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Bildungskiller Armut? Der Einfluss von Armut und sozialen Phänomenen auf die Bildungschancen

Seminararbeit 2016 17 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis Seite

1. Einleitung

2. Armut – Eine Definition
2.1 Definition aus der Literatur
2.2 Subjektive Empfindung von Armut
2.3 Aktuelle Zahlen und Fakten

3. Auswirkungen von Armut auf die Bildungschancen

4. Einfluss sozialer Phänomene
4.1 Vergleich Deutschland – Afrika
4.2 Die Bedeutung der Bedürfnisse
4.2.1 Einfache Bedürfnisse
4.2.2 Begrenzte Bedürfnisse
4.2.3 Bedeutung für die Menschen

5. Zusammenfassung und Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Bildung ist die mächtigste Waffe, um die Welt zu verändern. Sie ist der große Motor der persönlichen Entwicklung.“

(Nelson Mandela, afrik. Präsident, Aktivist und Politiker)

Armut ist ein Phänomen, welches es zu jeder Zeit der Menschheit gegeben hat. Dabei handelt es sich meist um schlichte und objektiv messbare Unterschiede von Hab und Gut zwischen Gesellschaftsgruppen oder einzelnen Individuen. Armut ist dabei jedoch heute nicht mehr genauso zu verstehen wie noch vor einiger Zeit. So beschränkt sich die Definition von Armut schon lange nicht mehr auf objektive Rahmenbedingungen, sondern bezieht sich immer häufiger auch auf subjektive Aspekte und soziale Phänomene als Ursachen für diese Armut. Gleichzeit muss man deutlich unterscheiden zwischen Armut bei uns in Deutschland und Armut in Entwicklungsländern wie beispielsweise Afrika. Nach wie vor muss man strikt unterscheiden zwischen Armut in Industrieländern und Armut in Entwicklungsländern. Ausschlaggebend ist hier besonders auch der Unterschied der Bedürfnisse zwischen den Bevölkerungsgruppen, der ganz stark durch soziale Phänomene und Lebensstile geprägt ist. Fakt ist, dass Armut in den meisten Fällen noch immer als Synonym für die Hürde zu einer guten Bildung steht. Inwieweit und in welchem Kontext dies der Fall ist, und welche sozialen Rahmenbedingungen eine gute Bildung begünstigen oder sie erschweren, möchte ich im Laufe dieser Arbeit beleuchten. Die im Seminar „Soziale Ungleichheit und globale Gerechtigkeit“ behandelten Theorien von Gerd Spittler, welcher sich mit Mangelgesellschaften und Armut im Kontext von Bildungschancen auseinandergesetzt hat, sollen dafür als theoretisches Fundament dienen.

Dazu ist zunächst wichtig zu definieren, wie sich Armut überhaupt charakterisiert. Hier ist zu unterscheiden zwischen der objektiven und der subjektiven Armut, aber auch zwischen Industrie- und Entwicklungsländern. Darauf aufbauend soll mit Hinblick auf die Theorien Gerd Spittlers die Frage im Vordergrund stehen, welchen Einfluss soziale Phänomene und Lebensstile auf die Bildung nehmen. Damit soll letztlich die Frage beantwortet werden, ob Armut und der soziale Kontext tatsächlich einen „Bildungskiller“ darstellen.

2. Armut – Eine Definition

War Armut in früheren Zeiten ein noch sehr stark tabuisiertes Thema, wird sie seit der „sozialen Frage“ im 19. Jahrhundert zum immer wichtiger werdenden gesellschaftlichen Thema. Durch höhere Zahlen von Arbeitslosigkeit und die Kürzungen von Sozialleistungen kam es zu einer neuen Form der Armut, die auch als „Neue Armut“ bezeichnet wird. Das zeigt, dass auch vermeintlich reiche Länder wie Deutschland von Armut nicht verschont bleiben. Oft – wenn auch nicht immer – trägt der Bildungsgrad zu dieser Armut bei. Hinzu kommen zusätzlich auch soziale Faktoren. Um einen Überblick über die Formen der Armut zu bekommen und darüber, inwiefern Armut und soziale Phänomene Einfluss auf die Bildungschancen ausüben, ist zunächst eine allgemeine Definition von Armut und deren Ausprägungen sinnvoll.

2.1 Definition aus der Literatur

Von Armut wird meist dann gesprochen, wenn Menschen durch Mangel an Ressourcen die Chance genommen wird, eigene Lebensstandards zu sichern. Dabei ist festzuhalten, dass Armut nicht ausschließlich anhand von festen Zahlen definierbar ist. Vielmehr handelt es sich um einen dynamischen Prozess, bei dem die Grenzen zwischen Arm und Reich im großen Kontext gesehen werden müssen. Die Gründe für ein Leben in Armut können vielfältig sein, angefangen bei Krankheit, Todesfällen oder Naturkatastrophen, die das eigene Hab und Gut zerstören. Bei der Messung und Entwicklung von Armut bedienen sich Sozialwissenschaftler daher meist dem Ressourcenansatz, der das Vermögen bzw. das Einkommen eines Individuums im Kontext des mittleren Einkommens des zu untersuchenden Landes stellt. Wer dabei um ein Einkommen von unter 50% im Vergleich zu allen anderen Haushalten verfügt, gilt allgemein als arm. Man spricht auch von „relativer Armut“. In Wohlstandsgesellschaften ist von Menschen, die dieser Gruppe der relativen Armut angehören, häufig im Kontext der sogenannten „Unterschicht“ die Rede. Menschen, die darüber hinaus durch schlechte Lebensverhältnisse wie Hungernot und Kälte um die eigene Existenz fürchten müssen, sind von der sogenannten „absoluten Armut“ betroffen.1 Diese absolute Armut wird nach der Weltbank durch ein Einkommen von gerade einmal etwa einem US-Dollar gekennzeichnet. Demnach sind weltweit mehr als eine Milliarde Menschen von absoluter Armut betroffen.2 Auch wenn es vielen Menschen gelingt, sich aus ihrer Armut zu befreien und die eigenen Lebensumstände zu verbessern, sind geschätzt ein Drittel bis ein Viertel dieser Menschen von chronischer Armut betroffen – sie sind ihr Leben lang arm.3

2.2 Subjektive Empfindung von Armut

Abseits dieser objektiv messbaren Grenzen von relativer und absoluter Armut rückt vor allem eine dritte Gruppe der Armut unaufhaltbar in den Vordergrund: Die „gefühlte Armut“. Diese lässt sich nicht an konkreten Einkommensgrenzen festmachen, sondern steht für die subjektive Empfindung von Armut. Es ist das Bewusstsein eines Individuums oder einer gesellschaftlichen Gruppe, die diese Art der Armut konstituiert.

Die gefühlte Armut bezeichnet solche Menschen, die anhand ihrer verfügbaren Ressourcen objektiv nicht als arm kategorisiert werden können, sich selbst aufgrund von verschiedenen Faktoren jedoch als arm empfinden. Die subjektive Armutsgrenze beruht dabei auf der Einschätzung des Einzelnen, inwieweit die eigenen Bedürfnisse anhand des Einkommens befriedigt werden können. So ergeben sich aus der subjektiven Beurteilung der Einkommenssituation unterschiedliche Maßstäbe zur Beurteilung der eigenen Situation.4 Objektiv gesehen „Reiche“ können sich daher als arm ansehen, während auf der anderen Seite objektiv gesehen „Arme“ sich nicht als solche ansehen müssen. Dazu zählen unter anderem Menschen, die objektiv zwar als wohlhabend anzusehen sind, sich jedoch Ausgrenzung, Diskriminierung, Neid oder ähnlichem ausgesetzt sehen und sich selbst daher als arm betrachten. Dieser Ansatz der subjektiven Empfindung von Armut geht also davon aus, dass die Festlegung von Armut ein persönliches

Werturteil darüber beinhaltet, wie sich ein angemessener Lebensstandard charakterisiert.5 Darüber hinaus charakterisiert sich Armut demnach nicht durch rein materielle Aspekte, sondern beinhaltet zudem psychologische Aspekte.

Dieses subjektive Empfinden spielt nicht nur in Hinsicht auf die eigene Lebenssituation eine Rolle, sondern auch in Bezug auf die Bildungschancen. Besonders nennenswert sind hier unterschiedliche Bedürfnisse zwischen Individuen, bedingt durch ihre Herkunft und das soziale Umfeld. Dieser Sachverhalt wird im späteren Verlauf der Arbeit noch einmal aufgegriffen und genauer beleuchtet.

2.3 Aktuelle Zahlen und Fakten

Die Armutsquote lag in OECD-Ländern in den 2010er Jahren durchschnittlich bei 11%, wobei zwischen den Ländern drastische Unterschiede zu sehen sind. So liegt die Quote für Mexiko und Israel bei sogar mindestens 20%, während sie in bspw. Dänemark und Ungarn bei unter 7% liegt. Außerdem lassen sich diese Quoten nicht verallgemeinern, die Armutsquoten sind je nach Altersgruppe unterschiedlich ausgeprägt. So zeigen sich in einigen Ländern höhere Armutsquoten bei älteren Menschen höher, in anderen hingegen ist die Wahrscheinlichkeit für Kinderarmut größer.6

Deutschland lag dabei im Durchschnitt sogar über der durchschnittlichen Quote der OECD-Länder und weißt damit eine höhere Quote auf als in den Jahren zuvor. So galt im Jahr 2013 jeder sechste Mensch in Deutschland als armutsgefährdet. Ohne Sozialleistungen wäre sogar jeder vierte Bundesbürger von Armut betroffen. Besonders ausschlaggebend trägt vor allem Arbeitslosigkeit zur Armutsanfälligkeit bei, mehr als zwei Drittel (67,4%) der Arbeitslosen waren demnach armutsgefährdet, für Erwerbstätige hingegen belief sich die Quote auf knapp unter 10%. Dabei ist die Quote für Menschen mit höherem Schulabschluss deutlich niedriger als für solche mit niedrigem Abschluss.7 Besonders die Schulbildung hat in Deutschland also offensichtlich starke Einflüsse auf die Armutsquoten und damit auf die Lebensstandards der Menschen. Auf diese Auswirkungen von Bildung auf die Armutsquoten wird im Folgenden eingegangen.

3. Auswirkungen von Armut auf die Bildungschancen

Fakt ist: Der Bildungsabschluss hat deutliche Auswirkungen auf die Armutsgefährdung. Hier zeigte sich im Jahr 2013 eine enorme Diskrepanz zwischen der Armutsgefährdung der einzelnen Bildungsgrade. So belief sich die Armutsquote bei Menschen mit einem hohen Bildungsstand auf nur 10,5%, bei solchen mit mittlerem Bildungsstand bereits auf 16% und bei Menschen mit niedrigem Bildungsstand sogar auf 29,1% und damit auf fast ein Drittel der Stichprobengruppe.8

Dieses Phänomen ist allerdings nicht als Einbahnstraße zu sehen. Nicht nur der Bildungsabschluss hat Auswirkungen auf die Armut, sondern andersherum hat auch die Armut auch Einfluss auf die Bildungschancen. Oder einfacher: Armut verhindert Bildung, und Bildung verhindert Armut. In einem Haushalt mit fehlenden materiellen Ressourcen aufzuwachsen bedeutet für Kinder nicht nur einen allgemein niedrigeren Lebensstandard, sondern oftmals auch den Ausschluss von sozialen Ereignissen, z.B. Klassenfahrten o.ä. Auch wenn diese durch Hilfsmittel garantiert werden, bleibt doch immer ein bitterer Beigeschmack der Stereotypisierung oder Diskriminierung armer Menschen. Auch außerschulische Aktivitäten und Weiterbildungen sind im Normalfall mit Kosten verbunden und können daher nicht unbedingt wahrgenommen werden. Unter diesen Tatsachen können nicht zwingend nur objektiv messbare Lebensumstände leiden, sondern auch die eigene Identität. Von Armut Betroffene oder Arbeitslose verlieren so ihr Selbstwertgefühl und ihre Achtung in der Gesellschaft. Die Folgen sind unschwer erkennbar: Schlechte Bildungschancen, schlechte gesundheitliche Zustände oder psychische Stören können armutsbedingt eintreten.9 Dabei endet es allerdings nicht, dieser Teufelskreis aus schlechter Bildung und Armut kann sich leicht auch auf die eigenen Kinder ausweiten, sofern es nicht gelingt, ihm zu entkommen. Durch neue Technologien, Forschungen und Entwicklungen steigen außerdem die allgemeinen Ausgaben und damit auch die Lebensstandards. Wer diesem Prozess nicht folgen kann, kann leicht in die Armut abrutschen.

[...]


1Vgl. Sanders, Weth 2008, S. 12 f.

2Vgl. http://www.armut.de/definition-von-armut.php

3Vgl. https://www.bmz.de/de/service/glossar/A/armut.html

4Vgl. Schmid; Wallimann 1998, S. 30 f.

5Vgl. Stelzer-Orthofer 1997, S. 39

6OECD 2014, S. 66

7Vgl. http://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in- deutschland/61785/armutsgefaehrdung, Stand 19.08.2016

8Vgl. http://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in- deutschland/61785/armutsgefaehrdung

9Vgl. Gottberg, S. 7 f.

Details

Seiten
17
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668963887
ISBN (Buch)
9783668963894
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v478158
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
2,5
Schlagworte
Sozialwissenschaften Bildung Armut soziale phänomene

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Titel: Bildungskiller Armut? Der Einfluss von Armut und sozialen Phänomenen auf die Bildungschancen