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Perserdarstellungen in der attischen Vasenmalerei

Eine Ikonografie des Fremden in der antiken Kunst

Hausarbeit (Hauptseminar) 2018 29 Seiten

Archäologie

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Ikonographie der Fremden: Perserdarstellungen in der attischen Vasenmalerei
2.1 Die Perser
2.1.1 Das Achämenidenreich
2.1.2 Das persische Heer
2.1.3 Tracht und Bewaffnung der Perser
2.2 Athen und die Perserkriege
2.3 Perserdarstellungen auf attischer Vasenmalerei und Analyse
2.3.1 Perserdarstellungen vor den Perserkriegen
2.3.1.1 Neutrales Bild der Perser als Barbaren
2.3.2 Perserdarstellungen während der Perserkriege
2.3.2.1 Entstehung eines Feindbildes und Stigmatisierung der
Darstellungen während der Perserkriege
2.3.3 Perserdarstellungen nach den Perserkriegen und ihre Ambivalenz
2.3.3.1 Instrumentalisierung der Perser in der attischen Vasenmalerei als politisches Feindbild
2.3.3.2 Wandel der Perserdarstellungen auf längere Zeit
2.4 Fazit

3. Schluss

1. Einleitung

Die Existenz von Fremden und die Abgrenzung des eigenen Lebensraums gegenüber anderen ist jeder Kultur der Geschichte bekannt. Auch wenn der Begriff Fremde heute aktueller denn je erscheinen mag, kann man ihn in jeder Epoche in irgendeiner Form aufgreifen. Für dieses Seminar, in dem es vorwiegend um die Ikonographie jener Fremden in der römischen und griechischen Kultur ging, steht aber nicht nur die reine Abbildung, sondern auch zum Beispiel der tatsächliche Umgang mit anderen Kulturen im Vordergrund, um zu einer Deutung zu gelangen. Denn Vorurteile, Feindbilder und politische Stigmatisierung sind keine Erfindung der heutigen Zeit, sondern sind wohl eher Teil der Natur der Menschen und so auch die Frage, wie man mit Fremden in einer Gesellschaft umgeht. In der Odyssee greift Homer diese Frage auf: „Es ziemt sich nicht und ist den Gebräuchen entgegen, einen Fremdling am Herd in der kalten Asche sitzen zu lassen.1 “ Denkt man an die Vorstellungen, die man mit dem Umgang mit Fremden in der Antike hat, so denkt man meistens direkt an Geringschätzung und Ausgrenzung und so erscheint einem dieser Vers von Homer vielleicht etwas befremdlich, da Homer hier eindeutig ausdrückt, dass man Fremden mit Gastfreundschaft begegnen soll. Um diesen Punkt der späteren Analyse vorwegzunehmen: Die griechische Kultur kannte schon sehr früh, im Gegensatz zu vielen anderen, ein vergleichsweise sehr ambivalentes und fremdenoffenes Weltbild. Versucht man sich vor Augen zu führen, was für die Griechen denn Fremde waren, kann man folgenden Satz von Herodot in Betracht ziehen: „Besteht das Wesen der Griechen aus dem gemeinsamen Blut, der gemeinsamen Sprache, den gemeinsamen Einrichtungen/Bauten und Opfern für die Götter, sowie einer gemeinsamen Lebensweise.2 “ Wichtig sind also die gemeinsame Sprache, Religion, gleiche kulturelle Einrichtungen und eine vergleichbare Lebensweise. Die gemeinsame Sprache als Indikator lässt sich schon bei Homer ablesen, als er zum ersten Mal den Barbarenbegriff nennt, indem er einen Volksstamm als Menschen „barbarischer Mundart3 “ bezeichnet. Vor allem Sprache ist ein wichtiger Indikator für die Griechen sich zu definieren, da sie aufgrund vieler kleiner Poleis, die überall im Mittel- und Schwarzmeerraum zerstreut waren, über keinerlei gemeinsame Strukturen verfügten, mit Ausnahme der Religion, Bräuche und Lebensweise. Für sie waren Barbaren also diejenigen, die nicht ihre Sprache sprachen und Fremde die, die ihre Kultur und Religion nicht vertreten haben. Der Umgang mit jenen Fremden wird im Folgenden am Beispiel der Perser versucht aufzuzeigen, die einen strikten Einschnitt vor allem in der attischen Gesellschaft bedeutet haben und es wird dabei vor Allem auf die attische Vasenmalerei und die dortige Darstellung von Persern eingegangen.

2.1 Die Perser

2.1.1 Das Achämenidenreich

Die Perserdarstellungen in der attischen Vasenmalerei beziehen sich vor allem auf die Perser des Archämenidenreiches. Dieses wurde von König Kyros II., ausgehend von einem jungen syrischen Königreich, gegründet und durch ständige Expansion durch diesen und die seiner Nachfolger erweitert, sodass es eine Ausdehnung erreichte, die das Gebiet vom heutigen Iran bis zur Türkei und südlich bis Ägypten umfasste.4 Das Reich war in einzelne Provinzen, sogenannte Satrapien, unterteilt, in denen zur Verwaltung persische Herrschaftszentren gebildet wurden, sowie persische Statthalter eingesetzt wurden, wodurch diese Großreichbildung erst ermöglicht wurde.5 Dabei blieben örtliche Strukturen dennoch erhalten, welche eine einfachere Eingliederung zur Folge haben sollten. Diese Satrapien waren durch Verträge an das persische Großreich gebunden und dadurch zum Beispiel verpflichtet, Truppen für ein Heeresaufgebot zu stellen. Die einzelnen Satrapien waren durch ein festes Straßennetz miteinander verbunden. Herodot beschreibt die persische Infrastruktur als ein gut ausgebautes Netzwerk, das mit Herbergen und mit regelmäßigen Garnisonen versehen ist, um den Handel zu schützen.6 Obwohl es also ein weitgehend dezentrales System war, lag die Macht beim persischen Großkönig. Dies mag an der ausgeprägten Verwaltungsstruktur liegen, aber auch daran, dass in den einzelnen Satrapien die eigenen kulturellen Traditionen gewährleistet wurden und eigene religiöse und kulturelle Strukturen erhalten blieben, solange sie die persische Machtausübung nicht störten.7 So blieben beispielsweise Eliten und Königslinien erhalten, Religionen durften frei ausgelebt werden und Bräuche blieben trotz persischer Oberhoheit bestehen. Wenn Herodot schreibt: „Kein Volk ist fremden Sitten so zugänglich wie das persische.8 “, kann man davon ausgehen, dass diese Besonderheit im Umgang mit fremden Völkern auch schon den Griechen damals bekannt war. Darüber hinauslässt Herodot an dieser Stelle erkennen, dass die Perser ebenso Bräuche, Kleidung, militärische Gegenstände und alles, was ihnen nützlich erschien, übernahmen. Vor allem im Militärischen zeigt sich diese weltoffene Haltung, da dort Truppenkontingente aus allen Regionen des Reiches zusammengezogen wurden.

2.1.2 Das persische Heer

Im Hinblick auf die Perserdarstellungen im militärischen Kontext kann man sich fragen, ob ausgehend von der heterogenen Zusammensetzung des persischen Militärs eine einheitliche Darstellung zu erwägen wäre. Denn wie schon erwähnt, besteht das persische Großreich aus vielen Satrapien und Klientelstaaten, die im Falle eines Krieges ein Heeresaufgebot zu stellen haben. Daraus ergibt sich zum einen, dass ein großer Teil des persischen Heeres kein stehendes Heer war, sondern in Kriegszeiten eingezogen wurde, aber auch, dass es sich um einen multilateralen Verband verschiedenster Kulturen handelte.9 So stellen Meder einen komplett anderen Truppentypus als Ägypter, mit eigener Ausrüstung und verschieden er Tracht. Dies muss man bei der Analyse der Perserdarstellungen berücksichtigen. Dass beim persischen Heer aber auch stehende Truppen vertreten waren, veranschaulicht uns zum Beispiel Herodot, als er von durch Garnisonen geschützte Straßen spricht10, sowie von einer 10000 Mann starken Königsgarde.11 Das persische Heer musste deshalb eine Vielzahl verschiedenster Truppentypen umfassen, das aber wohl vorwiegend aus Infanterie unterschiedlichster Bewaffnung und Bogenschützen bestand. Aber auch Kavallerie, sowie berittene Bogenschützen und Streitwägen waren vertreten, je nachdem welches Volk Truppenverbände stellte. So stellten Meder beispielsweise vorwiegend berittene Truppen, Lybier gepanzerte Infanterie und Baktirer Bogenschützen, sowie Seevölker wie die Phönizier die Flotte.12 Ein Aufgebot des persischen Heeres kann in Kriegszeiten also ein gewaltiges Ausmaß unterschiedlicher Kontingente annehmen, aber ist, wie bei den Perserkriegen mit den Griechen zu sehen, auch auf umfassende Vorbereitung und Versorgung angewiesen.

2.1.3 Tracht und Bewaffnung des persischen Heeres

Für die Abbildung von Persern in der attischen Vasenmalerei spielte vor allem die Tracht und Bewaffnung der persischen Truppen eine Rolle, die sich aus dem persischen „Nationalgebiet“ rekrutierten und nicht aus den Klientelstaaten stammten, weshalb im Folgendem auf deren Bewaffnung sowie Tracht eingegangen wird. Natürlich bleibt dabei noch die These offen, ob man sich stattdessen nicht sogar für eine einheitliche Darstellung des, wie schon erläutert, sehr heterogenen persischen Heeres bewusst entschieden hat. Die Tracht ist uns vorwiegend aus der persischen Hofkunst, zum Beispiel von Reliefen, bekannt, aber auch aus Zeitzeugenberichten, wie durch Herodot. Deshalb sollte man darauf achten, dass die Reliefs von den persischen Herrschern als Repräsentation ihrer Kultur und der eigenen militärischen Stärke zeugen und sich so natürlich, quellenkritisch betrachtet, die Frage aufwirft, wie zutreffend diese Darstellungen für den tatsächlichen persischen Soldaten im Kampf waren.13

Die persischen Soldaten sind vorwiegend in einem Faltengewand dargestellt. Dieses bestand aus einem mit Beinfalten versehenen Unterteil, der Kypassis, und einem über die Schulter hängenden Oberteil, der sogenannten Kapyris, die, wenn man sie zusammen getragen hat, das persische Faltengewand, nämlich die Aktaia, ergaben.14 Die Aktaia unterschieden sich natürlich, je nach Bedeutung der Person, in Farbgestaltung, Schmuck und Saumgestaltung. So waren die der Adeligen oft mit in Kreise eingeschlossene Lotusblüten, häufig mit aufgenähten Goldplättchen verschiedener Motiven, wie beispielsweise goldenen Löwen oder mit sehr farbenreich und aufwendig geschmücktem Saum versehen.15 Bei diesen Faltengewändern kann man den Einfluss der umliegenden Kulturen sehr gut wahrnehmen. Viele der Motive wie die Lotusblüten oder das Aufnähen von Goldblättchen entstammen medischen und skythischen Faltengewändern.16 Neben den Königsgewändern und Adelsgewändern hatten die militärischen Verbände auch ihre eigene Symbolik, welche uns später bei der Darstellung auf der Vasenmalerei wieder begegnen wird. Die Gewänder der Königsgarde waren in gelb und mit hellblauen, achtstrahligen Sternen, dem Symbol der Kriegsgöttin Ischtar, geschmückt.17 Garnisonstruppen und Stadtwachen trugen weiße Gewänder, welche mit einer Art Kassettenmuster verziert waren, das aus kleinen quadratischen Formen bestand und zum Beispiel einen Hügel, mit darauf stehenden Türmen und Mauern, zeigte.18 Die Kopfbedeckung, welche zum Faltengewand im Kampf getragen wurde, war vorwiegend eine Tiara, welche im vorderasiatischen Raum überall in verschiedensten Formen vertreten war und ein leichter Kopfschutz aus Leder und Filz war. Die Seitenlaschen konnten unter und vor dem Kinn miteinander verknotet werden, sodass der Mund bedeckt war. Der Kopfteil der Tiara war dabei stark variierbar.19 Die Bewaffnung war im persischen Heer sehr unterschiedlich. Die Königsgarde war mit rechteckigen Schilden und Lanzen bewaffnet, leichte Infanterieverbände konnten Äxte, Krumm- und Kurzschwerter, Speere und Rundschilde tragen und Bogenschützen waren mit Kompositbögen und Nahkampfwaffen bewaffnet.20

2.2 Athen und die Perserkriege

Die Perserkriege waren die ersten Konflikte in der griechischen Geschichte, die eine allumfassende Bedrohung für eine große Zahl an Poleis darstellte. Der erste Perserkrieg begann, nachdem die griechischen Poleis in der Ägäis 500 v. Chr., welche sich unter persischer Oberhoheit befanden, ausgehend von Milet, einen Aufstand wagten.21 Sie schickten nach Hilfe ins Mutterland, doch nur Athen und Eretria sendeten Hilfe. Als der Aufstand niedergeschlagen wurde und die Perser die aufständischen Städte wieder unter Kontrolle hatten, begannen sie mit einer Strafexpedition nach Griechenland selbst, aufgrund der Hilfeleistungen von Eretria und Athen.22 490 v. Chr. endete der Feldzug aber schon abrupt. Die Perser, welche einen Tyrannen, der ihnen wohl gesinnt war, in Athen integrieren wollten, sahen, dass diese zu erheblichen Widerstand bereit waren. Dieser zeigte sich ihnen in der Schlacht von Marathon, die aufgrund der unglaubwürdigen Zahlen an Gefallenen wohl eher ein Rückzugsgefecht war als eine Schlacht, sodass sie ihr Unterfangen wieder aufgaben, um unnötige Verluste zu vermeiden.23 Somit war der erste Perserkrieg mit einem überraschenden Sieg der Athener beendet. Dieser Sieg war die erste Möglichkeit für Athen, sich gegenüber den anderen Poleis, wie Sparta, zu emanzipieren. Und als eine weitere Invasion durch den neuen persischen Großkönig Xerxes bevorstand, bildeten die griechischen Poleis, welche sich nicht auf Bitte persischer Gesandten ohne Konflikt unterwarfen, erstmals ein recht umfassendes Verteidigungsbündnis.24 Nachdem die Invasion Xerxes‘ nach mehreren verlustreichen Schlachten und der Zerstörung Athens in einem unerwarteten Sieg für das griechische Bündnis endete und die Perser zurückgeschlagen werden konnten, entstand erneut ein Bündnis aus verschiedenen griechischen Poleis gegen die Perser, nämlich der Delisch-Attische Seebund.25 Bei diesem Bündnis stellten, unter der Schirmherrschaft Athens, alle Mitglieder einen kleinen Flottenanteil oder zahlten, wenn sie das nicht konnten, Geld in eine gemeinsame Kasse ein, um die Flotten der anderen zu finanzieren. Dies kann als Beginn der Vormachtstellung Athens unter den griechischen Poleis gesehen werden, die bis zum Ende des peloponnesischen Krieges anhielt, weshalb das Feindbild der Perser und die ständige Bedrohung durch diese, vor allem durch Athen aufrecht gehalten und instrumentalisiert wurde.26

2.3 Perserdarstellungen in der attischen Vasenmalerei

Bevor wir uns den tatsächlichen Abbildungen von Persern anhand ausgewählter Beispiele auf attischen Vasen widmen, stellt sich die Frage, welche Perserdarstellungen es in der attischen Vasenmalerei überhaupt gegeben hat. Die am häufigsten vertretene Form der Darstellung war die der Perser im Kampf gegen die Griechen.27 Hier unterscheiden sich die Darstellungen vor allem anhand der gestalterischen Mittel, wie der Kampf gezeigt wird, also zum Beispiel, ob der Grieche klar überlegen ist, dem Perser bestimmte Attribute wie Feigheit zugewiesen werden oder es sich tatsächlich um ebenbürtige Gegner handelt. Oft wurden die Perser in diesem Zusammenhang auch karikiert oder lächerlich gemacht. Perser wurden aber auch einzeln oder unter sich abgebildet. Jagdszenen waren beliebt oder es wurden persische Bräuche und orientalischer Luxus gezeigt. Hierbei wurden beispielsweise Trinkgelage oder prachtvoll gekleidete Fürsten und sogar Frauen wiedergegeben. Aber auch griechische Themen wurden mit persischen Akteuren aufgegriffen, darunter zum Beispiel der Kriegerabschied.28 Dieser Kontrast zwischen den Kampfdarstellungen mit überlegenen griechischen Hopliten und oft sogar lächerlich konnotierten Persern auf der einen Seite, sowie den Jagd- und Gelageszenen, in denen Perser die Protagonisten sind, auf der anderen Seite, ist fundamental für die folgenden Untersuchungen der Perserdarstellungen in der attischen Vasenmalerei.29

2.3.1 Perserdarstellungen vor den Perserkriegen

Lange Zeit gab es keine umfassende Bedrohung für ganz Griechenland und lediglich einzelne Poleis waren in Konflikte nach außen oder untereinander verwickelt. Gegner von heute konnten also nach Beilegen eines Konflikts wieder Verbündete von morgen sein. Aufgrund der starken Verbreitung der Polis im Mittel- und Schwarzmeerraum wurde schon früh Handel mit den verschiedenen Kulturen des Orients betrieben. So war skythische und orientalische Tracht auch in Athen beliebt, Luxusgüter wurden importiert und sogar als Statussymbole gesehen.30 Die Kulturen des Orients wurden folglich nicht als Bedrohung des eigenen Machtan spruchs gesehen, sondern geschätzt und einem übergeordneten, gemeinsamen kulturellen Horizont eingeschrieben.31 Grenzen zwischen Griechen und Nichtgriechen waren natürlich trotzdem vorhanden, wie man dem Zitat von Herodot aus der Einleitung schon entnehmen kann.32 Unterschiedliche Sprache, Institutionen, Sitten und Religion bestimmten den Umgang mit Fremden, aber durchdrangen nicht alle Lebensbereiche und determinierten oft nicht die gegebenen Rechte der Person.33 Daraus resultierend kann man von einem verhältnismäßig ambivalenten Weltbild der Griechen gegenüber Fremden sprechen, bei dem die Kulturen des Orients geschätzt wurden und keine statischen Freund- Feindbilder existierten.34 Dies sollte sich erst mit den Perserkriegen ändern.

2.3.1.1 Neutrales Bild der Perser als Barbaren

Das neutrale Bild der Perser in der attischen Vasenmalerei vor den Perserkriegen lässt sich zum Teil darauf zurückführen, dass es sich schon als sehr schwierig herausstellt, diese überhaupt von anderen Barbaren wie Skythen und Thraker oder auch Amazonen zu unterscheiden, da ihnen noch keine eindeutigen Stigmata zugeordnet wurden. Weil so gut wie kein direkter Kontakt zwischen der attischen Bevölkerung und den Persern bestand, der irgendeine Form von Wissen über das Aussehen des anderen vermittelte, waren Perser zwar ein Volk, welches man vom Namen her kannte, aber dem man kein eindeutiges Bild zuordnen konnte. Die Grundbestandteile persischer Tracht waren eine Ärmeljacke und eine Stoffhose, welche oft zu einer Art overalartigen Jacke-Hose Kostüm zusammengefasst wurde. Außerdem war dieses Kostüm oft mit horizontalen Mustern wie gezackten Bändern geschmückt. Die große Verbreitung und Variation der Kopfbedeckung lässt diese ebenfalls, als Motiv ausscheiden, um einen Perser vor den Perserkriegen eindeutig zu identifizieren. Sowie werden die Perser, wie andere Barbaren, oft auch mit struppigen Bärten dargestellt, die aber noch keine charakteristisch persischen Merkmale aufwiesen.35 Deshalb ist die Frage, ob es sich zum Beispiel um einen Skythen oder ein Perser handeln könnte, nicht immer eindeutig zu beantworten. Dazu kommt, dass zur Zeit der früheren Perserdarstellungen die Darstellungen der Skythen sich ebenfalls verallgemeinerten und begannen von der Norm abzuweichen.36 Dies ist, in der ersten Abbildung zu erkennen. Der dargestellte Mann liegt mit geschlossenen Augen auf und ruht sich aus oder schläft sogar. Der struppige Bart und das horizontal ausgeschmückte Ganzkörpertrikot lassen vermuten, dass es sich um einen Barbaren handeln soll. Darüber hinaus bestätigt seine Kopfbedeckung, eine Tiara mit offenen und nach unten hängenden Seitenlaschen, diese Annahme. Über ihm liegend sieht man einen Kompositbogen mit Köcher abgebildet und unter ihm ein Trinkhorn. Die gesamte Darstellung ist in einen Kreis eingeschrieben und auf einer rotfigurigen Tonschale vorzufinden, welche der Spätarchaik zuzuordnen ist. Sie wird auf 560-480 v. Chr. datiert und stammt daher aus der Zeit vor den Perserkriegen. Ob es sich um einen Perser oder Skythen handelt, ist schwer auszumachen, was die These unterstreicht, dass es noch keine klaren Stigmata für Perser gab und die Grenzen der Darstellung von orientalischen Barbaren sehr fließend gewesen waren. Der Barbar musste aber orientalischer Abstammung sein, wenn man die Kopfbedeckung und die Tracht berücksichtigt, sowie lässt der Kompositbogen diese Schlussfolgerung vermuten. Der Bogen, welcher eigentlich das charakteristische Merkmal des skythischen Heeres gewesen ist, war aber auch bei den Persern eine weit verbreitete Waffe und lässt ebenfalls keine genaue Deutung zu.37 Über die Tracht lässt sich nur sagen, dass sie orientalischen Ursprungs ist, nicht aber um welche „Nationalität“ es sich beim Träger handeln könnte. Diese Art des horizontal gemusterten Jacke-Hose Kostüms tritt sowohl bei Persern als auch bei der Darstellung von Skythen, Thrakern, Amazonen und weiteren Völkern auf, welche für den Griechen fremd waren. Dies ist, wie erwähnt, darauf zurückzuführen, dass man kein einheitliches Bild vor Augen haben konnte, welches man jedem Volk zuordnen konnte und diese deshalb in verallgemeinerter Form abbilden musste.38 Abschließend ist zu sagen, dass der Orientale bei einem Trinkgelage dargestellt sein muss. Das verrät die aufgestützte, ruhende Position der Person sowie das mit abgebildete Trinkhorn. Die Darstellung eines Orientalen beim Gelage ist ein typisches Thema bei der Abbildung von Persern oder Skythen auf attischen Vasen. Besonders hervorzuheben ist aber noch die Frontalität sowie die geschlossenen Augen der Person. Diese besonderen Merkmale lassen darauf schließen, dass der Orientale gerade schläft, da Frontalität und geschlossene Augen, außer in diesem Zusammenhang, ein sehr untypisches Thema sind. Die zweite Abbildung zeigt einen weiteren Fall einer unklaren Darstellung, bei der es sich um einen Perser handeln könnte. Diese ist auf 490 v. Chr. zu datieren und gehört auch zur rotfigurigen attischen Keramik. Anders als die erste zeigt sie eine Person auf einem Pferd. Die eine Hand ist am Zügel, während die andere einen Bogen festhält. Die Figur ist mit einem horizontal gezackten Ganzkörpertrikot bekleidet und trägt eine Tiara mit herunterhängenden Seiten- und Nackenlaschen. Das Besondere an dieser Darstellung ist das Fehlen eines Barts, weshalb die Möglichkeit besteht, dass es sich entweder um einen bartlosen Orientalen handelt oder um eine Amazone, da auch diese beritten und mit Bogen bewaffnet dargestellt wurden. Die Darstellung eines Barbaren ohne Bart war zwar untypisch, aber im Falle von Persern nicht ausgeschlossen, denn Perser werden vor allem im 5. Jh. v. Chr. auch ohne Bart dargestellt.39

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1 Hom. Od. 7, 159-160, (Übersetzung E. u. G. Gottwein), nach: http://www.gottwein.de/Grie/hom/od07de.php (26.02.2018).

2 Hdt. 8,144, (Übersetung T. Braun), nach: Das Geschichtswerk des Herodot von Halikarnassos.

3 Hom. Il. 2, 867, (Übersetzung E. u. G. Gottwein), nach: http://www.gottwein.de/Grie/hom/il02.php (26.02.2018).

4 Schmidt-Hofer 2016, 26-28.

5 Schmidt-Hofer 2016, 33.

6 Hdt. 5,52.

7 Schmidt-Hofer 2016, 34 -35.

8 Hdt. 1,135, (Übersetung T. Braun), nach: Das Geschichtswerk des Herodot von Halikarnassos.

9 Raeck 1981, 102.

10 Hdt. 5,52.

11 Hdt. 7,41.

12 Hdt. 7,60-80.

13 Bittner 1985, 84.

14 Bittner 1985, 111.

15 Bittner 1985, 112-113.

16 Bittner 1985, 113.

17 Bittner 1985, 115.

18 Bittner 1985, 117.

19 Bittner 1985, 128-130.

20 Raeck 1981, 102.

21 Schmidt-Hofer 2016, 42.

22 Schmidt-Hofer 2016, 48-49.

23 Schmidt-Hofer 2016, 51.

24 Schmidt-Hofer 2016, 55.

25 Schuller 2002, 31.

26 Schmidt-Hofer 2016, 75.

27 Raeck 1981, 109.

28 Raeck 1981, 101.

29 Hölscher 2000, 300-301.

30 Hölscher 2000, 300.

31 Hölscher 2000, 300.

32 Hdt. 8,144.

33 Hölscher 2000, 301.

34 Dihle 1994, 37.

35 Raeck 1981, 102.

36 Raeck 1981, 103.

37 Raeck 1981, 104.

38 Dihle, 1994, 46.

39 Raeck 1981, 106.

Details

Seiten
29
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668972537
ISBN (Buch)
9783668972544
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v484078
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1.0
Schlagworte
Perser attisch Perserdarstellungen Fremde Ikonografie Vasen Vasenmalerei

Autor

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