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Die Rolle der Freundschaft in Aristoteles‘ "Nikomachischer Ethik"

Hausarbeit 2013 15 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhalt

1 . Einleitung

2. Die Definition der Philia

3. Die Arten der Philia
a. Freundschaft auf Basis des Nutzen
b. Freundschaft auf Basis der Lust
c. Freundschaft auf Basis des Guten
d. Freundschaft unter Gleichen und Ungleichen
e. Freundschaft als Selbstbeziehung

4. Die Tugend

5. Philia und Tugend

6. Schluss

7. Anlage

8. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

„Schlüssel zum Glücklich-Sein“, „Wunschlos glücklich sein“, „Buddhas Anleitung zum Glücklichsein“ oder „Einfach leben. Einfach glücklich sein“. Diese Titel repräsentieren nur einen kleinen Teil der unzähligen Ratgeber, die den Weg zum glücklichen Leben erleichtern sollen. Sich nicht überlasten, gesund leben, also sich gesund ernähren und Sport treiben, im Alltag Zeit für sich selbst einräumen, die Ruhe genießen. All diese Tipps lassen sich in Anleitungen zu einem glücklichen Leben finden.

Doch Ratgeber zum Glücklichsein sind keine Erscheinung der Moderne. Schon Aristoteles hat mit dem Verfassen seiner nikomachischen Ethik den Weg beschrieben, dessen Verfolgen zum höchsten Ziel der Menschen führt: Der Glückseligkeit (griechisch: Eudaimonia).

Die nikomachische Ethik gliedert sich in zehn Bücher. Die Eudaimonia als Endziel benennt Aristoteles in seinem Buch I.

Fragt man die Menschen heute, was ihnen im Leben außerordentlich wichtig ist, ist sich die Mehrheit einig: Gute Freunde (siehe statistische Umfrage unter 7. Anhang). Diese sind heute wesentlicher Bestandteil eines glücklichen Lebens.

Für Aristoteles sind es die Tugend und eine tugendhafte Lebensführung, die unabdingbar und essenziell sind, um Glückseligkeit zu erreichen. Ohne Tugend ist das Endziel Eudaimonia nicht zu verwirklichen. Bücher II bis VI stellen daher Tugenden vor, die Aristoteles für das Erlangen von Glückseligkeit als dienlich und nützlich befindet. In Buch VII zeigt er durch Auseinandersetzen mit der „Lust“ und der „Willensschwäche“, was zu nicht tugendgemäßem Handeln führt. Das zehnte und letzte Buch der nikomachischen Ethik schließt das Werk ab. Aristoteles fasst hier zusammen, wie der Mensch leben sollte, um dem Erreichen von Eudaimonia möglichst nahe zu kommen. Er beendet seine Schrift mit einer Überleitung zu einer politischen Untersuchung.

Buch VIII und IX der nikomachischen Ethik behandeln ausschließlich das Thema Freundschaft.

Wenn doch aber die Tugend Grundvoraussetzung für ein glückliches Leben ist, so stellt sich die Frage, weshalb Aristoteles zwei Bücher allein der Philia (griechisch für Freundschaft) widmet. Ist Freundschaft für ihn also auch eine Tugend?

Die folgende Hausarbeit soll die Rolle der Freundschaft als Bestandteil eines glücklichen Lebens, sowie als Bestandteil der nikomachischen Ethik darlegen.

Dafür sollen der griechische Begriff „Philia“ und das besondere Verständnis Aristoteles‘ darunter zuerst definiert, und deren Voraussetzungen erläutert werden. Im Anschluss daran folgt die Beschreibung der unterschiedlichen Ausprägungen der Philia aufgrund verschiedener Ausgangsbasen. Das dient der Klärung, wie bedeutend Freundschaft als Bestandteil eines glücklichen Lebens ist. Die Arbeit bezieht sich auf die Individualebene. Politische Freundschaft, sowie Konflikte in dieser werden daher nicht behandelt. Letztlich soll die Frage beantwortet werden, ob Freundschaft als eine Tugend angesehen werden kann. Deshalb schließt sich eine Darstellung von Aristoteles‘ Tugendbegriff an, um herauszufinden, ob dieser auch auf die Definition der Freundschaft passt.

2. Die Definition der Philia

Zuerst zur Begriffsklärung. „Philia“ ist das griechische Wort für Freundschaft und allgemein für „liebevolle Beziehung“. Allerdings umfasst dieses weitaus mehr Bereiche, als unsere Interpretation einer freundschaftlichen Beziehung. Das Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern, Liebesbeziehungen oder auch Geschäftsbeziehungen benennt Aristoteles als Freundschaften. Sogar die Relation zwischen nicht gleichgestellten, wie beispielsweise einem Herrscher und seinem Volk, also den einzelnen Bürgern zählt zu den Freundschaften, genauso die Beziehung von Tieren untereinander, denn freundschaftliche Verhältnisse gibt es „nicht nur beim Menschen, sondern auch bei den Vögeln und den meisten Tieren“ (Aristoteles, 2009, S. 375, 1155 a 15). „Philia“ ist daher nicht bedeutungsgleich mit „Freundschaft“ übersetzbar. Aristoteles schränkt den Begriff aber insoweit und auf unsere Vorstellung von Freundschaft passend ein, indem er als Basis die Gegenliebe und Anerkennung voraussetzt. Das heißt, es kann keine Beziehung zu leblosen Dingen oder Tieren geben. Doch auch zu Gottheiten ist eine freundschaftliche Beziehung nicht möglich, aufgrund des zu großen Abstandes (Aristoteles, 2010, S. 292, 1159 a 5).

Freundschaft ist eine Beziehung zwischen ungefähr Gleichgearteten. Aristoteles sieht Philia als wichtigen Bestandteil eines guten Lebens, da sie zum einen vor Krieg bewahrt, denn sie hält Staaten zusammen, und zum anderen Unterstützung in diversen Lebenssituationen bieten kann. Sie „hilft (…) jungen Menschen, Fehler zu vermeiden, alten, Pflege und Unterstützung bei Tätigkeiten zu bekommen (…) und denen, die auf dem Höhepunkt ihres Lebens stehen, werthaft zu handeln (…)“ (Aristoteles, 2009, S. 374, 1155 a 10). Kern der Freundschaft ist, sich gegenseitig als Freunde Gutes zu wünschen. „Wie aber könnte man sie Freunde nennen, wenn sie von ihrem gegenseitigen Verhältnis nichts wissen?“ (Aristoteles, 2009, S. 377, 1156 a 2). Letzte Bedingung für Freundschaft ist demnach das Wissen um das gegenseitige Wohlwollen. (vgl. Aristoteles, 2009, S. 374ff, 1155 a 3 ff; Rapp/ Corcilius, 2011, S. 224f; Wolf, 2002, S. 213ff)

Voraussetzung für Freundschaft ist also offensichtliches, gegenseitiges Wohlwollen. Gründe für diese Art von Wohlwollen gibt es unzählige. Aristoteles erfasst diese, denn „Es gibt also drei Arten der Freundschaft, entsprechend den Arten des Liebenswerten. Und in jedem Falle gibt es eine Gegenseitigkeit, die nicht verborgen bleibt“ (Aristoteles, 2010, S. 284, 1156 a 5).

3. Die Arten der Philia

„In der Art der Freundschaft, die jemand eingeht zeigt er, was für ihn im Leben zählt“ (Höffe, 2006, S. 250).

a. Freundschaft auf Basis des Nutzen

Das erste Modell basiert auf gegenseitigem Nutzen. Nicht die Charaktereigenschaften oder Qualitäten der Freunde sind in diesem Modell ausschlaggebend, sondern der gegenseitige Profit, der durch die Freundschaft gewonnen wird. „Wer also um des Nutzens willen liebt, tut es um seines eigenen Gewinns willen“ (Aristoteles, 2010, S. 284, 1156 a 10). Grund, dem Freund Gutes zu wünschen ist also, den Nutzen zu wahren, indem das Wohl des Freundes bewahrt wird. Beispiel hierfür wäre eine Geschäftsbeziehung. Beide Handelspartner wünschen einander Gutes, denn das impliziert Gutes für die Partnerfirma. Somit kann aus dieser Freundschaft weiterer Profit gewonnen werden. Nach Aristoteles ist besonders unter älteren Menschen Nutzenfreundschaft zu entdecken (vgl. Aristoteles, 2010, S. 284, 1156 a 20). „Sie brauchen (…) keinen (…) Umgang, wenn sie einander damit nicht nützlich sind“ (Aristoteles, 2010, S. 285, 1156 a 27).

Diese Art von Freundschaft bezeichnet Aristoteles als eine kurzlebige. Hört der gegenseitige Nutzen auf, endet die Freundschaft.

(vgl. Aristoteles, 2010, S. 284f, 1156 a 10f; Wolf, 2002, S. 216)

b. Freundschaft auf Basis der Lust

Das zweite Modell funktioniert analog zum ersten. Es umfasst Freundschaft auf Basis der Lust. Gegenliebe entsteht hier, da die Anwesenheit des Freundes im Augenblick angenehm ist und Vergnügen bereitet. Vor allem junge Leute scheinen für Aristoteles auf dieser Basis Freundschaften einzugehen, denn sie leben im Hier und Jetzt. „Sie leben in der Leidenschaft und suchen vor allem, was ihnen im Augenblick angenehm ist“ (Aristoteles, 2010, S. 285, 1156 a 30). Mit dem Älterwerden aber ändert sich das Angenehme, die Basis bröckelt und auch hier ist die Freundschaft nicht von Dauer. „So lieben sie rasch und hören rasch auf (…)“ (Aristoteles, 2010, S. 285, 1156 b 1).

(vgl. Aristoteles, 2010, S. 285, 1156 a 30f; Wolf, 2002, S. 216)

Nun stellt sich die Frage, ob die eben beschriebenen Formen der Freundschaft wirklich als Philia im Sinn von Aristoteles‘ Definition zu interpretieren sind. Bedarf es wirklich des gegenseitigen Wohlwollens? Denkbar wäre vielmehr, diese Beziehungen als Benutzen oder vielleicht sogar Ausnutzen des anderen zum eigenen Zwecke zu interpretieren. Wozu dem anderen dafür Gutes wünschen? Inwiefern passen Freundschaften auf Basis des Nutzen und der Lust auf die Definition der Philia? Antwort darauf findet sich bereits im Beispiel der Geschäftspartner unter Punkt 2.a. Nur unter der Bedingung, dass es dem Geschäftspartner und mit ihm seiner Firma gutgeht, ist es möglich, Nutzen aus der Beziehung zu ziehen. Analoges gilt für die Freundschaft auf Basis der Lust. Unter dieser Berücksichtigung passen diese Arten von Freundschaftsbeziehungen auf die Definition der Philia. Trotzdem sieht sie Aristoteles als unvollkommene Freundschaften. Sie sind kurzlebig und tragen nicht oder nur wenig zum Erreichen von Glückseligkeit bei. Das vermag ausschließlich die Freundschaft auf Basis des Guten.

(vgl. Aristoteles, 2010, S. 286ff, 1156 b 17ff; Wolf, 2002, S. 217f)

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Details

Seiten
15
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668976412
ISBN (Buch)
9783668976429
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v489735
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,3
Schlagworte
rolle freundschaft aristoteles‘ nikomachischer ethik

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