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Die Auswirkungen elterlicher Trennungen auf die Lebenschancen ihrer Kinder

Hausarbeit 2017 19 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Entwicklung der Scheidungsrate in Deutschland

3. Handlungstheoretische Theorien der Ehestabilität
3.1 Austauschtheorie
3.2 Mikroökonomische Theorie
3.3 Bindungstheorie

4. Die Bedeutung der Transmissionshypothese bei Ehescheidungen
4.1 Stresstheoretische Perspektive
4.2 Sozialisationshypothese
4.3 Hypothese ökonomischer Deprivation

5. Geschlechtsspezifische Unterschiede beim Transmissionseffekt

6. Die Herausforderung Alleinerziehender im Kontext sozialer Ungleichheiten

7. Schlussbemerkung

8. Literaturverzeichnis.

1. Einleitung

In den Sozialwissenschaften herrscht bis heute im Hinblick auf die Bedeutung der Ehe und Familie in Deutschland eine kontroverse Diskussion. Während es Befürworter gibt, die einem Bedeutungsverlust der Familie zustimmen und auf die zunehmenden Scheidungszahlen verweisen, bekräftigen andere die Beständigkeit der Familie (vgl. Peuckert 2012, S. 1). Jedoch zeigt die Scheidungsentwicklung, dass die Anzahl der Eheschließungen zurückgegangen ist und zugleich nichteheliche Lebensgemeinschaft zugenommen haben. Es kam somit zu einer Pluralisierung von Lebensformen, die für die betroffenen Kinder eine mehr oder weniger günstige Ausgangslage bilden. Die Formulierung ‚ Lotterie der Geburt‘ bringt es auf den Punkt, da die sozial-ökonomische Ausgangslage von Eltern einen wesentlichen Einfluss auf die späteren Lebens- und Bildungschancen der Kinder bilden (Diewald 2010, S. 8).

In dieser Arbeit wird der Blick auf die Folgen elterlicher Scheidungen für die betroffenen Kinder gerichtet und untersucht, inwiefern diese die späteren Lebensphasen der Kinder beeinflussen. Die Fragestellung dieser Arbeit lautet dabei wie folgt:

Wirken sich elterliche Trennungen negativ auf die Lebens- und Bildungschancen ihrer Kinder aus?

Um die zentrale Fragestellung dieser Arbeit zu beantworten, wird zunächst die Entwicklung der Scheidungsrate in Deutschland herausgearbeitet. Anschließend werden die drei handlungstheoretischen Theorien zur Ehestabilität – die Austauschtheorie, die Mikroökonomische Theorie und die Bindungstheorie – herangezogen, um zu sehen, welche Gründe für oder gegen eine Partnerschaft sprechen. Im Anschluss dazu wird die Rolle der Transmissionshypothese bei der Scheidungsentwicklung hinzugezogen, welche hier den Schwerpunkt dieser Arbeit bildet. Dabei wird zunächst untersucht, ob es in Deutschland überhaupt eine Vererbung des Scheidungsrisikos gibt. Zusätzlich werden drei Ansätze zur Transmissionshypothese – die Stresstheoretische Perspektive, die Sozialisationshypothese und die Hypothese ökonomischer Deprivation – beschrieben, welche unterschiedliche Ursachen darstellen, die letztlich zu einem erhöhten Scheidungsrisiko führen. Hier scheint ein alternierender Zusammenhang zwischen den einzelnen Faktoren vorzuliegen, welche den vielschichtigen Mechanismus der Scheidungstransmission veranschaulichen (vgl. Berger 2009, S. 237 – 274). Ebenso werden hier die Auswirkungen elterlicher Trennungen dargelegt, welche die sozialen Ungleichheiten bei den betroffenen Kindern verstärken. Darüber hinaus wird auch mittels verschiedener Studien die Frage geklärt, ob der Transmissionseffekt je nach Geschlecht unterschiedlich stark zur Geltung kommt. Zu guter Letzt wird dabei die besondere Herausforderung Alleinerziehender hervorgehoben, die durch die Scheidungstransmission verschärft wurde.

2. Die Entwicklung der Scheidungsrate in Deutschland

In Deutschland konnte seit Beginn der 1960er Jahre ein genereller Anstieg der Scheidungszahlen beobachten werden, in der innerhalb von fünfundvierzig Jahren die Ehescheidungsziffern auf das Dreieinhalbfache gestiegen sind (vgl. Berger 2009, S. 267). Dieser Trend verdeutlicht, dass die zunehmende Fragilität der Ehe und die damit einhergehenden Entschlüsse einer Scheidung in der heutigen Gesellschaft als legitim betrachtet werden. Ebenfalls hat auch die individuelle Bereitschaft zur Scheidung über die letzten Jahrzehnte zugenommen, so dass seitdem nichteheliche Partnerschaften zunehmend an Bedeutung gewannen (vgl. Jaschinski 2011, S. 220). Daneben hat auch die Modernisierung das Zusammenleben in der heutigen Gesellschaft geprägt, so dass neue Familien- und Lebensformen zum Vorschein kamen und über die Jahre immer populärer wurden. Hier konnte beispielsweise seit Beginn der 1970er ein dreizehnfacher Anstieg nichtehelicher Lebensgemeinschaften beobachtet werden (vgl. Peuckert 2012, S. 145).

Als Ursache für die steigenden Scheidungszahlen lassen sich neben sozialdemographischen Veränderungen auch der neue Stellenwert von Beziehungen nennen. Hier lässt sich vergleichsweise die zunehmende Scheidungsrate durch eine Nichterfüllung der hohen Ansprüche an den Partner erklären, da das erhoffte Glück nicht eingetroffen ist (vgl. ebd., S. 343). Ebenfalls wird der Scheidungsentwicklung eine Eigendynamik zugeschrieben, welche durch unterschiedliche Mechanismen ausgelöst wird.

Neben einem wechselseitigen Zusammenhang zwischen der Erwerbstätigkeit und dem Scheidungsrisiko, der zunehmenden Skepsis steigender Ehescheidungen, die leichtere Partnersuche und der steigenden Akzeptanz von Ehescheidungen wird auch die Vererbung des Scheidungsrisikos der Eltern auf das Kind als eine weitere Ursache herangezogen (vgl. Diekman et. Engelhardt 1995, S. 216). Die Vererbung des Scheidungsrisikos, welche durch die intergenerationale Transmission erfolgt, hat zur Folge, dass der zunehmende Anstieg von Ehescheidungen noch weiter beschleunigt wird. Nach der Transmissionshypothese der intergenerationalen Transmission eignen sich Kinder während der elterlichen Trennung bestimmtes Handlungswissen an, welches ihnen den Umgang mit einer Scheidung erleichtert. Das von den Eltern an das Kind vermittelte Handlungswissen „führt in diesem Sinne dazu, dass der subjektiv erwartete Gewinn einer Beziehung in Relation zur Partnerlosigkeit weniger hoch eingeschätzt wird“ (Eckhard 2014, S. 344). Folglich führt die Vererbung des Scheidungsrisikos für die betroffenen Kinder zu einem individuellen Bedeutungsverlust der Ehe, da sie die Ehe weniger hoch einschätzen, was die Scheidungsrate weiter ansteigen lässt, da sie eher bereit sind eine Scheidung einzureichen.

Nach einer Hochrechnung der momentanen Scheidungstendenz erlebt jedes fünfte Kind, welches in den 1990er Jahren geboren wurde, bis zum zwanzigsten Lebensjahr die elterliche Scheidung mit, welche anschließend häufig in eine neue Familiengründung übergeht (vgl. Schulz 2009, S. 7). Die Kernfamilie verliert nach dieser Hochrechnung somit zugunsten anderer alternativer und nichtehelicher Lebensformen an Bedeutung. Neben dem Alleinleben sind somit auch nichteheliche Lebensgemeinschaft attraktiver geworden.

Ein besonderer Blick ist dabei auf Anzahl von Alleinerziehenden zu richten, die aus den zunehmenden Scheidungsziffern resultieren. Mit etwa 4,1 Millionen Alleinerziehenden in Deutschland, von denen über 90% alleinerziehende Frauen mit einem minderjährigen Kind ausmachen, ist eine alternative Lebensform in den Vordergrund gerückt, welche durch die Vererbung des Scheidungsrisikos und der Eigendynamik der Scheidungsentwicklung zukünftig noch weiter an Bedeutung gewinnen könnte (vgl. Statistisches Bundesamt 2016, S. 133).

3. Handlungstheoretische Theorien der Ehestabilität

Um die Entwicklung der Scheidungsrate in Deutschland besser nachvollziehen zu können, bedarf es einer Theorie, welche sich mit den Gründen, die für eine Partnerschaft sprechen und diese aufrechterhalten bzw. zu einer Trennung führen, auseinandersetzen. In der Forschung werden erstrangig der klassische Ansatz der mikroökonomischen Theorie wie auch die Austauschtheorie zur Erklärung der Beständigkeit und Fragilität von Partnerschaften in den Vordergrund gerückt (vgl. Wagner/Weiß 2003, S. 36). Beide Ansätze lehnen sich dabei an den Methodologischen Individualismus an, der auf das Menschenbild des Homo oeconomicus zurückgreift. Ehepartner werden nach dieser Auffassung als rationale Akteure betrachtet, welche mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln den bestmöglichsten Ertrag anstreben (vgl. Miebach 2014, S. 29). Die Erklärung zur Entwicklung der Scheidungsrate in Deutschland gemäß des Methodologischen Individualismus kann daher nur durch einen genaueren Blick auf die sozialen Abläufe der Mikroebene vorgenommen werden. Daneben existiert mit der Bindungstheorie noch ein weiterer Ansatz zur Erklärung der Ehestabilität, welcher den Schwerpunkt auf die Persönlichkeits- und Beziehungsentwicklung von Akteuren legt.

3.1 Austauschtheorie

Mit der Austauschtheorie wird ein möglicher Erklärungsansatz vorgestellt, welcher die Interessen von Akteuren bei dem Zustandekommen einer Beziehung beschreibt. Demnach streben Akteure bei einer Partnerschaft einen reziproken Austausch von Ressourcen an, bei dem mit Hilfe einer Kosten-Nutzen-Abwägung (im Sinne des Homo-oeconomicus) der persönliche Nutzen maximiert wird, während die entstehenden Kosten so gering wie möglich gehalten werden (vgl. Jaschinski 2011, S. 221). Das Eingehen von Beziehungen soll hierbei mit einem Nutzengewinn für beide Seiten verbunden sein und bleibt solange aufrechterhalten, bis die daraus entstehenden Kosten unter dem erzielten Ertrag liegen. Andersherum „kommt es zu einer Trennung, wenn die Qualität einer Beziehung unter dem Aspirationsniveau liegt und wenn der erwartete Ertrag aus alternativen Situationen […] die Trennungskosten übersteigt (Wagner 2003, S. 38).“

Aus rationaler Sicht bestünde dann kein Grund mehr für die Akteure, die Beziehung fortzusetzen. Dahingegen ist eine als gering anmutend betrachtete Beziehung nicht zwangsläufig zum Scheitern verurteilt. Individuen neigen durch internalisierte Sozialisationserfahrungen dazu, ihre individuellen Erwartungen in Form eines Vergleichsniveaus zu stellen, das im Laufe ihres Lebens durch vergangene Ereignisse beeinflusst wurde und eine Beziehung solange aufrechterhält, bis eine bessere Alternative vorliegt, welche die individuellen Erwartungen erfüllt (vgl. Gerke 2012, S. 25).

Im Falle einer Trennung ergeben sich in erster Linie diverse negative Folgen für Frauen, welche beispielsweise in der Ehe das traditionelle Rollenbild ausgeübt haben. Durch die über längere Zeit vernachlässigte Investition in den Arbeitsmarkt, die aufgrund haushaltsspezifischer Investitionen hervorging, haben es Frauen in der traditionellen Frauenrolle nach einer Trennung oftmals schwer, erneut auf dem Arbeitsmarkt erwerbstätig zu werden (vgl. Jaschinski 2011, S. 222).

3.2 Mikroökonomische Theorie

Die ökonomische Theorie bietet einen weiteren möglichen Erklärungsansatz zum Nutzenvorteil von Partnerschaften, in welcher die Individuen beim Eingehen von Partnerschaften ähnlich wie in der Austauschtheorie durch rationales Verhalten ausgezeichnet sind, welches hier jedoch gewissen Einschränkungen unterliegt. Nach diesem Ansatz organisieren Individuen ihren gemeinsamen Haushalt so, dass durch eine Arbeitsteilung der erzielte gemeinsame Ertrag von Gütern maximiert wird (vgl. Wagner/Weiß 2003, S. 38). Auch hier ist die individuelle Kosten-Nutzen-Abwägung das Kriterium, welches darüber entscheidet, ob die gemeinsame Partnerschaft und der damit verbundene gemeinsame Haushalt fortgeführt werden. Liegt der tatsächliche Nutzen des gemeinsamen Haushalts unterhalb des angestrebten Nutzens, kommt es zu folglich zu einer Trennung (vgl. Jaschinski 2011, S. 221).

Die mikroökonomische Theorie unterscheidet sich trotz einiger Gemeinsamkeiten mit der Austauschtheorie in bestimmten Merkmalen. So bildet der gemeinsame Haushalt eine zentrale Grundlage, welche hier mit dem angestrebten Nutzengewinn in Zusammenhang steht. Des Weiteren handeln die Akteure unter Unsicherheiten, da sie bei der Partnersuche keine vollständigen Informationen über die einzelnen Menschen besitzen und diese Suche ebenfalls mit Aufwand verbunden ist (vgl. Wagner/Weiß 2003, S.38). Die mikroökonomische Theorie spielt insbesondere durch die sozialdemographischen Veränderungen in der heutigen Gesellschaft weiterhin eine wichtige Rolle. Da die Theorie den Nutzengewinn im gemeinsamen Haushalt in den Vordergrund stellt, die auf eine Spezialisierung in Form von Arbeitsteilung abzielt, findet sie außerdem nicht nur in Familien mit traditionellen Rollenbildern ihre Berechtigung (vgl. Jaschinski 2011, S. 221).

3.3 Bindungstheorie

Während die bisher dargestellten Ansätze zur Stabilität von Partnerschaften den individuellen Nutzenvorteil von Partnerschaften aufgezeigt haben, orientiert sich die Bindungstheorie an die zukünftigen Auswirkungen frühkindlicher Entwicklung. Hier ist besonders die Bedeutung der Eltern-Kind-Beziehung hervorzuheben, welche in einem engen Zusammenhang mit dem Eingehen späterer Partnerschaften des Kindes steht (vgl. Neumann 2002, S. 181). Ein enges und einfühlsames Verhältnis der Mutter zu ihrem Kind stärkt de facto nicht nur deren Beziehungsverhältnis stärker, sondern führt dazu, dass das Kind selbst die Fürsorge, die es von den Eltern erfahren hat, in ähnlicher Weise später in eine Partnerschaft investiert. Studien zeigten, dass die Bindungssicherheit von Kindern stark mit der Bindungssicherheit der Eltern korreliert, wovon die Korrelation zwischen der Bindungsrepräsentation des Kindes und dessen Mutter besonders stark ausfällt (vgl. Schneewind 2010, S. 33). Im Vergleich zu den ökonomisch geprägten Theorien der Ehestabilität, wo die Akteure selbst durch ein Kosten-Nutzen-Kalkül entscheiden, ob sie eine Partnerschaft aufrechterhalten oder nicht, sind die zentralen Figuren bei der Bindungstheorie die Eltern des Kindes, welche maßgeblich für das spätere Bindungsverhalten des Kindes verantwortlich sind. Demzufolge führen Kinder, welche einen liebevollen Umgang der Eltern während ihrer Kindheit erfahren haben, häufiger eine stabilere Beziehung, als Kinder, deren Kindheit durch mangelnde Fürsorge der Eltern bestimmt worden ist, da sie in späteren Beziehungen bewusst weniger investieren (vgl. Neumann 2002, S. 181). Die Übernahme elterlicher Bindungsstile spielt daher im Kontext ungleiche Kindheiten und bei den Entwicklungsmöglichkeiten junger Erwachsener eine wichtige Rolle. Die Gegebenheit, dass das Bindungsmuster der Eltern mit denen ihrer Kinder in vielen Bereichen übereinstimmen, verdeutlicht, dass die nachfolgende Generation beim Nachwuchs eine ähnliche Erziehungskompetenz aufweisen, die einer Tradierung nahekommt. Dennoch zeigen die Ergebnisse diverser Studien, dass die Zusammenhänge zwischen Eltern-Kind-Beziehung und späteren Partnerschaften nur gering ausgeprägt sind, die aber nicht zu vernachlässigen seien (vgl. ebd., S. 192).

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Titel: Die Auswirkungen elterlicher Trennungen auf die Lebenschancen ihrer Kinder