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Computergestützte Gruppenarbeit (CSCW). Geschichte, Entwicklung und relevante Modelle

von Milan Viktorias (Autor)

Hausarbeit 2018 13 Seiten

Informatik - Sonstiges

Leseprobe

I. Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definitionsversuch

3. Historischer Aufriss des Forschungsgebiets

4. Diskussion relevanter Modelle.

5. Fazit

II. Literatur- und Quellenverzeichnis

Abstract:

Die vorliegende Studienarbeit beschäftigt sich mit einem historischen Aufriss der Entstehung und Entwicklung des interdisziplinären Forschungsbereichs der Computergestützten Gruppenarbeit (CSCW). Nach einer kurzen Einleitung sollen zunächst einige zentrale Definitionen von CSCW vorgestellt und diskutiert werden. Weiterhin soll die Entstehungsgeschichte des Forschungsgebiets historisch aufgerissen und einige zentrale Konzepte vorgestellt werden. In einem abschließenden Fazit sollen die Erkenntnisse dieser Ausarbeitung zusammengetragen und kritisch diskutiert werden.

1. Einleitung

In unserem Alltag spielen informationstechnologische Innovationen und neue Kommunikationsmedien eine immer größere Rolle. Die zahlreichen Medien- und Kommunikationstechnologien werden dabei immer mobiler und sind aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Auch im Arbeitsalltag spielen solche Technologien eine zentrale Rolle, da sie als Organisations- und Informationsgrundlage zur interaktiven und vernetzten Zusammenarbeit von Menschen untereinander genutzt werden. Schon seit Jahrzehnten werden Computer zur Unterstützung im Arbeitsalltag verwendet, um Daten und Informationen zwischen mehreren Nutzenden1 gemeinsam pflegen und bearbeiten zu können. Klaus North (2002) merkte an, dass die Entwicklung der Informationstechnologien dazu geführt hat, dass große Informations- und Datenmangen zu geringen Kosten gespeichert werden können und Personen interaktiv über große Distanzen hinweg miteinander arbeiten und Wissen austauschen können (North 2002). Hier setzt der Forschungsbereich der Computer Supported Cooperative Work (CSCW) bzw. Computergestützte Gruppenarbeit2 an. Dieser noch junge und interdisziplinäre Forschungsbereich beschäftigt sich mit der Zusammenarbeit von Individuen in Gruppen im Rahmen von Informations- und Kommunikationstechnologien (IuK). Das Akronym CSCW wird im deutschsprachigen Raum mit dem Begriff Computergestützte Gruppenarbeit umschrieben (Grüninger 1996). Die fachlichen Zugänge zu den verschiedenen Gegenständen in CSCW sind sehr verschiedenen und im jeweiligen Forschungskontext zu betrachten. Dennoch kann dieser Forschungsbereich eine Reihe von Errungenschaften hervorbringen, was nicht zuletzt mit der Praxisrelevanz und den unterschiedlichen Kontexten zu tun hat.

Das Ziel dieser Ausarbeitung ist es, einen allgemeinen Überblick über das Forschungsgebiet zu geben. Hierbei sollen zunächst zentrale Definitionsbeiträge aufgezeigt und diskutiert werden. Ferner soll das Forschungsgebiet historisch aufgerissen werden und einzelne Konzepte und Modelle von CSCW vorgestellt und diskutiert werden. Hierbei sollen auch die methodologischen Entwicklungen des Fachs extrapoliert werden. In einem abschließenden Fazit sollen die Erkenntnisse dieser Ausarbeitung zusammengetragen und kritisch reflektiert werden.

2. Definitionsversuch

Bel der Frage nach einer einheitlichen Definition einerseits des Begriffs und andererseits des Forschungsbereiches CSCW wird schnell deutlich, dass genau diese nicht existiert. Vielmehr gibt es eine Reihe von Erläuterungen, Annäherungs- und Definitionsversuche. Dies resultiert unter anderem daraus, dass es in den letzten Jahren eine Vielzahl an Veröffentlichungen zu diesem Themenkomplex gab. Dabei setzt jeder Autor bzw. jede Autorenschaft einen anderen Schwerpunkt und eröffnet das jeweilige Thema in einem spezifischen Kontext.

Ein relativ allgemeiner Definitionsversuch geht auf Greenberg (1991) zurück der besagt, dass CSCW das Studium und die Theorie darüber ist, wie Menschen zusammen arbeiten und wie der Computer und dazugehörige Technologien das Verhalten von Gruppen beeinflussen bzw. affektieren (Greenberg 1991). Ähnlich allgemein formulieren Gross und Koch (2007) ihren Definitionsversuch. Nach ihnen beschäftigt sich CSCW mit dem Einsatz von Technologien zur Unterstützung von Zusammenarbeit (Gross & Koch 2007). Beide Annäherungsversuche heben dabei den Aspekt der Gruppenarbeit hervor. Alternativ schreiben Bowers und Benford (1991) dem Forschungsgebiet eine analytische Aufgabe zu (Bowers & Benford 1991). Greif (1998) geht mehr auf die Wirkung und den Einfluss des Computers auf die Gruppenarbeit ein und schreibt: „Computer-Supported Cooperative Work has emerged as an identifiable research field focused on the role of the computer in group work“ (Greif 1988). Damit weist Greif darauf hin, dass Computertechnologien die Gruppenarbeit nicht nur unterstützen, sondern auch neue Formen der Gruppenarbeit daraus entstehen können. Zentral für Greif ist hierbei die Perspektive auf die Aktivitäten der Nutzenden. Sie merkt an, dass durch den Einsatz von Computertechnologien neue Gruppenaktivitäten und -praktiken entstehen können (Greif 1988). Auch wenn sich die bisher vorgestellten Annäherungsversuche leicht unterscheiden, betrachten sie dennoch alle CSCW als ein Forschungsgebiet. Nach Ellis, Gibbs und Rein (1991) steht CSCW im direkten Zusammenhang mit Groupware. Der Begriff der Groupware soll im späteren Verlauf dieser Ausarbeitung noch näher ausgeführt werden. Es zeigt sich jedoch im Rahmen dieses Kapitels, dass es eine Reihe unterschiedlicher Definitionsversuche und Zugänge gibt, weshalb im Folgenden die Entstehung und Entwicklung des Forschungsgebiets historisch extrapoliert werden soll.

3. Historischer Aufriss des Forschungsgebiets

Obwohl es keine einheitliche Definition gibt, ist die historische Prägung des Begriffs und die Entwicklung des Forschungsbereichs der letzten 25 Jahren relativ deutlich dokumentiert. Der Begriff Computer-supported Cooperative Work wurde erstmals 1984 im Rahmen eines Workshops von Irene Greif und Paul Cashman eingeführt (Schmidt & Bannon 2013). Der Workshop beschäftigte sich mit dem Thema der verteilten Zusammenarbeit von Gruppen. Ende der 80er Jahre wurde die erste Europäische CSCW Konferenz in London abgehalten und 1992 erschien dann der erste CSCW Wissenschaftsjournal (Schmidt & Bannon 2013). Sie merken an, dass CSCW ein heterogener Forschungsbereich ist, der sich nicht nur mit der Entwicklung kollaborativer Technologien beschäftigt, sondern auch mit den Problemen der Forschenden, die durch den Einsatz und die Erforschung solcher Technologien entstehen. Schmidt und Bannon (2013) nennen die Metapher, dass CSCW eher als Basar als eine Kathedrale entstehenden ist. Ähnlich wie im dargestellten Definitionspluralismus im Kapitel zuvor, sind die Forschungszugänge und -gegenstände sehr unterschiedlich und immer im jeweiligen Kontext zu betrachten.

Seit Mitte der 80er Jahre wechselte die Fokussierung von Softwaretechnik und Büroautomatisierung hin zu Gruppenarbeit und deren technische Unterstützung. Wo anfänglich eher kleinere Gruppen anvisiert wurden, geht es heutzutage vielmehr um Netzwerke und große Communities. Die erfolgreiche Durchsetzung der CSCW-Forschung wurde technisch durch die steigende Verbreitung des Personal Computers und der wachsenden Vernetzung der Endgeräte ab circa Mitte der 80er Jahre begünstigt (eds. Connolly & Pemberton 1996). Auch wurden die Benutzeroberflächen immer graphischer, was zur Akzeptanz und Verbesserung der damaligen Rechnersysteme beigetragen hat. Weiterhin ist CSCW kein isoliertes Forschungsgebiet, sondern integriert Elemente der Disziplinen Informatik, Organisationslehre, Psychologie, Soziologie und den Wirtschaftswissenschaften (Greenberg 1991). Speziell die Soziologie kann dabei eine übergeordnete Rolle spielen, da im Rahmen der Zusammenarbeit von Menschen und Gruppen es immer auch um Praktiken geht (Wulf et al. 2015). Wulff et al. (2015) weisen darauf hin, dass CSCW im wesentlichen auf praxistheoretischen Konzepten der Soziologie nach Bourdieu, Giddens, Garfinkel und Latour bezieht (Wulf et al. 2015). Dabei fällt auf, dass in der Publikation von Wulf et al. (2015) die praxistheoretische Perspektive auf CSCW eine tragende Rolle spielt - ähnlich wie es bei Greif (1988) zu erkennen ist.

Im Jahre 1965 wurde der erste computergestützte Mehrbenutzer-Editor geschaffen, der die gemeinsame Arbeit an einem Dokument in einer gemeinsamen Umgebung ermöglichte (Borghoff & Schlichter 1995). Personen die geografisch verteilt waren konnten Texte erstellen, lesen, strukturieren und im Informationsraum navigieren, was gemeinhin als asynchrone Kooperation beschrieben wird (Borghoff & Schlichter 1995). Zehn Jahre später wurde ein System, das die synchrone Kommunikation zwischen mehreren Teilnehmenden ermöglichte, entwickelt.

Anfang der 70er Jahre kamen dann Konferenzsysteme hinzu, die eine textbasierte gruppeninterne Diskussion ermöglichten. Diese wurden später durch Audio- und Videosignal-Integration erweitert. Hierbei unterscheiden Borghoff und Schlichter (1995) vier Arten von Konferenzsystemen. Nicht-Realzeit Rechnerkonferenzen beschreiben den asynchronen Austausch von Nachrichten, beispielsweise das Senden und Empfangen von E-Mails auf den Arbeitsplatzrechner. Realzeit-Rechnerkonferenzen beschreibt die Verteilung der Teilnehmenden über mehrere Räume, die wiederum mit Rechnern ausgestattet sind. Hierbei etabliert sich der Austausch von Daten und Informationen, jedoch ohne Verbindung über Video- oder Audiosignale. Die Telekonferenz beschreibt die Unterstützung einer Gruppe durch Mittel der Telekommunikation, also Audio- und Videosignale. Dabei ist jedoch keine gemeinsame Bearbeitung von Informationen möglich. Desktopkonferenzen sind als Kombination der letzen beiden Arten zu beschreiben, die ein gemeinsames Bearbeiten von Informationen erlauben und durch Videosignale am Bildschirm angereichert werden können.

Ab den 80er Jahren begann die Entwicklung von Koordinationssystemen, die die Steuerung und Verwaltung von Gruppen und Informationen ermöglichten (Borghoff & Schlichter 1995). Hierbei unterscheiden die Autoren zwischen vier Arten von Koordinationssystemen. Das formularorientierte System beschreibt den Umlauf eines Dokuments in einer Organisation, bei dem jeder Teilnehmende nach Erhalt dieses Dokuments eine Tätigkeit ausübt und das Dokument abzeichnet und weiterleitet. Prozedurorientierte Systeme modellieren die Funktionen und Abläufe innerhalb einer Organisation. Konversationsorientierte Systeme modellieren die Interaktion von Gruppenmitgliedern. Beispielsweise können hier sprachliche Äußerungen in einem elektronischen Nachrichtenfluss bildlich dargestellt werden. Kommunikationsorientierte Systeme hingegen dienen der Modellierung von komplexeren Kommunikationsstrukturen innerhalb einer Organisation, speziell im Hinblick auf die verschiedenen Rollen, Aufgaben und Postionen der einzelnen Gruppenmitgliedern. Eine Kombination dieser Grundmodelle beginnt circa in den 80er Jahren (Borghoff & Schlichter 1995). Der historische Aufriss der Entstehung von CSCW konnte zeigen, dass CSCW sich sozusagen kontinuierlich in Abhängigkeit mit den entstandenen Informationstechnologien geformt hat (Schmidt & Bannon 2013). Dabei ist CSCW nicht aus einer bereits bestehenden Disziplin entstanden, wie beispielsweise aus der Information heraus, sondern kann als logische Konsequenz vieler Problemfelder im Zusammenhang mit dem Umhang mit Informationstechnologien begriffen werden.

[...]


1 Vor dem Hintergrund der geschlechtergerechten Sprache und Formulierung (Gender), werde im Rahmen dieser Ausarbeitung substantivierte Adjektive verwendet.

2 Der Begriff wird im Rahmen dieser Ausarbeitung als feststehender Begriff eines Forschungsgebietes begriffen, weshalb beide Worte großgeschrieben werden.

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  • Milan Viktorias (Autor)

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Titel: Computergestützte Gruppenarbeit (CSCW). Geschichte, Entwicklung und relevante Modelle