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Geruchsgenialität und Geruchlosigkeit in Patrick Süßkinds "Das Parfum". Die Entwicklung des Jean-Baptiste Grenouille als realistische Figur

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 25 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einführende Überlegungen zum Leben Grenouilles

II. Die Perspektive des Erzählers

III. Grenouilles Sozialisationsbedingungen

IV. Die existentielle Problematik Grenouilles
1. Plomb du Cantal – Euphorie, Wahn und Ernüchterung
2. Montpellier – Die Erkenntnis seiner Macht
3. Grasse – In Reichweite seines Lebensziels
4. Place du Cours – Triumph und Untergang
5. Paris – Grenouilles Selbstaufgabe

V. Resümee

VI. Literaturverzeichnis

I. Einführende Überlegungen zum Leben Grenouilles

Patrick Süskind erlangt mit seinem 1985 erschienenen Roman „Das Parfum. Die Geschichte eines Mörders“ den Status eines Bestsellerautoren. Der Roman schildert eine Art Biografie des Jean-Baptiste Grenouille, der im Frankreich des 18. Jahrhunderts lebt und nach Aussage des Erzählers „zu den genialsten und abscheulichsten Gestalten dieser an genialen und abscheulichen Gestalten nicht armen Epoche“[1] zu zählen ist. Die Figur des Grenouille ist in ihrer gesamten Gestaltung sehr vielfältig und soll deswegen Gegenstand dieser Untersuchung sein. Faszinierend ist in erster Linie die Vermischung von realistischen und phantastischen Elementen, die in der Gestalt Grenouilles vereint werden. Es gelingt dem Leser nicht, den Protagonisten nur auf einer dieser beiden Ebenen wahrzunehmen, da keine allein ausreicht, um Grenouille vollständig zu erfassen.[2] Dennoch sollen im Folgenden ausschließlich die menschlichen Facetten Grenouilles erarbeitet werden.

Im Vorfeld werden dabei Grenouilles Sozialisationsbedingungen dargelegt und daraus ableitend nach Erklärungen für seine weitere Persönlichkeitsausprägung gesucht – neben den unleugbaren Abnormitäten seiner Geruchsgenialität und Geruchlosigkeit. Eventuell ist es möglich, seine späteren Handlungsweisen in irgendeiner Form zu rechtfertigen, indem man Grenouille nicht nur als Mörder sondern auch als Opfer betrachtet. Der primäre Schwerpunkt soll dabei insbesondere auf der existentiellen Problematik Grenouilles liegen, die im Zuge der einzelnen Stationen seines Lebens immer wieder nachvollzogen und überprüft werden soll, da sie offensichtlich zum einen aus seiner psychosozialen Entwicklung, zum anderen aus seiner körperlichen Disposition resultiert. In diesem Kontext sind außerdem verschiedene psychologische, ethische, moralische und religiöse Aspekte zu thematisieren, die seine charakterliche Veranlagung ebenfalls mitbestimmen.

Geschildert wird also der Lebensverlauf eines von den Mitmenschen entweder kaum bis gar nicht wahrgenommenen oder ohne Skrupel ausgenutzten einsamen Individuums, das eines Tages seine geniale olfaktorische Begabung erkennt und daraus den Sinn und Zweck seines Lebens folgert – nämlich der „größte Parfumeur aller Zeiten“[3] zu werden. Geboren in Paris „am allerstinkendsten Ort des gesamten Königreichs“[4], „stammend aus Abfall, Kot und Verwesung“[5] handelt Grenouilles Geschichte von einer langsamen, aber stetigen äußerlichen Integration in die gesellschaftliche Ordnung, gleichzeitig jedoch von seinem innerlichen, charakterlichen Abstieg.[6]

Der Verlauf von Grenouilles Leben und seiner Entwicklung lässt sich nach einer recht ausführlich geschilderten harten, lieblosen Kindheit und Jugend in seine „Lehrjahre“, „Wanderjahre“ und „Meisterjahre“[7] aufteilen. Die Lehrjahre umfassen in erster Linie die Ausbildung im Handwerk der Parfumeurskunst bei dem alteingesessenen Parfumeur Baldini sowie das Erreichen des Gesellentums und dem damit verbundenen „Mantel einer bürgerlichen Existenz“[8]. Während seiner Wanderjahre, die in einem siebenjährigen Aufenthalt in einer welt- und menschenfernen Berghöhle gipfeln, beginnt Grenouilles Selbstfindungsphase. Dabei gelangt er eines Tages zur folgenschweren und katastrophalen Erkenntnis der eigenen Geruchlosigkeit, die ihn zurück in die Welt der Menschen treibt. Hier beginnt die Zeit seiner Meisterjahre, nachdem er in Montpellier beim Marquis de la Taillade-Espinasse realisiert hat, dass er die Menschen mit Duftsurrogaten täuschen kann. Er geht nach Grasse, um seine Parfumeurskünste zu perfektionieren und stößt dabei auf einen Duft, der ihn zur Kreation eines Parfums inspiriert, das die Liebe der Menschen heraufbeschwören soll. Für diesen Duft sind jedoch Morde an 25 jungfräulichen schönen Mädchen notwendig. Grenouille wird entlarvt und verurteilt. Seine Hinrichtung allerdings endet in einer Massenorgie, in deren Folge Grenouille als gottgleiche Gestalt die Begnadigung erhält. Ihm aber wird die Sinnlosigkeit seines ganzes Unternehmens bewusst: sein Triumph hat für ihn keine Bedeutung. So beschließt er seinen Lebenskreis am Ort seiner Geburt, dem „Cimetière des Innocents“, dem ehemaligen Friedhof von Paris, wo er sich mit seiner Schöpfung, seinem Parfum übergießt und vom zwielichtigen, gesellschaftlichen Abschaum mit Haut und Haaren auffressen lässt.

II. Die Perspektive des Erzählers

Eine kurze Darstellung der Erzählperspektive soll die wenig neutrale Sichtweise des Erzählers auf die Hauptfigur verdeutlichen, die dem Leser eine bestimmte Betrachtungsweise nahe legen möchte. Auszugehen ist von einer auktorialen Erzählsituation, durch die unser Erzähler sich einen allwissenden Anschein gibt, der aber nicht mit einer sachlich-neutralen Außensicht zu verwechseln ist. Gleich in der Einleitung des Romans lässt sich sein Standpunkt bezüglich einer Bewertung des Protagonisten ablesen[9], wenn er ihn zu den „genialsten und abscheulichsten Gestalten“[10] des 18. Jahrhunderts zählt. Seine abwertende Position hinsichtlich Grenouille behält er bei, indem er ihn durchgehend als abgrundtief böse darstellt.

Er war von Beginn an ein Scheusal. Er entschied sich für das Leben aus reinem Trotz und aus reiner Boshaftigkeit.[11]

Er vergleicht ihn fortlaufend mit einer Zecke, einem wenig attraktiven Lebewesen, und er mag auch mit dem Vergleich nicht Unrecht haben – sofern man nur Grenouilles äußeres Verhalten betrachtet. Besonders bei der Schilderung der Kindheits- und Jugendjahre geht der Erzähler hauptsächlich auf Grenouilles äußerliche Handlungsweisen ein und beschreibt höchstens noch seine Geruchsgenialität; er lässt den Leser aber keine Inneneinsicht in Grenouilles Gefühlswelt nehmen, sondern geht von absoluter Gefühllosigkeit aus. Zwar versucht der Berichtende partiell diese extreme Darstellung von Grenouille etwas abzuschwächen, indem er ihn beispielsweise „objektiv gesehen“[12] als nicht Angst einflößend bezeichnet. Im gleichen Atemzug jedoch erfährt der Leser eine neue Herabsetzung Grenouilles, nämlich dass „seine Intelligenz […] alles andere als fürchterlich zu sein“[13] scheint. Dennoch kann der Leser erkennen, dass er der Stigmatisierung Grenouilles durch den Erzähler nicht uneingeschränkt folgen darf. Raab/Oswald sind der Ansicht, dass „[d]er Text selbst […] Identifikationsangebote für den Leser bereit [hält], die der Erzähler explizit zurückzuweisen versucht.“[14] Betrachtet man Grenouille als mögliche reale, nicht phantastische Figur[15], ist es kaum möglich ihn nur als ein an Größenwahn leidendes Monster zu betrachten – außer man ignoriert seine Lebensbedingungen und seinen Sozialisationsprozess vollends. Raab/Oswald entwickeln folgende annehmbare Verteidigungsrede für Grenouille:

Anders als der Erzähler behauptet, ist Grenouille nicht von Anfang an böse, denn als Kind hat er gar nicht die Chance, moralische Kategorien unterscheiden zu lernen. Stattdessen lernt er, gegen Erniedrigungen und Bedrohungen eigene Verteidigungsstrategien zu entwickeln – auch wenn diese letztlich versagen.[16]

Die Innenwelt Grenouilles schildert der Erzähler eigentlich erstmals im Kontext der Ermordung des Mädchens in der Rue des Marais in Paris[17] mit der Absicht, die Unmenschlichkeit und Bestialität des Protagonisten nachhaltig zu bekräftigen. Zu einer ausführlicheren Innensicht gelangt der Leser schließlich im Zuge von Grenouilles Höhlen-Aufenthalt. Hierdurch erhält der Leser einen ersten – rückblickenden – Einblick in Grenouilles Empfindungen und Leiden während seiner Kinderzeit, die seinen Hass hervorgerufen haben.[18] Doch selbst dabei verzichtet der Erzähler nicht auf übertreibende Formulierungen, die Grenouille als lächerliche, megalomane Gestalt darstellen. Es geht dem Erzähler vornehmlich darum, die Täter-Mentalität Grenouilles hervorzuheben und seine Opferrolle zu negieren, die allerdings auf Grund seiner Kindheitserlebnisse nicht vernachlässigt werden darf und seine Handlungsweisen wenigstens im Ansatz erklärbar, vielleicht auch nachvollziehbar machen.

Es würde hier zu weit führen, in Bezug auf die Darstellungsweise des Erzählers weitere Besonderheiten aufzulisten – auch hinsichtlich anderer Figuren im Text, die durch den Erzählstil größtenteils unsympathisch erscheinen. Lediglich auf die geringe Vertrauenswürdigkeit des Berichtenden soll hingewiesen sein, der fast durchgängig in ironischer Weise das Geschehen kommentiert.

III. Grenouilles Sozialisationsbedingungen

Süskinds Protagonist Grenouille lässt sich nicht einfach als abscheulicher, grausamer Mörder abwerten ohne die Hintergründe hierfür und seine Entwicklungsbedingungen näher zu untersuchen. Wenn man berücksichtigt, unter welchen Umständen er geboren wird und aufgewachsen ist, kann der Erzähler noch so vehement behaupten, dass Grenouille sich mit dem „instinktive[n] Schrei“[19] nach seiner Geburt „aus reinem Trotz und aus reiner Boshaftigkeit“[20] für sein Leben eingesetzt habe. Ein Kind ist nicht vorsätzlich böse, auch wenn es gewissermaßen als egoistisches Wesen ohne soziale Kategorien geboren wird; diese – nicht bewusste – Verhaltensweise soll es jedoch im Laufe seines Lebens in Folge seiner Erziehung ablegen; eine solche Chance hat Grenouille allerdings niemals gehabt. Nach sozialisationstheoretischen und psychologischen Erkenntnissen müssen eindeutig seine prä- und postnatalen Erfahrungen für seine späteren Ausprägungen und Verhaltensabnormitäten herangezogen werden – ebenso wie seine Geruchsgenialität. Letztere allein hätte wohl nicht unweigerlich zu diesen wahnsinnigen Denkformen führen müssen.

Alle durchlaufenen Sozialisationsphasen seines Lebens bleiben gestört. Auch wenn der Sozialisationsprozess selbst ein ganzes Leben lang dauert, sind die Bedingungen für Grenouilles Dasein von Anfang an denkbar ungünstig. Ohne die prägenden elterlichen Einflüsse, die Vermittlung von Werten, Normen und angemessenen Umgangsformen, ohne irgendwelche Maßstäbe und Leitlinien bleibt Grenouille völlig auf sich allein gestellt. Seine Mutter ist eine mehrfache Kindsmörderin, die in Folge seines Geburtsschreis enttarnt und hingerichtet wird. Man kann sich fast bildlich vorstellen, dass Grenouille bereits im Bauch seiner Mutter ihre Abneigung und ihren Ekel gegen ihn, ihr Kind, vernommen, vielleicht gerochen hat. Der Vater wird gar nicht erwähnt; er ist aber eine höchst interessante Leerstelle im Roman, da er möglicherweise Aufschluss über Grenouilles Veranlagungen geben könnte.[21]

In der Phase der primären Sozialisation durchläuft er somit eine Odyssee, die durch die Herumreichung von einer Amme zur nächsten bestimmt ist. Keine von ihnen will ihn längere Zeit nähren und aufziehen.[22] In einer Art Waisenheim wird Grenouille schließlich von Madame Gaillard, einer vollkommen gefühlskalten Frau, aufgenommen und lebt dort bis zum achten Lebensjahr. Auch hier wird er nicht annähernd auf einen gesellschaftlichen Umgang oder ein zwischenmenschliches Miteinander vorbereitet, an Erziehung und Unterrichtung werden nur die notwendigsten Versuche unternommen.[23] So kann er erst mit drei mäßig laufen und mit vier etwas sprechen[24], seine schulische Ausbildung ist nicht der Rede wert.[25] Seine Sprache beschränkt sich auch im Folgenden fast ausschließlich auf Substantive, auf Bezeichnungen „von konkreten Dingen, Pflanzen, Tieren und Menschen“[26], da ihm alle Abstrakta – die ja nun einmal nicht mit Gerüchen zu beschreiben sind – unverständlich und somit bedeutungslos bleiben.

[...]


[1] Süskind, Patrick: Das Parfum. Die Geschichte eines Mörders. Zürich: Diogenes 1994. S.5. Diese Ausgabe wird auch bei allen folgenden Textzitierungen verwendet werden. Als Abkürzung wird im Folgenden diese benutzt: Parfum:S.5

[2] Dies ist aber u.a. wieder ein typisches Kennzeichen für Texte, die der postmodernen Literatur zugerechnet werden.

[3] Parfum: S.58

[4] Parfum: S.7.

[5] Parfum: S.304.

[6] Vgl. M.C. Barbetta: Poetik des Neo-Phantastischen. S.116.

[7] Schon einige Wissenschaftler haben hier die intertextuellen Bezüge zu Goethes „Wilhelm Meister“ erkannt und ausführlicher dargestellt. So zum Beispiel M.C. Barbetta, S.115f. und G. Neumann, S.194f.

[8] Parfum: S.121.

[9] Vgl. auch Delseit/Drost: Erläuterungen und Dokumente. Patrick Süskind. Das Parfum. S.58.

[10] Parfum: S.5.

[11] Parfum: S.28.

[12] Parfum: S.31.

[13] Ebd.

[14] Raab/Oswald: Das Parfum. S.50.

[15] Davon wird in dieser Arbeit ausgegangen. Genauso interessant aber ist auch die Untersuchung der Figur Grenouille als phantastische Gestalt wie es M.C. Barbetta unternommen hat. Da hier jedoch eine Beschränkung vorgenommen werden muss, liegt der Schwerpunkt auf den real möglichen Aspekten, Handlungsweisen und Charakterzügen der Hauptfigur.

[16] Raab/Oswald: S.50.

[17] Vgl. Parfum: S.50, 52, 55, 57f.

[18] Vgl. Parfum: S.158f.

[19] Parfum: S.28.

[20] Parfum: S.28.

[21] Vgl. M.C. Barbetta: S.115.

[22] Vielfach würde es im Verlauf dieser Arbeit zu weit führen, die konkreten Namen und Stationen genau aufzuführen, da es für den Grundtenor auch nicht weiter ausschlaggebend wäre.

[23] Deutlich betont soll sein, dass hier modernere Erziehungsvorstellungen auf eine Zeit angewendet werden, in der vermutlich höchstens Kinder aus reichen, vornehmen und/oder adligen Familien überhaupt Erziehung und Unterrichtung erhalten haben. Der Großteil der Erwachsenen musste ums bloße Überleben kämpfen, Kinder dienten in erster Linie als Versorgungsmöglichkeiten. Um die gesellschaftlichen Missstände der damaligen Zeit soll es hier allerdings nicht gehen. Grenouilles Sozialisationsvoraussetzungen sollen nur als ein Erklärungsversuch für seine späteren Dispositionen und Handlungsweisen herangezogen werden.

[24] Vgl. Parfum: S.31.

[25] Vgl. Parfum: „Ein eineinhalbjähriger sporadischer Besuch der Pfarrschule von Notre Dame de Bon Secours blieb ohne erkennbare Wirkung. Er lernte ein bißchen buchstabieren und den eignen Namen schreiben, sonst nichts. Sein Lehrer hielt ihn für schwachsinnig.“ (S.35)

[26] Parfum: S.31.

Details

Seiten
25
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638452595
ISBN (Buch)
9783638659819
Dateigröße
554 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v48591
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,7
Schlagworte
Geruchsgenialität Geruchlosigkeit Entwicklung Jean-Baptiste Grenouille Figur

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