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Der Protagonist der Novelle "Michael Kohlhaas" von Heinrich von Kleist aus rechtsphilosophischer Sicht

Eine Interpretation mithilfe von Jean-Jacques Rousseau und Adam Müller

Hausarbeit (Hauptseminar) 2018 24 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Rechtsphilosophische Grundlagen
2.1 Thomas Hobbes
2.2 Jean-Jacques Rousseau
2.3 Adam Müller

3. Von Recht zu Rache
3.1 Der rechtstreue Bürger Kohlhaas
3.2 Die Rappen und der Rechtsstreit
3.3 Der vermeintliche Rachefeldzug
3.4 Das Gespräch mit Luther
3.5 Der Staatsrat in Dresden
3.6 Die Hinrichtung

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit jeher wird in der Menschheit diskutiert, was gerecht ist, wie Recht entsteht und wie es angewandt werden soll. Rund um die Themenkomplexe Recht und Gerechtigkeit kreisen zahllose Schriften, angefangen von den antiken Philosophen bis in die heutige Zeit. Diese Dokumente müssen aber – wie jedes historische Dokument – stets im Kontext ihrer Zeit gelesen werden.

Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Werk Heinrich von Kleists, genauer gesagt mit seiner 1808 erschienen Novelle Michael Kohlhaas. In dieser Novelle wird die Geschichte des Rosshändlers Michael Kohlhaas erzählt, der Opfer von Adelswillkür und Rechtbeugung wird und dann in einen grausamen Rachefeldzug gegen seine Peiniger übergeht. Nach einem Gespräch mit Martin Luther beugt er sich dem Recht und wird zum Tode verurteilt. Diese Lektüre ist ein literarischer Anschlag auf die Illusion einer heilen Welt, in der man sich wenigstens rechtlich geboren glauben konnte und sie gilt weithin als er „Archetypus einer Rechtsfabel“1. Sie wurde vielfach über die Jahrhunderte hinweg rezipiert, gedeutet und interpretiert bis in die Zeiten des RAF-Terrorismus hinein und noch weiter. Über die Beweggründe des Kohlhaas ist viel geschrieben und spekuliert worden. Klar ist jedoch, dass Kohlhaas von einer Ambivalenz und Undurchsichtigkeit geprägt ist, die diese weiten Interpretationsmöglichkeiten erst ermöglichen. So lässt sich in der Sekundärliteratur eine weite Spannbreite von Kohlhaas als kleinkarierter Verrückter bis hin zum verklärten Kämpfer für das Recht finden.

Kleist selbst war bekanntermaßen Jurist und kannte sich in den rechtsphilosophischen Debatten seiner Zeit sehr gut aus, was sich wiederum auch in seinen Werken wiederfinden lässt. Um dieses Werk also im Kontext seiner Zeit zu lesen und um einen wissenschaftlichen Zugang zu Michael Kohlhaas zu ermöglichen, sowie um das Gewirr an rechtsphilosophischen Argumentationslinien zu entwirren, soll das Werk unter der „Brille“ zweier Philosophen betrachtet werden, die für die Zeit Kleists prägend gewesen sind. Der eine ist Jean-Jacques Rousseau, der als bedeutender Vordenker der Naturrechtslehre der Aufklärung gilt. Die Spuren seiner Gedanken und seiner Argumentationsmuster spiegeln sich zu genüge in der Figur des Michael Kohlhaas wieder. Der andere ist Adam Müller, ein Zeitgenosse Kleists, der die Lehre vom Naturzustand vollends verwarf und mit seiner Gegensatzphilosophie zu den Frühkonservativen und Romantikern gehört. Es wird sich zeigen, dass beide Gedankenstränge in der Novelle sich nachweisen lassen, miteinander verweben und letzten Endes in ihrer Kombination eine stimmige Lesart der Novelle ermöglichen. Hierbei soll die Frage beantwortet werden, welche Motivation Michael Kohlhaas antreibt und wie das Handeln der verschiedenen Akteure begründet wird. Wichtig ist hierbei, dass Erzählerkommentare möglichst nicht berücksichtigt werden sollen.

Um dies zu erreichen wird zuerst ein kurzer Überblick über die Rechtsphilosophie von Jean-Jacques Rousseau und Adam Müller gegeben. Anschließend werden sechs zentrale Stellen im Michael Kohlhaas detailliert auf ihre rechtlichen Argumentationsmuster hin untersucht und abschließend wird ein Fazit gegeben.

2. Rechtsphilosophische Grundlagen

Das Leben und Wirken von Heinrich von Kleist fällt in die Zeit um 1800, wo eine Vielzahl an politischen, gesellschaftlichen, kulturellen und religiösen Umbrüchen stattfindet. All diese bewegenden Ereignisse und die damit verbundenen Debatten haben ihren Niederschlag in Kleists Werken gefunden. Außerdem beschäftigte sich Kleist zu dieser Zeit intensiv mit Studien zur Rechtstheorie, der Rechtspraktik und den Diskussionen um die großen Staatstheorien.

Eine der großen rechtsphilosophischen Auseinandersetzungen dieses Jahrhunderts war die Debatte und der Siegeszug des neuzeitlichen Naturrechts, welches sich zuerst als geistig-theoretische Denkschule und anschließend in der konkreten Rechtsprechung durchsetze. Ein bedeutender Autor und Vordenker dieser Schule war Jean-Jacques Rousseau. Bevor dieser behandelt wird, soll kurz die Lehre des Naturzustands und des Gesellschaftsvertrags von Thomas Hobbes eingeschoben werden, damit anschließend Rousseau klarer definiert werden kann. Als Gegner der Lehre vom Naturzustand soll abschließend Adam Müllers Staatstheorie erläutert werden, die sich ebenfalls in Kleists Werk finden lässt.

2.1 Thomas Hobbes

Thomas Hobbes lebte von 1588 bis 1679 und gilt als der Begründer der politischen Philosophie der Neuzeit, da er versuchte, der Staatsphilosophie ein wissenschaftliches Fundament zu geben.2 Seine Lehre muss im Kontext der Zeit gelesen werden: Hobbes lebte zu einer Zeit, die von starken Konflikten zwischen der Krone und dem Parlament geprägt war, deshalb gehören Frieden und Sicherheit bei ihm zu den zentralen Zielen.3 Hobbes arbeitet mit dem methodologischen Individualismus, d.h. der Mensch handelt rational und eigennutzbezogen. Herrschaft muss daher vom Individuum aus legitimiert werden.4 Das primäre Streben des Menschen gilt seiner Selbsterhaltung. Um das zu erreichen, strebt er nach Macht. Somit werden die Furcht vor dem Tod und das Streben nach Macht zu den zentralen Eckpfeilern des Hobbes‘schen Menschenbildes. Dieses Menschenbild ist damit ein Skeptisches (nicht Pessimistisches: Der Mensch ist kein sadistisches Wesen).5

Hobbes konstruiert nun den Naturzustand. Dieser hypothetische Zustand soll die Frage klären, was passieren würde, wenn es den Staat nicht mehr gäbe und soll somit zu seiner Legitimation führen.6 Im vorstaatlichen Naturzustand sind alle Menschen gleich. Selbst der Schwächste kann durch List und Bündnisbildung den Stärksten besiegen. Außerdem hat jeder Mensch ein Recht darauf, alles zu besitzen und alles zu tun. Da daraufhin jeder versucht, seinen Nutzen zum Nachteil des anderen zu mehren und sein Überleben dadurch zu sichern, kommt es zu einem „bellum omnium contra omnes“7, einem Krieg, in dem jeder gegen jeden kämpft. Der Mensch ist hierbei dem Menschen ein Wolf („homo homini lupus est“8 ), was zu einer steten, latenten Unsicherheit und einem steten Kampf um die knappen Güter führt. Da niemand in der Lage ist, so viel Macht zu usurpieren, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen, ist der Mensch demnach in einem stetigen Teufelskreislauf gefangen.9

Doch das Verlangen des Einzelnen nach Frieden führt schließlich zu einem Ausweg aus dem Dilemma. Die Menschen schließen einen Gesellschaftsvertrag, in dem sich jeder mit jedem anderen verpflichtet, dem Willen des einen, auf den jeder all seine Macht und Stärke überträgt, keinen Widerstand zu leisten.10 Der Eintritt in den Gesellschaftsvertrag wird letzten Endes durch die Schrecken des Naturzustandes motiviert, weil jeder Mensch mit der ständigen Gefährdung seines Lebens konfrontiert ist. Sobald der Eintritt in den Gesellschaftsvertrag vollzogen ist, ist der Übergang vom Natur- zum Gesellschaftszustand erreicht. Das somit entstandene Gebilde nennt man Staat und gründet auf nichts weniger wie dem Prinzip der Selbsterhaltung.11

Die Person, auf die alle Macht übertragen wird, ist der Souverän (von Hobbes „Leviathan“ genannt). Er besitzt die höchste Gewalt im Staat und seine Macht ist unumschränkt, unveräußerlich und unteilbar.12 Der Souverän selbst ist Träger der absoluten Souveränität. Er selbst ist nicht Teil des Gesellschaftsvertrags, sondern nur Vertragsbegünstigter, d.h. dass er den Vertrag nicht brechen kann und die Untertanen können den Vertrag auch nicht kündigen. Der Souverän kann also für seine Taten nicht belangt werden.13 Daraus leitet sich ab, dass es nach Hobbes kein Widerstandsrecht geben kann. Der einzelne Untertan besitzt zwar weiterhin das Recht auf Leben aus dem Naturzustand und besitzt somit das Recht sein eigenes Leben zu verteidigen, aber der Souverän sorgt nur für Frieden nach innen und außen und gewährt keine Bürgerrechte, die in irgendeiner Weise einklagbar wären oder zum Widerstand legitimieren würden.14 Ganz im Gegenteil: Widerstand oder gar das bloße Anzweifeln der Autorität sind sogar verboten, da dies zu einem Erwachen der Einzelinteressen führen würde und somit zu Krieg und Unordnung. Und genau hier liegt ein Wiederspruch im Denken Hobbes‘. Denn einerseits regiert der Herrscher durch die Zustimmung des Volkes, welches ihn eingesetzt hat, um für Sicherheit und Frieden zu sorgen. Aber andererseits darf das Volk dem Herrscher seine Zustimmung nicht mehr entziehen, wenn er genau diesen Aufgaben nicht mehr nachkommt.15

2.2 Jean-Jacques Rousseau

Jean-Jacques Rousseau lebte von 1712 bis 1778 und war einer der wichtigsten Denker der Moderne, allerdings von großen Ambivalenzen in seiner Interpretation geprägt.16 Auch bei ihm gibt es einen Naturzustand, der sich allerdings von demjenigen bei Hobbes massiv unterscheidet. Der Naturzustand ist eine von Freiheit und Gleichheit der Menschen geprägte natürliche Ordnung.17 Der Mensch ist geprägt von Unabhängigkeit (die natürliche Freiheit macht den Menschen den anderen Menschen gegenüber gleichgültig, somit gibt es auch kein Gut und Böse) und Selbstliebe (das natürliche Gefühl über seine Erhaltung zu wachen).18 Wiederum im Gegensatz zu Hobbes bringt die Kultur nicht die Befreiung aus dem Kriegszustand, sondern sie bringt erst das Übel in die Welt. Vor allem durch das Entstehen von Eigentum und Arbeitsteilung verlieren die Menschen ihre natürliche Gleichheit.19 Der Mensch ist von Natur aus gut und wird erst durch die Zivilisation schlecht. Diese Entwicklung ist zwar fatal, aber Rousseau erkennt an, dass sie zwangsläufig und unumkehrbar ist.20 Rousseau unterscheidet also zwischen dem „homme naturel“ und dem „homme civilisé“.

Damit der Mensch aber seine Freiheit behalten kann, greift auch Rousseau hier auf das Konzept des Gesellschaftsvertrags zurück. Im Gesellschaftsvertrag ordnet sich der Einzelne mit seinem Willen nicht einem Herrscher o.ä. unter, sondern dem Gemeinwillen („volonté générale“).21 Der volonté générale entsteht durch einen Filterungsprozess, bei dem aus den volonté particulière (den Einzelwillen) das Allgemeine herausabstrahiert wird (z.B. durch Abstimmungen). Wer in einer Abstimmung verliert, wird dies auch akzeptieren, da der Gemeinwille unfehlbar ist und der Einzelne sich somit geirrt hat.22 Der Gesellschaftsvertrag wiederum ist somit eine wechselseitige Verpflichtung zwischen dem Einzelnen und dem Gemeinwillen. Da jeder damit nur diejenigen Gesetze befolgt, deren Urheber er ist, bleibt der Mensch auch nach dem Naturzustand frei. Rousseau nennt dies die bürgerliche Freiheit.23 Durch diese bürgerliche Freiheit wird der Mensch tugendhaft, seine Hauptsorge ist der Dienst am Staat. Diese Tugend ist somit die Grundierung des Gemeinwesens, sie steht über dem Recht.24

Aus dieser Freiheit heraus wird das Konzept der Volkssouveränität abgeleitet. Das Volk, das dem Gesetz unterworfen ist, muss auch dessen Urheber sein. Diese Volkssouveränität ist unteilbar. Die Gesetze können nur vom Volk als Ganzes verabschiedet werden.25 Die Bürger als Ganzes werden somit zum Träger der Souveränität. Die Regierung hingegen ist bei Rousseau ein bloßes Vollzugsorgan, welches ebenfalls den Gesetzen unterworfen ist. Hält die Regierung sich nicht an die allgemeinen Gesetze, so wird der Vertrag hinfällig und das einzelne Individuum fällt in den Naturzustand zurück. Dies löst den oben beschriebenen Widerspruch bei Hobbes auf.26 Man kann hier also eine Art Widerstandsrecht hineininterpretieren.

2.3 Adam Müller

Der deutsche Philosoph Adam Müller lebte von 1779 bis 1829 und war ein Zeitgenosse und enger Freund von Heinrich von Kleist. Beide gaben ab 1808 gemeinsam die Literaturzeitschrift Phöbus heraus, in der auch – auf mehrere Teile aufgeteilt – Kleists Michael Kohlhaas erstmalig erschien. Kleist besuchte auch die Vorlesung von Müller über die „Elemente der Staatskunst“ in Dresden. Auch nach 1810 haben sie gemeinsam für die Berliner Abendblätter gearbeitet.27 Es kann also von einer intensiveren Beschäftigung Kleists mit dem Werk Müllers ausgegangen werden.

Adam Müller verwirft die Idee des Gesellschaftsvertrags vollständig. Nach ihm gibt es weder den Naturzustand als vorgesellschaftlichen Zustand, noch irgendwie geartete Naturrechte. Der Mensch ist sogar außerhalb des Staates nicht denkbar.28 Dies begründet er mit der Trennung von Begriff und Idee. Ein Begriff ist starr und tot, eine Idee lebendig und das Leben begleitend. So ist der Begriff des Staates nur ein menschliches Konstrukt und dient einem bestimmten Zweck (z.B. Wohlfahrts-und Rechtssicherung). Die Idee dahinter ist dagegen die Verbindung aller inneren und äußeren Bedürfnisse und Reichtümer einer Nation zu einem energetisch und unendlich bewegten Ganzen.29

Müller entwirft eine Gegensatzphilosophie. Es gibt kein einheitliches Sein, sondern in allen Phänomenen ist stets der Gegensatz vorhanden und wirksam. Somit erhebt Müller den Gegensatz zum universellen Erklärungsprinzip und stellt sich gegen jede absolute Vorstellung von etwas. Die Realität entsteht somit durch den Kampf sich widerstreitender Kräfte. Diese Gegensatzphilosophie wendet er in den Elementen der Staatskunst auf den Staat an.30 Der Staat ist keine Zwangskonstruktion, kein vorgegebener Konsens, wie es im Gesellschaftsvertrag der Fall ist, sondern ein Ergebnis der wechselseitigen Beeinflussung der Ideen und Interessen.31 Der Staat ist somit kein starrer Begriff, sondern ständig in Bewegung. Ebenso entstehen Recht und Gesetz erst durch einen ewigen Vermittlungsprozess und der damit verbundenen produktiven Konfrontation.32 So wie Freiheit nicht durch sich selbst begrenzt ist, sondern erst durch die Konfrontation mit der Freiheit des Anderen, so entwickelt sich auch erst aus diesem Streit heraus das Gesetz und aktualisiert sich ständig neu.33

Dieses Wechselseitigkeitsprinzip bedeutet auch, dass es kein Widerstandsrecht gegen den Staat gibt. Jede Konfrontation mit widerstreitenden Ideen gehört zur Bewegung des Staates und verbleibt damit innerhalb des Staates, da der Staat an sich als Idee nicht zerstörbar ist. Das Individuum hingegen muss bereit sein, dass Recht über den bloßen Begriff hinweg zu erkämpfen und sich und seine eigene Existenz notfalls selbst zu opfern.34

3. Von Recht zu Rache

Kleists Novelle Michael Kohlhaas beschreibt einen komplizierten Rechtskonflikt, der auf verschiedenen Ebenen ausgetragen wird. In ihm treffen unterschiedliche Rechtsauffassungen aufeinander, die teilweise auch verschränkt ineinander miteinander agieren und somit den Konflikt unübersichtlich werden lassen. Im Folgenden sollen nun ausgesuchte Schlüsselstellen der Novelle detailliert analysiert werden, um die verschiedenen Ebenen und Perspektiven zu trennen und zu einem Ergebnis kommen zu können.

3.1 Der rechtstreue Bürger Kohlhaas

Bereits im ersten Absatz wird die Ambivalenz der Figur Kohlhaas deutlich. Kohlhaas wird vom Erzähler mit drei Adjektiven beschrieben: Er ist zum einen einer der „rechtschaffensten […] und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit“35. Der Rechtschaffende schafft durch sein Handeln zum einen Recht und zum anderen verschafft er sich durch sein Schaffen Recht. Der Gegenpol bildet das Entsetzliche. Während das Gesetzte im Rahmen des Gesetzes verbleibt, ist das Entsetzte außerhalb desselbigen und damit gesetzlos. Das dritte Adjektiv beschreibt Kohlhaas als „außerordentlichen“36 Menschen. Der Außerordentliche ist zum einen der Vorbildliche und aus der Menge herausragende, aber er ist zugleich auch der außerhalb jeder Ordnung stehende.37 Das Gute, bzw. die Tugend schließt hier ganz im Sinne Adam Müllers bereits sein Gegenteil mit ein und in der Person des Kohlhaas treten beide Pole auf, die dann in den gegenseitigen Streit treten werden. Diese bereits hier formulierte Widersprüchlichkeit, die einen tugendhaften Menschen zu einem „Räuber und Mörder“38 werden lässt, zieht sich durch die ganze Handlung und wird zu einem zentralen Motiv der Erzählung.

3.2 Die Rappen und der Rechtsstreit

Dieser Teil der Erzählung behandelt den positiven Rechtsweg, den Kohlhaas einschlägt, nachdem er auf der Tronkenburg unrechtmäßig belangt wurde, sowie sein Scheitern vor Gericht.

Kohlhaas erreicht die Tronkenburg, die auf sächsischem Gebiet steht, und wird aufgefordert, einen Zoll, den es in der Vergangenheit nicht gab, zu zahlen. Diesen bezahlt er ohne großes Aufsehen. Als der Burgvogt ihn nach dem Passschein fragt, lässt er sich zum Junger Wenzel von Tronka führen, dem er emotionslos begegnet. Die Forderung nach dem Zurücklassen der Rappen empfindet er zwar als „unverschämte Forderung“39, dennoch erfüllt er den Befehl und überlegt, ob die Forderung doch rechtmäßig sein könnte. Hier zeigt sich klar: Kohlhaas ordnet in diesem Anfangsstadium seine Gefühle seinem Streben nach Recht unter. Er sieht also das Primat des Rechts ein.40

[...]


1 Vgl. Scholdt, Günter (1998): Kleists 'Michael Kohlhaas' als Modell eines Aufruhrs.“ In: Jung, Heike (Hrsg.): Das Recht und die schönen Künste. Heinz Müller-Dietz zum 65. Geburtstag. Baden-Baden. S. 115.

2 Vgl. Schwabe, Christian (2007a): Politische Theorie 1. Von Platon bis Locke. Paderborn. S. 129.

3 Vgl. Ebd.: S. 131.

4 Vgl. Ebd.: S. 130.

5 Vgl. Schwabe (2007a): S. 135.

6 Vgl. Ebd.: S. 136.

7 Kunzmann, Peter/Burkard, Franz-Peter (2011): dtv-Atlas Philosophie. München. S. 117.

8 Schwabe (2007a): S. 136.

9 Vgl. Ebd.: S. 138.

10 Vgl. Kunzmann/Burkard (2011): S. 117.

11 Vgl. Apel, Friedmar (1987): Kleists Kohlhaas. Ein deutscher Traum vom Recht auf Mordbrennerei. Berlin. S. 123.

12 Vgl. Kunzmann/Burkard (2011): S. 117.

13 Vgl. Schwabe (2007a): S. 144

14 Vgl. Schwabe (2007a): S. 147.

15 Vgl. Apel (1987): S. 125.

16 Vgl. Schwabe (2007b): S. 11f.

17 Vgl. Kunzmann/Burkhard (2011): S. 133.

18 Vgl. Schwabe (2007b): S. 16f.

19 Vgl. Kunzmann/Burkhard (2011): S. 133.

20 Vgl. Schwabe (2007b): S. 18.

21 Vgl. Kunzmann/Burkhard (2011): S. 133.

22 Vgl. Schwabe (2007b): S. 26.

23 Vgl. Ebd.: S. 24.

24 Vgl. Schwabe (2007b): S. 27.

25 Vgl. Schwabe (2007b): S. 24.

26 Vgl. Apel (1987): S. 125.

27 Vgl. Ogorek, Regina (1988/89):„Adam Müllers Gegensatzphilosophie und die Rechtsausschweifungen des 'Michael Kohlhaas'“. In: Kreutzer, Hans-Joachim (Hrsg.): Kleist-Jahrbuch. Stuttgart. S. 99.

28 Apel (1987): S. 126.

29 Vgl. Ogorek (1988/89): S. 110.

30 Vgl. Ebd.: S. 106-108.

31 Vgl. Apel (1987): S. 127.

32 Vgl. Ogorek (1988/89): S. 109.

33 Vgl. Ebd.: S. 111.

34 Vgl. Apel (1987): S. 128.

35 Kleist, Heinrich von (1810): „Michael Kohlhaas. Aus einer alten Chronik.“ In: Sembdner, Helmut (Hrsg.): Heinrich von Kleist. Sämtliche Werke und Briefe in vier Bänden. Band 4. München/Wien. S. 9.

36 Kleist (1810): S. 9.

37 Vgl. Bohnert, Joachim (1988/89):„Kohlhaas der Entsetzliche.“ In: Kreutzer, Hans-Joachim (Hrsg.): Kleist-Jahrbuch. Stuttgart. S. 404.

38 Kleist (1810): S. 9.

39 Ebd.: S. 12.

40 Vgl. Grassau, Catharina Silke (2002): Recht und Rache. Eine Betrachtung der inneren Wendepunkte in Kleists 'Michael Kohlhaas'.“ In: Beiträge zur Kleist-Forschung. Band 16. Würzburg. S. 242f.

Details

Seiten
24
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668972803
ISBN (Buch)
9783668972810
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v489208
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,7
Schlagworte
protagonist adam rousseau jean-jacques interpretation eine sicht kleist heinrich kohlhaas michael novelle müller

Autor

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Titel: Der Protagonist der Novelle "Michael Kohlhaas" von Heinrich von Kleist aus rechtsphilosophischer Sicht