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Sind Bildungseinrichtungen eine Belastung für hochsensitive Kinder?

Eine sozialpädagogische Untersuchung zu Hochsensitivität

Facharbeit (Schule) 2019 15 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1 Themenbegründung
1.2 Entwicklung der These
1.3 Vorgehensweise

2. Begriffsklärung und Hintergründe zur Hochsensitivität

3. Darstellung der pädagogischen Ergebnisse
3.1 Hochsensitive Erwachsene
3.2 Hochsensitive Kinder
3.3 Hochsensitive Kinder in der Schule

4. Pädagogische Schlussfolgerungen und Fazit

5. Literatur- und Quellenverzeichnis

Anhang

Hochsensitivität –

Bildungseinrichtungen sind für hochsensitive Kinder eine Belastung

1. Einleitung

1.1 Themenbegründung

Im Rahmen des Leistungsnachweises im Lernfeld 2 zum Inhalt „Menschen in besonderen Lebenslagen“ werde ich mich im Folgenden mit dem Thema Hochsensitivität auseinandersetzen.

Der Begriff Hochsensitivität begegnete mir erstmals durch das Buch „Hochsensitivität: Einfach anders und trotzdem ganz normal“ von Birgit Trappmann-Korr, welches mir meine Mutter kürzlich nahegelegt hatte und in dem sie mich wiedererkannt habe. Auch ich konnte mich beim Lesen sehr mit den Schilderungen der Autorin über Hochsensitivität identifizieren, was mich schließlich dazu veranlasste, vertiefter über mich selbst nachzudenken und meine Kindheit und Jugend hinsichtlich dieser Thematik zu reflektieren. Im Zuge der Auseinandersetzung mit meiner eigenen Biografie vor dem Hintergrund der Hochsensitivität konnte ich mir viele meiner Verhaltensweisen, Besonderheiten und Problemlagen erklären, die sowohl gegenwärtig, als auch damals in meiner Freizeit und in der Schule auftraten. Durch meine erworbenen Kenntnisse über Hochsensitivität ordne ich meine Handlungsmuster und Empfindungen nun anders ein. Ich bin schließlich zu der Erkenntnis gelangt, dass mein Wissen zur Hochsensitivität über die Selbstreflexion hinausgeht und sich auch für den Erzieherberuf als äußerst nützlich und bedeutend erweisen kann. Um dem Thema Hochsensitivität mehr Aufmerksamkeit und pädagogische Bedeutsamkeit zu verleihen, möchte ich in dieser Hausarbeit meine erworbenen Kenntnisse vertiefen und mit meinen persönlichen Erfahrungen verknüpfen.

1.2 Entwicklung der These

Von besonderer Relevanz für Erzieher*innen betrachte ich Hochsensitivität im Kindesalter. Äußerst interessant erscheint mir das Verhältnis von hochsensitiven Kindern zu den Bildungseinrichtungen Kita und Schule. Daran anknüpfend stelle ich die These „Bildungseinrichtungen sind für hochsensitive Kinder eine Belastung“ auf, die ich in meiner Hausarbeit untersuchen möchte. Die These soll bereits Einblick darüber geben, dass ich mich in meinen Ausarbeitungen auf Hochsensitivität bei Kindern konzentriere und darauf bezugnehmend die Institutionen Kita und Schule und das dahinterstehende Bildungssystem kritisch hinterfrage.

1.3 Vorgehensweise

Bevor ich mich mit der These auseinandersetze, möchte ich zunächst den Begriff Hochsensitivität klären und die Entstehungs- beziehungsweise Forschungsgeschichte zur Hochsensitivität zeitlich einordnen und erläutern. Darauf aufbauend werde ich die pädagogischen Ergebnisse darstellen, indem ich zwischen Hochsensitivität bei Erwachsenen und bei Kindern differenziere. Daran anknüpfend nehme ich auf dieser Grundlage Bezug auf die Bildungseinrichtung Schule sowie auf meine These, die ich diskutieren werde. Abschließend leite ich daraus pädagogische Schlussfolgerungen für meine eigene berufliche Professionalität als angehende Erzieherin ab.

In meinen Ausführungen orientiere ich mich überwiegend an dem Buch „Hochsensitivität: Einfach anders und trotzdem ganz normal“ von Birgit Trappmann-Korr. Zusätzliche Informationen entnehme ich dem Internet. Die genauen Quellenbelege sind im Quellen- beziehungsweise Literaturverzeichnis aufgeführt.

2. Begriffsklärung und Hintergründe zur Hochsensitivität

In der Fachliteratur des deutschsprachigen Raumes wird sowohl von „Hochsensitivität“, als auch von „Hochsensibilität“ gesprochen. Diese Begriffe sind fachlich synonym zu gebrauchen, obwohl sie sich in ihrer eigentlichen Wortbedeutung unterscheiden. Sensibilität wird oft mit Einfühlungsvermögen und Empfindsamkeit gleichgesetzt. Sensitivität beschreibt eher eine übersteigerte Empfindlichkeit und Feinfühligkeit und wird vom lateinischen Begriff sentire abgeleitet, was „empfinden“ und „fühlen“ bedeutet. An dieser Stelle wird deutlich, dass der Begriff Sensitivität über den Begriff Sensibilität hinausgeht, da er auch Fähigkeiten wie Intuition und Empathie einschließt, die sich nicht immer rational erklären lassen (Vgl. Trappmann-Korr, 2014, S. 27-28) und das starke Empfinden über alle Sinnesorgane miteinschließt (Vgl. Keller, Nadine: „Ist Ihre Schülerin oder Ihr Schüler hochsensibel? Ein Leitfaden für Lehrpersonen zum Umgang mit hochsensiblen Schülerinnen und Schülern“, 2016, S. 3).

Der Grund für das Bestehen beider Begriffe ist eine fehlerhafte Übersetzung des englischen Begriffs high sensitivity beziehungsweise high sensory-processing sensitivity, welcher im Jahr 1997 von der amerikanischen Psychologin Elaine Aron geprägt wurde. Sie betitelte somit erstmals das Phänomen einer intensiveren Wahrnehmung und veröffentlichte im gleichen Jahr das Buch „Sind Sie hochsensibel?“ (Originaltitel: The Highly Sensitive Person: How to Thrive When the World Overwhelms You) als Produkt ihrer Forschungsergebnisse. Mithilfe von Fragebögen, die sie während ihrer Forschung entwickelte und für Studien nutzte, gelangte sie zu der Erkenntnis, dass etwa zwanzig Prozent der Menschen hochsensitiv seien. Hochsensitivität sei ihrer Forschungsergebnisse nach ein erblich bedingtes Persönlichkeitsmerkmal, welches aber bei einer geringen Anzahl von Personen auch durch Traumata oder starken Stress erworben werden könne. Ein wichtiger Aspekt ist, dass sich dieses Persönlichkeitsmerkmal nicht bei allen Menschen mit Hochsensitivität gleich äußert. Elaine Arons Fragebogen zeigt, welch vielfältige Ausdrucksformen und Ausprägungen Hochsensitivität bei den einzelnen Menschen haben kann und dass nicht jede Aussage zutreffen muss, um als hochsensitiv zu gelten. Auch wenige zutreffende, dafür aber stark ausgeprägte Aussagen können ein Indiz für Hochsensitivität sein.

Im Folgenden möchte ich die verschiedenen Merkmale von Hochsensitivität bei Erwachsenen darstellen. Der meinen Ausführungen zugrundeliegende Fragebogen ist im Anhang vorzufinden (A1).

3. Darstellung der pädagogischen Ergebnisse

3.1 Hochsensitive Erwachsene

Wie ich bereits beschrieben habe, äußert sich Hochsensitivität bei jedem Menschen anders und in unterschiedlicher Ausprägung. Birgit Trappmann-Korr beschreibt dies folgendermaßen: „So vielfältig und individuell jedes Individuum der Gattung Mensch ist, so vielfältig stellen sich auch die Erscheinungsformen von Hochsensitivität dar.“ (Trappmann-Korr, 2014, S. 31)

Demnach sind Hochsensitive für Außenstehende nicht immer gleich zu erkennen, da sie sowohl introvertiert und zurückhaltend, als auch extrovertiert und kommunikationsfreudig auftreten können. Die Gemeinsamkeiten von hochsensitiven Menschen zeigen sich in ihrem Inneren. Es lassen sich die Komponenten Intellekt, Reizoffenheit und Sensibilität bestimmen, die bei Hochsensitiven stärker ausgeprägt sind. Die Ausprägung der Komponenten ist abhängig von ihrer jeweiligen Persönlichkeit. Manche hochsensitive Erwachsene sind zum Beispiel sehr sensibel, aber weisen eine geringere Reizoffenheit auf. Eine grundlegende Gemeinsamkeit ist, dass hochsensitive Menschen eine niedrigere Wahrnehmungsschwelle haben. Sie nehmen mehr Informationen aus ihrer Umwelt auf und verarbeiten diese tiefer, was leicht zur Überstimulation führen kann. Es können bereits Gerüche, viele Nebengeräusche und visuelle Reize einen hochsensitiven Menschen überfordern und Unbehagen, Erschöpfung und Nervosität auslösen. Hochsensitiven ist oftmals die Ursache für diesen Gefühlszustand nicht bewusst; sie nehmen lediglich wahr, dass sie sich in dieser Situation beziehungsweise Umgebung nicht wohl fühlen.

Dem Anhang habe ich zur Veranschaulichung der subjektiven Wahrnehmungswelt von Hochsensitiven eine Erzählung eines Befragten von Birgit Trappmann-Korr beigefügt (A2), welche dem Buch „Hochsensitivität: Einfach anders und trotzdem ganz normal“ entstammt.

Anhand dieser Erzählung wird deutlich, dass hochsensitive Menschen ihre Wahrnehmungs- und Gefühlswelt viel stärker und intensiver erleben und verarbeiten. Obwohl man demnach annehmen könnte, dass sie somit weniger belastbar sind, ist tatsächlich das Gegenteil der Fall. Da hochsensitive Menschen seit ihrer Kindheit dieser herabgesetzten Wahrnehmungsschwelle ausgesetzt sind, sind sie daran gewöhnt, diese Belastungen auszuhalten.

Auch zeigt die Erzählung, dass Hochsensitive durch diese permanente mentale Anstrengung viele Ruhephasen benötigen und das Bedürfnis verspüren, sich zurückzuziehen. Zudem erwecken hochsensitive Menschen, wie in der Erzählung zu erkennen ist, oft für Außenstehende den Eindruck, als wären sie abwesend. Das liegt daran, dass Menschen mit Hochsensitivität tendenziell eher Denker sind. Das bedeutet, dass sie aufmerksam das Geschehen verfolgen, im Stillen die verschiedensten Sinneswahrnehmungen und Gedanken analysieren und verarbeiten; somit nicht handeln und dadurch passiv wirken. Birgit Trappmann-Korr konnte in diesem Zusammenhang in Gesprächen feststellen, dass hochsensitive Menschen „gute und aufmerksame Zuhörer“ (Trappmann-Korr, 2014, S. 39) sind und sich durch ein ausgeprägtes Problemlösungsverhalten auszeichnen, da sie sehr harmoniebedürftig seien. Oberflächliche Gespräche ermüden sie und in großen Gruppen fühlen sie sich eher einsam. Insgesamt ist festzustellen, dass Hochsensitivität trotz der Vielfalt an Merkmalen dadurch gekennzeichnet ist, dass die Betroffenen das Gefühl haben, anders zu sein und oftmals nicht verstanden zu werden.

3.2 Hochsensitive Kinder

Die unterschiedliche Ausprägung der Hochsensitivität zeigt sich ebenso bei Kindern. Auch hier ist es sinnvoll, sich am Fragebogen (siehe Anhang A3) zu orientieren, um einen Einblick darüber zu bekommen, auf welch vielfältige Weise sich der Wesenszug bei Kindern äußern kann. Die Auswertung der Testfragen verdeutlicht, dass genau wie bei Erwachsenen nur wenige zutreffende Aussagen Hochsensitivität bestimmen können, indem sie besonders stark ausgeprägt sind. Dies kann beispielsweise eine hohe Geräuschempfindlichkeit, ein stark ausgeprägter Geruchssinn oder eine auffallende Empfindlichkeit gegenüber bestimmter Kleidungsstoffe sein. Die sensorische Empfindlichkeit zeigt sich bei hochsensitiven Kindern insbesondere darin, dass sie bereits geringe Veränderungen in ihrer Umgebung und an ihren Mitmenschen wahrnehmen. Dies können beispielsweise akustische Sinneswahrnehmungen wie ein weit entferntes Flugzeug sein sowie Veränderungen in der Intonation von Personen, die mit ihnen sprechen. Das schließt einen veränderten Tonfall, verdeckte Zurechtweisungen oder Ermutigungen mit ein. Wird ein hochsensitives Kind allerdings mit Reizen überstimuliert, kann die Fähigkeit der übersteigerten Wahrnehmung nachlassen. Die schnelle Überstimulation beziehungsweise Übererregung ist eine unvermeidliche Begleiterscheinung der intensivierten Informationsverarbeitung bei Hochsensitiven. Gerade bei Kindern kann sich Überstimulation durch Leistungsabfall, impulsives, übersteigert emotionales und schnell frustriertes Verhalten sowie Schwierigkeiten beim Einschlafen und häufiges Einnässen äußern. Bereits sehr hohe oder niedrige Temperaturen, unangenehme Kleidung, Feste, große Überraschungen, Teamsportarten oder lautes Sprechen vor anderen kann bei hochsensitiven Kindern eine Übererregung auslösen.

Neben der schnellen Übererregung kennzeichnet sich Hochsensitivität bei Kindern durch emotionale Intensität und Empathie, da hochsensitive Kinder meist schnell anfangen zu weinen und oft sehr emotional reagieren, wenn ihnen eine Aufgabe nicht direkt gelingt. Sie sind sehr perfektionistisch und erwarten viel von sich selbst sowie von anderen. Anderen Personen gegenüber verhalten sie sich sehr empathisch, da sie Kummer und Nöte wahrnehmen und sich darum sorgen.

3.3 Hochsensitive Kinder in der Schule

Die meisten hochsensitiven Kinder fallen selten durch Verhaltensprobleme auf; vielmehr kennzeichnet sich ihr Auffallen durch herausragende schulische Leistungen, für die sie viel Lob seitens der Lehrkräfte erhalten. Aus hochsensitiver Sicht wird die Schulzeit allerdings eher als Belastungsprobe erlebt. Moderne Unterrichtsmethoden wie Gruppenarbeiten und selbstständig zu erledigende Aufgaben führen dazu, dass es viel Bewegung, einen hohen Lärmpegel und häufige Platzwechsel in der Klasse gibt. Dies erleben hochsensitive Kinder als Überstimulation, was sich durch anhaltende Konzentrationsschwächen äußert, die sich auf den Lernerfolg auswirken. Die durch den Unterricht verursachte akustische und visuelle Überreizung wird zudem oftmals durch die Einrichtung der Klassenzimmer verstärkt. Überfüllte und unaufgeräumte Klassenzimmer mit zu vielen Materialien wirken überstimulierend. Dadurch neigen hochsensitive Kinder auch dazu, sich schneller ablenken zu lassen und zu träumen.

Als besonders herausfordernd erweisen sich für Kinder mit Hochsensitivität Partner- und Gruppenarbeiten, da der soziale Kontakt mit Mitschülern die Gedankenwelt des Kindes dominiert, was die konstruktive Beteiligung an der gemeinsamen Aufgabe verhindert. Ein weiterer Aspekt ist, dass einige hochsensitive Kinder sehr perfektionistisch sind, wodurch es ihnen schwer fällt, Aufgaben an andere zu übertragen oder Aufgaben abzugeben, mit denen sie nicht vollständig zufrieden sind. Hochsensitive Kinder arbeiten lieber allein und in ruhiger Atmosphäre mit wenig sozialem Kontakt.

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Details

Seiten
15
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783668983731
ISBN (Buch)
9783668983748
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v490268
Note
1,0
Schlagworte
Hochsensitivität hochsensitiv Bildungseinrichtung Schule Kinder

Autor

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Titel: Sind Bildungseinrichtungen eine Belastung für hochsensitive Kinder?