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Bismarcks Frankreichpolitik in den Jahren 1866- 1871

Hausarbeit (Hauptseminar) 1999 23 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zusammenfassung des Immediatberichtes

3. Die Vorgeschichte
3.1 Der Deutsch-Österreichische Bruderkrieg und die Haltung Frankreichs
3.2 Der Weg in den Deutsch-Französischen Krieg
3.3 Der Deutsch-Französische Krieg

4. Die Notwendigkeit der Beschießung der Pariser Forts
4.1 Die Haltung Englands und Russlands
4.2 Die Auswirkungen auf Frankreich
4.3 Der Konflikt mit dem preußischen Generalstab und die öffentliche Meinung in Deutschland

5. Schlussteil: Leitete der Reichsgründer mit der Annexion Elsass- Lothringens gleichzeitig den Untergang des Kaiserreiches ein?

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

7. Anhang: Referatsthesenpaper zu Bismarcks Frankreichpolitik in den Jahren 1866-1971

1. Einleitung

Als Protagonisten im Hinblick auf die deutsche Stellung in Mitteleuropa wurden Frankreich und Preußen angesehen. Preußens außenpolitische Ziele waren langfristig- dynamisch ausgelegt und zielten auf eine Veränderung des „status quo“ in Deutschland ab. Frankreich befand sich in einer halbhegemonialen Stellung im nicht-russischen- Kontinentaleuropa und galt als Protektor eines nationalstaatlichen Europas. Durch den Hegemonieanspruch Frankreichs und dem Hegemoniestreben Preußens wurde das politische Verhältnis der beiden Staaten stark belastet. Seit dem Bruderkrieg 1866 gab es immer wieder Konflikte, die verdeutlichten, dass eine militärische Auseinandersetzung unausweichlich wurde.

Bei dieser Untersuchung steht der Immediatbericht „Entscheidung durch Beschießung von Paris politisch nötig (Konzept Abeken)“ vom 28.11.1870 im Vordergrund. Anhand dieser Quelle soll geklärt werden, welche lang-, mittel- und kurzfristigen Ziele Bismarcks Außenpolitik, im Hinblick auf die Haltung der anderen Großmächte während des deutsch- französischen Krieges verfolgte und welche innenpolitischen Konflikte dabei auftraten. Diesbezüglich soll zunächst auf die politische Situation vor dem 28. November 1870 eingegangen werden, um zu verdeutlichen, in welcher Position sich Preußen befand und wie das Verhältnis gegenüber Frankreich seit dem Bruderkrieg 1866 war. Anschließend wird auf die Quelle Bezug genommen, die Bismarcks Haltung gegenüber der Beschießung Paris und der Gefahr der Intervention anderer Großmächte darstellt. Auf den innenpolitischen Konflikt Bismarcks mit dem Generalstab und auf die öffentliche Meinung in Preußen- Deutschland werde ich kurz in den letzten Ausführungen des Hauptteils eingehen. Im Schlussteil werde ich das Problem der Friedensfrage, die daraus resultierenden Folgen und einen kurzen Ausblick auf das weitere Verhältnis Frankreichs zum Deutschen Kaiserreich kritisch darstellen. Dabei stellt sich die Frage, ob eine langfristige Feindschaft zu Frankreich unumgänglich war, oder ob durch einen milden Frieden das Verhältnis hätte geschont werden können. Waren die Annexionen so wichtig, dass man eine Erbfeindschaft zu Frankreich riskieren musste und leitete der Reichsgründer damit schon den Zerfall des Deutschen Kaiserreiches ein?

2. Zusammenfassung des Immediatberichtes.

Der Immediatbericht wurde am 28.11.1870 von Bismarck verfasst und ist an König Wilhelm von Preußen adressiert1. Bismarck plädiert für eine schnelle Beendigung des Krieges und fordert dazu die Beschießung der Pariser Forts, da er die Gefahr eines Einschreitens neutraler Mächte erkennt.

Bis zu diesem Zeitpunkt sei es gelungen die neutralen Großmächte aus den Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland herauszuhalten. Bismarck äußert jedoch Bedenken in Bezug auf die Haltung Englands und erahnt ein mögliches Eingreifen. Gründe für diese Vermutung finden sich seiner Meinung nach in der gereizten Haltung der englischen Presse. Er befürchtet, dass die anderen europäischen Mächte daran interessiert seien über Konferenzen Einfluss auf die Beziehungen Frankreichs und Deutschlands zu nehmen. Auf diesen Konferenzen würden die Großmächte Mitspracherecht in der deutschen Frage fordern und ihrerseits Ansprüche geltend machen. Deshalb sei es notwendig den Krieg durch eine Kapitulation der französischen Hauptstadt zu beschleunigen. Eine Verzögerung würde als Schwäche Deutschlands angesehen und ermutige Frankreich zum Widerstand und das Ausland zur Intervention. Bismarck fordert jedoch nicht die Beschießung Paris, sondern der Pariser Forts, um die deutsche Entschlossenheit und militärische Stärke zu symbolisieren. Dadurch würde die Bevölkerung die letzten Hoffnungen auf Unterstützung des Auslandes verlieren. Eine Verzögerung des Angriffs hätte zur Folge, dass die Franzosen glauben würden, dass Deutschland aufgrund des internationalen Druckes Paris verschone. Dies könnte zu einem Nachteil der weiteren militärischen Aktionen werden. Die Franzosen wären freiwillig bereit eine Art Volksarmee aufzustellen und die französische Armee wäre in der Lage die Pariser Forts aufzurüsten. Statt Paris auszuhungern, sollte die Beschleunigungspolitik gewählt werden.

3. Die Vorgeschichte.

3.1 Der Deutsch-Österreichische Bruderkrieg und die Haltung Frankreichs.

Als Entscheidungsjahr der deutschen Nationalgeschichte wird das Jahr 1866 angesehen. Der österreichisch-preußische Krieg wird als folgenschwerster aller europäischer Kriege zwischen 1812- 1914 angesehen, weil hier der Grundstein für die preußische Hegemonie in Mitteleuropa gelegt wurde. Preußen wurde Hegemonialmacht im Deutschen Bund und der preußisch- österreichische Dualismus beseitigt2.

Am 8. April 1866 schloss Preußen, durch Vermittlung Napoleons, mit Italien ein befristetes Bündnis ab. Napoleon hoffte, dass er im Falle eines Krieges die Schiedsrichterrolle übernehmen könne. Österreich wurde dadurch in eine Zweifrontenstellung gedrängt, was eine Konzentration der österreichischen Streitkräfte gegenüber Preußen verhinderte3. Als Österreich ankündigte, es wolle die Erbfolge in der Schleswig Holstein Frage dem Urteil des Deutschen Bundes unterwerfen, bewertete Bismarck dies als einen Bruch des Gasteiner Abkommens4. Bismarck ließ daraufhin Truppen in Holstein einmarschieren. Am 10. Juni 1866 wurde der Krieg durch ein Rundschreiben Bismarcks, welches die Neugestaltung des Deutschen Bundes unter Ausschluss Österreichs vorsah, begonnen5. Österreich forderte am 14. Juni die Mobilmachung des Deutschen Bundes gegen Preußen6. Der Krieg wurde in Form eines klassischen Kabinettskrieges geführt. Durch die Isolierung des Konfliktes, dem Bündnis mit Italien, der Schlagkraft des preußischen Heeres und dem „militärischen Genie“ Moltke wurde ein Sieg in nur sieben Wochen ermöglicht7. Die Entscheidung fiel am 3. Juli 1866 in der Schlacht bei Königgrätz/Sadowa8. Sie endete mit einem fast vollständigen Sieg der preußischen Armee9. Obwohl der preußische Generalstab Wien erobern wollte, konnte Bismarck ihn davon abhalten. Bismarck wollte den französischen Interessen nicht zu nahe treten, indem er das deutsche Gleichgewicht zerstörte10. Er sah, dass Napoleon III. einen weiteren Machtzuwachs Preußens, aus Angst um seine eigene Stellung, nicht tolerieren könne. Ferner befürchtete Bismarck, dass ein längerer Krieg die anderen Großmächte zum Einschreiten ermutigen würde11. Infolgedessen bot er Frankreich Kompensationen für ihre wohlwollende Neutralität im Krieg an12.

Bismarck verhielt sich gegenüber dem besiegten Österreich sehr maßvoll, da er keine andauernde Feindschaft wollte und ein intervenieren der anderen Großmächte nicht riskieren konnte13. Folglich wurde Nikolsburg „zum Symbol staatsmännischer Mäßigung im Siege“14. Im Vorfrieden von Nikolsburg15 1866 wurde die künftige Stellung der vier Süddeutschen Staaten definiert. Sie hatten die Möglichkeit unabhängig einen eigenen süddeutschen Bund zu bilden16. Doch durch den Zollverein und die später abgeschlossenen Schutz- und Trutzbündnisse waren sie schon frühzeitig an Preußen gebunden17. Im Prager Frieden vom 23.8.1866 musste Österreich die Auflösung des seit 1815 bestehenden Deutschen Bundes akzeptieren. Österreich schied, aus dem von Preußen neu zu organisierendem Nationalstaat, aus. Venetien musste an Italien abgetreten werden und Wien verlagerte sein Zentrum nach Osten. Der Dualismus war zugunsten Preußens beigelegt. Des weiteren annektierte Preußen andere Staaten18. Daher kam es nach dem Prager Frieden zu einer Dreiteilung Deutschlands: Der Norddeutsche Bund, Österreich- Ungarn und die Süddeutschen Staaten19. Das Kernproblem für den Norddeutschen Bund blieb das Verhältnis zu Frankreich. Da Napoleon III. maßgeblichen Anteil an der Konstruktion des Artikel IV. des Prager Friedens hatte, musste Bismarck damit rechnen, dass Napoleon immer weitreichendere Forderungen stellen werde, da der Kurs der Deutschlandpolitik Frankreichs durch die Vergangenheit vorbestimmt war20. Es wird angenommen, dass Bismarck einen Krieg zwischen Preußen und Frankreich schon jetzt für unausweichlich hielt21, ihn jedoch nicht riskieren konnte bis der Norddeutsche Bund konstituiert und gefestigt war22.

[...]


1 Scheler, Eberhard (Hrsg.): Bismarck, Werke in Auswahl. Die Reichsgründung. Zweiter Teil 1866- 1871. Bd. IV. Darmstadt 1968. Nr.334. (künftig zitiert als.: Immediatbericht).

2 Rürup, Reinhardt: Deutschland im 19. Jahrhundert 1815- 1871. Deutsche Geschichte 8. Göttingen 1984. S.229f. (künftig zitiert als: Rürup).

3 Vgl.: Craig, Gordon: Geschichte Europas 1815- 1980. Vom Wiener Kongress bis zur Gegenwart. München 1983. S.180f. (künftig zitiert als: Craig)., Stürmer, Michael: Die Reichsgründung. Deutscher Nationalstaat und europäisches Gleichgewicht im Zeitalter Bismarcks. Deutsche Geschichte der neuesten Zeit. München 1984. S.43f. (künftig zitiert als Stürmer).

4 Vertrag von Gastein 14.8.1865: Einigung über die Verwaltung von Schleswig und Holstein. Lauenburg fällt gegen Entschädigung an Preußen, Kiel wird Bundeshafen, Rendsburg Bundesfestung.

5 Stürmer. S.45f.

6 Österreich gewann dadurch zahlreiche Verbündete, wie Sachsen, Bayern, Württemberg, Hannover, Baden, Hessen und die Stadt Frankfurt.

7 Gall, Lothar: Europa auf dem Weg in die Moderne 1850- 1890. Oldenbourg Grundriss der Geschichte. Bd. 14. München 1997. S.64. (künftig zitiert als Oldenbourg). Da der Krieg so schnell beendet war, kamen Napoleons Vermittlungsversuche zu spät.

8 Stürmer. S.45.: „die Schlacht verlief denkbar knapp“.

9 Oldenbourg. S.64.

10 Stürmer. S.46.

11 Craig. S.180.

12 Vgl.: Mann, Golo (Hrsg): Das neunzehnte Jahrhundert. Band. 8. Propyläen-Weltgeschichte. Berlin 1963. S.567f.: Bismarck bot Kompensationen in Form von Landzuwachs am Rhein; durch den Erwerb Luxemburgs und Belgiens. Dazu bot er die „Zerreißung der Verträge von 1815“ an. (künftig zitiert als Propyläen), Stürmer. S.58.: Napoleon wollte das Gleichgewichtssystem des Wiener Kongresses durch ein Europa der Nationalstaaten mit Schwerpunkt Frankreichs ersetzen., Engelbert, Ernst: Bismarck. Urpreuße und Reichsgründer. München 1991. S.609f. (künftig zitiert als: Engelbert).: Hermann Onken sah das Hauptziel Napoleons in der „historischen Rheinpolitik“, also in dem Erwerb von Gebieten am Rhein, als Pufferzone gegenüber Preußen, an., Gerhardt Ritter sah als Leitlinie der Politik Napoleons die Errichtung der sog. „Mainlinie“, d.h. eine krasse Trennung von Nord- und Süddeutschland als Sicherheitsgaranten für Frankreich. Nach der Luxemburgkrise war dies das Hauptziel Napoleons.

13 Oldenbourg. S.65.

14 Stürmer. S.47.

15 Der Vorfriede von Nikolsburg war eine Wiederholung des Vorfriedens von Villafranca.

16 Oldenbourg. S.65., Vgl.: Art. IV des Prager Friedens.

17 Propyläen. S.567f.

18 Stürmer. S.47f.: Schleswig, Holstein, Hannover, Hessen-Kassel, Nassau und Frankfurt wurden eingegliedert.

19 Schieder, Theodor: Vom Deutschen Bund zum Deutschen Reich. Gebhardt Handbuch der deutschen Geschichte. Bd. 15. München 1975. S.208ff. (künftig zitiert als Gebhardt).

20 Puntila, L. A.: Bismarcks Frankreichpolitik. Zürich 1971. S.5f.: Seit Richelieu und Ludwig XIV. war die Zerrissenheit Deutschland ein Sicherheitsgarant für die Hegemoniestellung Frankreichs. Ich meine, dass ein geeintes Deutschland im Zentrum Europas ein Konkurrent um diese Stellung wäre. Ein Krieg um die Hegemoniestellung ist jetzt schon unausweichlich.

21 Gebhardt. S.208.

22 Engelbert. S. 562ff.

Details

Seiten
23
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638129862
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v4895
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Institut f. Neuere Geschichte
Note
2
Schlagworte
Bismarck Reichsgründung Frankreichpolitik

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Titel: Bismarcks Frankreichpolitik in den Jahren 1866- 1871