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Italienische Immigration nach New York und Buenos Aires. Welche Ursachen und Entwicklungen gab es?

Seminararbeit 2011 19 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Moderne Geschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Italienische Migration
2.1 Gründe und Motivation
2.2 Herkunft und regionale Aufteilung

3 New York
3.1 New York als Einwanderstadt
3.2 Italiener in New York: Herkunft, berufliche, soziale und wirtschaftliche Voraussetzungen

4 Buenos Aires
4.1 Buenos Aires als Einwanderstadt
4.2 Italiener in Buenos Aires: Herkunft, berufliche, soziale und wirtschaftliche Voraussetzungen

5 Zusammenfassung

6 Literatur

7 Anhang

1 Einleitung

Buenos Aires und New York waren die beiden Hafenstädte, welche gegen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts die meisten italienischen Einwanderer aufnahmen. Beide waren Millionenstädte, die ihren Aufschwung, in einer sich zunehmend globalisierenden Welt, billiger und vor allem zahlreichen Immigranten aus Europa zu verdanken hatten. Beide Städte entwickelten sich im Zeitraum von 1870-1914 zu global agierenden Handelsorten, die ohne diese italienischen „menpower“ nicht ermöglicht worden wäre.

Untersucht wird in dieser Arbeit, was die Ursachen und Motive der italienschen Immigranten waren, wo sie herkamen, was für Voraussetzungen sie mitbrachten und warum sie ihr Heimatland verließen und sich auf ein Abenteuer mit ungewissen Ausgang einließen (Kapitel 2).

Ferner werden beide Städte separat als Magnet von Immigrationsbewegungen betrachtet. Worin lagen die wirtschaftlichen, industriellen und gesellschaftlichen Besonderheiten und dynamischen Entwicklungsprozesse und warum kam es gerade hier zu einer schnell wachsenden Akkumulation von Menschen, die metropolenartige Züge annahm (Kapitel 3.1 und 4.1).

Ebenfalls getrennt beleuchtet werden die Umstände, auf welche die ausreiswilligen Italiener in ihrer neuen Wahlheimat trafen und inwiefern waren sie fähig, die neue Gesellschaft und neuen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für ihr bestehen zu nutzen. In welcher Hinsicht konnten sich die Neuankömmlinge mit ihren meist nur rudimentären beruflichen Qualifikationen auf dem einheimischen Arbeitsmarkt etablieren, aus welchen Regionen Italiens stammten sie und wie war das soziale Leben in dieser Community? Diesen und weiteren Fragen gehen die Kapitel 3.2 und 4.2. nach.

Abschließend (Kapitel 5) werden bei Gruppen gegenüber gestellt und ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede bewertet. Zeigen sich gerade im zeitlichen Rahmen der Auswanderungsbewegungen viele Parallelen, so gibt es doch einige Differenzen wer nach New York immigrierte und wer Buenos Aires als neue Heimat wählte. Auch die jeweiligen Ausgangslagen der beiden Städte korrespondierten natürlicherweise nicht immer voll und ganz.

2 Italienische Immigration in die Welt

2.1 Gründe und Motivation

Um zu verstehen, weshalb es zu einem teilweisen Exodus von einem Teil der italienischen Bevölkerung im zu untersuchenden Zeitraum von 1870-1914 kam, müssen einige gegebene Sachverhalte, dynamische gesellschaftliche Entwicklungen und sich bedingende Umstände näher betrachtet werden. Kurz: Warum wurde ausgewandert, was waren die Antriebskräfte und Motivation?

Natürlich gab es vielfache und unterschiedlichste Anlässe zur Immigration. In diesem Kapitel sollen aber bestimmte gesellschaftliche Muster und mehr oder weniger einheitliche Ansätze verfolgt werden.

Zuallererst waren die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen und Veränderungen im neu entstandenen italienischen Nationalstaat von 1861 Ursachen für einen steigenden Immigrationswillen der italienischen Bevölkerung. Eine der Grundlagen für soziale Mobilität ist eine funktionierende Infrastruktur.

„In 1861, Italy had 1,623 kilometers of railroads concentrated for the most part in the North. Thirty-five years later, the system had expanded tenfold to 16,053 kilometers, covering the entire country. The completion of a railroad-ferry connection betwenn Sicily and the mainland in 1881 furthered the integration of the island into the nation.“1

Neben der binnenitalienischen Verbesserung des Transportswesens, was Migrationsbewegungen innerhalb Italiens und Nordeuropa ermöglichte, gab es ab 1850 auch signifikante technische Fortschritte im transkontinentalen Verkehrsbereich, wobei, „(...) das organisatorische und verkehrstechnische Bedingungsgefüge der transatlantischen Migration in einen folgenreichen Wandel eintrat.“2 die Umstellung von Segel auf Dampfschifffahrt, von Holz auf Stahl etc.. Eine Reise von Neapel nach New York oder Buenos Aires war zeitmäßig plan- und vorhersehbar, risikoreduzierter und vor allem bezahlbar.3

Daneben ist als einer der Hauptursachen für die gesteigerte Massenauswanderung zweifellos das demographische Missverhältnis im Wachstum von Bevölkerung und Arbeitsangebot anzubringen. Italiens Geburtenrate blieb im zu untersuchenden Zeitraum relativ konstant. Die Sterberate hingegen verlangsamte sich beträchtlich, welches u.a. mit hygienischen und medizinischen Fortschritten erklärt werden kann.

Auf einer integrativen Ebene könnte des weiteren eine schwache und noch kaum gefestigte Identifizierung mit dem neu entstandenen Nationalstaat als weitere Begründung für die leichte Loslösung von Land, Dorf und Heimat gelten gemacht werden: Im Gegensatz zu z. B. dem deutschen Kaiserreich war der italiensche Nationalstaat kein mit großer Sehnsucht erwartetes Einheitswerk, das aus den lose verbundenen Regionen eine neuen Identitätsraum schaffte. Es war eine Kopfgeburt einer sehr kleinen, liberalen Minderheit. Das Gros der Menschen, welche größtenteils weder lesen noch schreiben konnte, hatte hierzu wenig Vorstellungsbewusstsein.

Ebenfalls können eine zunehmende Industrialisierung Europas und die teilweise Globalisierung von weltweitem Güteraustausch als weitere sozio- ökonomische Faktoren gelten, die Teile von Italiens Bevölkerung zu Migrationsentscheidungen trieben: der angespannte (land)wirtschaftliche Sektor Italiens, auf den sich weltwirtschaftliche Schwankungen und Prozesse unmittelbar auswirkte.4 Zeigte der Norden gute Ansätze von industrieller Entwicklung, so blieb der Süden in seiner feudalartigen Struktur gefangen und somit seine Bewohner. Neue Landvergabe, untereinander konkurrierende Klein- und Großgrundbesitzer sowie eine, im europäischen Vergleich, eher rückständige Agrarwirtschaft zwangen viele Italiener auf der Suche nach Arbeit in die (transatlantische) Migration. Die meernahe Geographie Italiens, mit seinen Häfen für Umschlagsplätze für Gerüchte, Erzählungen und Verheißungen hatte gewiss auch einen Anteil bei den überseeisch –anvisierten (destinativen) Auswanderungsüberlegungen.

Hierbei entstand so etwas wie ein eigener Berufszweig. Lokale Geschäftsleute zogen aus dem Immigrationswunsch der Menschen enormen Gewinn, verkauften Eisenbahn- und Schiffstickets, verliehen Geld und halfen, gegen Gebühr, bei der Beschaffung von offiziellen Dokumenten für die Ausreise. Neben diesen lokalen Agenten waren familiäre Verbindungen von großer Bedeutung für die, die auswandern wollten oder schon im neuen Land akklimatisiert waren:

„Informal personal networks were most important because they provided assistance based on reciprocity among individuals who knew and trusted each other. (...) Through these networks the migrant could obtain financial recources, reliable information and advice, assistance before and during the journey, and help finding a place to live and a job at the destination.“5

2.2 Soziale Herkunft und regionale Aufteilung

Hier soll, unterstützt durch eine vergleichende Statistik, ein kurzer Überblick gegeben werden, was für Muster (soziale und regionale Herkunft) sich in der zu behandelnden Migrationszeitpanne herausbildeten.

Aus- und Abwanderung konzentrierten sich zu Beginn fast ausschließlich auf Norditalien. Saisonale Europamigration war deren primäres Merkmal. Transatlantisch waren es von 1850-80 die südamerikanischen Länder Brasilien6 und Argentinien, die im Vordergrund der Immigrationen standen. Mit zunehmender Industrialisierung des Nordens rückten Mittel- und Süditalien in den Fokus.

Dabei zeigen die Statistiken von Klein7 und Baily, wohin und woher die italienischen Immigranten einwanderten bzw. herkamen und in welchem zahlenmäßigen Ausmaß diese Einwandererflut stattfand.

Argentinien bzw. Buenos Aires war demnach zeitlich (schon ab 1855) der erste Anlaufhafen italienischer Immigranten. Er bleibt es in quantitativer Hinsicht auch bis ca. 1890/1900 gegenüber New York, welches im Vergleich zu diesem eine relativ überschaubare Zahl an italienischen Immigranten aufnimmt.8 Mit einigen konjunkturell bedingten Einbrüchen9 in beiden Amerikas erhöht sich die Anzahl der Einwanderer anhaltend über fast drei Dekaden. Eine massive Immigrationswelle setzt dann in die USA bzw. New York ab den 1890 Jahren ein und steigert sich bis zum Ersten Weltkrieg kontinuierlich. In Argentinien hält der Einwanderstrom an, erreicht aber nie nordamerikanische Dimension und endet dann ebenfalls abrupt mit dem einsetzten des Ersten Weltkriegs.10

Schaut man sich die Zahlen nun im Hinblick auf die regionale Verteilung der Auswanderung kristallisieren sich zwei feste Größe heraus: Norditaliener immigrierten überwiegend nach Argentinien (Buenos Aires), wohingegen ihre südlichen Nachbarn, gerade nach der Jahrhundertwende, stark die Vereinigten Staaten (New York) ansteuerten. Die Gründe hierfür sind einerseits in einer rückständigen, der amerikanischen Konkurrent nicht gewachsenen Landwirtschaft zu finden.11 Anderseits übte Südamerika - zu Beginn noch Brasilien mit seinem enormen Bedarf an Plantagenarbeitern, später vor allem Argentinien – einen starken Sog auf temporäre bzw. saisonale, aber auch permanente Arbeitswanderung aus. Ebenfalls die einfache geografische Tatsache, dass Neapel überwiegend New York ansteuerte und Genua eine lange Tradition mit den Häfen in Südamerika pflegte, hat bei den Destinationsentscheidungen der Immigranten eine wesentliche Rolle gespielt.

Es ist schwierig eine präzise Charakterisierung (Kapitel 3 und 4) des italienischen Arbeiters der damaligen Zeit zu geben. Viele sind nicht eindeutig einer speziellen Arbeitergruppe zuzuordnen und es besteht die Gefahr der Vereinfachung, doch grob lassen sich für Buenos Aires und New York die italienischen Einwanderer wie folgt unterscheiden:

Ein besser ausgebildeter Teil norditalienischer, in der Landwirtschaft tätiger Arbeiter mit immigrierte nach Buenos Aires12, wohingegen einfache Tagelöhner und ungelernte Handwerker aus dem Süden Italiens New York und andere nordamerikanische Städte als Zielort wählten.

3 New York

3.1 New York als Einwanderstadt

„The Golden Door“. Dieses Synonym gibt Thomas Kessner New York und in der Tat hatte diese Stadt eine Anziehungskraft auf Einwanderer aus aller Welt seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Waren es seit Beginn der 1820iger Jahre hauptsächlich irische und deutsche Einwanderer, welche New York zu ihrer neuen Heimat machte, änderten sich ab den 1880iger Jahren der Schwerpunkt der Migrationsströme stark. Mit den so genannten „New Immigrants“13, bestehend aus osteuropäischen jüdischen Familien14 und eben überwiegend (süd)italienischen Männern, setzte in New York eine Einwanderungswelle ein, die es vorher und nachher so nicht wieder gegeben hat.

Abu-Lughod15 unterteilt diesen Zeitraum der urbanen Entwicklung New Yorks in drei Zyklen:

1. von 1870 bis 1890, wo vor allem der große Bauboom einer industrielle Infrastruktur enorme Zuwächse bescherte
2. von der Jahrhundertwende bis zum Ersten Weltkrieg, indem eine Etablierung der administrativen Organisation und besonders des komplexen Finanzsektor stattfand, welche ab dann zuerst die Vereinigten Staaten und in der Folge auch die Welt bestimmen sollte. Der rapide Bevölkerungszuwachs bewirkte neue (periphere) Wohnquartiersbildungen mit ethnisch-homogen und heterogen Bewohnern
3. europäische Einwanderer werden durch schwarze, aus dem Süden der Vereinigten Staaten stammende Arbeitsimmigranten ersetzt und die strikte Einwanderungspolitik nach dem Ersten Weltkrieg verändert New York Zentrum und seine suburbanen Quartiere Bevölkerungsstrukturen erneut.

Von ca. 23 Millionen Einwanderern von 1880 bis 1919 trafen 17 Millionen in New York ein, blieben in der Stadt, zogen weiter in andere Städte oder ließen sich auf dem Land nieder. Amerikas führender Hafen16 zog neben Waren vor allem Menschen an, die für den Ausbau der Infrastruktur (U-Bahn, Straßen, Häuser etc.) und für die große Nachfrage schnell wachsender Fabriken und Firmen17 benötigt wurden. War für diese Art von Arbeiten meist noch nicht einmal nötig Englisch zu sprechen, bestand daneben aber auch ein verstärkter Bedarf an qualifizierten und gut ausgebildeten Arbeitskräften: der schnell wachsende Finanzsektor mit seinen Banken, Anwaltskanzleien, Börsenmaklern etc. brauchte immerzu Nachwuchs und die relativ „neue“ Schicht der Angestellten wurde für bürokratische und administrative Angelegenheiten vermehrt nachgefragt.

[...]


1 Baily, Samuel (2003): S. 32.

2 Bade, Klaus J. (2000): S. 133.

3 Vgl. ebd, S. 133.: „Die dichte transatlantische Kommunikation (Auswanderbriefe) zu vorausgewanderten Bekannten und Verwandten (kinship market) ermöglichte Vorfinanzierungen, deren bekannteste Form die „prepaids“ (prepaid tickets) werden sollten.“

4 Vgl.: Lill, Rudolf (1980): S. 196-199: „Die langsame Aufwärtsentwicklung wurde unterbrochen durch die seit 1873 einsetzende Stagnation in der Weltwirtschaft, welche dem Freihandel den Boden entzogen und ihn durch ein protektionistisches System konkurrierender Nationalstaaten ersetzt hat.“

5 Baily, Samuel (2003): S. 48.

6 Nach der Abschaffung (1888) der Sklaverei in Brasilien waren es vor allem Italiener, welche unter härtesten Bedingungen auf den Kaffeeplantagen in Sao Paulo arbeiteten. Italiens Regierung versuchte sich an einer strikten Gegenposition und in der Tat spielte Brasilien ab 1900 als Immigrationsziel kaum eine Rolle mehr.

7 Klein, Herbert S. (1983): S. 310-320.

8 Siehe Anhang 1: Baily, Samuel (2003): S. 54

9 Vgl. Baily, Samuel (2003): S. 55-57.

10 Siehe Anhang 2: Baily, Samuel (2003): S. 55

11 Vgl. Lill, Rudolf (1980): S. 217-218: „Die Gebiete mit rückständiger Organisation und Produktionsweise überwogen, sie umfassten den ganzen Süden mit seinem extensiven Getreideanbau und große Teile Venetiens. Diese Zonen gerieten zu Beginn der 1880er Jahre in eine ausweglose Krise, weil sie in keiner Weise der Konkurrenz billiger amerikanischen Getreides gewachsen waren, welches seitdem infolge des Ausbaus der amerikanischen Eisenbahnen und der transatlantischen Schiffsverbindungen in ernormen Mengen auf die europäischen Märkte strömte.“

12 Vgl. Baily, Samuel (2003): S. 66: „Its members, who came to a much greater extent from the North of Italy, had higher occupational skills and literacy rates, and more experience with economic, social, and political organizations. And to the extent that we are able to determine, they had greater expectations of remaining permanently abroad when they left Italy.“

13 Als „New Immigrants“ galten bis 1880 Deutsche, darunter viele Juden, und Iren.

14 Vgl. Kessner, Thomas (1977): jüdischen Einwanderer sahen in New York von vornherein als neue Heimat an: das teilweise Verbot von Berufsausübung in ihren Heimatländern und der steigende Antisemitismus schlossen eine Rückkehr nach Europa aus.

15 Abu-Lughod, Janet L. (1999): S. 70-71.

16 Vgl. Binder, Frederick / Reimers, David (1995): S. 93: „New York also remained America´s leading port. While the city slipped from its commercial high point of 1850, when 70 percent of America´s exports and imports went through its harbor, nearly half of the nation´s shipping came through New York at the turn of the century.“

17 Vgl. Kessner, Thomas (1977): S. 9-10: „Between 1860 and 1890, to cite an important example, the number of textile firms in New York grew from 600 to 10,000, and employees in this business increased from 30,000 to 236,000 – mostly immigrants.“

Details

Seiten
19
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668956544
ISBN (Buch)
9783668956551
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v476832
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Geschichtswissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
italienische immigration york buenos aires welche ursachen entwicklungen

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Titel: Italienische Immigration nach New York und Buenos Aires. Welche Ursachen und Entwicklungen gab es?