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Mehrsprachigkeit und ihre Auswirkungen auf den Bildungserfolg in Deutschland

Eine Untersuchung über Bildungsungleichheit

Hausarbeit 2015 12 Seiten

Deutsch - Deutsch als Fremdsprache / Zweitsprache

Leseprobe

Inhalt

1. Einführung

2. Mehrsprachigkeit
2.1 Heterogenität und Mehrsprachigkeit als Teil unserer Kultur
2.2 Mehrsprachigkeit aus soziolinguistischer Perspektive
2.3 Mythos „doppelte Halbsprachigkeit“
2.3.1 Begriffsklärung
2.3.2 Der Umgang mit dem Vorurteil „Semilingualismus“

3. Mehrsprachigkeit als Ursache für Bildungsungleichheit?
3.1 Die „humankapitaltheoretische“ Erklärung
3.2 Institutionelle Diskriminierung

4. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einführung

„Es gibt nie und nirgends ein perfektes, homogenes Monosystem, immer und überall nur unvollkommene heterogene Polysysteme […]“1. Obwohl Mario Wandruzska sich hier ursprünglich ausschließlich auf das System Sprache bezieht, könnte seine Aussage auch auf andere Systeme übertragen werden. So zum Beispiel auch auf die bestehende Heterogenität in Gesellschaft und Kultur.

Nach Daten des statistischen Bundesamtes setzen sich 18,6% der deutschen Wohnbevölkerung aus Menschen mit Migrationshintergrund zusammen, mehr als die Hälfte von ihnen besitzt einen deutschen Pass2. Obwohl also ein Großteil der Menschen dieser Gruppe deutsche Staatsbürger sind, müssen sie sich dennoch in ihrem Alltag mit besonderen Schwierigkeiten auseinandersetzen. Bemerkbar macht sich das in Studien wie PISA. Sie stelle ein starkes Gefälle zwischen Menschen verschiedener ethnischer Zugehörigkeit fest, das sowohl die schulische Leistung, als auch den Zugang zu höheren Bildungsabschlüssen betrifft3.

In folgender Arbeit soll diskutiert werden, welche Gründe es für diese Bildungsungleichheit geben könnte und besonders, ob Mehrsprachigkeit eine der Ursachen für das oben beschriebene Bildungsgefälle sein könnte.

Einleitend soll es darum gehen, auf welche Weise Vielsprachigkeit prägender Teil unserer Kultur ist und welche Bedeutung somit Menschen mit Migrationshintergrund für die Pluralität unserer Gesellschaft haben.

Das erste Kapitel bildet die Grundlage für die eingehendere Beschäftigung mit dem Thema „Mehrsprachigkeit“. Im zweiten Kapitel wird es um soziolinguistische Betrachtungen dieses Begriffes gehen.

Die darin vorgestellten defizitorientierten Hypothesen unter ihnen weisen direkt auf das darauffolgende Thema hin, die sogenannte „doppelte Halbsprachigkeit“. Zuerst soll diese Theorie kurz erläutert werden, um dann in einem weiteren Unterpunkt zu beschreiben, wie mit dem daraus resultierenden Vorurteil des „Seminlingualismus“ umgegangen werden kann.

Im dritten Teil der Arbeit wird genauer auf die Frage eingegangen, welche Zusammenhänge es zwischen Mehrsprachigkeit und Bildungsungleichheit gibt und welche anderen Gründe es dafür geben könnte.

Die soziologischen Erklärungsversuche für Bildungsungleichheit werden im Rahmen dieser Arbeit nur knapp angerissen, ohne sie jedoch ausführlicher zu behandeln, da sie zu weit vom Kernthema wegführen.

Das letzte Kapitel soll die vorliegende Diskussion mit einem Fazit und einem Ausblick abschließen.

2. Mehrsprachigkeit

2.1 Heterogenität und Mehrsprachigkeit als Teil unserer Kultur

Dass „heterogene Polysysteme“4 heutzutage in unserer Gesellschaft die Regel und nicht die Ausnahme sind, sollte eigentlich selbstverständlich sein. Schon seit den 1970er Jahren wird in Deutschland ein Wertewandel beobachtet, der Individualisierung und Pluralisierung von Lebensformen in den Vordergrund stellt5.

Dennoch würden „Nicht-Deutsche“ weiterhin der sogenannten „Container-Kategorie“ Migranten zugeordnet werden, „[…]so als determiniere der ethnische Hintergrund die Orientierung und dann auch den Alltag des Einzelnen“6. Ebenfalls transportiert diese Kategorisierung die fälschliche Botschaft einer homogenen Gruppe7.

Indes spielen bei dem kulturellen Hintergrund eines Menschen nicht nur die eigenen kulturellen Vorstellungen, die Selbstverortung und -identifikation, sondern auch die Sprache eine nicht unerhebliche Rolle. Lebensform und Sprache sind untrennbar miteinander verbunden8, denn Sprache ist nicht nur ein linguistisches System, sondern auch kulturelle Ausdrucksform9. Bedenkt man nun den in der Einleitung genannten Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund in der deutschen Wohnbevölkerung, erkennt man die unumgängliche Tatsache, dass Mehrsprachigkeit ebenfalls einen erheblichen Teil zur kulturellen Heterogenität in der deutschen Gesellschaft beiträgt.

Es gibt zwar keine gesicherten Zahlen, doch ist der Anteil der Menschen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, beträchtlich und obwohl in Deutschland allein die Amtssprache auf Deutsch festgelegt ist und Einsprachigkeit in keinem weiteren Gesetzestext vorausgesetzt wird, ist das Verhältnis zwischen verschiedenen Herkunftssprachen und der Mehrheitssprache Deutsch ein kontrovers diskutiertes Thema10.

Diese Perspektiven der monolingualen deutschsprachigen Bevölkerung auf die mehrsprachige Bevölkerung sollen in den folgenden Kapiteln betrachtet werden, um am Ende dieser Arbeit die Frage beantworten zu können, ob Bi- oder Multilingualismus tatsächlich eine Ursache der in Deutschland bestehenden Bildungsungleichheit zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergund sein können.

2.2 Mehrsprachigkeit aus soziolinguistischer Perspektive

Rosemarie Tracy beschreibt mehrsprachige Menschen als solche, „[die] zwei oder mehr sprachliche Wissenssysteme soweit erworben haben, dass sie mit monolingualen SprecherInnen in beiden Sprachen problemlos kommunizieren können“11. Man unterscheidet zwischen simultan erworbener Mehrsprachigkeit, die sich durch den parallelen Erwerb von zwei Erstsprachen vor Erreichen des vierten Lebensjahrs auszeichnet und sukzessiv erworbener Mehrsprachigkeit, bei der die zweite Sprache nach dem vierten Lebensjahr erlernt wird12. Inzwischen ist bekannt, dass Einsprachigkeit weltweit die absolute Ausnahme ist13 und obwohl der simultane Erstspracherwerb als erfolgversprechend beschrieben wird, da beide Sprachen noch unreflektiert erworben und verarbeitet werden können14, seien die meisten Menschen mit sogenanntem „Migrationshintergrund“ in Deutschland immer noch Bildungsbenachteiligte. Einer der dafür am meist genannten Gründe ist die Sprache15.

Kinder besitzen jedoch eine angeborene Spracherwerbsfähigkeit, die sie in die Lage versetzt mehrere Sprachen gleichzeitig zu erlernen und zu unterscheiden16. Um herauszufinden warum und zu welchen Zeitpunkten mehrsprachige Menschen dennoch zwischen zwei Sprachen wechseln, erforscht die Soziolinguistik zu welchen kommunikativen Zwecken Sprachen eingesetzt werden17.

Beispielhaft dafür ist, dass multilinguale Menschen in ihren Sprachen jeweils „Spezialisierungen“18 hätten. Sie entwickeln in jeder ihrer Sprachen einen „domänenspezifischen“ Wortschatz. Das könne vom jeweiligen Kontext abhängen, z.B. vom sozialen Bezug, dem Gesprächspartner oder auch der Lebensphase.19

Es ist die Sprachwahl, mit der die Grenzen der ethnischen Zugehörigkeit und die persönlichen Beziehungen aufrechterhalten oder geändert werden20.

Entgegen dieses ressourcenorientierten Verständnisses gibt es jedoch nach wie vor Verfechter der vollständigen Assimilationspraxis, die die Herkunftssprache als „hinderlich“ beschreiben21.

Diese Ansicht zieht sich durch das ganze letzte Jahrhundert. Der Nährboden für diese negative Perspektive liegt in der „maximalistischen“ Ansicht der 1930er Jahre, dass Bilingualität nur dann anerkennenswert sei, wenn beide Sprachen in der Qualität von Muttersprachen genutzt werden könnten.

Wenn man dabei jedoch bedenkt, dass allein der Schriftspracherwerb üblicherweise zuerst nur in einer Sprache erfolgt, kann man verstehen, dass diese Auffassung in der Literatur häufig als „vermessen“22 beschrieben wird.

Nachdem in diesem Kapitel nun sowohl positive, als auch negative Perspektiven auf das Thema Mehrsprachigkeit gezeigt wurden, wird nun im Folgenden auf den „krönenden“ Begriff des defizitorientierten Diskurses eingegangen – die sogenannte „doppelte Halbsprachigkeit“.

2.3 Mythos „doppelte Halbsprachigkeit“

2.3.1 Begriffsklärung

Der Begriff „doppelte Halbsprachigkeit“ oder auch „Semilingualismus“ tauchte zum ersten Mal 1968 bei dem schwedischen Sprachwissenschaftler N. E. Hansegård auf. Zu dieser Zeit, in den 1960er Jahren, hatte diese defizitorientierte Theorie auch ihren Höhepunkt23 und obwohl seitdem bereits fast 50 Jahre vergangen sind, hat sich diese Sichtweise auf Mehrsprachigkeit bis heute fest in der Gesellschaft verankert.

Auch sie geht, ähnlich wie die normativen Theorien aus dem vorhergehenden Kapitel, davon aus, dass Monolingualität sowohl Normal-, als auch Optimalfall sei. Behauptet wurde, dass Kinder durch das zweisprachige Aufwachsen psychisch verwirrt würden und die Gehirnkapazität nicht ausreiche, um mehr als eine Sprache aufzunehmen24.

Eine weitere Unterstellung, die man aktuell ebenfalls häufig hören kann und dieser Theorie zuzuordnen ist, lautet, dass es Menschen gibt, die keine ihrer (zwei) Sprachen vollständig erworben hätten und sprechen könnten.

Wie mit diesem „populären Mythos“25 umgegangen werden kann, soll im folgenden Kapitel beschrieben werden.

2.3.2 Der Umgang mit dem Vorurteil „Semilingualismus“

Die Behauptung es gebe so etwas wie eine „doppelte Halbsprachigkeit“ entbehrt jeglicher sachlichen Grundlage und ist eine Fehleinschätzung der sprachlichen Wirklichkeit.26 Diese Ansicht wird in einer gemeinsamen Stellungnahme verschiedener Sprachwissenschaftler besonders deutlich, in der sich vehement für eine ressourcenorientierte Sicht auf Mehrsprachigkeit ausgesprochen wird27.

Ein Aspekt der gerne dem „Semilingualismus“ zugeordnet wird, sei die Vermischung oder die abwechselnde Nutzung zweier Sprachen. Man könne hier jedoch von einer „Polylingualismusnorm“ ausgehen, bei der die Sprecher alle ihre zur Verfügung stehenden sprachlichen Mittel verwenden, um ihre kommunikativen Ziele zu erreichen28.

Kinder haben schon früh die „kommunikative Kompetenz“ dem Zuhörer durch Umformulierungen das Verstehen zu erleichtern. Tracy stellt an dieser Stelle treffend die rhetorische Frage, warum man sich zwei getrennter Codes bedienen solle, wenn einem durch Vermischung ein viel breiteres Repertoire zur Verfügung stünde29. Die Phänomene des Sprachmischens und -wechselns sind also erklärbar, ganz ohne davon auszugehen, dass es sich um eine „Halbsprachigkeit“ handelt. In der Fachliteratur wird der wechselnde Gebrauch zweier Sprachen innerhalb eines Diskurses als „Code-Switching“ bezeichnet.

Da Kinder Sprachkonzepte jeweils mit ihren linguistischen und kulturellen Besonderheiten erwerben, könnten sie demnach entscheiden, welche Mittel sie für eine gelungene Kommunikation für angemessen halten30.

[...]


1 Wandruszka, 1979, S. 313

2 Vgl. Wippermann/ Flaig, S. 3

3 Vgl. Fürstenau/Gomolla 2011, S. 14

4 Wandruszka, 1979, S. 313

5 Vgl. Wippermann/ Flaig 2009, S. 3

6 Ebd., S. 4

7 Vgl. ebd., S. 4

8 Vgl. Bickes/ Pauli 2009, S. 80

9 Vgl. Fürstenau/ Gomolla 2011, S. 41

10 Vgl. Hinnenkamp 2010, S. 27

11 Tracy 2008, S. 51

12 Vgl. ebd., S. 33

13 Vgl. Wiese et. al. 2011

14 Vgl. Bickes/ Pauli, S. 81

15 Vgl. Hinnenkamp 2010, S.27

16 Vgl. Fürstenau/Gomolla 2011, S. 32

17 Vgl. Tracy 2008, S. 47

18 Wiese et. al. 2011

19 Vgl. Fürstenau/ Gomolla 2011, S.30

20 Vgl. Hinnenkamp 2010, S. 30

21 Vgl. Hinnenkamp 2010, S. 28

22 Ebd., S. 29

23 Vgl. Bickes/ Pauli 2009, S. 87

24 Vgl. ebd., S. 87

25 Wiese et. al. 2011

26 Vgl. ebd.

27 Vgl. ebd.

28 Vgl. Hinnenkamp 2010, S. 29

29 Vgl. Tracy 2008, S. 52

30 Vgl. Oksaar 2003, 139ff. in: Bickes/ Pauli, 2009, S. 85

Details

Seiten
12
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668965782
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v477228
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg
Note
1,0
Schlagworte
Mehrsprachigkeit DaZ Deutsch als Zweitsprache Chancenungleichheit Bildungschancen Migrationshintergrund Spracherwerb

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Titel: Mehrsprachigkeit und ihre Auswirkungen auf den Bildungserfolg in Deutschland