen mit verschiedenen Bindungspersonen und deren Verhalten gegenüber dem Kind von diesem abgespeichert werden und inwieweit diese das Selbstbild des Kindes, sein Verhalten und seine Entwicklung beeinflussen wird im folgenden Kapitel unter dem Fachbegriff „internale Arbeitsmodelle“ ausgeführt.

2.3.2 Feinfühligkeit als Einflusskriterium auf die „Bindung“

Grossmann hat sich mit den Interaktionen zwischen Kind und Bindungsperson beschäftigt, die zu entweder sicheren oder unsicheren Bindungen führen und festgestellt, dass eine subtile, prompte und angemessene Antwort durch den Interaktionspartner zu einer reichen kommunikativen Entwicklung führt und der Ausdruck und die Mitteilung emotionaler Bedürfnisse von Anfang an durch die Feinfühligkeit der Bindungsperson gegenüber den kindlichen Signalen geformt werden (Ahnert (Hrsg.) 2014, 30).

Mary Ainsworth definiert eine „feinfühlige“ Mutter als aufmerksam gegenüber ihrem Kind, dabei soll sie auch die kleinsten Äußerungen ihres Säuglings wahrnehmen, unverzerrt, und sich in das Kind einfühlen, unabhängig ihrer eigenen Bedürfnisse. Eine prompte Reaktion ist notwendig, damit der Säugling eine Verbindung zwischen seinem eigenen Verhalten und dem mütterlichen knüpfen kann, ein Effekt von seiner Seite aus erzielt wird (Grossmann/ Grossmann (Hrsg.) 2009, 273). Während diese Definition von „Feinfühligkeit“ eher als „Wesensart“ der Mutter beschrieben wird, heben Claussen und Crittenden den „dyadischen Charakter“ von Feinfühligkeit hervor. Nach Claussen und Crittenden werden zwei Stufen der Feinfühligkeit unterschieden:

„1. Stufe: Die Eltern nehmen die kindlichen Signale wahr und interpretieren diese korrekt.
2. Stufe: Die Eltern reagieren angemessen und prompt auf die kindlichen Signale.“ (Crittenden/ Claussen 2000, 235ff.).

Somit ergänzen sie das elterliche Verhalten um die Temperamentseigenschaften des Kindes, sowie weitere kindliche und elterliche Charakteristika. Zudem wird der (kulturelle) Kontext beachtet und wie schon beschrieben die dyadische Eltern- Kind- Beziehung fokussiert (ebd.). Dies ist auch der größte Unterschied der beiden Definitionen: Während Ainsworth von Feinfühligkeit als einem intrapersonalen Konstrukt ausgeht (Grossmann/ Grossmann (Hrsg.) 2009, 217ff.), bei welchem die Bindungsperson alleine im Fokus steht, betont Crittenden den interpersonalen Faktor, indem er auch die kindlichen Charakteristika, sowie den (kulturellen) Kontext in die Angemessenheit der Feinfühligkeit miteinbezieht (Crittenden/ Claussen 2000, 235ff.). Grossmann führt weiterhin auf, dass „das Kind ‚fühlt‘, ob es verstanden wurde oder nicht.“ (Ahnert (Hrsg.) 2014, 30) Das Kind erhält in allen Interaktionen unmittelbare Antworten, ob es verstanden wurde oder nicht, seine Bedürfnisse anerkannt oder ignoriert werden und dies ist auch im Säuglingsalter der Fall. Die verwendeten Vokalmelodien und Worte tragen diese Informationen und besonders die Worte werden bedeutungsvoll, denn sie geben Gefühlen neben der bereits bestehenden prozeduralen nun auch eine Bewertungsebene (ebd.). Bowlby betont, dass die Gefühle in Worten als Bewertungssystem gesehen jedoch noch viele Jahre – during his years of immaturity – infancy, childhood, and adolescence“ – interpretationsbedürftig sind (1983, 41). Das Kind wird so fähig negative Gefühle wie Ärger, Wut, Hilflosigkeit und ähnliches in klare zielorientierte Planvorstellungen zu integrieren und nach dem Anlass zu suchen, statt selbst zu reagieren (Ahnert (Hrsg.) 2014, 31). Dies stellt schon einen klaren Bezug zur „emotionalen Entwicklung“ dar und auch Untersuchungen von Grossmann zeigten klare Auswirkungen unterschiedlichen Ausmaßes der Feinfühligkeit auf die Verhaltensweisen von Säuglingen. So zeigte sich, dass sechs bis neun Monate alte Babys feinfühliger Mütter weniger Ärger, Aggressionen oder Ängstlichkeit in Interaktionen mit ihren Müttern zeigten, sie als „Sicherheitsbasis“ nutzten und explorierten. Die Kinder weniger feinfühliger Mütter hingegen zeigten entweder eine außergewöhnliche Unabhängigkeit, Ärger oder gesteigerte Ängstlichkeit oder Unzufriedenheit (ebd., 33). „Mütterliche Feinfühligkeit im ersten Lebensjahr sagte in einer großen Anzahl von Untersuchungen die Bindungssicherheit des Kindes im zweiten Lebensjahr voraus.“ (ebd.)

2.3.3 Internale Arbeitsmodelle

Kindliche Bindungsverhaltensweisen sind Verhaltensweisen, die physische oder psychische Nähe zu Bindungspersonen herstellen oder aufrechterhalten sollen (Lengning/ Lüpschen 2012, 11). Das Zusammenspiel zwischen Bindungsverhalten von Seiten des Kindes und das darauf ausgerichtete Fürsorgeverhalten von Seiten der Bindungsperson dient der Entwicklung von sog. „internalen Arbeitsmodellen“ beim Kind. Ahnert beschreibt die Bindungsbeziehung ebenfalls als dynamischen Prozess, der sich auf die Umweltveränderungen immer wieder einstellt und als ein Ziel korrigierendes Kontrollsystem, das ein kindliches Verhalten reguliert und dabei das Gefühl der Sicherheit herstellt und aufrechterhält. Sie ergänzt, dass genau die Beantwortung des kindlichen Verhaltens durch die Bindungsperson, diese somit entstehenden Rückkopplungsprozesse, zu einer mentalen Repräsentation führen, dem „Inneren Arbeitsmodell“, und dies später dem Kind erleichtert ein bereits bewährtes Verhalten wieder auszuwählen (Ahnert (Hrsg.) 2014, 71). Auch nach Lengning und Lüpschen beinhalten „Internale Arbeitsmodelle“ neben den verinnerlichten, mentalen Repräsentationen vom eigenen Selbst auch solche Vertretungen der Umwelt und der Bezugspersonen (2012, 30). Ihre Funktion beschreiben sie wie folgend: „Sie dienen der Simulation der Realität, der Bewertung von Situationen und daraus folgend der Verhaltenssteuerung in bindungsrelevanten Situationen.“ (ebd.) Auf welche Art und Weise diese Erfahrungen mit unterschiedlichen Personen vom Kind in internale Arbeitsmodelle integriert werden ist bislang ungeklärt (ebd., 36). Doch die Tatsache, dass sich die Entwicklung und Ausgestaltung von Arbeitsmodellen beim Kind im Allgemeinen und der emotionalen Entwicklung im Spezifischen, dem auf seine gezeigten Bindungsverhaltensweisen wie Weinen, Schreien, Anklammern von einer Bindungsperson Ignoranz und Zurückweisung, von einer anderen Person Aufmerksamkeit und fürsorgliches Pflegeverhalten entgegengebracht werden, unterscheidet, scheint als selbstverständlich. Auch selbstverständlich scheint somit, „dass die verschiedenen internalen Arbeitsmodelle mit den unterschiedlichen Bindungsmustern zusammenhängen.“ (ebd., 29f.)

2.4 Klassifikationen von Bindungsbeziehungen

Die Unterschiede in der Bindungssicherheit zeigen sich in unterschiedlichen Bindungsmustern. Gloger- Tippelt führt dazu aus, dass dieses überdauernde emotionale Band, die Bindung zwischen Kind und Bezugsperson nicht direkt beobachtbar ist, je nach Entwicklungsstand aber auf unterschiedlichen Ebenen zugänglich gemacht werden kann, im vorsprachlichen Alter dieses aus dem Bindungsverhalten des Kindes nach Trennungen erschlossen werden kann (Ahnert (Hrsg.) 2014, 82). „Ainsworth und Wittig (1969) entwickelten mit der „Fremden Situation“ die klassische Laborbeobachtungsmethode zur Erfassung der Bindungsmuster von Kindern im Alter von elf bis zwanzig Monaten.“ (Lengning/ Lüpschen 2012, 16) Inhaltlich fokussiert die „Fremde Situation“, genau wie auch von Gloger- Tippelt beschrieben, Trennungssituationen, in denen das Ausmaß an ausgelöstem Stress beim Kind variiert wird (ebd.). Die vollständige inhaltliche Beschreibung dieses Experiments und des Versuchsablaufs würde den Umfang dieser Arbeit übersteigen und somit ist hier nur kurz angemerkt, dass es summarisch um das vom Kind gezeigte Verhalten in dieser „Fremden Situation“, speziell in den episodisch vorgegebenen und vorgenommenen Trennungs- und Wiedervereinigungsphasen gegenüber der Bezugsperson geht (ebd.). Anhand dieser inszenierten Situation, in welchem die Kinder mit ihrer Bezugsperson einen für sie fremden Raum betraten, der sowohl Bindungs- als auch Explorationsverhalten aktivieren sollte, wurden die Kinder je nach gezeigtem Verhalten drei Bindungsmustern zugeordnet: sicher (B), unsicher- vermeidend (A) und unsicher- ambivalent (C). In den 1980er Jahren kam das vierte Bindungsmuster, die Desorganisation/ Desorientierung (D) hinzu, da es bei einigen Kindern schwierig schien sie anhand der drei ersten Bindungsmuster zu klassifizieren (ebd., 16ff.) Im Folgenden werden nun unter 2.4.2, 2.4.3 und 2.4.4 die Bedingungen, unter denen die Kinder diesen Bindungsmustern zugeordnet wurden komprimiert dargestellt, dabei wird unter 4.1 eine ausführliche Beschreibung des B- Bindungsmusters zu finden sein, um dem thematischen Fokus dieser Arbeit gerecht zu werden.

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Details

Seiten
23
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668939646
ISBN (Buch)
9783668939653
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v475194
Institution / Hochschule
Katholische Stiftungsfachhochschule München
Note
2,3
Schlagworte
Pädagogik Kindliche Entwicklung Bindung Mutter- Kind- Bindung Bildung Erziehung Emotionale Entwicklung

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Titel: Die Auswirkungen einer sicheren Mutter-Kind-Bindung auf die emotionale Entwicklung des Kindes von Geburt bis zum Alter des Kindergarteneintritts