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Auswirkungen von Arbeitslosigkeit auf das Leben von Betroffenen

Eine Untersuchung der forschungsparadigmatischen Ausrichtung des "Pilotprojekt: Effekte der Arbeitslosigkeit!"

Hausarbeit 2019 33 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Das quantitative Paradigma im Vergleich mit dem qualitativen Paradigma
2.1 Exkurs: Doppelspaltexperimente – Entstehung und Hintergründe beider Forschungsparadigmen
2.2 Grundlagen quantitativer Forschung
2.3 Grundlagen qualitativer Forschung

3. Der qualitative Charakter des „Pilotprojekt: Effekte der Arbeitslosigkeit“
3.1 Zusammenfassung der vorliegenden Studie
3.2 Überblick der wichtigsten Erkenntnisse und Empfehlungen der Forschungsarbeit
3.3 Die paradigmatische Ausrichtung und Konsistenz der Studie

4. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

„Nichts beeinträchtigt Menschen so sehr wie Arbeitslosigkeit – selbst wenn sie wieder einen Job gefunden haben.“ (Seils 2008: 1). So zitiert „Zeit online“ den Sozialforscher Gert Wagner in einem Interview aus dem Jahre 2008. Laut dem Sozialwissenschaftler gibt es keine anderen sozioökonomischen Faktoren, welche die Lebenszufriedenheit von Menschen so negativ und langfristig beeinflussen wie der Verlust des Arbeitsplatzes (Seils 2008: 2). Diese Aussagen spiegeln die Bedeutung von Arbeitslosigkeit im Leben von Menschen und auch in der sozialwissenschaftlichen Forschung sehr prägnant wider. Auch wenn die Arbeitslosenzahlen in Deutschland in den letzten Jahren immer weiter sinken (von 4,86 Mio. 2005 auf 2,34 Mio. 2018) (siehe Anhang, Abbildung 1) spielt das Phänomen der Arbeitslosigkeit auch heutzutage immer noch eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen Diskurs; der Politik und auch in der Wissenschaft. Die aktuellen Debatten drehen sich in diesem Zusammenhang vor allem um Themen wie die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt, den Fachkräftemangel und Entwicklungen im Hinblick auf die Qualität der Beschäftigungsverhältnisse (Rövekamp 2018: 1).

In der Sozialwissenschaft beschäftigt sich die Arbeitslosigkeitsforschung mit dem Phänomen der Arbeitslosigkeit und deren Auswirkungen auf betroffene Personen. Dieses Forschungsfeld hat bereits eine lange Tradition und blickt auf vielfältige Untersuchungen zurück. „Die Arbeitslosen von Marienthal - Ein soziographischer Versuch über die Wirkung langandauernder Arbeitslosigkeit“ von Marie Johada, Paul Lazersfeld und Hans Zeisel, welche bereits in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Folgen des Arbeitsplatzverlustes wissenschaftlich und systematisch untersuchten, kann sicherlich als einer der Grundsteine dieses Forschungsfeldes bezeichnet werden. Im Verlauf der Zeit und aufgrund der zunehmenden Arbeitslosenzahlen wie beispielsweise am Ende des vergangenen Jahrhunderts oder während der Finanz- und Wirtschaftskrise der 2000er Jahre stieg das Forschungsinteresse in Bezug zur Arbeitsthematik in den vergangenen Jahrzehnten deutlich an. (Kritzinger/ Ludvig/ Müller 2009a: 11-13). Im Verlauf der Zeit gab es also eine große Zahl an Untersuchungen zum Thema Arbeitslosigkeit. Hierbei ist zu erwähnen, dass sich die verschiedenen Forschungsprojekte dem Untersuchungsgegenstand Arbeitslosigkeit und deren Folgen aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln und aus differenziertem Forschungsinteresse näherten. Die bereits erwähnte „Marienthalstudie“ kann beispielsweise dem qualitativen Forschungsparadigma zugeordnet werden, welches sich unter anderem dadurch auszeichnet, dass ein freier Wille angenommen wird, der Nutzen der Untersuchung für den Betroffenen einen wichtigen Stellenwert einnimmt und ein humanistisches Menschenbild zugrunde gelegt wird. Dem gegenüber arbeiten viele aktuelle Forschungsprojekte eher nach den Grundannahmen der quantitativen Sozialforschung. Hierbei steht das Überprüfen von Hypothesen zur Gewinnung neuer Erkenntnisse im Vordergrund und es wird von einem materialistisch-deterministischen Menschenbild ausgegangen. Des Weiteren liegt diesem Forschungsparadigma ein Grundverständnis zugrunde, welches den Menschen als reines Untersuchungsobjekt sieht. Es zeigt sich also, dass man Untersuchungen zum Thema Arbeitslosigkeit aus komplett verschiedenen Grundüberlegungen heraus durchführen kann und sich dadurch möglicherweise auch andere Erkenntnisse ergeben (siehe Kapitel 2 dieser Arbeit).

Ziel meiner Arbeit ist es in diesem Zusammenhang, zwei Dinge zu untersuchen. Zum einen soll es darum gehen, die Auswirkungen und Folgen von Arbeitslosigkeit, welche in der 2009 erschienenen Studie: „Pilotprojekt: Effekte der Arbeitslosigkeit“ der Universität Wien, zu Tage gebracht werden konnten, darzustellen. Zum anderen möchte ich die Grundüberzeugungen der beteiligten Forscher und Forscherinnen um Projektleiterin Sylvia Kritzinger, näher untersuchen und versuchen herauszufinden, welches Paradigma (qualitativ oder quantitativ) in dieser Studie vertreten wird. Zudem soll analysiert werden, inwieweit sich dieses Projekt dem zugrunde gelegten Paradigma konsistent verhält, oder ob Abweichungen von den Grundannahmen der gewählten Forschungsrichtung bestehen.

Zu Beginn meiner Arbeit werde ich zunächst das quantitative und das qualitative Forschungsparadigma kurz vorstellen. Hierbei werde ich auf die Grundüberlegungen und Zielsetzungen beider Strömungen eingehen und deren Weltsicht kurz schildern. Im folgenden Kapitel dieser Arbeit wird es um die zugrundeliegenden Weltanschauungen und Überzeugungen, welche in dem „Pilotprojekt: Effekte der Arbeitslosigkeit“ vertreten werden, gehen. Diesbezüglich werde ich zunächst den Inhalt sowie die wichtigsten Erkenntnisse und Schlussfolgerungen der Studie in Kürze vorstellen, um damit meine erste Untersuchungsfrage, nach den Auswirkungen von Arbeitslosigkeit beantworten zu können. Anschließend werde ich die paradigmatische Grundausrichtung der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen versuchen darzustellen und überprüfen, ob sie den Grundannahmen der gewählten Forschungsrichtung konsequent folgen oder ob gegen diese verstoßen wird. Der abschließende Teil meiner Arbeit wird die gewonnenen Erkenntnisse zusammenfassen und einen Ausblick auf mögliche weiterführende Forschung geben.

Insgesamt soll es in dieser Arbeit also darum gehen, die Auswirkungen von Arbeitslosigkeit auf Betroffene besser zu verstehen und die zur Gewinnung dieser Erkenntnisse nutzbaren Forschungsrichtungen gegenüberzustellen. Des Weiteren soll versucht werden, die Konsistenz eines ausgewählten Forschungsprojektes in Bezug auf die paradigmatischen Grundannahmen zu untersuchen.

2. Das quantitative Paradigma im Vergleich mit dem qualitativen Paradigma

Der folgende Abschnitt dieser Arbeit soll dazu dienen, die Grundannahmen und typischerweise verwendeten Methoden der quantitativen und qualitativen Sozialforschung gegenüber zu stellen, um anschließend darauf aufbauend, das „Pilotprojekt: Effekte der Arbeitslosigkeit“ hinsichtlich seiner Konsistenz innerhalb einer dieser Strömungen zu überprüfen. Zunächst werde ich hierzu einen kurzen Exkurs über die „Doppelspaltexperimente“ durchführen, um die Entstehung und Hintergründe beider Paradigmen zu erläutern. Anschließend werde ich das quantitative Paradigma kurz erläutern, bevor ich nachfolgend auf die Grundzüge der qualitativen Forschung eingehen werde.

2.1 Exkurs: Doppelspaltexperimente – Entstehung und Hintergründe beider Forschungsparadigmen

Bevor ich nachfolgend auf die Grundlagen und auch Unterschiede zwischen beiden Forschungsparadigmen eingehen werde, möchte ich mit diesem kurzen Diskurs einen Überblick über die Hintergründe und Entstehung der quantitativen und qualitativen empirischen Sozialforschung darstellen. Dies ist meiner Ansicht nach sinnvoll, um die anschließend beschriebenen Annahmen beider Richtungen und die aus ihrer gegenseitigen Nichtanerkennung resultierende Diskussion, besser nachvollziehen zu können und damit die Konsistenz des „Pilotprojekt: Effekte der Arbeitslosigkeit“ innerhalb einer der beiden Forschungszweige adäquater einordnen zu können.

Eine erste Möglichkeit der Unterscheidung zwischen quantitativer und qualitativer Forschung besteht darin, dass das Erstgenannte auf die Annahmen und Positionen der klassischen Physik zurückgreift. Demgegenüber kann man die qualitative Forschung eher als eine der Quantenphysik zugeneigte Forschungsrichtung (Ablehnung der unumgänglichen Kausalität, Forscher als Teil des Forschungsprozesses…) beschreiben. Die Doppelspaltexperimente haben in der Wissenschaft ein regelrechtes „Erdbeben“ ausgelöst und die Grundannahmen der klassischen Physik und darauf aufbauender Forschungsrichtungen im Grunde widerlegt. Ich werde diese Experimente nun sehr knapp skizzieren und die daraus folgenden Ergebnisse darstellen.

Bei den genannten Experimenten wurden Photonen des Lichts durch ein Hindernis mit zwei Öffnungen geschossen bevor sie anschließend auf einen Detektorschirm trafen. Bei Verschluss einer Öffnung, zeigte sich dabei ein nach der klassischen Physik erwartetes Teilchenverhalten (Bildung von Lichtflecken). Öffnete man jedoch beide Durchtrittsschlitze, zeigten die Photonen ein Interferenzmuster. Dies sprach für eine Wellennatur des Lichtes und widersprach den bisherigen Annahmen zur Natur von Licht. Es scheint demnach so, als würde jedes einzelne Photon beide Durchlässe durchlaufen und wissen an exakt welchem Platz auf dem Detektorschirm es sich niederlassen muss, um ein Interferenzmuster mit den anderen Photonen zu erzeugen. Diese Ergebnisse lassen Sich mit Hilfe der klassischen Physik nicht erklären. Die Quantenphysik geht hingegen davon aus, dass jedes Teilchen (Photon, Elektron…) seine Flugbahn an einem Durchtrittsschlitz in Abhängigkeit davon wählt, ob der andere Schlitz im selben Moment geöffnet oder geschlossen ist. Das Teilchen kennt demnach nicht nur seine eigene Lokalität, sondern hat auch Informationen über Zustände an anderen Orten seiner Umgebung. Des Weiteren konnte gezeigt werden, dass die Beobachtung eines der beiden Löcher das Verhalten der Teilchen dahingehend verändert, dass nun auch bei Öffnen beider Schlitze, wieder ein Teilchenverhalten (Lichtflecken) zu sehen ist. Somit verändert die Beobachtung die Messung (Schumann 2018: 50-56, nach Gribbin 2007: 20-31). Relevant werden diese Erkenntnisse für die quantitative und qualitative Sozialforschung deshalb, weil davon ausgegangen wird, dass sie auch für makroskopische Elemente und somit auch für Menschen als Untersuchungsobjekte der Sozialwissenschaften zutreffend sind (Schumann 2018: 57, nach Greene 2013:252). Es zeigt sich also, dass einige der grundlegendsten Annahmen der quantitativen Forschung, wie der Kausalitätsannahme, dem Forscher als externer Beobachter und die Definition von Messungen nicht haltbar sind (genauere Ausführungen zu diesen Annahmen folgen in Kapitel 2.2 dieser Arbeit). Die qualitative Forschung nimmt demgegenüber beispielsweise mit ihrer Annahme, dass Forscher und Untersuchungsobjekt eine Interaktion eingehen und sich im Forschungsprozess verändern, Bezug zu den Ergebnissen der Doppelspaltexperimente (siehe Kapitel 2.3 dieser Arbeit).

Zusammenfassend kann also festgestellt werden, dass das alte Weltbild (quantitativ) zwar zusammengebrochen ist, allerdings ein neues, was mit den Erkenntnissen der Quantenphysik zu vereinbaren wäre, noch nicht gefunden wurde (Schumann 2018: 65 f.). Es basieren also sowohl quantitative also auch qualitative Forschung auf nicht belegten, zum Teil widerlegten Grundannahmen (auch die Grundlagen der qualitativen Denkrichtung sind nicht vollkommen mit den Erkenntnissen der Quantenphysik zu vereinbaren). Zum besseren Verständnis der Grundlagen beider Denkrichtungen werde ich diese nun kurz gegenüberstellen. Einen überblicksartigen Vergleich beider Forschungsparadigmen soll dabei Tabelle 1 im Anhang dieser Arbeit liefern.

2.2 Grundlagen quantitativer Forschung

Die quantitativ-empirische Sozialforschung baut grundlegend auf der Annahme einer Einheitswissenschaft auf. Hierbei wird davon ausgegangen, dass in den unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen (z.B. Naturwissenschaften, Sozialwissenschaften…) im Forschungsprozess gleichermaßen vorgegangen wird und sich lediglich die entsprechenden Untersuchungsgegenstände voneinander unterscheiden (Kromrey 2009: 17). Ein weiterer zentraler Aspekt dieser Forschungsrichtung ist die Voraussetzung eines materialistisch-deterministischen Weltbildes. Dieses geht von einer real existierenden Wirklichkeit aus, welche von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen untersucht wird. Innerhalb dieser Wirklichkeit ist alles von zeitlicher Konstanz und durch Kausalität[1] bereits seit dem Urknall vorbestimmt. Dieser Argumentation folgend ist die Annahme eines freien Willens sowie ein nicht determiniertes Handeln unvorstellbar. Ziel quantitativer Forschung ist es Untersuchungsobjekte (Menschen) und die entsprechenden Gegebenheiten, in denen sich diese befinden, zu erforschen. Dabei werden jeweils Ausschnitte der real existierenden Wirklichkeit untersucht und es wird versucht, Ausprägungen bestimmter Merkmale, welche die Untersuchungsobjekte zeigen, möglichst reliabel[2] und valide[3] darzustellen. Dieses Vorgehen soll dazu dienen, ein möglichst exaktes Abbild der Wirklichkeit zu erhalten und mit den gewonnenen Erkenntnissen, Eingriffsmöglichkeiten in bestimmte Prozesse zu erlangen (z.B. in der Extremismusforschung) (Schumann 2018: 10-17). Der Erkenntnisgewinn der quantitativen Forschung erfolgt also dem materialistisch-deterministischen Weltbild folgend, prinzipiell durch das Überprüfen von Hypothesen, welche als Ursache-Wirkungszusammenhang dargestellt werden. Hierbei ist den Forschern, welche die quantitative Denkweise vertreten, durchaus bewusst, dass sie keine absolut deterministischen und allumfassend gültigen Gesetze und Erkenntnisse gewinnen können. Dies begründen sie mit der Unmöglichkeit der Überprüfung aller relevanten Einflussfaktoren und Drittvariablen. Es wird postuliert, dass probabilistische (wahrscheinlichkeitstheoretische) Gesetzmäßigkeiten untersucht werden, welche keinen Anspruch darauf haben können, für alle denkbaren Einzelfälle zu gelten. Es ist nur möglich, dass die gefundenen Ergebnisse mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zutreffen und somit kann immer nur ein gewisser Teil eines bestimmten Phänomens erklärt werden (Bortz/ Döring 2006: 9 ff.).

Ein quantitativ ausgerichteter Forschungsprozess lässt sich in drei Abschnitten beschreiben. Hierbei steht zunächst der Entdeckungszusammenhang, an welchen sich der Begründungszusammenhang anschließt. Abgeschlossen wird der Prozess letztendlich durch den Verwertungszusammenhang. Bei diesem Vorgehen ist von besonderer Bedeutung, dass der Begründungszusammenhang unter dem Postulat der Wertfreiheit abzulaufen hat, währenddessen diese Vorgabe bei den anderen beiden Abschnitten nicht gilt (Krebs/ Menold 2014: 425). Die Voraussetzung eines objektiven Begründungszusammenhang kann als deutliches Unterscheidungsmerkmal des quantitativen Paradigmas zum qualitativen Vorgehen gesehen werden. Die Wertfreiheit lässt sich dabei auf die Annahme der Einheitswissenschaft zurückführen und der Forscher wird als externer Beobachter gesehen, welcher nicht in den Forschungsprozess eingreift und auch nicht eingreifen darf. Dieser Aspekt legt den deutlichen Widerspruch zum qualitativen Paradigma offen. In diesem wird, wie im Kapitel 2.3 dieser Arbeit gezeigt werden wird, davon ausgegangen, dass der Forscher eine Interaktion mit dem Untersuchungssubjekt eingeht, und sich beide im Verlauf des Forschungsprozesses verändern. Das kurz skizzierte Vorgehen im qualitativen Bereich steht somit der Vorgabe der Wertfreiheit im Begründungszusammenhang bei der quantitativ orientierten Forschung antagonistisch gegenüber und zeigt die Unvereinbarkeit beider Forschungsparadigmen (Schumann 2018: 19 ff.). Betrachtet man die Operationalisierung und Umsetzung quantitativer Forschung ergibt sich aus den bisher gemachten Annahmen und Grundlagen folgende Definition für den Messvorgang: „Unter Messung versteht man […] die Zuordnung von Symbolen […] zu Personen des empirischen Relativs […]. Das empirische Relativ wird strukturtreu in ein numerisches Relativ abgebildet.“ (Schumann 2012: 20). Es geht also unter der Annahme einer objektiv existierenden Wirklichkeit darum, die bestehenden Unterschiede in der Welt (empirisches Relativ) exakt (strukturtreu) in Zahlenwerte (numerisches Relativ) zu übertragen und widerzuspiegeln (Schumann 2018: 23). Abschließend soll nun ein Zitat von Alexander Wendt zum Menschenbild der quantitativen Forschung als Zusammenfassung der Grundlagen dieses Forschungsparadigmas dienen: „[…] Human beings are rendered instead into machines or zombies, both ultimately material systems which are able to think and behave but not to feel – transformed, in short, from subjects into objects.“ (Schumann 2018: 18, nach Wendt 2015: 189). Er beschreibt also die Sichtweise der quantitativen Forschung auf den Menschen mit dem Vergleich als Maschine, was unter anderem die Nicht-Anerkennung des freien Willens deutlich macht.

2.3 Grundlagen qualitativer Forschung

Die qualitative empirische Sozialforschung basiert grundlegend auf zwei sehr zentralen Aspekten, aus denen sich anschließend die Grundannahmen dieser Denkrichtung ableiten lassen. Neben der Annahme eines freien Willens, hat auch der radikale Konstruktivismus eine immense Bedeutung innerhalb der qualitativen Forschung.

Bei der Annahme des freien Willens wird davon ausgegangen, dass Menschen ihre Entscheidungen unabhängig von äußeren Einflüssen treffen und ihre Handlungen selbstbestimmt sind. Der Psychologe Gerhard Roth beschreibt den freien Willen damit, dass Menschen aktiv denkende und handelnde Wesen sind, welche in der Lage sind, eine bestimmte Entscheidung gegebenenfalls auch in eine andere Richtung zu treffen, wenn sie dies wollten (Schumann 2018: 71nach Roth 2009: 10).

Mit der Annahme der Willensfreiheit geht somit ganz selbstverständlich eine Abkehr vom Kausalitätsprinzip, welches in der quantitativen Forschung strikt verfolgt wird, einher. Dies liegt daran, dass qualitativ orientierte Forscher von „Lücken“ in der Kausalität ausgehen, welche von einem freien und selbstbestimmten Willen reguliert werden und nicht durch kausale Zusammenhänge bestimmbar sind. Das qualitative Forschungsparadigma geht also davon aus, dass den neuronalen Prozessen, welche laut der quantitativen Denkrichtung für Entscheidungen und Handlungen verantwortlich sind und bereits seit dem Urknall vorbestimmt sind, eine mentale Instanz vorgeschaltet ist, welche die Entscheidungen eines Lebewesens bestimmt (freier Wille). Für das Vorhandensein eines freien Willens sprechen verschiedene, allerdings nicht endgültig belegbare Hinweise, wie beispielsweise das Streben der Mensch nach freier Selbstentfaltung. Dabei nutzen sie eine viable Vorgehensweise. Viabilität beschreibt Ernst von Glasersfeld diesbezüglich wie folgt: „Handlungen, Begriffe und begriffliche Operationen sind dann viabel, wenn sie zu den Zwecken der Beschreibungen passen, für die wir sie benutzen. Nach konstruktivistischer Denkweise ersetzt der Begriff der Viabilität im Bereich der Erfahrung den traditionellen philosophischen Wahrheitsbegriff, der eine »korrekte« Abbildung der Realität bestimmt […].“ (Glasersfeld 1998: 43). Es geht also darum, dass jedes Lebewesen individuell Abbildungen der Umwelt erzeugt, welche brauchbar für die Orientierung in der Umgebung sind, allerdings kein exaktes Abbild darstellen. Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass die Annahme des freien Willens als eine der Grundlagen qualitativer Forschung einen deutlichen Gegensatz zur quantitativen Forschung darstellt.

Neben dem freien Willen stellt der radikale Konstruktivismus eine weitere Grundlage qualitativer Forschung dar. Diese auf der Willensfreiheit aufbauende Annahme, geht davon aus, dass jedes Lebewesen sein individuelles Bild von der Umwelt erzeugt und somit keine absolute wissenschaftliche Erkenntnisgewinnung möglich ist. Dies liegt darin begründet, dass verschiedene Spezies und auch Individuen einer Art unterschiedliche „Konstruktionen“ ihrer Wirklichkeit erschaffen und somit unterschiedliche Ausschnitte ihrer Wirklichkeit wahrnehmen, um eine Orientierung in ihrer Umwelt zu erhalten (vgl. „Viabilität“ s. oben). Hierbei wird davon ausgegangen, dass Wissen aktiv von jedem Lebewesen individuell aufgebaut wird, und die Denkfähigkeit dem Ordnen der Umwelt und nicht dem Finden einer wirklich seienden Realität dient. Ziel ist eine Abkehr von der Vorstellung, eine wirklichkeitsgetreue Abbildung von der Umwelt zu erhalten, sondern von den unterschiedlichen Erfahrungen von Lebewesen auszugehen, aus denen sich demzufolge unterschiedlich konstruierte Wirklichkeiten ergeben. Diesen Annahmen folgend scheint es nicht sinnvoll, eine absolute Objektivität anzunehmen, da diese nicht den individuell konstruierten Wahrheiten Rechnung tragen würde. Deshalb wird im radikalen Konstruktivismus von einer Intersubjektivität ausgegangen. Hierbei geht es darum, dass eine von einer Person erlebte Wirklichkeit von anderen Personen bestätigt werden kann. Durch dieses Vorgehen kann eine Annäherung an eine Objektivität zwar erfolgen, dieser Zustand kann allerdings nicht vollkommen erreicht werden. Aus diesen Überlegungen ergibt sich folglich auch eine Abkehr von der klassischen, im quantitativen Bereich genutzten, Definition von Messungen. Im Gegensatz dazu, nutzt man im qualitativen Forschungsprozess die Messergebnisse zur Herstellung eines viablen Bildes der konstruierten Wirklichkeit (Schumann 2018: 93-106).

[...]


[1] Kausalität: „Wenn zwischen zwei Merkmalen ein Zusammenhang aus Ursache und Wirkung besteht, spricht man von einer Kausalität.“ (Statista GmbH 2018: 1).

[2] Reliabilität meint: „[…] dass ein Test zuverlässig (d.h. genau) misst – ganz egal was auch immer er misst.“ (Schumann 2012: 29).

[3] Validität: „Ein Test ist dann valide, wenn er genau das misst, was er messen soll und nichts anderes.“ (Schumann 2012: 30).

Details

Seiten
33
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783668940666
ISBN (Buch)
9783668940673
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v475260
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Politikwissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Arbeitslosigkeit qualitative Methoden quantitative Methoden qulitative Forschung quantitative Forschung

Autor

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