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Krankheit und Heilung in den Überlieferungen bei Elia und Elisa

©2011 Hausarbeit 44 Seiten

Zusammenfassung

Zunächst soll das Verständnis von Krankheit und Heilung des Alten Orients aufgegriffen
werden. Hierzu bieten das Alte Ägypten und Mesopotamien aufgrund ihrer
medizinischen Fortschrittlichkeit und ihrer vielfältigen Quellenlage einen guten Zugang.
Da es sich um Nachbarkulturen des Alten Israels handelt, verfolgt die Darstellung
zwei Ziele: Zum einen soll sie die Sicht auf Krankheit und Heilung und ihr spezifisches
Eingebundensein im Kontext ihrer Weltordnung zeigen. Zum anderen soll
dieser Befund zum Vergleich mit der Eigendarstellung des Alten Israel und des Alten
Testaments herangezogen werden.
In der Untersuchung der jeweiligen Termini für Krankheit und Heilung sollen einerseits
die sprachlichen Besonderheiten in der Verwendung der entsprechenden Lexeme
hervorgehoben werden und andererseits der Vorbereitung dienen, um den
Gebrauch der Termini in den Überlieferungen um Elia und Elisa zu untersuchen.
Die Elia-Überlieferungen finden sich innerhalb der Königsbücher sowohl in größeren
als auch in vereinzelten Erzählungen. So liegen diese in einem größeren Erzählzusammenhang
von 1Kön 17 bis 19, in 1Kön 21 und 2Kön 1-2,25 vor. Die Elisa-Überlieferungen
nehmen mit dessen Berufung durch Elia in 1Kön 19,19-21 ihren Anfang.
Zwischen 2Kön 2 bis 2Kön 13,21 wird eine Reihe von Elisa-Erzählungen eröffnet,
die relativ geschlossen vorliegen. Beide prophetische Gestalten finden sich, noch
dazu in einem recht auffallend erscheinenden Umfang, in Erzählungen wieder, bei
denen es sich gattungsmäßig um Wundergeschichten handelt, zu denen auch die
Erzählungen von Krankheit und Heilung gehören.
Die Texte, die sich auf Krankheit und Heilung beziehen, werden hier unter folgenden
Aspekten untersucht: Wie ereignen sich Krankheit und Heilung in den Elia- und Elisa-
Überlieferungen? Welche Funktion nehmen die jeweiligen prophetischen Gestalten
dabei ein und – im Vergleich – wie unterscheiden sie sich voneinander?
Hierzu werden Elias Totenerweckung in Sarepta (1Kön 17,17-24 par. 2Kön 4,18-37)
im Kontext des Dürre-Karmel-Komplexes vorgestellt und, in einem geringeren Umfang,
König Ahasjas Krankheit und Tod aufgegriffen.
In der Elisa-Überlieferung haben die Wundererzählungen programmatischen Stellenwert.
Die Erzählungen in 2Kön 2,19-24, 2Kön 5 und 2Kön 4,18-37 werden hier
analysiert.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung und Zielsetzung

Krankheit und Heilung im Alten Ägypten und im Alten Orient
1.1 Krankheit und Heilung im Alten Ägypten
1.2 Krankheit und Heilung in Mesopotamien
1.3 Krankheit und Heilung im Alten Testament

Krankheit und Heilung in den Überlieferungen um Elia und Elisa
1.4 Die Rolle Elias im Dürre-Karmel-Komplex
1.5 Ahasjas Krankheit und sein Tod in 2Kön1
1.6 Elisa, ein Wundertäter?

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung und Zielsetzung

Das Thema Krankheit und Heilung wird von jeher vielfältig bzw. umfangreich bear- beitet. Die heutige Betrachtung ist aufgrund einer fortschrittlicheren Medizin und den damit verbundenen ethischen Auseinandersetzungen in den letzten Jahrzehnten ei- nem ständigen Wandel ausgesetzt. Eine Eingrenzung ist daher notwendig.

Im Folgenden werden ein für mich erkennbarer Wandel im Denken zu diesem The- ma kurz skizziert und die daraus entstehenden neuen Probleme nur angerissen, um am Ende des ersten Kapitels auf die wissenschaftliche Ausarbeitung zu den Überlie- ferungen um Elia und Elias überzuleiten.

In den letzten Jahren ist zu beobachten, dass das individuelle Interesse am Thema Krankheit und Heilung stark zugenommen hat und heute ein beträchtlicher Anteil der Gesellschaft ein breites und fundiertes Wissen über die Entstehung von Krank- heiten und deren Zusammenhänge besitzt. Maßgeblich verantwortlich dafür ist die starke Verbreitung und Nutzung des Internets, das rund um die Uhr Daten zur Ver- fügung stellt. Mit der Definition von Krankheit oder eher dem, was krank macht, dürf- te unsere Gesellschaft, daher kaum Probleme haben. In diesem Zusammenhang lassen sich individuelle Erfahrungen von Krankheit als Krise, Beeinträchtigung und Verlust von Lebensqualität beschreiben.1

Eine wesentlich größere Herausforderung ist die Darstellung dessen was allgemein unter Gesundheit und Heilung zu verstehen ist. An dieser Stelle setzt Körtner mit seiner Überlegung an, ob die moderne Medizin genau genommen nicht von der Ge- sundheit, sondern von der Krankheit lebt und fordert dazu auf, dies zeitgemäß zu diskutieren.2 Er stellt auch fest, dass heute die Krankheit bestimmt, was unter Ge - sundheit zu verstehen ist.

Trotz des heutigen Wissens um Krankheiten und modernster Geräte für immer fei- nere Diagnosen sprechen wir nicht vom Zeitalter der Heilung. Im Gegenteil, wir be- finden uns eher im Zeitalter der chronifizierten Krankheiten. Wir leben mit einem breiten Spektrum an psychiatrischen und psychosomatischen Erkrankungen, die die moderne Medizin oft an deren Grenzen bringen.3 Die große Gruppe chronifiziert Er-krankter bleibt oft von der ersehnten Heilung – verstanden als ein gänzliches Freisein von Krankheit – dauerhaft ausgeschlossen. 4

Unter diesem Aspekt verliert das Wort Heilung seine Funktion als Hoffnungsträger und erscheint als ein Lebensziel übermächtig und unerreichbar. Ähnlich verhält es sich auch, wenn man die Definition von Gesundheit der Weltgesundheitsorganisati- on (WHO) betrachtet. „Health is a state of complete physical, mental and social well- being and not merely the absence of disease or infirmity.“5 Zwar wird hier der Begriff Gesundheit aus der Defensive gegenüber der Krankheit befreit und durch das Sub- stitut des Wohlbefindens (well-being) ersetzt, wird aber zugleich durch die Eigen- schaft der Vollständigkeit (complete) wieder als eine utopische, unerreichbare Maxi- malgröße beschrieben.6

Unter Medizinern und Psychologen ist daher eine Gegenbewegung zu erkennen, die sich gezielt mit Konzepten zur Gesundheitsentwicklung beschäftigt. Salutogene- se und Resilienz sind zwei Begriffe, die in den letzen Jahren an Bedeutung gewon- nen haben und neue Sichtweisen auf den Komplex Krankheit-Heilung-Gesundheit ermöglichen.7

Auch die Forschung entfernt sich von der reinen Krankheitslehre und Symptom- beschreibung und konzentriert sich zunehmender auf Fragen, die die Salutogenese betreffen: Wie entsteht Gesundheit und wie wird sie bewahrt? Welche Faktoren un- terstützen und fördern Gesundheit?

„Es gilt, nicht nur nach der Entstehung einer Krankheit zu fragen, sondern vorrangig die Herstellung von Gesundheit zu stärken.“8

Der Begriff Resilienz erfasst die sozialen, religiösen und spirituellen Lebenszusam- menhänge, die sich positiv oder zumindest günstig auf die Gesundheit auswirken. Gesundheit und Krankheit werden nicht als feste Zustände, sondern als dynamische Polaritäten und Prozesse verstanden.9 Jeder kann aktiv etwas für seine körperliche, psychische und geistige, aber auch spirituelle Gesundheit tun.

„Von jeher sind Krankheit und Gesundheit religiöse Themen. Dazu ge- hört nicht nur die Frage nach dem Zusammenhang von Krankheit und Schuld bzw. Krankheit und Sünde, sondern auch die Frage nach der möglichen Verbindung von Heil und Heilung.“10

Gerade in christlichen Gemeinden ist in den letzten Jahren zu beobachten, dass sich religiöse und auch spirituelle Ansätze mischen. Gemeint sind Angebote wie Heilungsgottesdienste, christliche Meditation oder religiös-spirituelle Verbindungen, die in den Kirchenräumen ausgeübt werden (z. B. Tai Chi, spirituelles Tanzen u.v.m).11

Verbindungen dieser Art sind erwünscht, da sie für die Erhaltung der Gesundheit förderlich sind und die Verschmelzung von Medizin und den religiösen bzw. spiritu - ellen Ebenen offensichtlich ist.

Meine weitere Vorgehensweise vollzieht sich in folgenden Schritten:

Zunächst soll das Verständnis von Krankheit und Heilung des Alten Orients aufge- griffen werden. Hierzu bieten das Alte Ägypten und Mesopotamien aufgrund ihrer medizinischen Fortschrittlichkeit und ihrer vielfältigen Quellenlage einen guten Zu- gang. Da es sich um Nachbarkulturen des Alten Israels handelt, verfolgt die Darstel- lung zwei Ziele: Zum einen soll sie die Sicht auf Krankheit und Heilung und ihr spe- zifisches Eingebundensein im Kontext ihrer Weltordnung zeigen. Zum anderen soll dieser Befund zum Vergleich mit der Eigendarstellung des Alten Israel und des Al- ten Testaments herangezogen werden.

In der Untersuchung der jeweiligen Termini für Krankheit und Heilung sollen einer- seits die sprachlichen Besonderheiten in der Verwendung der entsprechenden Le- xeme hervorgehoben werden und andererseits der Vorbereitung dienen, um den Gebrauch der Termini in den Überlieferungen um Elia und Elisa zu untersuchen.

Die Elia-Überlieferungen finden sich innerhalb der Königsbücher sowohl in größeren als auch in vereinzelten Erzählungen. So liegen diese in einem größeren Erzählzu- sammenhang von 1Kön 17 bis 19, in 1Kön 21 und 2Kön 1-2,25 vor. Die Elisa-Über- lieferungen nehmen mit dessen Berufung durch Elia in 1Kön 19,19-21 ihren Anfang. Zwischen 2Kön 2 bis 2Kön 13,21 wird eine Reihe von Elisa-Erzählungen eröffnet, die relativ geschlossen vorliegen. Beide prophetische Gestalten finden sich, noch dazu in einem recht auffallend erscheinenden Umfang, in Erzählungen wieder, bei denen es sich gattungsmäßig um Wundergeschichten handelt, zu denen auch die Erzählungen von Krankheit und Heilung gehören.

Die Texte, die sich auf Krankheit und Heilung beziehen, werden hier unter folgenden Aspekten untersucht: Wie ereignen sich Krankheit und Heilung in den Elia- und Elisa-Überlieferungen? Welche Funktion nehmen die jeweiligen prophetischen Gestal- ten dabei ein und – im Vergleich – wie unterscheiden sie sich voneinander?

Hierzu werden Elias Totenerweckung in Sarepta (1Kön 17,17-24 par. 2Kön 4,18-37) im Kontext des Dürre-Karmel-Komplexes vorgestellt und, in einem geringeren Um- fang, König Ahasjas Krankheit und Tod aufgegriffen.

In der Elisa-Überlieferung haben die Wundererzählungen programmatischen Stel- lenwert. Die Erzählungen in 2Kön 2,19-24, 2Kön 5 und 2Kön 4,18-37 werden hier analysiert.

Krankheit und Heilung im Alten Ägypten und im Alten Orient

Die damalige Sicht auf Krankheit und Heilung, ihr charakteristisches Eingebunden- sein in eine religiöse Weltordnung sowie in medizinisches und magisch-rituelles Denken, wird in diesem Kapitel näher betrachtet.

Es lohnt sich, einen kritischen Blick auf heutige Vorbehalte im Hinblick auf die da - malige Medizin zu richten. Nur allzu gern wird die Heilkunst des Alten Vorderen Ori - ents abgewertet, da sie stark durch Magie und Beschwörungen aller Art geprägt war. Martha Haussperger mahnt zur Zurückhaltung bei deren Betrachtung, „zumal sich heute immer mehr Patienten von der Schulmedizin abwenden und zur Alternati- v-Medizin überwechseln, die Untersuchungen und Therapien anbieten, die nicht weit von Magie entfernt liegen.“12

Die Mehrheit aber möchte zunächst die „exakte Medizin“ – begründet von Hippokra- tes im 5./4. Jh. v. Chr. – ernst nehmen.13 Dies ist naheliegend, da wir ein Vorwissen über Krankheiten und Klassifikationen besitzen bzw. damit vertrauter sind. Gleich- zeitig hindert unser Selbstverständnis uns daran, den Horizont hinsichtlich Krankheit und Heilung im Alten Vorderen Orient, im Alten Ägypten und dem Alten Israel zu er- weitern und führt zu einer indirekten Abwertung bei der Betrachtung als Vorwissen- schaft.

Zum geistigen Einflussgebiet der antiken griechischen Medizin gehörten jedoch die vorderasiatischen Nachbarkulturen, zu denen auch Ägypten, Hethitien und Mesopo- tamien zählten.14 Bei der folgenden Betrachtung gehe ich – zur besseren Beurtei- lung der Sonderstellung des Alten Israel und des Alten Testaments – nur auf den ägyptischen und mesopotamischen Kulturraum ein.

1.1 Krankheit und Heilung im Alten Ägypten

Die Heilkunst des Alten Ägypten wurde schon zu frühen Zeiten, also zwischen Ende des 3. und Anfang des 1. Jahrtausends v. Chr., mit Attributen wie fortschrittlich und empirisch-rational betitelt.15 Die ärztliche Heilkunst stand damals in einem sehr guten Ruf, sodass sogar hethitische und levantinische Könige in der 2. Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. ägyptische Leibärzte unterhielten. Neben den sieben Briefen des Hethiterkönigs Hattusili II. an König Ramses den II. – mit der Bitte um medizini- sche Hilfe und Arzneien – macht auch eine Grabdarstellung darauf aufmerksam, dass ägyptische Ärzte nicht nur in andere Länder geholt wurden, sondern dass man weite Wege auf sich nahm, um sie aufzusuchen, wie z. B. ein vornehmer Syrer, der den berühmten Chefarzt Nebamon konsultierte.16

Einen umfangreichen Zugang zur ägyptischen Heilkunde bieten zahlreiche Funde medizinischer Papyri. Der älteste medizinische Schriftfund ist der Papyrus Kahun, gegen Ende des 2. Jahrtausends v. Chr. geschrieben, der mit einer geringen Zahl an Zaubersprüchen versehen ist und mit der obigen Vorstellung korrespondiert.17 Die Forschung neigt zu einer Darstellung der ägyptischen Heilkunde, die die soge- nannten Anfänge empirisch-rational erscheinen lassen und magische Komponenten seit dem Ende des Mittleren Reiches hinzunehmen, „bis die ägyptische Medizin ge- gen Ende des Neuen Reiches ganz in Zauberei versunken sei.“18

Die Tendenz magisch-religiöse und empirisch-rationale Elemente in der ägyptischen Heilkunde voneinander trennen zu wollen, muss aber kritisch betrachtet werden. In einer religiös gebundenen Weltordnung erklärt sich das Phänomen Krankheit und Heilung nicht nur durch exogene oder endogene Faktoren, sondern im Besonderen als dämonischer Einfluss, in Form von spukenden Toten oder dem Eindringen von Schmerzdämonen, wie auch als Strafe diverser Gottheiten, die durch Einhauchen oder Schlagen Krankheiten auslösen können.19

Nicht nur in der Anwendung von medizinischen Realien wird Heilung gesucht, son - dern auch auf geistiger Ebene, durch die Anbetung eines persönlichen Schutzgottes und durch Gebete an Heilgötter. Zu nennen sind hier der Schöpfergott Re, die Göttin Isis sowie Horus und Amun.20

Aspekte der Vermengung von magisch-religiösen Elementen mit einem empiri- schen-rationalen Vorgehen, vermitteln die beiden größten erhaltenen medizinischen Papyri. Der Papyrus Ebers besteht aus einer Sammlung medizinischer Bücher, die sich vorwiegend mit der Diagnose und der empirisch-rationalen Therapie innerer Er- krankungen befassen. Neben den zahlreichen Handlungsanweisungen bei Erkran- kungen von Kopf, Augen, Ohren und Zähnen werden auch die Behandlungen von Geschwülsten und Verletzungen oder von einigen Haut-, Frauen- und Kinderkrank- heiten beschrieben.21 Nachgewiesen ist, dass Wurmbefall zu den gängigsten Volks- krankheiten gehörte.22 Parasitärer Wurmbefall wurde oft auch als eigenständiges Wesen mit dämonischen Zügen gedeutet.

„Zugrunde liegt dieser Vorstellung weniger die Beobachtung von tatsäch- lich vorhandenen, und im Kot abgehenden Eingeweidewürmern, als viel - mehr der Glaube an übelwollende Geister, die sich in den Würmern ver- körpern konnten.“23

Überraschenderweise differenziert die Stelle im Papyrus zwar den Wurmbefall, kommt aber letztlich zu einer identischen Behandlung.

Die drei Eingangssprüche des Papyrus Ebers, die Fischer-Elfert näher untersucht hat, grenzen sich deutlich von den eigentlichen funktionalen Aspekten der Diagno- sen und Rezepte ab.24

Im ersten Spruch wird die natürliche Verbindung von Magie, Religion, Mythologie und Medizin aufgezeigt. Der Heilkundige besinnt sich am Anfang auf seine Her- kunftsstätten Heliopolis und Sais, die beide u. a. auch als Ausbildungsstätten für Priester und Ärzte dienten.25 Beide Orte sind hier durch die Rückbesinnung auf Heil- götter und Ortsgötter mythisiert, die eine sogenannte Legitimation zum Heilen stüt- zen sollen und dem Schutz des Heilers dienen.26 „Ich verfüge über Sprüche, die der Allherr verfaßt hat, um den Schlag eines Gottes/Dämons, […] usw. abzuwehren,[…].“27

Neben der Auskunft, dass sein Wissen über Krankheit und Heilung an eine „göttli- chen Auktorialität“ gebunden ist, liegt auch der Modus des Heilens durch magische Elemente vor, „durch Performanz von Beschwörungen und Applikationen von Amu- letten gewährleistet, nicht allein durch Auflegen von Heilmitteln und Verbänden.“ 28 Bevor der Heilkundige aktiv in Kontakt zu einem kranken Menschen tritt, bittet er die Heilgötter selbst um Schutz vor allen Krankheitsverursachern dämonischer Art und anderen krankmachenden Faktoren, indem er sämtliche eigene Körperteile be- spricht.29

Neben dem Papyrus Ebers gilt der medizinische Text des Papyrus Edwin Smith als wichtiges Dokument über die Behandlung von chirurgischen Krankheiten „a capite ad calcem“.30 Ohne tiefer auf den Inhalt einzugehen, ist auch hier interessant, dass auf der Vorderseite des Papyrus die medizinische Behandlung von Wunden, Brü- chen und Läsionen zu finden ist, während die Rückseite acht Beschwörungen ge- gen Seuchen zeigt.

Deutlich wird, dass eine weltanschaulich ungebundene, ausschließlich empirischen Daten verpflichtete Heilkunst, für das alte Ägypten kaum vorstellbar sein kann.31

1.2 Krankheit und Heilung in Mesopotamien

Bei einer Tontafel, datiert auf das 24. Jh. v. Chr., handelt es sich um die älteste medizinische Quelle mit pharmazeutisch-medizinischem Inhalt aus der nordsyrischen Stadt Ebla. Der größte Teil der medizinischen Rezeptliteratur stammt jedoch vorrangig aus dem 1. Jt. v. Chr., aus den Bibliotheken der Herrscher Assurbanipal und des Vaters Asarhaddon aus Ninive.32 Ein aktuelles Problem, das gerade bei der Bewertung der Rezeptliteratur aufkommt, ist, so Böck, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil noch der Publikation harrt.33 Der Grund dafür liegt lt. Haussperger wohl auch an den Schwierigkeiten, die sich bei der Übersetzung und Interpretation der Rezeptliteratur ergeben. Meist existieren die Rezepte nur knapp und stichwortartig als Sumerogramme, die „nicht gerade geeignet sind das Interesse zu wecken.“ 34 Darüber hin- aus ergeben sich Schwierigkeiten bei der Übersetzung von Namen diverser Heil- kräuter und Mineralien, sodass Rückschlüsse auf eindeutige Diagnosestellungen nur schwer möglich sind.35

Die Lösung, zu der Haussperger kommt besteht in einer interdisziplinären Zusam - menarbeit von Assyriologen, Ärzten und Pharmakologen.36 M. E. müssen solche in- terdisziplinären Ansätze vielmehr eingefordert werden, möchte man den bestehen- den Vorurteilen begegnen, die die Heilkunst des Alten Vorderen Orients einseitig auf magische Elemente reduzieren.

Die Ätiologie der Krankheiten war eng verbunden mit der damaligen Weltordnung. Krankheiten waren dem Handeln der Götter und der Macht von Dämonen zuzu- schreiben. Zahlreiche Möglichkeiten waren bekannt, den Göttern zu missfallen. Ein Fehlverhalten bestand schon im übergroßen Erfolg eines Menschen, sodass ihm mehr Ruhm und Ansehen als den Göttern oder auch nur einem Gott zuteilwurde.37 Die Götter werteten es als Provokation und straften den Menschen mit Krankheit.

Zum anderen sah man sich selbst unter persönlichem Schutz eines Gottes und schloss aus Krankheiten einen Entzug der Gunst und Obhut des Gottes, unter des- sen Führung man stand.

Eine andere Vorstellung versteht den Auslöser von Krankheit als schwarze Magie, verursacht durch absichtliche, magische Manipulation seitens der Menschen.38

„Gesteigert wird dieses Gefühl, in die Launen der transzendenten Mächte hineingeworfen zu sein, durch die allgegenwärtige Präsenz von Dämo- nen. Überall lauern solche Wesen, die in einem hineinschlüpfen und die Lebenskräfte rauben, die nach Blut und Opfern gieren.“39

Die Behandlung von Krankheiten ist daher auch nur im Kontext dieser Weltordnung zu verstehen. Die Therapie kranker Menschen bestand nicht nur aus der Verabrei- chung von Drogen und der Behandlung durch Ärzte, sondern auch aus Beschwö - rungen und magischen Handlungen, die die Dämonen und Geister aus dem Körper des Kranken vertreiben und die Harmonie zu den Göttern wiederherstellen sollten,um auf diesem Weg die Heilung herbeizuführen.40

Da gerade hier die Ursachen von Krankheiten mehrdimensional angelegt waren, ist es nicht verwunderlich, dass für die Heilung mehrere Experten einbezogen wur - den.41 Zu den Experten der Heilkunde zählten Beschwörungspriester (asipu), Ärzte (asu) und als dritter Berufstand die Wahrsager (baru), die Prognosen über den Hei- lungsprozess erstellten.42

Zum Aufgabengebiet eines asipu zählten das Abhalten von Zeremonien nach dem babylonischen Kalender, Gebete an den Sonnengott Schamasch, Beschwörungen gegen sämtliche Krankheiten und Rituale, die zur Erleichterung der Geburt dienten.43 Der asu hingegen war mit der medizinischen Behandlung vertraut. Ihm wurde die Zubereitung und Verabreichung von Heildrogen überlassen, ebenso war er verantwortlich für chirurgische Eingriffe und die Versorgung von Wunden. Sein Berufsfeld erweist sich als eine Kombination aus Pharmakologe und Arzt.44

„Die Zusammenarbeit von Arzt und Beschwörungspriester muss man sich so vor- stellen, dass die Tätigkeit des Beschwörers die notwendige Voraussetzung für den medizinischen Erfolg des Arztes war.“45 Die Frage nach dem tiefer liegenden Grund einer Kooperation muss sich m. E. gerade hier stellen. Es kann nicht als selbstver- ständlich gelten, dass beide Heilberufe, die auf unterschiedlichen Ebenen Heilung anstreben, eng zusammenarbeiten. Diesbezüglich macht Haussperger deutlich, dass die mesopotamischen Ärzte penibel bei einer Untersuchung vorgingen und ihre gut ausgebildete Beobachtungsgabe einsetzten, um eine Vielzahl an diagnosti- schen und therapeutischen Möglichkeiten zu nutzen. Laut Haussperger haben Ärzte die Zusammenarbeit mit den Beschwörungspriestern angestrebt, weil sie um die do- minierende Rolle der Psyche wussten.46

In der wissenschaftlichen Literatur, die sich mit den beiden Berufsgruppen auseinandersetzt, fällt ein Phänomen auf, das ich als typisches Indiz für den heutigen Um - gang mit der damaligen Heilkunde ansehe. Es wird immer wieder versucht, die Auf- gabengebiete des asu und asipu klar zu trennen und man sollte sich kritisch fragen, ob dieses nicht damit zu tun hat, dass der Gedanke einer Vermengung zwischen Magie und Ratio heutzutage schwer zu akzeptieren ist.

Diesbezüglich aufschlussreich ist die Interpretation eines Textfundes von S. Maul, der klare Hinweise dafür liefert, dass ein Beschwörer (asipu) „nicht nur mit magisch- religiösen Heilverfahren, sondern auch mit rational anmutenden medizinischen The- rapien betraut war.“47

Am Beispiel der Krankheit mamitmu ist nachzuvollziehen, dass sie durch den asipu auf magischer und rationaler Ebene geheilt wurde. Bei mamitmu handelt es sich um eine Krankheit, die ohne Behandlung zum Tode führt. Ihre Ursache liegt in einer massiven Störung des Verhältnisses vom Menschen zu den Göttern.48

Man darf schon von einer sehr heimtückischen Erkrankung sprechen, da der Er- krankte nicht selbst die Tabuüberschreitung begangen hat, sondern ein Vorfahre oder ein Familienmitglied des Erkrankten.49

Die Krankheitssymptome und der Krankheitsverlauf sind vielfältig. So wird die Krankheit nämlich zunächst im Umfeld der Familie des Betroffenen erkennbar, wenn dort Menschen und Tiere sterben oder ökonomische Einbußen, z. B. durch Arbeitsplatzverluste, entstehen. Zum Schluss kommt es zu den körperlichen Symptomen, die sich im Magen-Darmtrakt manifestieren und schwere Diarrhöen mit tödlichem Verlauf zur Folge haben.50 Die Heilung besteht zunächst darin, durch aufwendige Heilungszeremonien die Harmonie zwischen Göttern und Menschen wieder herzustellen.51 Erst wenn die magisch-rituelle Heilung erfolgreich war, konnte mit der Behandlung des Magen-Darm-Traktes, die vorrangig in der Verabreichung von Klistie- ren, Kräuterumschlägen und medizinischen Bädern lag, begonnen werden.52

1.3 Krankheit und Heilung im Alten Testament

Das Vorhaben, die Heilkunde des Alten Israel in Anlehnung an den Alten Vorderen Orient und Ägypten paradigmatisch nach Magie und Ratio vorzustellen, ist nur sehr eingeschränkt möglich. Im Vergleich zu den obigen Nachbarkulturen ist von einer al- tisraelitischen Medizin so gut wie nichts bekannt.53 Demzufolge lassen sich nur we- nige Hinweise zu konkreten heilkundlichen Themen im Alten Testament finden. Es ist offensichtlich, dass die Erzählungen des Alten Testaments Krankheit nicht in wis - senschaftsnahen oder präzisen Dimensionen beschreiben.54 Außerdem kommt er- schwerend hinzu, dass die Erforschung von Medizin als Heilmittel mit dem Ziel, rea- lienkundliche und geschichtliche Zusammenhänge aufzuzeigen, so Beyerle, einer Entmythisierung, sogar Enttheologisierung, bedarf.55

[...]


1 Vgl. Körtner, U., Mit Krankheit leben, 1273 f.

2 Vgl. ebd.

3 Darunter fallen z. B. viele Krebserkrankungen, Infektions- und Stoffwechselerkrankungen; Suchterkrankungen; Folgeschäden durch Traumatisierungen nach Kriegserlebnissen und sexualisierter Gewalt sowie Verwahrlosung der Bezugspersonen aus der Herkunftsfamilie.

4 Vgl. Haussperger, M., Die mesopotamische Medizin 199 f.

5 Vgl. dazu unter: http://www.who.int/mediacentre/factsheets/fs220/en/

6 Vgl. Fischer, R., Gesundheit,183 f.

7 Vgl. Antonovsky, A., Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit, Tübingen, 1997.

8 Fischer, R., Gesundheit, 181.

9 Vgl. ebd.

10 Körtner, U., Mit der Krankheit leben, 1281.

11 Vgl. Fischer, R. Gesundheit, 186 f.

12 Haussperger, M., Die mesopotamische Medizin, 199.

13 Vgl. a.a.O., 197; Dietrich, M., Heilung mit Hilfe ritueller Magie, 207.

14 Vgl. ebd.

15 Vgl. Dietrich, M., Heilung mit Hilfe ritueller Magie, 207; Scherer, A., Heilung und Heilungsrituale,223; Kolta, K.S., Die Heilkunde im Alten Ägypten, 35: Es handelt sich um sieben Briefe des Hethiterkönigs Hattusili II. an König Ramses den II. mit der Bitte um medizini - sche Hilfe und Arzneien. Zu bemerken ist, dass kein Arzt gesandt werden sollte, mit dem Hinweis, dass die Diagnose bereits durch einen ägyptischen Arzt gestellt worden war oder eine Ferndiagnose vorlag. Der Brief wurde positiv aufgenommen und der Bitte entspro - chen.

16 Vgl. Keel, O., Die Welt der altorientalistischen Bildsymbolik, 177, Abb. 270.

17 Vgl. Kolta, K.S., Die Heilkunde im Alten Ägypten, 56; 29 dort: Die Quelle bezeugt neben der Behandlung von Frauenkrankheiten, Schwangerschaft und Geburt auf der Rückseite auch eine kurze Abhandlung über Tierkrankheiten, den sog. Veterinär-Papyrus Kahun.

18 A.a.O., 56.

19 Vgl. a.a.O., 57; 59.

20 Vgl. a.a.O., 62 ff.

21 Vgl. a.a.O., 30.

22 Vgl. a.a.O., 53. In pEb 296 (52, 1-7) = (IV 108: V188) findet sich eine detaillierte Be - schreibung eines nicht abgehenden Wurmleidens.

23 A.a.O., 57. Vgl. dazu pEb 66 (20, 16-22) = (IV 114; V 200): Die Krankheit ist hier infolge eines Bandwurms und/oder eines pnd -Wurms entstanden.

24 Vgl. Fischer-Elfert, H.-W., Pap. Ebers Nr. 1-3, 133-147.

25 Vgl. a.a.O., 134; Kolta, K.S., Die Heilkunde im Alten Ägypten, 152 f.

26 Vgl. Fischer-Elfert, H.W., Pap. Ebers Nr. 1-3, 134; 139.

27 A.a.O., 134.

28 A.a.O., 136.

29 Vgl. a.a.O.,138 f.

30 Kolta, K.S., Die Heilkunde des Alten Ägypten, 30.

31 Vgl. Scherer, A., Heilung und Heilungsrituale, 225.

32 Vgl. Böck, B., Krankheit und Heilung im AO, 1.1.

33 Vgl. ebd.

34 Haussperger, M., Die mesopotamische Medizin, 199.

35 Vgl. a.a.O., 199; 203.

36 Vgl. a.a.O., 199.

37 Vgl. Oeming, M., Krankheit und Leid, 245.

38 Vgl. Haussperger, M., Die mesopotamische Medizin, 197.

39 Oeming, M., Krankheit und Leid, 245.

40 Vgl. Haussperger, M., Die mesopotamische Medizin, 197.

41 Vgl. Böck, B., Krankheit und Heilung im AO, 5.

42 Vgl. ebd.

43 Vgl. a.a.O., 5.1.

44 Vgl. a.a.O., 5.2.

45 Scherer, A., Heilung und Heilungsrituale, 226.

46 Vgl. Haussperger, M., Die mesopotamische Medizin, 200. Darüber hinaus zeigt sich m.E. auch, dass der Arzt sich nicht in Konkurrenz oder auf einer höheren hierarchischen Stufe stehend verstand, sondern sich als Mensch in die religiöse Weltordnung eingebun- den sah, die eben die Austreibung von Dämonen und sonstigen krankmachenden Geis- tern erforderte.

47 Maul, S., Die Lösung vom Bann, 79 f.: Unter dem Haus eines Beschwörers, der im Dienst des Herrschers Assurbanipal (669-627 v. Chr.) stand, hat man weit über tausend Tonta - feln und Tontafelfragmente gefunden, die belegen, dass ein asipu mit beiden Heilmetho - den, eben auch denen des asus, vertraut war. Dieser Textfund widerlegt die These, dass empirisch-rationale Methoden der babylonischen Heilkunde von den Heilverfahren mit magisch-religiösem Charakter zu trennen sind.

48 Vgl. a.a.O., 83: Hier in einem Zitat das Verständnis von mamitmu: „Eine Tabuüberschrei- tung, die als Eidesverletzung gegenüber den Göttern verstanden wurde, führte dieser ba- bylonischen Sichtweise zufolge zu einem rechtsverbindlichen Götterbeschluß, durch den über den Betroffenen der Bann verhängt wird, der ihm dann die Sicherheit einer rechtlich garantierten Unantastbarkeit entzieht. Erst dieser Zustand der Bannung führt zu den wahrnehmbaren Symptomen der Krankheit, die mamitmu, Bann genannt wurde.“ Ebd.

49 Vgl. a.a.O., 85.

50 Vgl. a.a.O., 84 f.

51 Vgl. a.a.O., 88 f.

52 Vgl. a.a.O., 90.

53 Vgl. Seybold, K., Krankheit und Heilung, 13

54 Vgl. Frevel, C., Art. Krankheit/Heilung im AT, 283.

55 Vgl. Beyerle, S., Medizin, 46. Zwei archäologische Funde geben Auskunft zur altisraeliti - schen Medizin: Bei dem singulären Fund handelt es sich um trepanierte Schädel aus ei - nem Massengrab in Lachisch. Auf judäischem Boden zur Zeit des Neolithikums sind somit chirurgische Eingriffe nachweisbar. Hierbei wurde die Schädeldecke durch das Schneiden von dreieckigen Löchern so weit eröffnet, dass vermutlich eingedrungene Fremdobjekte, die Infektionen auslösten, entfernt werden konnten. Bei bereits vorhandenen Infektionen dienten die Löcher als sogenannte Drainage. Es lassen sich dazu keine genaueren Aus - sagen machen und es bleibt fraglich, ob es sich tatsächlich um judäische Ärzte handelte oder ob eher feindliche Belagerer verantwortlich waren. Vgl. Scherer, A., Heilung und Hei - lungsrituale, 228f.; Frey-Anthes, H., Krankheit und Heilung im AT, 5.1.; Seybold, K., Krankheit und Heilung, 17. Bei dem zweiten Fund handelt es sich um ein Siegelabdruck aus dem Jerusalem des 7.Jhs v. Chr., das vermuten lässt, dass es zu der Zeit Ärzte in Is - rael gegeben hat. Genannt wird hier ein gewisser „Tobschalem, der Sohn des Zakkur, des Arztes“. Vgl. Frey-Anthes, H., Krankheit und Heilung im AT, 5.4.1.; Scherer, A., Heilung und Heilungsrituale, 229.

Details

Seiten
44
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668958500
ISBN (Paperback)
9783668958517
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Altes Testament
Erscheinungsdatum
2019 (Juni)
Note
1,8
Schlagworte
Altes Testament Propheten Elia und Elisa Krankheit und Heilung Exegese Vergleich Rituale Alter Orient und Israel
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Titel: Krankheit und Heilung in den Überlieferungen bei Elia und Elisa