Lade Inhalt...

Handlungs- und produktionsorientierter Unterricht. Kritische Hinterfragung der Heldenfigur zur Förderung vielseitiger Perspektivenübernahme

Unterrichtsentwurf 2019 20 Seiten

Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Rahmenbedingungen
1.1 Schule
1.2 Die Klasse 3a
1.3 Blick auf einzelne Schüler

2 Überlegungen zur Sache: Das Vamperl von Renate Welsh
2.1 Inhalt
2.2 Struktur
2.3 Sprache
2.4 Erzählperspektive
2.5 Textintention
2.6 Textstelle

3 Didaktische Grundlegungen für den Unterricht
3.1 Handlungs- und produktionsorientierter Literaturunterricht
3.2 Relevanz des Themas
3.3 Legitimation des Themas durch den Bildungsplan
3.3.1 Beitrag zu den Leitperspektiven
3.4 Qualitätskriterien des Faches Deutsch

4 Die Stunde
4.1 Ziele der Stunde
4.2 Didaktisch-methodische Konzeption der Stunde - Verlaufsplanung

5 Literaturverzeichnis

6 Bildquellen

7 Anhang

1 Rahmenbedingungen

1.1 Schule

Die Schule liegt im Schulzentrum der Kleinstadt X. Die Schülerinnen und Schüler1 kommen aus der 9000 - Einwohnerstadt X und aus der Ortschaft Y. Letztere nutzen den Bus, was unter Umständen zu Verspätungen in der 1. Stunde führen kann.

Pädagogische Leitsätze sind die Grundlage für das Schulleben und für das Unterrichtsgeschehen sind. Zu ihnen gehört ein wertschätzender Umgang miteinander und das Fördern und Stärken der Persönlichkeitsentwicklung des Einzelnen unter Berücksichtigung der individuellen Ressourcen. Die Grundschule bezeichnet sich als „lesende“ Schule, was bedeutet, dass sie einen Schwerpunkt auf die Förderung von Lesekompetenz und Lesefreude gelegt hat.

1.2 Die Klasse 3a

Die Klasse setzt sich aus 13 Mädchen und 9 Jungen zusammen. Als Fachlehrerin unterrichte ich die Fächer Deutsch und Sachunterricht. Da ich die Klasse schon im letzten Schuljahr begleiten konnte, habe ich früh eine gute Beziehung zu den Schülern aufbauen können.

Das Klassenklima lässt sich als positiv beschreiben. Die SuS sind grundsätzlich motiviert und ihre Lernbereitschaft ist hoch. Bekannte Arbeitsanweisungen werden befolgt und Neues wird wissbegierig aufgenommen.

Sowohl im Bereich des kognitiven Lernvermögens als auch im Bereich der Anstrengungsbereitschaft unterscheiden sich die Schüler sehr. In meinem Unterricht versuche ich deshalb möglichst offene Aufgaben anzubieten. Offene Aufgaben irritierten am Anfang des Schuljahres die Schüler stark, sodass oft viele Fragen gestellt wurden. Durch den immer wiederkehrenden Einsatz dieser sind die Schüler zunehmend vertraut mit ihnen geworden. Nur einzelne Schüler haben damit noch Schwierigkeiten. Diese versuche ich immer wieder aktiv zu ermutigen, eigene Lösungswege auszuprobieren.

Weiterhin begleitet den Deutschunterricht eine feste Wochenstruktur, die ein sinnvolles Ankommen im Deutschunterricht ermöglicht. Auf Wunsch der Klassenlehrerin findet am Montag der Erzählkreis im Deutschunterricht statt. Dieser wird in verschiedenen Formen durchgeführt, um die Sprech- und Zuhörkompetenz zu üben. Eine feste freie Lesezeit ist Dienstag am Anfang der Stunde verortet bei der die Schüler in ihrem Tischbuch lesen können. Diese ist mit bestimmten Aufgaben verbunden, damit die Schüler sich im Leseverständnis üben. Am Donnerstag wird der harte Brocken besprochen. Beim harten Brocken handelt es sich um ein Wort an dem ein Rechtschreibphänomen geübt und trainiert wird. Und zuletzt gibt es den Satz der Woche, an dem verschiedene sprachliche Phänomene analysiert werden können. Diese passen sich immer den behandelten Themen und dem Stand der Klasse an.

Zu erwähnen ist auch noch, dass die Lesemotivation mit Hilfe einer Lesemauer gefördert wird. Die Lesemauer wird anhand von gelesenen Minuten „erbaut“. Ziel ist es die Lesemauer bis „zur Decke“ aufzubauen. Jeder trägt zum gemeinsamen Ziel bei. Dies stärkt die Motivation der einzelnen Schüler.

Als Ruhezeichen ist das dreimalige Klatschen etabliert. Während die Lehrkraft dreimal klatscht, legen die Schüler ihre Stifte aus der Hand und verschränken die Arme zu einer Brezel. Dies ermöglicht, Anweisungen zu geben oder Arbeitsphasen zu beenden. Zur Beendigung von Arbeitsphasen wird auch die Klangschale benutzt. Weiterhin ist in der Klasse das „Spiel“ etabliert. Einzige Regel beim Spiel ist, dass keiner Reden darf. Das „Spiel“ wird für Einzelarbeitsphasen und Übergänge eingesetzt.

1.3 Blick auf einzelne Schüler

M. hat ein diagnostiziertes Aufmerksamkeitsdefizit. Um eine neue Diagnose feststellen zu können, wurde ihre Medikation vor 2 Wochen abgesetzt. Sie wirkt daher im Unterricht teilweise abwesend und ihre Teilnahme an Gesprächen ist oft nur durch gezielte Aufforderungen zu erreichen, dennoch erledigt Marie ihre Aufgaben sinngemäß. Aufgaben in Partnerarbeit bereiten ihr seit dem Absetzen der Medikamente größere Schwierigkeiten als zuvor, da sie sich schwer auf Ideen anderer einlassen kann.

J. u. S. haben beide einen Migrationshintergrund, der ihre Teilnahme am Unterricht teilweise einschränkt. Obwohl beide Schüler den mündlichen Umgang weitestgehend fehlerfrei beherrschen, bereiten ihnen manche Begriffe (S.) und schriftlich zu erledigende Aufträge (J.) Schwierigkeiten.

S. hat den Auftrag jegliche Verständnisprobleme sofort zu melden. Er ist ein sehr introvertierter Schüler, so dass ich hier stark hinterher bin. Er sitzt neben Ja., einem leistungsstärkeren Schüler, der sprachlich sehr gewandt ist.

J. Schreibkompetenz entspricht beim freien Schreiben teilweise noch der eines Zweitklässlers. Weiterhin kann J. keine Texte fehlerfrei abschreiben. Deshalb wurde den Eltern von J. nahegelegt ihren Sohn testen zu lassen, um vorliegende körperliche Störungen ausschließen zu können.

F. ist ein leistungsstarker Schüler, der jedoch häufig unter seinem Leistungsniveau Aufgaben erledigt. Sein Arbeitsverhalten ist stark interessegeleitet, so dass ich ihm immer wieder herausfordernde Aufgaben gebe.

I. und N. sind beides Schüler, die sehr schnell arbeiten, jedoch oft flüchtig und ungenau. Beiden Schülern fällt es schwer kognitiv in die Tiefe zu gehen und so arbeite ich seit Anfang des Schuljahres durch Aufforderungen daran, dass sie gezielt das schnelle Erledigen von Aufgaben aufgeben und dafür konzentriert und genauer an Aufgaben arbeiten.

2 Überlegungen zur Sache: Das Vamperl von Renate Welsh

Im Mittelpunkt der heutigen Stunde steht das Kapitel „Radfahren verboten“, welches dem 1979 erschienenen Kinder- und Jugendbuch Das Vamperl entstammt. Autorin ist die österreichische Schriftstellerin Renate Welsh. Illustriert wurde die Ausgabe 2014 von Heribert Schulmeyer. Nach Kümmerlin-Meibauer entspricht das Buch mit seiner Sprache, der Einfachheit und wegen der Darstellung der kindlichen Erlebniswelt den Anforderungen an Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur.2

2.1 Inhalt

Der Roman erzählt von einem Zusammentreffen der 67 jährigen Rentnerin, Frau Lizzi und einem winzigen Vampir. Der kleine Vampir ist alles andere als furchterregend und gewinnt sofort das Herz der unverheirateten und kinderlosen Frau Lizzi. Trotz der Empörung der Nachbarin, die das Tier gerne entsorgen würde, entscheidet sich Frau Lizzi das Tier zu behalten, es auf den Namen Vamperl zu taufen und ihn mit Milch aufzuziehen, so dass es auch keine Gefahr für Menschen darstellen kann.

Schon bald wird deutlich, dass das kleine seltsame Tier, das rasch wächst und fliegen lernt, es gar nicht auf Blut abgesehen hat. Es entzieht wütenden Menschen die Gallenflüssigkeit, indem es sie einfach wie ein Insekt sticht und sie aussaugt. Die so von dem Gift befreiten Menschen werden von einem Augenblick zum anderen wieder ruhig und verständnisvoll.

Schon bald wird jedoch klar, dass es sein selbst vorgeschriebenes Arbeitspensum alleine nicht schaffen kann. Frau Lizzi, die ihn wie ein eigenes Kind behandelt, verspricht ihm daher nach Unterstützung zu suchen. Versteckt unter einem Hut, geht das Vamperl gemeinsam mit Frau Lizzi auf die Suche. Hierbei gerät das Vamperl in Hände eines Professors, der es für seinen wissenschaftlichen Ruhm ausnutzen will. Im Krankenhaus wird das Vamperl immer unglücklicher und aggressiver bis es Frau Lizzi befreit und erneut bei sich aufnimmt.

2.2 Struktur

Das Buch umfasst 111 Seiten und gliedert sich in 11 Kapitel. Einige Illustrationen unterstützen die Erzählung und verdeutlichen Schlüsselsituationen. Unabhängig von dieser formalen Struktur, lässt sich das Buch in 3 Teile gliedern. Die zeitliche Abfolge ist linear.

Kapitel 1-3 stellen die Einleitung in die Geschichte dar. In diesen Kapiteln werden die Hauptfiguren der Geschichte beschrieben. Kapitel 4-8 bilden den Hauptteil der Erzählung. Durch verschiedene Ereignisse wird die Fähigkeit des Vamperls deutlich. In diesem Teil wird dem Wunsch vieler Kinder nach einer friedvollen Welt nachgegangen. Die letzten Kapitel 9-11 bilden eine Wendung im Buch, da eine neue relevante Figur, der Professor, in Erscheinung tritt und das Leben der beiden Hauptfiguren maßgeblich beeinflusst.

2.3 Sprache

Das Buch ist in einer verständlichen Sprache geschrieben. Dennoch ist sie eindeutig dem Österreichischen zuzuordnen. Schon die Überschrift „Vamperl“ entspricht dem Diminutivsuffix der österreichischen Verkleinerungsform.

Eine weitere Besonderheit in dem Buch stellen die immer wiederkehrenden poetischen Elemente dar. In Form von Gedichten und Liedern werden die Geschehnisse begleitet und Handlungsstränge aufgegriffen. Abgesehen von einem Gedicht am Anfang des Buches (S. 8) sind jedoch auch diese in verständlicher und moderner Sprache geschrieben.

2.4 Erzählperspektive

Dank einer auktorialen Erzählperspektive ist in dem Buch eine Innensicht der Gefühls- und Gedankenwelt der Figuren möglich. Der Erzähler begleitet den Leser aus einer souveränen Überschau und zeigt durch Wissen über die Zukunft, dass er allwissend ist.3 Nur die Gefühls- und Gedankenwelt des Vamperls wird den Lesern verweigert. Dieser versteht zwar die menschliche Sprache, kann selbst jedoch nur fiepen. Diese Konstruktion könnte, legt man die Figur des Vamperls auf Kinder um, als Hinweis auf die noch nicht vollständig entwickelte Ausdrucksmöglichkeit von Kindern interpretiert werden.

2.5 Textintention

Zentrales Motiv des Buches sind tägliche Auseinandersetzungen und Streitigkeiten, die den Alltag plagen. Diese werden auf ihre Sinnhaftigkeit hin überprüft, in dem aufgezeigt wird, dass es auch ohne sie geht bzw. ohne sie vielen Menschen ihre Sorgen und Nöte genommen werden können. In dem Buch wird das Thema auf einer sehr kindlichen Vorstellung aufgebaut und entsprechen dem Wunsch nach einer friedvollen Welt. Die Textstellen stellen jedoch gesellschaftspolitische Probleme dar, wie z.B. Mobbing oder Ungerechtigkeit Schwächeren gegenüber. Von besonderer Bedeutung ist die Verwandlung, die die vermeintlich „bösen“ Menschen nach einem Stich vom Vamperl durchlaufen. Nachdem ihnen das Gift aus der Galle gesaugt wird, welches im alten Griechenland für diese aufbrausenden Charakterzüge zuständig war, zeigen die Menschen Verständnis und können plötzlich die Handlung des Gegenübers nachvollziehen. Deutlich wird, dass die Übernahme anderer Perspektiven einen wertvollen Beitrag zur Schlichtung von Konflikten beitragen kann.

2.6 Textstelle

In dem, für die heutige Stunde relevanten Kapitel, geht es um eine Streitsituation, in der ein Hausmeister mehrere Kinder anschreit, da diese sich nicht an ein Fahrradverbot halten. Nach einem Stich von Vamperl versetzt der Hausmeister sich in die Lage Kinder, denn: „ wo sollen sie denn wirklich Radfahren?...Auf der Straße dürfen sie nicht, weil sie noch zu klein sind...Auf dem Gehsteig fahren sie womöglich Kinder und alte Leute um.“4

Die Textstelle wird durch eine Parallelgeschichte ergänzt, um den Schülern eine kritische Auseinandersetzung mit dem Protagonisten zu ermöglichen um so die Intention des Buches zu unterstützen. Sie soll in erster Linie den Schülern verhelfen ihr Denken zu durchbrechen und eine andere Perspektive einzunehmen. Die Darstellung des tierischen Protagonisten als Helden verleitet die Schüler stark dazu nur eine Perspektive einzunehmen. Genau dies soll durch die Geschehnisse, in der zugefügten Geschichte verändert werden. In jedem Konflikt muss die andere Perspektive in den Blick genommen werden, um Konflikte überhaupt klären zu können.

3 Didaktische Grundlegungen für den Unterricht

3.1 Handlungs- und produktionsorientierter Literaturunterricht

Umgang mit Literatur heißt Abstand nehmen von rein analytischen Verfahren, da diese den Schülern und ihren Bedürfnissen häufig nicht gerecht werden. Geeigneter ist laut Haas, Menzel und Spinner ein handlungs- und produktionsorientierter Ansatz.5 Gerhard Haas prägte den Begriff vom handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterricht. Er sieht diesen als „Gegenmodell zu einem Unterricht, der sich vorwiegend auf das lehrergeleitete Unterrichtsgespräch stützt und durch das ’vorprogrammierte Darüberredenmüssen’ die Leselust zerstört.“6 Haas, Menzel und Spinner ziehen in ihrem Artikel auch klare Verbindungen zwischen dem handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterricht und den Erkenntnissen der Rezeptionsästhetik. Diese betont, dass „der Sinn eines Textes immer vom Leser mit geschaffen wird. Dieses Mitschaffen wird bei produktiven und handlungsorientierten Verfahren gezielt didaktisch gefördert.“7

Des Weiteren benennen die Autoren, dass bei produktionsorientierten Verfahren auch eigene Standpunkte der Schüler ins Spiel kommen und zum Gegenstand des Unterrichts werden.

[...]


1 Des weiteren wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit auf die Verwendung der kumulative Form („Schüler und Schülerinnen“) verzichtet. Wird also von „Schülern“ gesprochen, so sind jeweils beide Geschlechter gemeint.

2 Vgl. Blumesberger

3 Beleg: S. 55, Im nächsten Sommer werden die beiden sogar nach Venedig fahren.

4 Welsh, R.: Das Vamperl, S. 64

5 Vgl. Haas/Menzel/Spinner

6 Spinner, S. 982.

7 Haas/Menzel/Spinner

Details

Seiten
20
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783668966390
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v488772
Institution / Hochschule
Staatliches Seminar für Didaktik und Lehrerbildung (Grund- und Hauptschulen) Offenburg
Note
1,5
Schlagworte
Handlungs- und produktionsorientierter Unterricht Das Vamperl Renate Welsh Perspektivübernahme Empathie entwickeln Ganzschrift Das Vamperl

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Handlungs- und produktionsorientierter Unterricht. Kritische Hinterfragung der Heldenfigur zur Förderung vielseitiger Perspektivenübernahme