Lade Inhalt...

Charlotte in "Die Wahlverwandtschaften" von Goethe. Inwiefern entspricht diese Romanfigur dem Rollenbild einer Frau im 18. Jahrhundert?

Eine literaturwissenschaftliche Analyse

Hausarbeit 2019 14 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Frauenbild im 18. Jahrhundert
2.1 Die Ehefrau
2.2 Die Mutter
2.3 Die Hausfrau

3 Charlotte als Ehefrau

4 Charlotte als Mutter

5 Charlotte als Hausfrau

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der Roman Die Wahlverwandtschaften von Johann Wolfgang von Goethe, der ursprünglich nur als Novelleneinlage für Wilhelm Meisters Wanderjahre geplant war, entstand im Jahr 1809.1 Es handelt sich hierbei um einen komplexen Roman der das Scheitern der Protagonisten, den Tod dreier Figuren und den doppelten Ehebruch behandelt.2 Neben diesen Themen beinhaltet der Roman ebenfalls die Darstellung von Frauenbildern des 18.Jahrhunderts. Als Vorlage für die Frauen in seinem Roman, wählte Goethe häufig Frauen, die er auf seinem eigenen Lebensweg getroffen hatte.3 Auch für die Frauen in Die Wahlverwandtschaften ließ Goethe sich von den Frauen aus seinem Leben inspirieren.

Im Verlauf des 18.Jahrhunderts kam es zu einigen Veränderung im politischen, sowie im gesellschaftlichen Bereich. Diese hatten auch Auswirkungen auf das Rollenbild der Frau, welches sich im 18. Jahrhundert veränderte.4

Die folgende Hausarbeit beschäftigt sich daher mit dem Bild der Frau im 18.Jahrhundert und der Fragestellung, inwieweit die Romanfigur Charlotte dem Rollenbild der Frau im 18. Jahrhundert entspricht.

Dabei bezieht sich die Fragestellung auf die Rolle der Hausfrau, der Mutter und der Ehefrau.

Es folgt zunächst ein kurzer Überblick über die allgemeine Situation der Frauen im 18.Jahrhundert, gefolgt von einer detaillierteren Betrachtung der Frauenrolle als Ehefrau, Mutter und Hausfrau, verkörpert durch die Romanfigur Charlotte.

2 Das Frauenbild im 18. Jahrhundert

Die Zeit des 18. Jahrhunderts war eine Zeit des Umbruchs, sowohl auf der gesellschaftlichen als auch auf der politischen Ebene. Der preußische Krieg, die Französische Revolution sowie das Zerbrechen des deutschen Staatengefüges wirkten sich auf die politischen Zustände aus.5 Auf der gesellschaftlichen Ebene war das Jahrhundert geprägt durch neue Entwicklungen im Bereich des Theaters und der Musik und einer veränderten Denkweise im Zuge der Aufklärung. All diese Entwicklungen wirkten sich auch auf das Frauenbild dieses Jahrhunderts aus.6

Bis ins 18. Jahrhundert herrschte eine Ungleichstellung zwischen Mann und Frau, welche ihre Wurzeln im christlichen Glauben und der Bibel hatte. So heißt es dort unter anderem: „Du hast Verlangen nach deinem Mann; er aber wird über dich herrschen“ (Gen 3,16) und „Daß eine Frau lehrt, erlaube ich nicht, auch nicht, daß sie über ihren Mann herrscht; sie soll sich still verhalten.“ (2 Tim 2,12) Diese und andere Textstellen der Bibel dienten als Leitsätze und bestimmten so die untergeordnete Stellung der Frau in der Gesellschaft.7

Mit der Epoche der Aufklärung, in welcher selbständiges Denken und die Berufung auf den eigenen Verstand gefordert wurde, wurde die durch die Bibel begründete Abhängigkeit der Frau vom Mann in Frage gestellt.8 Das religiöse Weltbild und die damit zusammengehörige Vorstellung der unterprivilegierten Frau verlor an Bedeutung. Dennoch führte diese Entwicklung nicht zu einer Gleichstellung der Geschlechter. Stattdessen entstand das Bild einer natürlichen Ausgrenzung der Frau.9 Man glaubte zwar, dass der Mensch ein freies Wesen sei, „der Gesellschaftszustand aber schafft notwendig Herrn und Sklaven.“10 Die soziale Ungleichheit sei dadurch bedingt, dass die Frau physisch schwächer sei als der Mann und ihm deshalb unterlege. Die Unterdrückung der Frau wurde somit als etwas Naturgegebenes gerechtfertigt.11 Es kam zu einem Spannungsverhältnis „zwischen dem aufklärerischen Anspruch auf Emanzipation eines in Unwissenheit gehaltenen Geschlechts einerseits und den bürgerlich-ökonomischen Zwängen andererseits, die die Einübung in die Mutter- und Hausfrauen Rolle notwendig machte“12

2.1 Die Ehefrau

Von Geburt an wurde ein Mädchen durch das Verhältnis zu einem Mann definiert. Zunächst durch das Verhältnis zum Vater und später durch das Verhältnis zum Ehemann. Das Mädchen musste beide ehren und hatte ihnen zu gehorchen.13

„Die alleinstehende, unabhängige Frau galt als widernatürlich und verabscheuungswürdig.“ (G 28) Somit war die Ehe im 18. Jahrhundert für viele keine Wahlmöglichkeit, sondern ein Zwang. „Ob Fürstinnen, Adlige, Bürgerliche oder Bäuerinnen, all diesen Frauen ist gemeinsam, daß sie der Ehe ebensowenig entkommen können, wie sie sich für sie entscheiden.“14

Häufig wurde nicht aus Liebe, sondern aus Vernunftgründen geheiratet. Gerade im gehobenen Bürgertum basierte die Ehe mehrheitlich auf einer gegenseitigen Übereinkunft und nicht auf Liebe. Eheverträge waren sehr wichtig für die Familien, da ihre Töchter somit finanziell abgesichert werden konnte. „Eine Tochter kostete ihre Familie Geld und Ressourcen; die Familie musste ihr zukünftiges Wohlergehen erkaufen, konnte aber im Idealfall durch die neue Verbindung ihren Status erhöhen.“ (G 28)

Bei der Hochzeit nahm die Ehefrau den Status ihres Mannes an, weshalb Frauen nicht außerhalb ihres Standes heiraten durften. (vgl. G 40) „Die Ehe wurde als eine Einrichtung angesehen, die beiden Partnern Beistand und Hilfe bot; ein klarer Blick war für die ökonomischen Erfordernisse überlebenswichtig.“ (G 40)

Doch nicht immer war die Ehe eine Instanz, die für Mann und Frau Vorteile brachte: „Manchmal ist der Zufall ihnen wohl gesonnen, meistens ist die Wirklichkeit aber wenig angenehm […].“15

Dennoch war die Möglichkeit einer Scheidung für viele nicht gegeben.16

Während der Mann arbeitete und somit für das ökonomische Auskommen sorgte, war die Frau in erster Linie Mutter und Gefährtin. In höheren Gesellschaftsschichten war die Frau für den Haushalt und die Dienstboten verantwortlich..

Die äußere Erscheinung und Würde der Frau bestätigte den Status des Mannes, weshalb die Wahl der geeigneten Frau im 18.Jahrhundert sehr wichtig war. (vgl. G 40)

Ein wichtiges Ziel der Ehe war es außerdem sich fortzupflanzen, um den Bestand des Familienbesitzes zu gewährleisten. (vgl. G 47)

2.2 Die Mutter

Im 18 Jahrhundert war die Rolle der Frauen auf den Bereich der Familie festgelegt. Die Aufgabe, eine Mutter zu sein wurde hochgeachtet.17 „Im Muttersein und in der Erziehung der Kinder, v.a. der Töchter, sucht die Frau ihre Erfüllung.“18

Häufig gebaren die Frauen viele Kinder, von denen jedoch meistens nicht alle das Erwachsenenalter erreichten.19

Wenn das Kind die ersten Lebensjahre überlebte, wurde die Mutter zur Erzieherin. Kam das Kind aus adligen Verhältnissen, standen den Müttern Gouvernanten oder Kindermädchen zur Verfügung, doch häufig erzogen auch adlige Frauen ihre Kinder selbst. Das Ziel der Erziehung war es, die Tochter gut zu verheiraten, da eine standesgemäße Ehe auch der Mutter Ansehen brachte. (vgl. G 50f.) „Die Tochter war das Aushängeschild des Haushaltes.“ (G 51) Die gute Erziehung der Tochter war also sehr wichtig.

Da eine Familie häufig mehrere Kinder hatte, war die Rolle der Frau, mit der Aufgabe der Erziehung voll ausgefüllt. (vgl. G 51)

Das Idealbild der Mutter war geprägt durch die „Attribute des Reinen, Trieblosen, Sanften, Passiven, Selbstlosen und Aufopferungsbereiten […] und beraubte es anderen Bedeutungen wie der von Kraft, Selbstbewusstsein und Sexualität.“20

Die Aufgabe einer Mutter war es, die Töchter standesgemäß auf deren Leben vorzubereiten. Abhängig von der Herkunft musste ein Mädchen folgende Dinge lernen: Kochen, nähen, haushalten, das Anleiten der Bediensteten, Instrumente spielen und französisch sprechen. (vgl. G 51) Darüber hinaus musste eine Mutter ihren Kindern moralische Werte und gesellschaftliche Regeln beibringen. (vgl. G 55)

2.3 Die Hausfrau

„Denn die Hauptaufgabe der Frau in ihrer anerkannten Funktion als Hausfrau besteht darin, eine manchmal recht große Familie tagtäglich zu unterhalten.“21 Zu der Familie zählte nicht nur Ehemann und Kinder, sondern auch die Bediensteten oder Verwandten.22 Unterstützung bei den täglichen Aufgaben einer Hausfrau erhielt die Frau durch die Dienerschaft.23

Schon junge Mädchen lernten in ihrer Erziehung einen Haushalt zu führen mit dem Ziel die Qualifikation einer guten Hausherrin zu erlangen. „In den höheren Gesellschaftsschichten wurde die Frau zur Hausherrin, die den Haushalt führte, den Dienstboten befahl, mit Hilfe eines Verwalters Landgüter führte und für ihren Gatten Empfänge organisierte.“ (G 42)

Für ihre Aufgaben im Haus wurde eine Frau nicht entlohnt, obwohl ihre Arbeit für das Wohlergehen der Familie von großer Bedeutung war. In einigen Gegenden konnten Frauen arbeiten und Geld verdienen, doch das änderte nichts an der Vorstellung, dass eine Frau für den Haushalt und nicht für den Unterhalt zuständig war. (vgl. G 42)

3 Charlotte als Ehefrau

Schon in ihrer Kindheit waren Charlotte und Eduard in einander verliebt. Doch sie wurden zunächst, wie im 18. Jahrhundert üblich, aus finanziellen Gründen anderweitig verheiratet.

Wir liebten einander als junge Leute recht herzlich; wir wurden getrennt: du von mir, weil dein Vater, aus nie zu sättigender Begierde des Besitzes, dich mit einer ziemlich älteren reichen Frau verband; ich von dir, weil ich, ohne sonderliche Aussichten, einem wohlhabenden, nicht geliebten, aber geehrten Manne meine Hand reichen musste.“

Ihre Ehepartner starben jedoch und so trafen sich Charlotte und Eduard wieder. Auf Eduards Drängen hin, entschieden sich die beiden zu heiraten.

Zu Beginn des Romans entsteht ein Bild der Idylle und Liebe zwischen Charlotte und Eduard. Ihr Gespräch ist durch einen höflichen und wertschätzenden Umgang geprägt und auch die Umgebung, in der das Gespräch stattfindet, der Garten, erzeugt das Bild einer Idylle. Imelda Rohrbach schreibt hierzu: „Diese Überidylle betrifft dabei nicht nur die äußere Natur des Gartens […], sondern vor allem die nur scheinbar wohleingerichtete Natur ihrer Beziehung […].“24

Charlotte scheint also eine glückliche Ehefrau zu sein, die tatsächlich aus Liebe zu ihrem Mann geheiratet hat.

[...]


1 Vgl. Reiner Wild: Krisenjahre. Die Wahlverwandtschaften im Kontext der Lyrik Goethes. In: Hannah Dingeldein u.a. (Hrsg.): Schwellensprosa. (Re-) Lektüren zu Goethes Wahlverwandtschaften. Paderborn: Fink 2018, S.73.

2 Vgl. Hannah Dingeldein u.a.: Einleitung. In: ders. (Hrsg.): Schwellensprosa. (Re-) Lektüren zu Goethes Wahlverwandtschaften. Paderborn: Fink 2018, S.7.

3 Vgl. Marie-Claire Hoock-Demarle: Die Frauen der Goethezeit. München: Wilhelm Fink 1990, S.6.

4 Vgl. Wild: Krisenjahre. Die Wahlverwandtschaften im Kontext der Lyrik Goethes, S.73.

5 Vgl. Reinhard Koselleck. In: Marie-Claire Hoock-Demarle. Die Frauen der Goethezeit. München: Wilhelm Fink 1990, S. 4.

6 Vgl. Gerhart Söhn: Die Stille Revolution der Weiber. Frauen der Aufklärung und Romantik. 30 Porträts. Leipzig: Reclam 2003, S.347.

7 Vgl. Söhn: Die Stille Revolution der Weiber. Frauen der Aufklärung und Romantik. 30 Porträts, S. 11.

8 Vgl. Horst Möller: Vernunft und Kritik. Deutsche Aufklärung im 17. und 18.Jahrhundert. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1986, S.12.

9 Vgl. Liselotte Steinbrügge: Das moralische Geschlecht. Theorien und literarische Entwürfe über die Natur der Frau in der französischen Aufklärung. Weinheim und Basel: Beltz 1987, S.11.

10 Steinbrügge: Das moralische Geschlecht. Theorien und literarische Entwürfe über die Natur der Frau in der französischen Aufklärung, S.97.

11 Vgl. Steinbrügge: Das moralische Geschlecht. Theorien und literarische Entwürfe über die Natur der Frau in der französischen Aufklärung, S. 98.

12 Steinbrügge: Das moralische Geschlecht. Theorien und literarische Entwürfe über die Natur der Frau in der französischen Aufklärung, S.12.

13 Vgl. Olwen Hufton: Arbeit und Familie. In: Georg Duby, Michelle Perrot (Hrsg.): Geschichte der Frauen. Frankfurt am Main: Campus 1994, S.28. Im Folgenden zitiert mit der vorangestellten Sigle ,G’ und Seitenzahl in Klammern direkt im Fließtext.

14 Hoock-Demarle: Die Frauen der Goethezeit, S. 96.

15 Ebd.

16 Vgl. ebd.

17 Vgl. Hoock-Demarle: Die Frauen der Goethezeit, S. 235.

18 Bärbel Götz: Ach Muttersegen, Mutterfluch, beyde machen mich elend! Rigide Mütter in Romanen von Frauen um 1800. In: Irmgard Roebeling u. Wolfram Mauser (Hrsg.): Mutter und Mütterlichkeit. Wandel und Wirksamkeit einer Phantasie in der deutschen Literatur. Würzburg: Könighausen & Neumann 1996, S.148.

19 Vgl. Hoock-Demarle: Die Frauen der Goethezeit, S.43f.

20 Irmgard Roebeling u. Wolfram Mauser. In: drsl. (Hrsg.): Mutter und Mütterlichkeit. Wandel und Wirksamkeit einer Phantasie in der deutschen Literatur. Würzburg: Könighausen & Neumann 1996, S.13.

21 Hoock-Demarle: Die Frauen der Goethezeit, S.40.

22 Vgl. ebd.

23 Vgl. Hoock-Demarle: Die Frauen der Goethezeit, S.42.

24 Imelda Rohrbach: Poetik der Zeit. Zum historischen Präsens in Goethes Die Wahlverwandtschaften. Göttingen: V&R unipress 2016, S.119.

Details

Seiten
14
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783668960305
ISBN (Buch)
9783668960312
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v476738
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Note
1,3
Schlagworte
charlotte eine jahrhundert frau rollenbild romanfigur inwiefern goethe wahlverwandtschaften analyse

Teilen

Zurück

Titel: Charlotte in "Die Wahlverwandtschaften" von Goethe. Inwiefern entspricht diese Romanfigur dem Rollenbild einer Frau im 18. Jahrhundert?