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Geschichtskultur. Der Einfluss historischer Dokumentarfilme auf die Geschichtskultur am Beispiel des Filmes "Shoah" von Claude Lanzmann

Hausarbeit 2018 16 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Zeitalter Weltkriege

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Begriff Geschichtskultur und dessen Bedeutung
2.1 Keine Geschichtskultur ohne Geschichtsbewusstsein
2.2 Geschichtskultur nach Pandel
2.3 Geschichtskultur nach Schönemann
2.4 Gegenüberstellung der Ansätze und persönliches Fazit

3. Der Einfluss geschichtlicher Dokumentarfilme auf den Begriff der Geschichtskultur am Beispiel des Filmes Shoah von Claude Lanzmann
3.1 Die Gattung des historischen Dokumentarfilms
3.2 Der Film Shoah von Claude Lanzmann
3.3 Welchen Einfluss nahm der Film Shoah auf die Geschichtskultur?

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wenn in heutiger Zeit über die öffentliche Rolle historischer Erinnerungsleistung und ihre Charakterisierung gesprochen wird, taucht neben den bekannten Begriffen, wie dem historischen Denken, dem Geschichtsbild und dem Geschichtsbewusstsein eine spezifische Definition zwangsläufig auf. Es handelt sich um die Geschichtskultur, welche sich zu einem nicht wegzudenkenden Bestandteil der Geschichtsdidaktik entwickelt hat. Durch eine stark erhöhte Sensibilität für geschichtliche Ereignisse und den oftmals damit verbundenen Debatten, ihren historischen Argumenten und deren gesellschaftlichen Auswirkungen, ist in den letzten Jahren ein konstantes, allgemeines, öffentliches Interesse an dem Zusammenspiel von historischer Erinnerung, Gesellschaft und Kultur erwachsen. Immer mehr entstand das Bedürfnis nach einem übergreifenden Umgang mit Vergangenem. Sowohl wissenschaftliche Forschung, schulische und außerschulische Erziehung, kulturelle Einrichtungen, politische und wirtschaftliche Entscheidungen, als auch jegliche Art an medialer Unterhaltung sollten Teil einer allumfassenden Einheit historischer Erinnerung sein. Aus dieser Entwicklung entstand die Geschichtskultur.1

Die vorliegende Arbeit geht zunächst auf den Begriff der Geschichtskultur anhand verschiedener theoretischer Ansätze ein. Was versteht man überhaupt unter Geschichtskultur? Wie ist der Begriff entstanden? Welche Bedeutung hat er für den Unterricht an Schulen?

Die spezifische Fragestellung beschäftigt sich mit der Darstellung und Wirkung von Medien auf das Verständnis von Geschichtskultur. Um dem Umfang der Arbeit gerecht zu werden, wird diese auf die Gattung des Dokumentarfilmes beschränkt, unter der Fragstellung: „Welchen Einfluss haben historische Dokumentarfilme auf die Geschichtskultur?“ Das einschlägige Filmbeispiel Shoah von Claude Lanzmann dient als Grundlage dieser Untersuchung.

In der Forschung werden, neben einem fundierten Curriculum Geschichtskultur, vor allem Studien zur geschichtskulturellen Sozialisation Jugendlicher, zur Sach-, Problem-, und Diskursgeschichte gegenwärtiger Geschichtskultur angestrebt. Weitere offene Forschungsfelder bietet das Feld der historischen Entwicklung der Geschichtskultur mit den Schwerpunkten, Epoche, Region, Institution, Medien und Sozialgruppen, um einen spezifischen Zugriff auf die Thematik zu gewährleisten.2

Einleitend wird der Begriff der Geschichtskultur allgemein definiert, sowie das obligatorische Zusammenspiel von Geschichtskultur und Geschichtsbewusstsein erläutert. Daraufhin werden zwei verschiedene theoretische Ansätze zur Geschichtskultur der Autoren Hans-Jürgen Pandel und Bernd Schönemann dargelegt und gegenübergestellt. In einem weiteren Kapitel wird der Einfluss von Dokumentarfilmen auf die Geschichtskultur betrachtet und anhand eines Beispiels untersucht. Abschließend wird die vorliegende Arbeit mit einem zusammenfassenden Fazit beendet.

2. Der Begriff Geschichtskultur und dessen Bedeutung

Seit Anfang der 1980er wurde der Begriff der Geschichtskultur ursprünglich als didaktische Bezeichnung für die Masse an Medien genutzt, welche sich mit jeglicher Art von Geschichte auseinandersetzten. Wissenschaftlich geprägt wurde die Bedeutung der Geschichtskultur vom deutschen Historiker und Kulturwissenschaftler Jörn Rüsen, welcher sich zu dieser Zeit mit historischen Museen beschäftigte. Der Begriff sollte die Wirkung und Ansiedelung von Museen in der Lebenspraxis beschreiben, sowie auf alle Erkenntnisse historischer Forschung, welche außerhalb der Wissenschaft stattfanden.3

Heute kann Geschichtskultur lokale, nationale und auch internationale geschichtliche Ereignisse umfassen.4 Sie fasst einen großen Bereich an kulturellen und geschichtlichen Aktivitäten zusammen und grenzt sich somit gleichzeitig von anderen Bereichen ab.5 Geschichtskultur beschreibt einen gesellschaftlichen Raum, der mittels der Wahrnehmung, Konstruktion und Interpretation der Vergangenheit, durch ein Individuum oder eine soziale Gruppe kreiert wird. Alle darin entstehenden geschichtskulturellen Erzeugnisse, welche den Umgang mit Vergangenem verarbeiten und darstellen, bilden die Geschichtskultur einer Gesellschaft.6

Bevor eine nähere Darstellung des Begriffes der Geschichtskultur, unter Betrachtung verschiedener theoretischer Ansätze der zwei Autoren Bernd Schönemann und Hans-Jürgen Pandel, vorgenommen wird, folgt eine Erläuterung des obligatorischen Zusammenhangs zwischen Geschichtskultur und Geschichtsbewusstsein.

2.1 Keine Geschichtskultur ohne Geschichtsbewusstsein

Eine Fundamentalkategorie der Geschichtsdidaktik ist das Geschichtsbewusstsein. Das Bewusstsein über die Vergangenheit und ihre Geschichte.7

Ab den 1970ern erlebte der Begriff des Geschichtsbewusstseins einen inhaltlichen Wandel. Der normativ geprägte Begriff, welcher vorschrieb, welches Geschichtsbewusstsein Schülerinnen und Schüler haben sollten, wurde analytisch formatiert. Zwar ist Geschichtsbewusstsein ohne historisches Wissen nicht denkbar, jedoch ist der Begriff keine Bezeichnung für die Aneignung von einem besonders umfangreichen oder ganz bestimmten historischen Wissen. Während Schülerinnen und Schüler im Laufe ihres Lebens den Großteil von dem in der Schule erworbenen Wissen wieder vergessen, hat sich bei der Aneignung ein spezifisches Bewusstsein für dieses Wissen gebildet. Durch die Umsetzung dieses Wissens mittels einer analytischen Verknüpfung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bildet sich ein Geschichtsbewusstsein aus. Es zeichnet sich also nicht über eine große Menge an historischem Wissen aus, sondern durch den reflektierten Umgang mit diesem und die Erkenntnisse und Schlussfolgerungen, welche das Individuum aus ihnen zieht.8

Da das Geschichtsbewusstsein eher als individuelles Konstrukt und die Geschichtskultur eher als kollektives Konstrukt angesehen werden kann, bilden sie gemeinsam das Geschichtsbewusstsein einer Gesellschaft.9 Die Geschichtskultur stellt das äußere Erscheinungsbild des Geschichtsbewusstseins der heutigen Gesellschaft dar. Aktuelle Filme, Serien, Zeitschriften, Bücher, Kunst und auch Denkmäler oder alltägliche Werbung spiegeln das gegenwärtige und damit individuelle Bewusstsein der Gesellschaft wider und machen Geschichte zu einem greifbaren Objekt. In aktuellen Medien zeigt sich also der praktische Umgang mit der vergangenen Geschichte. Geschichtskultur bietet Sinnbildungsangebote, welche wieder zu einem kultur- und gesellschaftsspezifischen Geschichtsbewusstsein führen.10 Da der Begriff der Geschichtskultur zwischen einzelnen Autoren stark variieren kann, werden – zur Vertiefung der Thematik – in den folgenden Kapiteln die theoretischen Ansätze der Autoren Hans-Jürgen Pandel und Bernd Schönemann erläutert und gegenübergestellt.11

2.2 Geschichtskultur nach Pandel

In der Geschichtsdidaktik ist neben den schulischen Geschichtsunterricht die außerschulische Geschichtskultur getreten. Nach Pandel ist diese jedoch nicht als gleichwertige Option, sondern als Erweiterung und Vertiefung für die lernenden Schülerinnen und Schüler anzusehen. Die Geschichtsdidaktik erweiterte ihren Wahrnehmungshorizont durch eine grundlegende Umorientierung von der „Didaktik des Geschichtsunterrichts“ zur „Didaktik der Geschichte“.12

Für Pandel ist bei der Bestimmung des Begriffs der Geschichtskultur eine Gegebenheit signifikante Voraussetzung und zwar, die gegenwärtige Lebenswelt, in der Geschichte präsentiert und verarbeitet wird. Es ist nicht von Bedeutung, wann sich das Dargestellte ereignete, sondern, dass es heute in der Gegenwart auf eine beliebige Art und Weise publiziert wird. Nicht auf die Zeit des Ereignisses, sondern die Zeit der Darstellung kommt es an und darauf, dass dem Dargestellten hohe Aufmerksamkeit zukommt. Geschichtskultur hat das Merkmal der Sinnlichkeit inne. Produkte von Geschichtskultur können gehört, gesehen, gerochen, geschmeckt oder sogar angefasst werden.13 Der damit einhergehende vorliegende Mechanismus der Geschichtskultur ist die Gattungswanderung. Die mediale Verarbeitung eines wissenschaftlich erforschten historischen Sachverhalts erzeugt eine Veränderung und einen Zuwachs an Bedeutung.14

Ein ebenfalls wichtiger Aspekt für Pandel ist, die Abgrenzung zum herkömmlichen geschichtsdidaktischen Begriff, welcher alle außerschulischen Lernorte, wie Museumsbesuche, Exkursionen oder Besuche historischer Bauwerke zur Praktizierung von Geschichtskultur zählt. Nicht das Betrachten von historischen Quellen, sondern das Einbeziehen dieser als gegenwärtige kulturelle Lebenswelt in ihre eigene Lebenswelt, sollen Schülerinnen und Schüler als Geschichtskultur verstehen.15

Pandel kritisiert, dass Geschichtskultur oftmals mit den verschiedenen Bezeichnungen der Umgangsweisen von geschichtlichem Wissen, wie Vergangenheitspolitik, Erinnerungskultur, Erinnerungspolitik oder Geschichtspolitik gleichgesetzt wird. Um den Begriff also sinnvoll nutzen zu können verlangt er nach einer schlüssigen Definition.16 Pandel konstatiert eine generelle Gefahr der Eingrenzung und Entgrenzung des Begriffs der Geschichtskultur. Sein theoretischer Ansatz greift zunächst die drei Dimensionen von Rüsen, Macht (Politik), Wahrheit (Wissenschaft) und Ästhetik (Schönheit) auf und wird durch die Dimensionen Ethik und Ökonomie erweitert. Unumstritten ist für ihn, dass es für bestimmte Personen und Gruppen verletzend sein kann, Geschichte auf bestimmte Art und Weise darzustellen. Aus diesem Grund schließt Geschichtskultur gewisse ethische Richtlinien ein. Die Dimension der Ökonomie behandelt das Kapital, welches sich beispielsweise aus geschichtskulturellen Events, Zeitschriften, oder Tourismus erschließen lässt.

In gleichem Maße wie Pandel den Begriff an manchen Stellen erweitert, grenzt er ihn an anderen ein. Kritisiert wird von ihm, dass Geschichtskultur von manchen Autoren auf die gesamte Geschichte ausgeweitet wird. Bei der Präsentation durch Bücher, Gemälde oder Plastiken zur Leidens- und Lebensgeschichte Jesu ist eher von einer Religions-, als von einer Geschichtskultur auszugehen.

Da Geschichtskultur durch eine Gesellschaft entsteht und charakteristisch für sie steht, wäre es unhistorisch den Begriff auf alle Gesellschaften aller Epochen gleichermaßen zu beziehen. Wird jede alltags- und kulturgeschichtliche Belanglosigkeit jeder Epoche zum Begriff der Geschichtskultur, verliert dieser seinen Sinn.17

Um eine genauere Eingrenzung erzielen zu können, hat Pandel drei Merkmale der Geschichtskultur definiert. Eines dieser drei Merkmale ist die lebensweltliche Präsenz. Historische Filme, Bücher, bildende Kunst, Theaterstücke, Ausstellungen und Zeitschriften, die in unserer gegenwärtigen Lebenswelt entstanden sind, ihre Präsenz finden und so ein Publikum unterhalten, fallen unter dieses Kriterium. Mittelaltermärkte, Ritterspiele, sowie größere oder kleinere öffentliche Kontreversen, die beispielsweise dazu führen, dass ein Platz oder eine Straße umbenannt wird. Die Wissenschaft kann all diesen Produktionen und Debatten beistehen, sie kann jedoch nicht darüber entscheiden was weitergetragen und verbreitet wird. Eine Serie, die im Mittelalter spielt, erhebt oftmals keinen Anspruch auf Authentizität oder Realität, jedoch hinterlässt sie einen Eindruck über historische Epochen oder Ereignisse.18

Das zweite von Pandels Merkmalen besagt, dass Geschichtskultur den Charakter einer Eventkultur mit sich bringt. Eine Sache, ein Ereignis, welches heute passiert, eine hohe Anziehungskraft auf eine breite Masse ausstrahlt, große Aufmerksamkeit erhält, öffentlich diskutiert wird, jedoch flüchtig ist und wie ein Event, irgendwann zu Ende geht.19

Das dritte Merkmal ist der bereits angesprochene Gattungswechsel. Geschichtskultur bedient sich der medialen Verarbeitung historischer Inhalte. Bei dieser Verarbeitung findet eine Auswirkung und somit Veränderung des Inhaltlichen statt. In der Fachsprache wird dieser Mechanismus als „Media-Switch“ bezeichnet. Ein feststehendes historisches Ereignis wird in ein Medium transferiert und unterliegt – trotz feststehender wissenschaftlich belegter Fakten – zwangsläufig dem Einfluss des Schöpfers.

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1 Rüsen, Jörn, Was ist Geschichtskultur? Überlegungen zu einer neuen Art, über Geschichte nachzudenken, in: Füßmann/Grütter/Rüsen (Hrsg.), Historische Faszination. Geschichtskultur heute. Köln 1994: S. 3-4.

2 Schönemann, Bernd, Geschichtsbewusstsein und Geschichtskultur, in: Hasberg/Thünemann (Hrsg.), Geschichtsdidaktik in der Diskussion. Grundlagen und Perspektiven. (Geschichtsdidaktk Diskursiv, Band. 1) Frankfurt am Main 2016: S. 60-61.

3 Pandel, Hans-Jürgen, Geschichtsdidaktik. Eine Theorie für die Praxis. Schwalbach 2013: S. 164; Pandel, Hans- Jürgen, Geschichtskultur, in: Barricelli/Lücke (Hrsg.), Handbuch. Praxis des Geschichtsunterrichts. (Forum Historisches Lernen, Bd. 1) Schwalbach 2012: S. 147.

4 Günther-Arndt u.a. (Hrsg.), Geschichte. Studium, Wissenschaft, Beruf. Berlin 2008: S. 34.

5 Rüsen, Jörn: 1994: S. 3-4.

6 Günther-Arndt 2008: S. 34.; Pandel, Hans-Jürgen, Geschichtsdidaktik. Eine Theorie für die Praxis. Schwalbach 2013: S. 164.

7 Schönemann, Bernd, Geschichtsbewusstsein – Theorie, in: Barricelli/Lücke (Hrsg.), Handbuch. Praxis des Geschichtsunterrichts. (Forum Historisches Lernen, Bd. 1) Schwalbach 2012: S. 98-111.

8 Pandel, Hans-Jürgen 2013: S. 129-133.

9 Schönemann 2016: S. 53-55.

10 Günther-Arndt 2008: S. 34; Pandel, Hans Jürgen 2013: S. 164.

11 Pandel2012:S.147.

12 Pandel 2013: S. 161.

13 Pandel 2013: S. 165; Pandel 2012, S.150.

14 Pandel 2012: S 151.

15 Ebd.: S. 150.

16 Ebd.: S. 147.

17 Pandel 2013: S.165-167.

18 Ebd.: S. 167-169.

19 Ebd.: S. 169-171.

Details

Seiten
16
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668971196
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v489926
Note
2,3
Schlagworte
Geschichtskultur Shoah Claude Lanzmann Dokumentarfilm Geschichtsdidaktik

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Titel: Geschichtskultur. Der Einfluss historischer Dokumentarfilme auf die Geschichtskultur am Beispiel des Filmes "Shoah" von Claude Lanzmann