Lade Inhalt...

Deutsch als Fremdsprache für türkischsprachige Lernende. Die Einführung der Vergangenheitsform "Perfekt"

Essay 2015 17 Seiten

Didaktik - Germanistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

EINLEITUNG

FUNKTION DER ZEITFORM ʻPRÄSENSʼ ALS FUNDAMENT

PERFEKT ODER PRÄTERITUM ?

BILDUNG DES PERFEKTS

LERNEN-LEHREN-VERMITTELN

SCHLUSSFOLGERUNG

QUELLENVERZEICHNIS

EINLEITUNG

In welchem Stadium sollte man den DaF-Lernenden die Vergangenheitsform lehren?

Bevor wir uns intensiv mit dieser Frage beschäftigen, sollten wir zuallererst einige Aspekte klären. Warum werden den Schülern die Vergangenheitsform ,,Perfekt“ in der deutschen Grammatik sehr spät gelehrt? Wir wissen, dass die Bildung des Perfekts nicht gerade simpel ist, aber wenn wir uns die Sprache aus einer pragmatisch-kommunikativen Sicht betrachten ist es doch logischer, dass wir als Lehrkräfte, den Schülern erlauben und vermitteln sollten, wie sie das Perfekt beherrschen und somit erzählen können, was sie in der Vergangenheit (zu Hause, in den Ferien..) alles erlebt haben. Das ist doch ihr aller gutes Recht. Warum vermeiden wir diesen Schritt? Sie werden bestimmt Gegenargumente hören wie: ,,Wir müssen uns doch an das Lehrbuch halten und dort wird das Perfekt meist gegen Ende des ersten Lernjahres eingeführt.“ Das ist nicht korrekt. Man kann die Reihenfolge der einzuführenden Zeitformen so verändern, dass es die Systematik des Lernprozesses nicht gefährdet. Niemand muss sich streng an den Ablauf der Progression halten. Wir wissen, dass man mit der Vergangenheitsform Perfekt in der gesprochenen deutschen Sprache den gesamten Vergangenheitsbereich beschreiben kann (Funk & Koenig, 1991, S.63). Wenn wir nun im Plenum eine Steigerung der mündlichen Beteiligung von Schülern erreichen möchten, so führt kein Weg daran vorbei, die vollendete Gegenwart zu lehren. Die mündliche Teilnahme am Unterricht hängt auch davon ab, dass die Lernenden wissen sollten, warum sie diese Zeitform beherrschen müssen und wann sie diese gebrauchen können. D.h. im Klartext: Man muss eine Beziehung zwischen der grammatischen Form und ihrer Funktion herstellen. Es wäre töricht zu glauben das Hirn der Lernenden ähnele einem leeren Eimer, das man im Verlauf des Unterrichts mit Informationen füllen müsse. Aus diesem Gesichtspunkt kann man keine Verankerung zwischen den neuen Informationen, die man vermitteln möchte und den wichtigsten Faktoren (Bildungsgrad, Lebenserfahrung und Einbildungskraft) der Schüler hervorbringen, sondern müsste bei Null anfangen, was in Anbetracht des knappen akademischen Zeitplans zu weiteren schwer überwindbaren Hürden führen könnte. Stattdessen kann man dem Lernenden die Priorität und Funktion des Perfekforms in der alltäglichen Kommunikation vermitteln und zu einem gesunden Fremdsprachenunterricht beitragen.

FUNKTION DER ZEITFORM ʻPRÄSENSʼ ALS FUNDAMENT

Bevor wir auf die Bedeutung der Zeitform Präsens für unser Konzept eingehen, sollten wir noch einmal unsere Priorität hervorheben die Sprechfertigkeit und die mündliche Kommunikation der Lernenden zu erweitern. Deshalb sollten wir uns ein Lehrwerk aussuchen, das dem kommunikativen Fremdsprachenunterricht entspricht.

Die grammatische Struktur wird nicht einfach ohne Begründung eingeführt und geübt. Das Lehrwerk zeigt dem Lerner nicht nur, wie eine Struktur gebildet wird, sondern auch, wozu man die gelernte Struktur besonders häufig braucht, in welchem Kontext man sie besonders oft verwendet. Auf diese Weise wird der Stellenwert der Grammatik verändert (Funk & Koenig, 1991, S.52).

Das Lehrwerk, das wir wählen sollten, müsste neben der Funktion der grammatischen Struktur auch auf die Verwendung der Muttersprache eingehen. Denn die Erfahrungen und Kenntnisse der Lernenden sind in der Muttersprache verfügbar. Um einen Ankerpunkt zwischen der neuen Information und der Praxis der Lernenden zu bilden, ist die Einsetzung der Muttersprache für unser Programm unumgänglich.

Kommunikativer Unterricht heißt, den Unterricht an den Erfahrungen, Interessen und Bedürfnissen der Lerner zu orientieren. Diese Erfahrungen sind in der Muttersprache gemacht und mit ihr verbunden. Die Erfahrungen von Lernern ernst nehmen und in den Unterricht einbeziehen, heißt also auch, ihre Sprache ernstzunehmen und einzubeziehen. Dies gilt auch für grammatische Kenntnisse und Erfahrungen aus dem Mutersprachenunterricht (Funk & Koenig, 1991, S.54).

Nachdem wir uns ein Lehrwerk nach diesem Kriterium für unser Fremdsprachenunterricht ausgesucht haben, können wir uns nun auf die Reihenfolge der vorzuführenden Zeitformen konzentrieren.

Unseres Erachtens sollte man als Grundbaustein die Zeitform Präsens lehren. Nach diesem Schritt kann man darauf das Perfekt stützen. Die Schüler müssen das Personalpronomen und die Infinitivformen der Verben und ihre Konjugation beherrschen. Die Grundabfolge der Satzglieder sollten auch schon vermittelt worden sein.

Da das Präsens neben dem Imperfekt eine einfache Zeitform der deutschen Grammatik ist (Bárta, 2014, S.68) und man mit ihm eine Handlung oder Aktivität in der Gegenwart ausdrücken kann, fungiert es bestens als eine Lernbasis für den Fremdsprachenunterricht und ist deshalb auch für die Grammatikvermittlung unentbehrlich.

Wir vertreten die Ansicht, dass man sich bei der Vermittlung der grammatischen Regeln eine Anzahl von graphischen Hilfen wie z.B. eine systematische Anordnung von Verben in Tabellen oder den Fettdruck von Verbendungen (wichtiger Stellen) oder aber auch formelhafte Visualisierung von Sätzen zu Nutze machen sollte.

Hier ein paar Beispiele:

Konjugation des Verbs gehen – gitmek im Präsens (Deutsch-Türkisch).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In einem Grammatikunterricht kann die angegebene Tabelle mit Hilfe einer Power-Point Präsentation im Hintergrund dargestellt werden und die Lehrkraft kann an der Tafel das Thema mit einem anderen Verb detaillierter erklären. Eine grammatische Regel kann also motivierender und merkbarer vermittelt werden.

Um verschiedene Präsenssätze zu bilden brauchen wir verschiedene Verben. Wir schlagen vor, dass die Lehrkraft den Schülern bei jedem Unterrichtsende eine zuvor erstellte Tabelle austeilt, in der 10 Verben vorhanden sind und die Lernenden diese als Hausaufgabe einüben. Die Schüler sollten für den nächsten Unterricht diese Verben bestmöglich konjugieren können. Im darauffolgenden Unterricht soll die Konjugation und Artikulation der auswendig gelernten Verben in der ersten Viertelstunde durchgeführt werden. Dieses Verfahren kann bei den Lernenden zu einer umfangreichen Wortschatzentwicklung und bessseren Aussprache führen.

Die Tabelle könnte etwa so aussehen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ein Beispielsatz für Präsens:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

PERFEKT ODER PRÄTERITUM ?

Um die Zeitform Präsens im Gedächtnis der Schüler zu festigen, sollte man in den Unterricht einige Spiele[1] und einen Text mit Übungen integrieren. Der Text sollte die grammatischen Inhalte so präsentieren, dass die Gefühlswelt der Schüler angesprochen wird. D.h. man sollte sich vergewissern einen authentischen Text[2] zu behandeln. Man geht davon aus, dass die Schüler somit die neuen grammatischen Phänomene direkt ins Langzeitgedächtnis speichern.

Ob Vokabeln und Grammatikregeln vom kurzlebigen Arbeitsgedächtnis ins Langzeitgedächtnis übergehen, hängt zum einen von der Motivation ab – denn das Gehirn macht nur Platz für das, was als bedeutsam und wichtig erachtet wird. Routine und Gewöhnung sei dafür tödlich, … , und eine Anbindung der Lerninhalte an die persönliche Lebenswelt des Schülers unerlässlich. …Im Idealfall sollte Unterricht also an schon Bekanntes anknüpfen, sodass neues Wissen in bestehende Netzwerke eingebunden werden kann (Jimenez , 2013, Die Welt).

Auf diesem Fundament kann man nun die Vergangenheitsform aufbauen. Aber von welcher Vergangenheitform sprechen wir denn jetzt? Sollten wir als nächstes das Präteritum oder das Perfekt vermitteln?

Zu Beginn dieser Arbeit sprachen wir von einer pragmatisch-kommunikativen Sichtweise, wie wir die Sprache auffassen sollten. D.h. die Lehrkraft sollte nicht das Ziel vor den Augen setzen ihren Schülern die Fremdsprache so zu lehren, dass sie die Grammatik nur rezeptiv wie produktiv frei beherrschen, sondern versuchen den Fremdsprachenunterricht als Mittel zum Zweck zu sehen. Das wiederum heißt aus der Sicht eines Lernenden, die gelernte Grammatikregel bei der Nutzung der fremden Sprache und Kommunikation im Unterricht umzusetzen.

Aber was hat das alles nun mit den beiden Vergangenheitsformen zu tun?

Betrachten wir uns zuerst einmal diese beiden Sätze:

1. Vor 65 Millionen Jahren sind die Dinosaurier ausgestorben. (Perfekt)
2. Vor 65 Millionen Jahren starben die Dinosaurier aus. (Präteritum)

Die Aussagen beider grammatischen Zeiten ist identisch. Der Unterschied besteht nur im kommunikativen Bezugsrahmen. Das Präteritum wird in der Regel in einem formellen Rahmen benutzt z.B. in der Literatur, in Zeitungen oder in wissenschaftlichen Arbeiten. Wenn es aber eher entspannter zugeht und wir uns im Alltag unterhalten, wird das Perfekt verwendet. Die Atmosphäre in einem Fremdsprachenunterricht sollte meist locker und entspannt sein, damit die Schüler sich bei den Handlungen und Vorgängen beteiligen und über die Vergangenheit sprechen können.

[...]


[1] Mit Spiele meinen wir die spielerische Grammatikvermittlung und nicht das Spiel im klassischen Sinne.

[2] Diese könnten Texte mit personalisierten Darstellungen (Biografien, Tagebücher), informierende Sachtexte (Zeitungen, Zeitschriften) oder literarische Texte (Abschnitte eines Romans, eines Theaterstücks) sein (Bludau, zitiert nach Ruthner, 2013, S.209-210).

Details

Seiten
17
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783346009616
ISBN (Buch)
9783346009623
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v478156
Institution / Hochschule
Çukurova Üniversitesi
Note
Schlagworte
Vergangenheitsformen

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Deutsch als Fremdsprache für türkischsprachige Lernende. Die Einführung der Vergangenheitsform "Perfekt"