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Kindheit im Wandel der Generationenverhältnisse

Hausarbeit (Hauptseminar) 2019 20 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Begriff „Generation“
2.1 Die biographisch-sozialisationstheoretische Perspektive
2.2 Die Perspektive der generationalen Ordnung

3. Generationenkonzepte in der Kindheitsforschung
3.1 Der Soziokulturelle Ansatz
3.2 Der Sozialstrukturelle Ansatz

4. Generationenverhältnisse
4.1 Soziale gesellschaftliche Bedeutung
4.2 Erziehungswissenschaftliche Bedeutung

5. Wandel der Generationenverhältnisse
5.1 Wandel der Familienmodelle
5.2 Vom Befehlshaushalt zum Verhandlungshaushalt
5.3 Verschiebung der Lehr-Lernbedingungen

6. Kindheit im Wandel der Generationenverhältnisse
6.1 Der steigende Wert der Kindheit auf sozialpolitischer Ebene
6.2 Auswirkungen des soziokulturellen Wandels
6.3 Aneignung kulturell relevanten Wissens durch Selbstsozialisation

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Kindheit im gesellschaftlichen Wandel wird in der Fachliteratur aus verschiedenen Perspektiven und in verschiedenen Diskursen betrachtet, meist mit Blick auf die individuellen Lebenslagen der Kinder. Die unterschiedlichen beschriebenen Aspekte und Phänomene haben eines gemeinsam: sie werden –im Sinne von Kindheit früher und heute- im Kontext von Generationen verglichen. Dabei wird der Generationenbegriff ebenso unterschiedlich verwendet wie der Begriff Kindheit.

Interesse dieser Arbeit ist es, die verschiedenen Definitionen von Generation und Kindheit gegenüberzustellen und in ein Verhältnis zu bringen, an dessen Verknüpfung der Wandel von Kindheit aus einer generationalen Perspektive betrachtet werden kann. Dabei greift die Arbeit ebenfalls auf einzelne Aspekte zurück, die aber alle in einem gemeinsamen Kontext stehen, welcher Kindheit nicht als individuelle Lebenslage begreift sondern als Element des Soziallebens innerhalb einer generationalen Ordnung.

Im Folgenden wird zunächst der Generationenbegriff sowohl aus der sozialisationstheoretischen Perspektive als auch aus der Perspektive der generationalen Ordnung betrachtet, um anschließend daraus abgeleitet mit der Beschreibung des soziokulturellen Ansatz und des sozialstrukturellen Ansatzes zwei Generationenkonzepte der Kindheitsforschung gegenüberzustellen.

Mit der anschließenden Erläuterung des Terminus Generationenverhältnisse wird im Anschluss der Wandel derselben an drei Beispielen ausgeführt. Diese Beispiele aufnehmend versucht die Arbeit am Schluss anhand der vorher definierten Begriffe den Wandel der Kindheit im Verhältnis der Generationen zu beleuchten – ebenfalls an einzelnen Beispielen.

2. Der Begriff „Generation“

Der Begriff „Generation“ ist vielschichtig, seine Bedeutung ist abhängig von der jeweiligen disziplinären Perspektive, aus der er betrachtet wird. So kann unter Generationen sowohl die Gegenüberstellung von unterschiedlichen Altersgruppen im Sinne sozialer Gruppierungen, die sich bedeutsam im Alter unterscheiden, verstanden werden als auch die Zugehörigkeit zu bestimmten Geburtenjahrgängen, die zu gleichen Zeiten im etwa gleichen Alter mit gleichen Ereignissen konfrontiert waren (z.B. Nachkriegsgeneration; 68er Generation). (vgl. BMFSFJ 2012, S.11)

Zudem wird der Begriff „Generation“ auch verwendet, um die Abfolge von Individuen innerhalb von Familien- und Verwandschaftssystemen zu benennen, welche jeweils die gleichen Rollen einnehmen (Kinder, Eltern, Großeltern), oder auch um die Dauer der Zugehörigkeit zu sozialen Gebilden oder Organisationen darzustellen, auch unabhängig vom Alter. Nicht zuletzt bezeichnet der Begriff der künftigen Generation im Sinne verantwortlichen Handelns einer vorherigen Generation auch Gruppen, die sich zeitlich nicht zwingend begegnen müssen (vgl. ebd.)

Im Folgenden wird der Begriff „Generationen“ aus zwei unterschiedlichen Perspektive näher beleuchtet.

2.1 Die biographisch-sozialisationstheoretische Perspektive

Der Begriff „Generation“ wird in der Sozialisationsforschung genutzt, um „die biographischen Gemeinsamkeiten von mehreren aufeinander folgenden Alterskohorten symbolisch zum Ausdruck zu bringen“ (Bründel/ Hurrelmann 2017, S. 33)

Als der Begründer dieses Generationenbegriffes gilt Karl Mannheim. Er definiert Generationen als eine Gruppe bestimmter Geburtsjahrgänge, welche durch gemeinsame Erfahrungs- und Handlungsrahmen im historischen und zeitlichen Kontext einen ähnlichen Sozialisationsprozess durchmachen. Durch diesen Prozess entstehen Generationseinheiten und durch deren Abfolge kultureller Wandel. (vgl. Alanen 2005, S. 73)

Nach dieser Definition befinden sich Individuen also unabhängig vom eigenen Willen in einer bestimmten Generation und teilen mit Menschen ähnlichen Alters gleiche Erlebnisse und Erfahrungen, aber auch einen ähnlichen kulturellen Rahmen. Ein Generationenwechsel findet etwa alle 30 Jahre statt, die Individuen selbst wechseln die Generation jedoch nicht, sondern sie werden mit ihr älter. (vgl. Bründel/ Hurrelmann 2017, S. 33)

Nach Hurrelmann/ Albrecht (2014) lassen sich in der historischen Betrachtung nach dem zweiten Weltkrieg fünf aufeinanderfolgende Generationen in engeren Zeitabständen identifizieren: die Nachkriegsgeneration (geb. 1925-1940), die 1968er-Generation (geb. 1940-1955), die Babyboomer (geb. 1955-1970), die Generation X (geb. 1970-1985) und die Generation Y (1985-2000 geboren). Kinder in der heutigen Zeit werden benannt als die Generation Z. (vgl. Hurrelmann/ Albrecht 2014, S. 17)

Jeder dieser Generationen lassen sich die wirtschaftlichen und politischen Voraussetzungen der jeweiligen Zeit zuordnen und, sozialisationstheoretisch betrachtet, davon ausgehend auch bestimmte grundsätzliche Eigenschaften. So gelten die Menschen der Nachkriegszeit als pragmatisch zupackend, die der 68er Generation als die kritisch Denkenden gegenüber autoritären Haltungen. (vgl. Bründel/ Hurrelmann 2017, S.34)

2.2 Die Perspektive der generationalen Ordnung

Der Begriff „Generation“ kann auch definiert werden durch die Gegenüberstellung von unterschiedlichen Altersgruppen: „Junge“ und „Alte“ oder auch differenziert in Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Alte. (vgl. BMFSFJ 2012, S.11)

Alanen (2005) erweitert diese Denkweise durch den Begriff der relationalen Struktur und bezieht sich in der Definition von „Generation“ unter anderem auf Verhaltensmuster, kollektive Regeln und Ressourcen, gesetzesähnliche Regelmäßigkeiten und ein System von Beziehungen zwischen sozialen Positionen innerhalb einer Gruppe (vgl. Alanen 2005, S.70)

Bestimmt wird die Zugehörigkeit zu Generationen dabei abhängig von sozialen, materiellen, biologischen, psychologischen oder auch kulturellen Faktoren, welche Phänomene hervorbringen, anhand derer sich Generationen definieren lassen. Dabei sind die Variablen zur Bildung einer Gruppe im Sinne von „Generation“ nicht abhängig von Geburtsjahrgang und Historie wie bei Mannheim, sondern davon unabhängig im Sinne einer sozialen Ursache. Gemäß Sichtweise sind soziale Positionen miteinander verknüpft in einer Struktur, die die Handlungen der Positionsinhaber beeinflusst und gleichzeitig von diesen beeinflusst wird. (vgl. Alanen 2005, S.74ff)

Angehörige von Generationen im Sinne von sozialer Struktur entwachsen im Lebenslauf der jeweiligen Generation und wechseln in eine nächste, der Zeitpunkt ist abhängig variabel. (vgl. Bründel/ Hurrelmann 2017, S.36)

Bezeichnend für die Bedeutung der generationalen Ordnung ist nach Kelle (2005) die „Unterschiedlichkeit der Erfahrungshintergründe der gleichzeitig, aber nicht gleichaltrig Lebenden“, welche Synchronisierungen in den Generationen bedingen und Forschende vor vielschichtige kulturelle und soziale Unterschiede und Gemeinsamkeiten der so verstandenen Generationen stellt. (vgl. Kelle 2005, S.92)

3. Generationenkonzepte in der Kindheitsforschung

In der aktuellen Kindheitsforschung werden (vereinfacht) zwei Generationenkonzepte voneinander unterschieden: der soziokulturelle und der sozialstrukturelle Ansatz. Die unterschiedlichen Ansätze gründen auf die vorab beschriebenen unterschiedlichen Perspektiven.

3.1 Der Soziokulturelle Ansatz

Kinder einer Generation werden im Sinne des soziokulturellen Ansatzes als eine Gruppe oder Kohorte betrachtet, die „etwa zur gleichen Zeit in einen bestimmten Ausschnitt der Welt hineingeboren werden“ (Hengst 2005, S.255) und durch bestimmte gemeinsame Einstellungen, Lebensorientierungen und kulturelle Merkmale charakterisiert werden können. In der Generationenabfolge bilden Kinder jeweils die jüngste Generation.

Sie wird durch die Erlebnisse und Erfahrungen, die die Kinder in ihrer Entwicklung gemeinsam haben, definiert. So ist für die derzeitige junge Generation der Kinder spezifisch, dass sie in einer elektronisch durchwirkten Umwelt aufwachsen, in der der Umgang mit der digitalen Welt selbstverständlich ist. Dieser Umstand verändert zur vorherigen Generation die persönlichen Eigenschaften und Merkmale der Kinder heute (vgl. Bründel/ Hurrelmann 2017, S. 33ff).

Einige empirische Arbeiten haben sich mit der Bildung von Kinder- und Jugendgenerationen im historisch-spezifischen Kontext beschäftigt (so z.B. das Buch „Kriegskinder, Konsumkinder, Krisenkinder von Preuss-Lausitz 1983). Diese Arbeiten gehen davon aus, dass Kindergenerationen spezifizierbar sind durch die Erziehungs- und Sozialisationsverhältnisse zwischen Kindern und Erwachsenen in der jeweiligen Zeit. (vgl. Kelle 2005, S.90)

Mannheim vertritt in diesem Kontext einen Erziehungsbegriff, der davon ausgeht, dass die Kulturvermittlung zwischen den Generationen nicht bewusst gesteuert ist, sondern dass durch Sozialisation kulturelle Werte und Einstellungen, die sich für die Lebenssituation bewährt haben, unbewusst in die nächste Generation vererbt und übertragen werden. (vgl. ebd. S.89)

Die soziokulturellen Hintergründe aufeinanderfolgender Generationen beeinflussen z.B. durch unterschiedliche Wertehaltungen maßgeblich die Beziehungen zwischen den unterschiedlichen Generationen; dies wird deutlich an dem Verhältnis von Kindern und Eltern im zeitgeschichtlichen Wandel. ( vgl. BMFSFJ 2012, S.12)

Das Verständnis von Kindheit im soziokulturellen Kontext ist unter anderem geprägt von der sozialen Erwartung an die vorherige Erwachsenengeneration, verantwortlich zu sein für die Entwicklungsmöglichkeiten und das Wohlergehen der nachfolgenden Kindergeneration- sowohl im Sinne der Vermittlung von Wissen und Werten als auch in der Schaffung und Bewahrung von materiellen und immateriellen Gütern zum Nutzen der nachfolgenden Generation. Kindheit wird hier als die profitierende Generation skizziert. (vgl. ebd. S.13f.)

3.2 Der Sozialstrukturelle Ansatz

Der sozialstrukturelle Ansatz in der aktuellen Kindheitsforschung begreift die Unterteilung von Kindern und Erwachsenen im Sinne von Generationen als zwei Großgruppen, die unterschiedlich mit Macht und Ressourcen ausgestattet sind und in unterschiedlichen Sozialräumen agieren. Dabei werden die gesellschaftlichen Positionen von Kindern und Erwachsenen ebenso wie der Sozialraum „Kindheit“ als feste dauerhafte Struktur verstanden. (vgl. Hengst 2005, S. 255)

Charakterisiert werden die Generationen beispielsweise an den ihnen zugewiesenen und von ihnen ausgeübten Funktionen und Aufgaben (z.B. Erziehung). Gleichzeitig lassen sich beiden Gruppen- sowohl Kindern als auch Erwachsenen- Erwartungen an die jeweils andere Gruppe zuordnen, die abhängig sind von der jeweiligen kulturellen und sozialen Prägung, z.B. Fürsorge oder Unterstützung. (vgl. BMFSFJ 2012, S.12f)

Qvortrup bezeichnet Kindheit als eine Strukturform, die mit anderen Strukturformen in unserer Gesellschaft in Interaktion tritt und anhand verschiedener Variablen charakterisiert werden kann. Dies macht sie vergleichbar mit anderen sozialen Gruppen (Jugendlichen, Erwachsenen) und zudem auch vergleichbar im historischen Sinne (Vergleich von Kindheiten damals und heute) und im kulturellen Sinne (Vergleich von Kindheiten in verschiedenen Teilen der Welt). (vgl. Qvortrup 2005, S.35)

Sicht auf Kindheit

Kindheit im Sinne des sozialstrukturellen Ansatzes kann einerseits in Bezug auf externe Relationen betrachtet werden; dann ist die Definition von Kindern in kategorialer Zugehörigkeit abhängig von ihnen gleichen Merkmalen und beobachtbaren Gemeinsamkeiten wie z.B. das Alter. Noch relativ jung ist die Betrachtung kategorialer Zuordnung anhand interner Beziehungen der Kinder zur sozialen Welt. Alanen unterscheidet hier die Definition von Kindern und Erwachsenen anhand der Komplexität ihrer sozialen Prozesse und Aktivitäten, die sich aufeinander beziehen. (vgl. Alanen 2005, S. 78f.)

Dieses sozialstrukturelle Generationenkonzept, welches von Alanen entworfen wurde, dient in der aktuellen Kindheitsforschung als Ausgangspunkt für die Untersuchung des Wandels der Kindheit anhand der aufeinander bezogenen Identitäten und Interaktionen der Kinder und der Erwachsenen. (vgl. Hengst 2005, S. 256)

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Details

Seiten
20
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783668977754
ISBN (Buch)
9783668977761
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v490003
Institution / Hochschule
Hochschule Koblenz (ehem. FH Koblenz) – MAKS
Note
1,3
Schlagworte
Generationenverhältnisse Kindheit soziokultureller Wandel Generationenkonzepte generationale Ordnung

Autor

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Titel: Kindheit im Wandel der Generationenverhältnisse