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Ein Schauspieler, 24 Rollen. Zur Performativität von James McAvoy in M. Night Shyamalans "Split"

Essay 2018 6 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Ein Schauspieler, 24 Rollen: Zur Performativität von James McAvoy in M. Night Shyamalans Split

Drei Mädchen im Teenageralter werden von einem mysteriösen Fremden gekidnappt und in einem Kellerversteck eingesperrt – bis hierhin unterscheidet sich M. Night Shyamalans 2016 erschienener Film Split kaum von vielen anderen Thrillern. Das Motiv der Tat bleibt lange unklar, schnell kristallisiert sich jedoch der Plot Twist heraus: Der Entführer verfügt über 23 äußerst unterschiedliche Persönlichkeiten, die abwechselnd in Erscheinung treten. Unter ihnen befinden sich der Reinlichkeits-Fanatiker Dennis, der charmante Modedesigner Barry, der neunjährige, lispelnde Hedwig, die beängstigend strenge Patricia und der hochintelligente Orwell. Die 24. Persönlichkeit – “The Beast” – steht, einer tödlichen Infektion gleich, kurz vor dem Ausbruch. Welche der Persönlichkeiten den Körper übernimmt, kann Kevin – so der Name des jungen Mannes – nicht steuern. Er ist, obwohl seit langer Zeit in psychotherapeutischer Behandlung, seiner Multiplen Persönlichkeitsstörung hilflos ausgeliefert. Die Persönlichkeiten wiederum unterliegen einer klaren Rangordnung, kommunizieren untereinander und teilen den Mädchen (und damit dem Zuschauer) wichtige Informationen übereinander mit.

Dargestellt werden Kevin und seine diversen Alter Egos1 von dem schottischen Schauspieler James McAvoy. In seinem Spiel verleiht er Barry, Hedwig, Dennis und den anderen so einzigartige Charaktereigenschaften und auffällige Marotten, dass es dem Zuschauer bereits nach kurzer Zeit möglich ist, festzustellen, welche der Persönlichkeiten gerade Kevins Körper übernimmt – auch ohne Kostüm- oder Requisitenwechsel: “Oft reicht ja nur eine winzige Veränderung beispielsweise mit dem Mund, der den Rest der Person völlig anders aussehen lässt und eine ganz andere Wahrnehmung auslöst”2, so McAvoy, der –“slipping from persona to persona”3 – teils innerhalb einer einzigen Einstellung zwischen mehreren Persönlichkeiten changiert.

Im Folgenden soll kurz analysiert werden, inwiefern der Darsteller Kostüm, Körperhaltung, Gestik, und Mimik jeweils anpasst, um die verschiedenen Persönlichkeiten Kevins unterscheidbar zu machen. Dem begrenzten Umfang dieses Essays entsprechend beschränke ich mich hierbei auf die Figuren Dennis, Barry und Hedwig.

Dennis

Dennis ist für die Entführung der drei Teenager verantwortlich und damit die erste Persönlichkeit, mit der die Mädchen und der Zuschauer konfrontiert werden. Sein Kostüm, das er freilich nur dann trägt, wenn er lange genug “im Licht steht”4 (also Kevins Körper übernommen hat), besteht aus einer grauen Hose, einem grauen, vollständig zugeknöpften Hemd sowie einer Brille (vgl. Abb. 1). Er spricht langsam, ruhig und mit einer eher tiefen Stimme und wirkt in jeder Situation sehr kontrolliert und konzentriert. Erst wenn er sein übersteigertes Bedürfnis nach Ordnung und Sauberkeit nicht erfüllt sieht, verliert er die Fassung. So überschlägt sich seine Stimme hysterisch, als er Krümel auf dem Pullover von einem der Mädchen entdeckt.5 Er zieht zu jeder Zeit die Augenbrauen zusammen, sodass eine markante Zornesfalte zu sehen ist; die Körperhaltung ist sehr gerade, der Blick fest. Dennis wird fast ausschließlich über Selbst- und Fremdcharakterisierung vorgestellt. So erfährt der Zuschauer durch ein Gespräch, das die Psychologin Dr. Fletcher mit Barry führt, dass Dennis ein Faible dafür hat, junge Mädchen nackt tanzen zu sehen. Der bereits erwähnte Hang zur Sauberkeit wird durch eine Szene illustriert, in der er den gefangenen Mädchen im Kellerversteck Putzutensilien überreicht und sie dazu auffordert, das Bad sauber zu halten.6 Dennis wird fast ausschließlich in halbnahen Einstellungen gezeigt, was die kontrollierende, emotional distanzierte Instanz, die er verkörpert, nochmals unterstreicht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Dennis.

Barry

Barry ist ein extrovertierter Modedesigner, der die regelmäßigen Therapiesitzungen mit Dr. Fletcher wahrnimmt, jedoch nie vor den entführten Mädchen in Erscheinung tritt. Er ist soweit “normal”, als dass er sich in der Außenwelt frei bewegt und sogar seit langer Zeit einen festen Job besitzt.7 Sein Kostüm besteht aus einer engen dunklen Hose, einem Kapuzenpullover mit V-Ausschnitt und einer Wollmütze (vgl. Abb. 2). Er präsentiert der Therapeutin gern seine Skizzen zu neuen Design-Entwürfen und wird von McAvoy als verschmitzt, charmant, selbstbewusst und latent homosexuell dargestellt. Er nuschelt ein wenig, lächelt oft und sitzt der Therapeutin in der Regel mit geneigtem Kopf und überkreuzten Beinen gegenüber.8 Barry wird sowohl in halbnahen Einstellungen, als auch in Großaufnahme gezeigt, vor allem dann, wenn er sich in Dr. Fletchers Praxis befindet. Dies suggeriert das intime, freundschaftliche Verhältnis, das die beiden nach Jahren der Therapie zueinander haben, betont aber auch Barrys Rolle als “gute” Persönlichkeit. Auch Barry wird hauptsächlich durch Selbst- und Fremdcharakterisierung vorgestellt, letztere beschränkt sich jedoch nur auf Dr. Fletcher; Kevins andere Persönlichkeiten verlieren im Laufe des Films kein Wort über Barry.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Barry.

Hedwig

Hedwig ist ein – nach eigenen Angaben – neunjähriger Junge mit einem charakteristischen Lispeln. Er gestikuliert viel, ist kindlich, neugierig, dabei ängstlich und sehr sprunghaft: “He [The Beast] has done awful things to people and he’ll do awful things to you. I have blue socks, too.”9 Bezeichnend ist außerdem sein Gebrauch des Ausdrucks “et cetera”, den er regelmäßig an seine Sätze anfügt, was aber immer deplatziert wirkt. Hedwigs Kostüm besteht aus einer weiten dunklen Jogginghose, einer gelb-schwarzen Trainingsjacke und weißen Turnschuhen (vgl. Abb. 3). Er scheint sich in der Hierarchie von Kevins multiplen Persönlichkeiten weit unten zu befinden, spricht von “Mister Dennis” und “Miss Patricia” und fürchtet, den Zorn der beiden auf sich zu ziehen, sobald er zu lange “im Licht steht”. Als einzige von Kevins diversen Persönlichkeiten besitzt er ein eigenes Zimmer im Kellerversteck, welches er mit selbstgemalten Bildern dekoriert und mit Kuscheltieren sowie Spielzeug eingerichtet hat.10 Er baut im Laufe des Films ein Vertrauensverhältnis zu einem der Mädchen auf, schläft sogar mit ihr in einem Bett und bittet sie verlegen um einen Kuss. Hedwig wird überwiegend in extremer Großaufnahme und oft auch von einem leichten Oben-Standpunkt gezeigt, was seine kindliche Vulnerabilität unterstreicht und eine Zuordnung zu den “guten” Persönlichkeiten zulässt. Er berichtet zwar davon, von einigen der anderen Persönlichkeiten nicht gut behandelt zu werden und plaudert viele wichtige Details über sie aus – Dennis, Patricia und die anderen sprechen aber wiederum nie über Hedwig. Die Fremdcharakterisierung fehlt bei dieser Figur vollständig, die Erzählercharakterisierung ist dafür umso ausgeprägter.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Hedwig.

Fazit

Rekurs nehmend auf Erika Fischer-Lichtes Unterscheidung zwischen dem semiotischen Körper und dem phänomenalen Leib11 könnte man den Körper von McAvoy in Split als multipel semiotisch bezeichnen: Im Gegensatz zu der überwiegenden Anzahl an Filmen, in denen der Körper eines Darstellers nur als das Zeichen für eine dramatische Figur fungiert, wird er in M. Night Shyamalans Thriller für gleich acht Figuren genutzt. Desweiteren kann festgehalten werden, dass die Wechsel zwischen den Persönlichkeiten nicht durch konstative Äußerungen (etwa: “Jetzt ist Hedwig wieder an der Reihe.”) oder eindeutige Kostümwechsel (etwa: Hedwig setzt sich die Brille von Dennis auf) erkennbar gemacht werden, sondern nur durch die subtilen Veränderungen in Mimik und Gestik des Darstellers. Beeindruckend ist weiter die immersive Qualität des Films; schon nach wenigen Minuten hat sich der Zuschauer in die situative Realität von Split hineingefühlt, erlebt das Geschehen gewissermaßen aus der Position der entführten Mädchen heraus, die die unterschiedlichen Charakterzüge der einzelnen Persönlichkeiten Schritt für Schritt zu lesen lernen.

Abbildungsverzeichnis

Alle Abbildungen sind Screenshots aus: M. Night Shyamalan, [Reg.]: Split. Prod. ders. [u.a.], USA: Blinding Edge Pictures/ Blumhouse Productions, 2016, 117 min. insg.

Abb. 1: Dennis, TC 00:07:50.

Abb. 2: Barry, TC 00:16:59.

Abb. 3: Hedwig, TC 00:24:55.

Literatur- und Quellenverzeichnis

Fischer-Lichte, Erika: Performativität. Eine Einführung. Bielefeld: transcript Verlag, 2012.

Hoffman, Jordan: “Split review – James McAvoy is 23 shades of creepy in M Night Shyamalan chiller”. Entn. www.theguardian.com. <https://www.theguardian.com/film/2016/sep/27/split-review-james-mcavoy-m-night-shyamalan-fantastic-fest-austin>, letzter Zugriff: 05.07.2018.

o.A., IMDb: “Split (2016)”. Entn. imdb.com. <https://www.imdb.com/title/tt4972582/>, letzter Zugriff: 05.07.2018.

Scott, A.O.: “Review: M. Night Shyamalan’s ‘Split’ Has Personality. O.K., Personalities. Lots.”. Entn. www.nytimes.com. <https://www.nytimes.com/2017/01/19/movies/split-review-m-night-shyamalan.html>, letzter Zugriff: 04.07.2018.

Seibel, Alexandra: “Horror-Psychothriller ‘Split’: James McAvoy über seine Neunfach-Rolle”. Entn. www.kurier.at. <https://kurier.at/kultur/horror-psychothriller-split-james-mcavoy-ueber-seine-neunfach-rolle/ 242.602.213>, letzter Zugriff: 08.07.2018.

Shyamalan, M. Night [Reg.]: Split. Prod. ders. [u.a.], USA: Blinding Edge Pictures/ Blumhouse Productions, 2016, 117 min. insg

Zylka, Jenny: “Dahinter stecken immer 24 kluge Köpfe”. Entn. www.spiegel.de. <http://www.spiegel.de/kultur/kino/split-von-m-night-shyamalan-dahinter-stecken-immer-24- kluge-koepfe-a-1131624.html>, letzter Zugriff: 04.07.2018.

[...]


1 Vermutlich aufgrund der zeitlichen Begrenzung des Films werden in Split nicht alle 24 Persönlichkeiten dargestellt. McAvoy verkörpert inklusive der Rolle des Kevin insgesamt acht Persönlichkeiten.

2 Alexandra Seibel: “Horror-Psychothriller ‘Split’: James McAvoy über seine Neunfach-Rolle”. Entn. www.kurier.at. <https://kurier.at/kultur/horror-psychothriller-split-james-mcavoy-ueber-seine-neunfach-rolle/242.602.213>, letzter Zugriff: 08.07.2018.

3 Jordan Hoffman: “Split review – James McAvoy is 23 shades of creepy in M Night Shyamalan chiller”. Entn. www.theguardian.com. <https://www.theguardian.com/film/2016/sep/27/split-review-james-mcavoy-m-night-shyamalan-fantastic-fest-a ustin>, letzter Zugriff: 05.07.2018.

4 M. Night Shyamalan, [Reg.]: Split. Prod. ders. [u.a.], USA: Blinding Edge Pictures/ Blumhouse Productions, 2016, 117 min. insg

5 vgl. ebd.

6 vgl. ebd.

7 vgl. ebd.

8 vgl. ebd.

9 ebd.

10 vgl. ebd.

11 vgl. Erika Fischer-Lichte: Performativität. Eine Einführung. Bielefeld: transcript Verlag, 2012, S. 11ff.

Details

Seiten
6
Jahr
2018
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v477094
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Film- und Medienkulturforschung
Note
1,0
Schlagworte
Film M. Night Shyamalan James McAvoy Split Performativität Filmanalyse Kostüm Schauspiel

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