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Bruno Taut, Die neue Wohnung. Die Frau als Schöpferin, Leipzig 1928

Hausarbeit 2003 13 Seiten

Kulturwissenschaften - Empirische Kulturwissenschaften

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Bedingungen
2.1. Der Funktionalismus
2.2. Die Wohnungsnot

3. Bruno Taut, Die neue Wohnung. Die Frau als Schöpferin.
3.1. Aufräumen mit dem Überflüssigen
3.2. Vorschläge zur Rationalisierung
3.3. Praktisches und Ästhetisches als Einheit
3.4. Die Gliederung der Räume

4. Zusammenfassung

5. Bibliographie

1. Einleitung

In der folgenden Arbeit soll das Anliegen des Werkes „Die neue Wohnung. Die Frau als Schöpferin.“ von Bruno Taut herausgearbeitet werden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wird, sicher auch im Zuge der großen Veränderungen und eines daraus entsprungenen neuen Bewusstseins, eine Flut von Schriften zur Architektur herausgegeben. Taut wendet sich mit diesem Buch jedoch nicht an ein Fachpublikum, sondern an die Frauen, denen seiner Meinung nach die Gestaltung der Wohnung obliegt, was sich auch in der Sprache dieses Werkes widerspiegelt.

Um ein besseres Verständnis für das Gesamtbild der Zeit in diesem Rahmen zu geben, werden vorab die neue Strömung des Funktionalismus und die Problematik des Wohnungselends am Beispiel von Berlin umrissen.

Bruno Taut ist bekannt dafür, dass er sich während seines gesamten Schaffens immer vor allem der sozialen Verantwortung in seiner Aufgabe als Architekt bewusst und „im Einklang mit seiner damaligen Vorstellung, dass Architektur eine Sache des namenlosen Volkes ist, in das der Architekt sich einordnen und dem er sich unterordnen müsse. Unter den Funktionalisten der zwanziger Jahre ist keiner, der sich dem einfachen Menschen so verpflichtet fühlte und der auch in späteren Jahren die soziale Seite der Tätigkeit des Architekten so stark beachtet hat wie Taut.“ (Junghanns, 1989: 18). Aus diesem Grund versucht er mit seinen Möglichkeiten für eine Verbesserung des Lebens des Menschen zu wirken.

2. Die Bedingungen

2.1. Der Funktionalismus

Die Anfangsjahre der Weimarer Republik sind geprägt von Wandlungsprozessen in allen Bereichen. Die allgemeine Technisierung dieser Zeit ruft durch revolutionäre Erfindungen, neue, bisher ungeahnte Möglichkeiten der Industrie und in Richtung großes Vorbild Amerika blickend euphorische Begeisterung hervor. Technik wird als der Wegbereiter für eine bessere Lebensqualität und schnellen Fortschritt gehandelt. Die Produkte, aus neuen Materialien und durch neue Herstellungsverfahren entstanden, sind nun in erster Linie auf Zweckmäßigkeit ausgerichtet. Dieser Prozess wird begleitet von einer immer stärker werdenden Urbanisierung, sodass die Großstädte enormen Zuwachs haben bzw. sich erst in dieser Zeit als die uns heute bekannten Großstädte beginnen herauszubilden. Die Fabriken der Städte bieten zahlreiche Arbeitsplätze, was die Menschen vom Land in die Stadt zieht. Hinzu kommen die aus dem ersten Weltkrieg Zurückgekehrten. Die Familien werden, bzw. sind und bleiben es auch, verstärkt auseinander gerissen, kurz: die Gesellschaft unterliegt dem Prozess einer Neustrukturierung. Von diesem Technikpathos geprägt ist auch die Kunst, die sich nach den Prinzipien des Funktionalismus und Konstruktivismus ausdrückt. Das Objekt wird in einer geometrisch-technischen Konstruktion gestaltet, welche in erster Linie durch seine Funktion vorgegeben ist. Dieser Kunststil wird ab 1923 als Neue Sachlichkeit bezeichnet.

Sicher auch beeinflusst von der wachsenden Bevölkerungszahl in den Städten und der damit verbundenen, sich zuspitzenden Wohnungssituation wird ein bedeutender Bereich dieser Kunst die Architektur. Man spricht von der neuen Kunst der Architektur, die, entsprechend

der Umstände, die im nächsten Abschnitt ausführlicher beschrieben werden, verbunden ist mit

einer dringenden sozialen Aufgabe (Schrader/Schebera, 1987: 151). Auch hier gelten die

Prinzipien des Funktionalismus. Es soll nichts Überflüssiges, keinen Zufall geben. Das Ziel liegt in der Ökonomie und Rationalität der Konstruktion. Vor allem aber befasst man sich mit der Wirklichkeit. Protagonisten dabei sind die Künstler des Bauhauses und des Deutschen Werkbundes, „(…) die das Instrumentarium des Konstruktivismus auf die neuartige Gestaltung realer Lebensbereiche des Menschen anwendeten und damit eine gesellschaftliche Bindung herstellten, die zu neuer Funktionalität führte.“ (Schrader/Schebera, 1987: 164). Im

Zentrum steht hier das neue Bauen, vom Wohnungselend hervorgerufen und durch den technischen Fortschritt herausgefordert. Es geht um die komplexe, moderne Form des Wohnens vom Hausgerät bis zum Wohnhaus, die das Leben der Menschen verbessern und vereinfachen soll. Man will zur Befriedigung der realen Bedürfnisse der Gesellschaft beitragen. Die Vorzüge der neuen Zeit sollen sich auch hier widerspiegeln.

Neben anderen wird als Protagonist des neuen Bauens auch Bruno Taut genannt, dem große Verdienste als Stadtplaner in Magdeburg zugeschrieben werden können, da diese Aufgabe im Zuge der Urbanisierung immer mehr an Bedeutung gewinnt. Es werden Siedlungsprojekte aus öffentlichen Mitteln finanziert, was als die Geburtsstunde des sozialen Wohnungsbaus bezeichnet werden kann, der aus der Notwendigkeit eines Massenwohnungsbaus entsteht. Die 1926 entstandene Gehag-Siedlung in Berlin-Britz, bekannt als Hufeisensiedlung, ist auf die Leistungen Bruno Tauts in Zusammenarbeit mit Martin Wagner zurückzuführen. So entstehen in dieser Zeit auch einige andere Siedlungen, z.B. der so genannte „Rundling“ in Leipzig-Lößnig, durch verschiedene Architekten.

Als Zeichen der Zeit ist der Funktionalismus nach der Gesellschaft ausgerichtet, der Zweck ist das Mittel, einen neuen Lebensstil zu entfalten und die Dynamik von Energien somit zu fördern.

2.2. Die Wohnungsnot

Die Wohnungsnot wird, wenn man sich den Wandlungsprozess um die Jahrhundertwende von der Industrialisierung zur Verstädterung mit gleichzeitiger Proletarisierung der Menschen vor Augen hält, deutlich sichtbar. Hinzu kommt die gewaltige Bevölkerungsexplosion des 19. Jahrhunderts. Grund dafür ist die sinkende Sterbeziffer gepaart mit einer wachsenden Geburtsrate. In nicht einmal hundert Jahren wächst die Bevölkerung des Deutschen Reiches um 41 Millionen Menschen, das entspricht dem Zweieinhalbfachen, an (Dießenbacher, 1982: 10). Dadurch entsteht ein so genannter Bevölkerungsüberschuss. Um die Versorgung zu sichern, ist eine gesteigerte Nahrungsmittelproduktion auf dem Land notwendig, die durch reformatorische Maßnahmen in der Landwirtschaft, die sich durch neue technische Hilfsmittel, Düngemittel, Anbau neuer Produkte und der Umstellung der Anbaumethoden darstellen, erreicht werden. Durch die schon weit ausgebaute Infrastruktur in Form von Straße, Schiene und Kanal ist ein Handel mit den Produkten möglich. Arbeit ist jedoch trotzdem nicht ausreichend vorhanden, um sich zu versorgen. Es verbleibt noch ein großer Anteil an 'überflüssiger' Bevölkerung. Außerdem entfällt durch die Bauernbefreiung die Fürsorgepflicht der Gutsherren, wodurch sich die Lage zunehmend verschlimmert. Es findet eine „soziale Entwurzelung“ statt, die ländliche Bevölkerung wird „passiv proletarisiert“ (Dießenbacher, 1982: 11). Wenn bei Vielen hier schon der Entschluss zur Wanderung feststand, werden die noch Zögernden durch den sich bis aufs Land herumgesprochenen, immensen Arbeitskräftebedarf der Städte dazu bewegt. Als Industriezentrum gilt, neben

anderen Städten, an erster Stelle Berlin. Jedoch erwartet die Zuwanderer nicht die Verwirklichung der Illusion vom neuen Glück, denn die Realität ist gekennzeichnet von oft wechselnden Arbeitsstellen und somit auch Wohnstätten. Häufiges Umziehen sind die Folge und aufgrund „dieser Binnenwanderung werden die Großstädte zu Umschlagplätzen von Bevölkerungsmassen.“ (Dießenbacher, 1982: 13). Die Lohnarbeiter unterliegen dem Zwang, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, um überleben zu können. Noch 1900 leben 80 % der Bevölkerung auf dem Land, wohingegen schon 1920 60-70 % in den Städten lebt. Dass die

Städte diesem enormen Andrang nicht gewachsen sind, ist abzusehen. Die Abdrängung dieser Menschenmassen erfolgt in Mietskasernen und Massenquartieren. Durchschnittliche Jahreseinkommen von 1500,- Mark einer Arbeiterfamilie um 1910 (Beier, 1982: 247) machen es nicht möglich, für finanzielle Rücklagen zu sorgen. Der Verdienst dient ausschließlich der Lebenserhaltung, an Vergnügungen oder Ausflüge ist nicht zu denken. Geld für Anschaffungen, wie Möbel oder Kleidung muss extra verdient bzw. langfristig vom Essen abgespart werden. Die Ausgaben für Lebensmittel allein machen schon einen Anteil von 65 % aus (Beier, 1982: 247). Dieser Anteil steigt jedoch umso mehr, je niedriger der Lohn ausfällt.

Abeiterfamilien leben zum größten Teil in den Hinterhäusern der Mietskasernen, die sich als Quer- und Seitenhäuser dicht um dunkle, enge Höfe drängen. Den Endpunkt des sozialen Abstiegs sind die Dach- und Kellerwohnungen, nur durch steile, enge Treppen erreichbar. Diese sind entweder zu heiß oder zu kalt und feucht. Aber auch die dazwischen liegenden Wohnungen sind aufgrund kleiner oder fehlender Fenster fast ohne Tageslicht und schlecht gelüftet bei einer oft gleichzeitigen Funktion als Küche, Schlaf- und Wohnraum. Der Großteil der Wohnungen ist eine Kombination von einer Küche und einer Stube, in denen mindestens sechs Personen in einem und mindestens 10 Personen in zwei Räumen 'leben' (Beier, 1982: 263). Aus finanzieller Not war zusätzlich oftmals die Aufnahme von Schlafgängern nötig, d.h. es schlafen nicht nur mehrere Familienmitglieder in einem Bett, sondern teilweise auch sich völlig fremde Menschen. 1905 kommen 104081 Schlafgänger auf 63425 Haushalte (Sachße/Tennstedt, 1982: 281). Von Privatsphäre kann in diesem Rahmen überhaupt nicht gesprochen werden. Neben baulichen Mängeln und Ungeziefer bzw. Schimmel, sind häufig keine Heizmöglichkeiten vorhanden. Eine Toilette auf halber Treppe für vier Wohnungen gleichzeitig ist die Regel. Trotz des hier dargestellten Platzmangels, der die Räume mit Möbeln und Hausrat überfüllt, werden in manchen Fällen sogar noch Hühner oder Kaninchen gehalten.

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Details

Seiten
13
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638452564
ISBN (Buch)
9783638824286
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v48588
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Kulturwissenschaften
Note
1
Schlagworte
Bruno Taut Wohnung Frau Schöpferin Leipzig Kulturgeschichte Weimarer Republik

Autor

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Titel: Bruno Taut, Die neue Wohnung. Die Frau als Schöpferin, Leipzig 1928