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Wie viel Rudolf Steiner steckt heute noch in der Waldorfschule?

Eine Maturaarbeit über Anthroposophie

Facharbeit (Schule) 2019 124 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

INHALT

1. Einleitung

2. Theoretischer Teil
2.1. Einleitung theoretischer Teil
2.2. Wer war Rudolf Steiner - eine Biographie
2.3. Die Anthroposophie im Umriss
2.3.1. Anthroposophie in Steiners Buch «Theosophie»
2.3.1.1. Einleitung des Buches
2.3.1.2. Das Wesen des Menschen
2.3.1.3. Reinkarnation und Karma
2.3.1.4. Die drei Welten
2.3.1.5. Eine kurze Einführung in die Aura
2.3.1.6. Der Erkenntnispfad
2.3.2. Weitere wichtige Elemente der Anthroposophie
2.3.2.1. Der Lebenslauf des Menschen / Siebenjahresperioden
2.3.2.2. Die Weltentwicklung
2.3.2.3. Christliche Inhalte
2.3.2.4. Die Akasha-Chronik
2.3.2.5. Die funktionelle Dreigliedrigkeit des Menschen
2.4. Das Hereinwirken der Anthroposophie in die Pädagogik / Waldorfpädagogik
2.4.1. Wie Rudolf Steiner die Waldorfpädagogik entwickelte
2.4.2. Die Jahrsiebte in der Waldorfpädagogik
2.4.3. Die vier Temperamente und die Farbenlehre in der Waldorfpädagogik
2.4.4. Der Klassenlehrer und der Epochenunterricht
2.4.5. Das Waldorfzeugnis und der Morgenspruch
2.4.6. Zum Waldorflehrplan
2.4.7. Religion und Anthroposophie an Waldorfschulen
2.4.8. Zur Architektur und Organisation der Waldorfschulen
2.4.9. Schulfeste und Traditionen
2.4.10. Was ist bis heute gleich geblieben? Was ist neu?
2.5. Vortrag über Brand des Goetheamum I.; Verhältnis Waldorflehrer zu AG

3. Praktischer Teil
3.1. Einleitung praktischer Teil
3.2. Besuch des Goetheanums in Dornach am 09.08.2018
3.3. Besuch einer Waldorfschule in Kapstadt, Südafrika
3.3.1. Planung von Besuchen an Waldorfschulen
3.3.2. Mein Besuch der C. Waldorf School, Kapstadt (09. bis 20.10.18)
3.4. Verhältnis der Lehrer der Atelierschule zur Anthroposophie
3.5. Gespräche mit Lehrern über Anthroposophie und die Atelierschule

4. Reflexion und Fazit
4.1. Wie ging ich vor?
4.2. Was wurde erreicht und was wurde nicht erreicht (Probleme)?
4.3. Was habe ich daraus gelernt?
4.4. Beantwortung der Fragestellung
4.5. Fazit
4.6. Danksagung

5. Quellenverzeichnis

1. EINLEITUNG

Diese Einleitung versucht, in kurzer und doch umfassender Weise, die Hintergründe und die Herangehensweise an das Projekt zu erläutern.

Als ich auf die Welt kam, lebten meine Eltern in Botton Village, einer Einrichtung des Camphill Village Trust. Dieses britische Dorf, nahe der Ortschaft Whitby, ist seit 1955 Zuhause und Arbeitsplatz für Menschen mit einer Behinderung. In über 30 Häusern, Werkstätten und Bauernhöfen werden die Menschen nach anthroposophischem Grundsatz betreut.

Ich hatte in den knapp zwei Jahren, welche ich dort verbrachte, eine schöne Zeit und kam so direkt in Kontakt mit einer fast alle Lebensbereiche umschliessenden Bewegung. Ich wurde in der Kirche der Christengemeinschaft getauft, ass biologisch-dynamische Lebensmittel, hatte Eltern, die nach anthroposophischer Lehre Menschen mit einer Behinderung betreuten und einen Grossvater, der als Waldorflehrer arbeitete. Unwissend über das Ausmass dieser «Bewegung» wurde doch genau in eben diesen Jahren der Grundstein für eine persönliche Einstellung gelegt, welche nun in diese Abschlussarbeit resultiert.

Nach zwei Jahren in einem staatlichen Kindergarten kam ich dann 2007 an die Rudolf Steiner Schule Schaffhausen, an welcher auch mein Grossvater unterrichtete. Nach acht wunderbaren Jahren folgte das neunte Schuljahr an der Rudolf Steiner Schule Winterthur und daran anschliessend die weiterführenden Schuljahre an der Atelierschule Zürich.

Trotzdem, nach fast 11 Jahren Unterricht an Waldorfschulen und privater Verbundenheit, habe ich nie genaueres über Rudolf Steiner und die von ihm gegründete Anthroposophie erfahren. Diese Abschlussarbeit vermag nun, diese Lücken zu schliessen.

Im September 1919 wurde in Stuttgart die erste Waldorfschule gegründet und nun, ziemlich genau 100 Jahre später, bildet die Waldorfbewegung mit ihren mehr als 1000 Schulen und 1600 Kindergärten weltweit eine Gemeinschaft, die Kinder ganzheitlich unterrichtet und mehr oder weniger auf den Grundsätzen Rudolf Steiners basiert. Eigene Erfahrungen und Beobachtungen und auch Bemerkungen von Anderen lassen mich kritisch auf die Waldorfbewegung blicken und werfen in mir die folgende Frage auf:

«Anthroposophie- Wie viel Rudolf Steiner steckt heute noch in der Waldorfschule?»

Diese Frage ist besonders in Bezug auf die Atelierschule Zürich relevant, da eine grosse Mehrheit der LehrerInnen und auch der SchülerInnen keinen Bezug zu Steiner und seiner Anthroposophie hat. Diese Tendenz war seit 1919 in der Bewegung feststellbar. Für Rudolf Steiner war die Tatsache, dass die Tochterbewegungen (u.a. Waldorfschule) nicht ausreichend auf die Anthroposophie zurückwirken, die «allerschwerste Sorge der Anthroposophischen Gesellschaft».1 Vielleicht steckt aber genau in dieser Tendenz die Lösung.

Es stellt sich hier die Frage, wie wir mit einer mehr als 100 Jahre alten Idee umgehen, sodass wir Aktualität und Moderne vertreten können und trotzdem den Kern nicht verraten.

Da Rudolf Steiners Werk rund 40 Bücher und ca. 6’000 Vorträge (ca. 95'000 Seiten) umfasst, muss ich meine Arbeit eingrenzen, um mich nicht zu verirren, aber dennoch alles Wichtige miteinbeziehen. Zentral ist hierfür das Zusammenspiel des theoretischen und praktischen Teils, welches die Beantwortung der Frage überhaupt erst möglich macht. Meine Arbeit hat einen theoretischen Schwerpunkt.

In meinem theoretischen Teil beschreibe ich die wichtigsten Stationen und Ereignisse im Leben Rudolf Steiners und setze mich mit seiner Biographie «Mein Lebensgang» auseinander. Ausserdem lese ich sein Buch «Theosophie», welches einen guten Einblick in Rudolf Steiners Lehren gewährt. Zusätzlich werde ich weitere Bücher und einzelne Vorträge von Rudolf Steiner als Quellen verwenden. Das Buch «Waldorfpädagogik. Eine kritische Einführung» des Erziehungswissenschaftlers Heiner Ullrich dient mir als objektive und wissenschaftliche Informationsquelle. Daraus resultiert eine zusammenfassende Darstellung der Anthroposophie und eine Beschreibung des Wesens der Waldorfschule.

Unterfragen: - Wer war Rudolf Steiner?

- Was waren seine Ansichten bzw. was ist Anthroposophie?
- Was davon steckt in der Waldorfpädagogik?
- Wieviel ist heute noch erkennbar?

Im praktischen Teil werde ich mich durch Schulbesuche im In- und Ausland mit dem realen Schulalltag beschäftigen und versuchen, die anthroposophischen Elemente zu erkennen und Unterschiede zwischen Ideal und Realität festzustellen. Durch diese Erfahrungen kann ich differenzierter auf meine eigene Schulzeit und unsere Atelierschule blicken und habe Vergleichsmöglichkeiten. Durch Gespräche mit den Lehrpersonen dieser Schulen kann ich ihre Einstellung bzw. ihr Verhältnis zur Anthroposophie erkennen.

Zusätzlich werde ich eine Lehrerumfrage an der Atelierschule machen, um die LehrerInnen nach ihrem Bezug zu Rudolf Steiner und seinem Werk zu fragen.

Pädagogik ist nicht nur theoretische Erziehungswissenschaft, sondern auch Interaktion mit den SchülerInnen. Sie findet ihre Entfaltung im Leben und Spüren, Erfahren und Tun und ist deshalb schon von Grund auf dazu bestimmt, von einer praktischen Seite betrachtet zu werden. Die praktische Arbeit liefert mir Informationen, welche ich im theoretischen Teil verwenden und auswerten werde.

Somit gibt mir der theoretische Teil die nötigen Grundlagen, um die Anthroposophie und die Waldorfpädagogik in ihrem Kern zu verstehen, jene Grundlagen, die mir im praktischen Teil helfen, die Umsetzung der Waldorfpädagogik zu beschreiben und zu vergleichen. Die Ergebnisse des praktischen Teils werden theoretisch analysiert und führen dann zur Beantwortung der Leitfrage.

Anmerkungen: Aus Gründen der Lesbarkeit verwendete ich bei den Wörtern «Lehrer» und «Schüler» jeweils die männliche Personenbezeichnung, wenn Lehrerinnen und Lehrer und Schülerinnen und Schüler gemeint sind.

Ich entschied mich für den international gebräuchlichen Ausdruck «Waldorfschule». In der Schweiz ist jedoch «Rudolf Steiner Schule» geläufiger. Mit «Waldorfschule» sind alle Schulen gemeint, die nach den Lehren von Rudolf Steiner, der Waldorfpädagogik, unterrichten.

2. THEORETISCHER TEIL

2.1. EINLEITUNG THEORETISCHER TEIL

Rudolf Steiners Werke wirkten für mich anfangs sehr kompliziert. Sie beschreiben Wesensglieder, höhere Welten, Reinkarnation und Schicksal und einen zu diesen Erkenntnissen hinführenden Erkenntnispfad. Solche Texte können nicht mal schnell im Zug gelesen werden. Sowohl Inhalt als auch Sprache verlangen Konzentration und ständige Reflexion. Deshalb entschied ich mich, nur eines von Steiners anthroposophischen Bücher komplett zu lesen. Ich wählte «Theosophie», da dieses Buch einen guten Einblick in Steiners Gedanken und Verständnis der Welt und Menschen gewährt bzw. die Anthroposophie gut darstellt und somit als theoretische Grundlage für die Arbeit als geeignet erscheint. Ausserdem verwendete ich zahlreiche andere Bücher und Vorträge von Rudolf Steiner als Quellen, um die weiteren Elemente der Anthroposophie zu erläutern.

Zusätzlich erstelle ich einen Umriss von Rudolf Steiners Leben anhand seines letzten Buches «Mein Lebensgang» und Taja Guts «Aller Geistesprozess ist ein Befreiungsprozess, der Mensch Rudolf Steiner». Für die Beschreibung der Waldorfpädagogik stütze ich mich auf «Waldorfpädagogik» von Heiner Ullrich, «Zur Beurteilung der Pädagogik Rudolf Steiners» von Karl Rittersbacher und «Die praktische Umsetzung der Anthroposophie Rudolf Steiners in der Waldorfpädagogik» von Verena Klein.

Der theoretische Teil ist ein Herantasten an Rudolf Steiners Person und an die Anthroposophie und Waldorfpädagogik. Ein Herantasten, das schliesslich zu einem abschliessenden und zusammenfassenden Ergebnis führt.

Ich möchte hier ausdrücklich darauf hinweisen, dass ich meine Frage «Wie viel Rudolf Steiner steckt heute in der Waldorfschule?» nicht beantworten kann, wenn ich nicht weiss, wer Rudolf Steiner war, was die Anthroposophie ist und wieviel Anthroposophie Rudolf Steiner damals in die Waldorfpädagogik gesteckt hat. Deshalb ist ein tieferes Verständnis über oben genannte Aspekte erforderlich, was nicht durch oberflächliches Herangehen erreicht werden kann. Nun mag der theoretische Teil sehr lang erscheinen, für mich ist es jedoch gerade genug, um das gewaltige Werk Rudolf Steiners angemessen zu bearbeiten und darzustellen.

2.2. WER WAR RUDOLF STEINER? - EINE BIOGRAPHIE

Rudolf Steiner wird von einigen als mystischen Meister gesehen, manche wiederum halten ihn für einen Schwindler, Scharlatan und Opportunist und eine ganze Menge Leute hält ihn einfach für den «Mann, der die Steinerschule gegründet hat». In der NZZ wurde er «grosser Unbekannter der Moderne»2 genannt. Bodo von Plato, ehemaliges Vorstandsmitglied der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, sagte in einem Interview mit der NZZ: «Steiner ist eine geschichtliche Figur geworden, die Menschen, die ihn noch kannten, sind gestorben, seine Worte haben ihre Aura verloren».3

Um die Anthroposophie und die Waldorfpädagogik zu verstehen, muss man erst Steiner kennenlernen. Er ist untrennbar mit ihnen verwoben. Um eine Person «kennenzulernen», muss man einen Blick auf die Biographie werfen. Steiners Biographie beantwortet viele Fragen, wirft aber gleichzeitig neue Fragen auf. Diese Kapitel zeigt anhand Steiners Autobiographie «Mein Lebensgang» und anderen Quelle das Leben eines Philosophen, eines Wissenschaftlers, eines Künstlers, eines Eingeweihten, eines Lehrers, eines Reformers, eines Menschen - Das Leben von Rudolf Steiner.

Kindheit und Schulzeit (1861-1879)

Rudolf Joseph Lorenz Steiner wurde am 27. Februar 1861 in Kraljevec (Damals Kaisertum Österreich, heute Kroatien) geboren. Seine Eltern, Vater Johann Steiner und Mutter Franziska Steiner, geborene Blie, kamen aus Niederösterreich. Der Vater wurde als Telegraph der Südbahn nach Kraljevec versetzt. Den Vater beschrieb Steiner als wohlwollend, aber aufbrausend. Er hatte keine Freude an seiner Arbeit. Seine Mutter war im Haushalt tätig. 1862 zog die Familie nach Mödling bei Wien und 1863 nach Pottschach, wo seine Geschwister Leopoldine und Gustav auf die Welt kamen.4

Abbildung 1: Geburtshaus Rudolf Steiners

Sein Interesse an der Eisenbahn, am Mechanischen, beschrieb Steiner als etwas, was «den Herzensanteil in der kindlichen Seele» verdunkeln wollte.5

Sein erster Lehrer hatte keine Freude am Unterrichten und der junge Steiner hatte somit auch keine Freude an der Schule. Nach einem Vorfall unterrichtete dann Johann Steiner seinen Sohn selber. Rudolf Steiner interessierte sich aber mehr für dasjenige, was sein Vater machte. Er hatte viele Fragen und interessierte sich schon damals für sehr vieles, was ihn einsam machte. 1869 zog Familie Steiner nach Neudörfl, wo er wieder die Schule besuchte. Der Unterricht war langweilig, doch Steiner las freiwillig Bücher über Geometrie usw.6

«Dass man seelisch in der Ausbildung rein innerlich angeschauter Formen leben könne, ohne Eindrücke der äusseren Sinne, das gereichte mir zu höchster Befriedigung. (…) Rein im Geiste etwas erfahren zu können, das brachte mir ein inneres Glück.»7 Steiner war hier erst acht Jahre alt. Er lebte damals oft in einer «anderen Welt». Der Pfarrer spielte eine Rolle in der Schule und die Schule war mit der Kirche in Verbindung.8 Ein Arzt aus Wiener-Neustadt zeigte ihm die deutschen Literaturgrössen Goethe, Schiller und Lessing.9

Nach der Grundschule besuchte Steiner ab 1872 die Realschule in Wiener-Neustadt. Am Anfang hatte er noch Mühe, wurde dann aber ein guter Schüler. Ab der dritten Klasse der Realschule hatte er endlich einen Lehrer, den er als Vorbild betrachten konnte.10

Hauptsächlich während des langweiligen Geschichtsunterrichts las Steiner Kants «Kritik der reinen Vernunft». Steiner hatte trotzdem die Geschichtsnote «vorzüglich». Er las in seiner Freizeit sehr viel (Literatur, Bücher über Geschichte, Philosophie, Naturwissenschaften etc.). Er betrieb nach eigener Aussage einen privaten Gymnasialunterricht. Sein Weg zu klarem Denken und Religionslehre waren damals die wichtigen Elemente.11 Ab seinem 15. Lebensjahr gab Steiner regelmässig Nachhilfeunterricht. 1879 beendete Steiner seine Schulzeit und begann mit dem Studium.12

Wien (1879-1890)

Steiners Familie zog nun nach Inzersdorf und 1882 dann nach Brunn am Gebirge. Steiner besuchte von 1879 bis 1883 die Technische Hochschule Wien, mit dem Ziel, Realschullehrer zu werden. Er hatte ein Stipendium. Seine Hauptfächer waren Mathematik, Physik, Botanik, Zoologie, Chemie, daneben Literatur, Geschichte und Philosophie. Steiner las nun zum ersten Mal Goethes «Faust». Steiner schloss viele Freundschaften in Wien. 1883 beendete Steiner sein Studium nach acht Semestern, ein Abschluss war für Lehramtskandidaten nicht vorgesehen.13

Steiner hatte mehrere Privatschüler, darunter auch einmal ein Offizier, der sich für eine Prüfung vorbereiten musste.14

1882 nahm Steiner eine Stelle als Herausgeber von Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften in Kürschners «Deutscher National-Literatur» an. Hierzu schrieb er die Einleitungen und Kommentare.15

Von 1884 bis 1890 lebte er im Haus der jüdischen Familie Specht, wo er als Haus- und Nachhilfelehrer die vier Kinder unterrichtete. Eines dieser Kinder war ein «Sorgenkind» und Steiner entwickelte eine dem Kind entsprechende Erziehung, um «schlummernde Fähigkeiten zu erwecken».16

1886 schrieb Steiner sein erstes Buch «Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung». 1888 war Steiner Redakteur bei der Wiener «Deutsche Wochenzeitschrift».17

Weimar (1890-1997)

Ab 1890 arbeitete Steiner im Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar erneut als Herausgeber für Goethes naturwissenschaftliche Werke.18 In Weimar begegnete Steiner verschiedenen wichtigen Menschen, wie Ernst Haeckel und Eduard von Hartmann. Steiner schloss eine Freundschaft mit der Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Rosa Mayreder (1858-1938).19

1891 promovierte Steiner in Rostock bei Prof. Heinrich von Stein zum Dr. phil. mit seiner Dissertation «Die Grundfrage der Erkenntnistheorie mit besonderer Rücksicht auf Fichtes Wissenschaftslehre. Prolegomena zur Verständigung des philosophischen Bewusstseins mit sich selbst» und veröffentlichte diese dann ein Jahr später (mit anderem Titel). Da die Note nur «genügend» war, war eine Universitätskarriere praktisch ausgeschlossen.20

1893 veröffentlichte Steiner sein philosophisches Hauptwerk: «Die Philosophie der Freiheit».21

Von 1894 bis 1896 folgten Besuche und Aufenthalte im Nietzsche-Archiv. Ausserdem veröffentlichte Steiner 1895 das Buch « Friedrich Nietzsche - Ein Kämpfer gegen seine Zeit».22

1897 veröffentlichte Steiner sein Buch «Goethes Weltanschauung».23

Ab 1892 lebte Steiner bei der verwitweten Anna Eunike und ihren fünf Kindern, 1899 heiratete er sie.24

Berlin (1897-1902)

Von 1897 bis 1900 war Steiner (zusammen mit Otto von Hartleben) Herausgeber und Redakteur des «Magazin für Literatur» in Berlin und arbeitete von 1899-1904 an einer Arbeiterschule.25

Als Nietzsche-Kenner hielt er Vorträge, auch im Kreise der Theosophen (Theosophische Bibliothek). Die Theosophen nahmen diese gut auf und Steiner begann darauf hin mit einer 26 Vorträge umfassenden Vortragsreihe über die Mystik.26

In der Theosophischen Gesellschaft (1902-1913)

Rudolf Steiner hielt sich öfter in theosophischen Kreisen auf und wurde dann 1902 Generalsekretär der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft. Steiner begann nun, viele Vorträge innerhalb und ausserhalb der Theosophischen Gesellschaft zu halten.27 Steiner wurde bald tief befreundet mit Marie von Sievers, mit welcher er die Sektion leitete.28 In der Theosophischen Gesellschaft fand Steiner Zuhörer für seine Erklärungen der Geistwelt. Steiner erwähnt in seiner Autobiographie die sektiererisch wirkenden Häupter der TG und fanatischen Anhänger.29 Steiner sagte: «Ich hätte nie in dem Stile, in dem diese Theosophen wirkten, selber wirken können (…) So war es nicht etwa die in der Theosophischen Gesellschaft vereinte Mitgliederschaft, auf die Marie von Sievers und ich zählte, sondern diejenigen Menschen überhaupt, die sich mit Herz und Sinn einfanden, wenn erst zu nehmende Geist-Erkenntnis gepflegt wurde.»30

Im Jahr 1903 gründete Steiner die Monatszeitschrift «Lucifer» (Im Sinne von «Lichtbringer»), die ab 1904 «Lucifer-Gnosis» hiess. Die Zeitschrift forderte viel Zeit. Steiner schrieb den grössten Teil selbst. Er und von Sievers übernahmen auch das Adressieren und das Bekleben mit Marken. In der Zeitschrift wurden grundlegende anthroposophische Aufsätze veröffentlicht (später auch als Bücher). Steiner schrieb aus geistigen Impulsen. Jedes Thema war laut Steiner aus dem Geiste herausgeholt. Aufgrund von Zeitmangel, wurde die Zeitschrift 1908 eingestellt.31

In dieser Zeit hat Steiner seine bedeutenden Werke «Theosophie» (1904) und «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?»(1904/05), «Aus der Akasha-Chronik» (1904/08), «Die Stufen der höheren Erkenntnis» (1905/08) und «Die Geheimwissenschaft im Umriss» (1910) veröffentlicht.32

Anna Steiner (Eunike) trennte sich 1904 von Rudolf Steiner, sie starb 1911.33

In diesen Jahren steigerte Steiner seine Vortragstätigkeiten und trat vermehrt auch im Ausland auf. 1906 richtete er eine «erkenntniskultische Abteilung» der «Esoterischen Schule» ein, 1907 löste er seine «Esoterische Schule» aus dem theosophischen Rahmen dieser Schule.34 In der theosophischen «Esoterischen Schule» war Steiner laut eigenen Angaben vor allem, um über die Geschehnisse informiert zu sein.35

1908 gründete Marie von Sievers den Philosophisch-Theosophischen (ab 1915 Philosophisch-Anthroposophischen) Verlag, welcher die Werke Steiners veröffentlichte.36 Ab 1910 erfolgten die Uraufführungen von Steiners Mysteriendramen.37

Laut Steiner war seit 1906 erkennbar, dass die TG «verfällt». Die internationalen Theosophen, darunter Annie Besant, behaupteten dann, der Hinduknabe Jiddu Krishnamurti (12. Mai 1895 - 17. Feb. 1986) sei die Persönlichkeit, in welcher Christus erneut auf die Erde kommen werde.38

Weil sich Steiner weigerte, dies anzuerkennen, und es auch sonst Spannungen gab, spaltete sich die deutsche Sektion der TG ab und gründete 1913 die Anthroposophische Gesellschaft. 1912 wurde diese schon informell gegründet. Nahezu alle Mitglieder der deutschen Sektion der TG wechselten in die Anthroposophische Gesellschaft. Marie von Sievers, Carl Unger und Michael Bauer wurden Vorstandsmitglieder. Obwohl Steiner nicht im Vorstand war, blieb er trotzdem der wichtigste Vortragsredner. Danach folgten viele Vortragsreisen und der Aufbau von anthroposophischen Zweigen im In- und Ausland.39

In der Anthroposophischen Gesellschaft/ Deutschland und Dornach (1913-1925)

Im selben Jahr wurde entschieden, den Johannesbau (später Goetheanum) in Dornach zu errichten, nachdem das Bauvorhaben in München 1911 gescheitert war.40

Zahlreiche Künstler arbeiteten nun unter Steiners Leitung am Goetheanum. Steiner selbst übernahm einige künstlerische Arbeiten (Entwürfe für Glasfenster, Deckenmalereien usw.). Am 24. Dezember 1914 heiraten Rudolf Steiner und Marie von Sievers.41

Während des Krieges begann Steiner mit dem Bau der Holzskulptur «Der Menschheitsrepräsentant» (mehr dazu 2.3.2.3. Christliche Inhalte). Steiner hielt Vorträge vor Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft und vor Arbeitern des Goetheanums. Es erschienen mehrere Bücher. 1912 hielt Steiner einen ersten Eurythmiekurs für Lory Smits. 1913 fand die erste Eurythmieaufführung statt und 1919 die erste öffentliche Eurythmieaufführung.42 Steiner förderte und entwickelte also ganz bewusst künstlerische Elemente in der Anthroposophie. In der Theosophischen Gesellschaft hingegen, war laut Steiner kaum etwas von der Pflege der künstlerischen Interessen vorhanden.43

Während des Krieges arbeitete Steiner auch seine Idee zur Dreigliederung des sozialen Organismus aus, die er mehreren Politikern zukommen liess.44

Steiner betont in seiner Autobiographie, dass er in seinem anthroposophischen Wirken zu zwei Ergebnissen von unterschiedlichem Charakter gekommen ist: den öffentlichen Drucken und den Vorträgen vor Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft, die bereits über das anthroposophische Grundwissen verfügten.45

In den letzten sechs Jahren seines Lebens hat Steiner beachtlich viel erreicht. Es sind die anthroposophischen Tochterbewegungen, die in diesen Jahren entstanden, und bis heute die wichtigsten Elemente der Anthroposophie im öffentlichen Leben sind.

Auf Initiative des Direktors der Zigarettenfabrik Waldorf-Astoria, Emil Molt, wurde 1919 die erste Waldorfschule gegründet. Steiner übernahm die Leitung und die Ausbildung der Lehrer. Steiner nahm an ca. 70 Lehrerkonferenzen teil und leitete die Geschicke der Schule.46

Es wurden 1920 dreigegliederte Wirtschaftsunternehmen, wie «Der Kommende Tag A.-G.» mit mehreren angegliederten Unternehmen in Stuttgart (darunter auch Waldorf-Astoria) und die Futurum AG in Dornach, gegründet. Steiner musste viel Arbeitskraft darauf verwenden, da die Führung den Problemen nicht gewachsen war. Die Ärztin Ita Wegman eröffnete 1921, mit Hilfe von Steiner, eine anthroposophische Klinik in Arlesheim und 1922 wurde die «Christengemeinschaft» gegründet.47

Die Zerstörung des Goetheanums in der Neujahrsnacht 1922/23 traf Steiner schwer (siehe 2.5. Brand Goetheanum I.; Verhältnis Lehrer zu Anthroposophie). Steiner war unzufrieden mit der schläfrigen, zum Sektierertum neigenden Anthroposophischen Gesellschaft. 1923 wurde die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft unter Steiners Leitung neu gegründet. Steiner ernannte den übrigen Vorstand und richtete die «Freie Hochschule für Geisteswissenschaften» ein.48

Steiner war gesundheitlich am Ende. Am Ende der Weihnachtstagung, am 1. Januar 1924, brach er zusammen. Steiner begann «An die Mitglieder» und «Anthroposophische Leitsätze» im Nachrichtenblatt «Was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht» zu veröffentlichen. Im «Goetheanum» wurden in Fortsetzungen Teile seiner Autobiographie veröffentlicht. Steiner führte trotzdem noch zahlreiche Gespräche, entwarf Formen für Eurythmieaufführungen, arbeitete am Modell für das zweite Goetheanum und hielt zahlreiche Vorträge in ganz Europa. Im Juni 1924 hielt Steiner den «Landwirtschaftlichen Kurs» und begründete hiermit die biologisch-dynamische Landwirtschaft.49

Am 29. September 1924 zog sich Steiner in sein Atelier in der Schreinerei am Goetheanum zurück. Er arbeitete noch an seiner Autobiographie, die aber nicht fertig wurde und nur bis ca. 1913 reicht, und an den «Leitsätzen». Mit Ita Wegman beendete er noch das Buch «Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst nach geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen». Ita Wegman übernahm die Pflege des totkranken Steiners und führte zu dieser Zeit eine Beziehung mit ihm. Der Bau des zweiten Goetheanums wurde 1925 begonnen und Steiner starb am 30. März 1925. Die genaue Krankheit bleibt unbekannt.50

Persönliche Kommentare zu Steiners Leben und Autobiographie

Ich muss ehrlich zugeben, ich finde Steiners Autobiographie nicht sonderlich originell oder gut. Das ganze Buch ist eigentlich ein Erklärungsversuch für seine Anthroposophie. Er beschreibt, wie er bereits als kleines Kind wusste, dass es eine geistige Welt gibt. Das Buch versucht eine Kontinuität in Steiners Leben zu vermitteln. Von Kontinuität kann man bei Steiners von Brüchen und Veränderungen gezeichnetem Leben aber meiner Meinung nach nicht sprechen. Es ist auch klar, dass Steiner aus der Perspektive des alten, am Ende des Lebens stehenden Mannes schreibt und nicht aus seinem jeweiligem Alter bei den beschriebenen Ereignissen. Steiner schreibt selbst, dass sein Lebensgang kaum von der Geschichte der anthroposophischen Bewegung zu trennen sei,51 hat dies aber durch die Herangehensweise an die Autobiographie noch verschlimmert. So schreibt Steiner zwar über Marie von Sievers als unglaublich grosse Hilfe und Freundin, schreibt aber dennoch keine einzige Zeile über seine drei Beziehungen und was sie ihm bedeuteten. Steiners «Forschungen» gehen so tief ins Menschliche, aber dennoch fehlt in der Autobiographie das (Zwischen-)Menschliche und die Liebe. Das Buch «Aller Geistesprozess ist ein Befreiungsprozess. Der Mensch Rudolf Steiner» bot mit der übersichtlichen, detaillierten Zeittafel eine gute Vergleichsmöglichkeit und Zweitquelle. So hatte ich einen Überblick über ein Leben, das nie ganz verstanden werden kann. Teilweise gibt es zu wenig Informationen (z.B. Todesursache), oft aber schlichtweg zu viele. Alle seine Vorträge und Schriften sind «Teile» von Steiners Leben. Aber ein Werk, das über 350 Bücher umfasst (95'000 Seiten), kann schlichtweg nicht vollständig begriffen werden. Ich bin mit meinem Versuch zufrieden und kann nun von mir behaupten, zumindest ein paar Seiten von Steiners Leben kennengelernt zu haben.

2.3. DIE ANTHROPOSOPHIE IM UMRISS

Rudolf Steiners Anthroposophie (von altgriechisch ἄνθρωπος ánthrōpos „Mensch“ und σοφία sophίa „Weisheit“) ist eine Weltanschauung und der dazugehörige Erkenntnisweg. Ein «Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltenall führen möchte».52

Rudolf Steiner verbindet in ihr Elemente der Weltanschauung Goethes, den deutschen Idealismus, christliche Mystik, östliche Lehren, Gnosis und Naturwissenschaftliches.53

Rudolf Steiner entwickelte seine Weltanschauung/ Lehre stetig weiter. Er nannte sie Anthroposophie aber auch zeitweise Theosophie, Geheimwissenschaft oder Geisteswissenschaft. Von 1902 bis 1912/13 war Steiner Mitglied der Theosophischen Gesellschaft. So kam er in Kontakt mit deren Lehrern und Begriffen. So heisst sein Buch «Theosophie» auch Theosophie, obwohl Anthroposophie der passendere Name wäre. Denn in diesem Buch geht es um die «Weisheit des Menschen» und nicht um Gott (Theosophie = Göttliche Weisheit).54 Das Buch Theosophie beinhalten die wichtigsten Merkmale der Anthroposophie und bildet so eine gute theoretische Grundlage. Das nächste Kapitel fasst den Inhalt des Buches und somit die Anthroposophie zusammen. Anschliessend werden noch Elemente erwähnt, die in «Theosophie» nicht vorkommen.

2.3.1. Anthroposophie in Steiners Buch «Theosophie»

Das 1904 geschriebene Buch «Theosophie» wurde von Steiner fünf Mal überarbeitet (1908, 1914, 1918 und 1922). Ich habe für meine Arbeit ein Buch der letzten Version von 1922 benutzt.

2.3.1.1. Einleitung des Buches

In der Einleitung des Buches sagt Steiner, dass jeder das Gefühl und Verständnis für die Wahrheit hat. Deshalb ist jeder fähig, höhere Grade der Erkenntnis zu erreichen.55 Zuerst muss jedoch eine Entwicklung der menschlichen Erkenntniskräfte stattfinden. «In diesem Buche werden keine anderen Dinge mitgeteilt als solche, die auf jeden, der allseitiges, durch kein Vorurteil getrübtes Denken und rückhaltloses, freies Wahrheitsgefühl in sich wirken lässt, den Eindruck machen können, dass durch sie an die Rätsel des Menschenlebens und der Welterscheinungen auf eine befriedigende Art herangetreten werden kann».56 Rudolf Steiner betont, dass man es hier mit Erlebnissen zu tun hat, die für jeden zugänglich sind, wenn man sich entschlossen hat, den Erkenntnispfad zu betreten. Gesundes Denken und Empfinden ist dazu in der Lage, alles zu verstehen was an wahren Erkenntnissen aus den höheren Welten fliessen kann.57

2.3.1.2. Das Wesen des Menschen

Rudolf Steiner knüpft zu Beginn an Goethe an und sagt, dass die Aufmerksamkeit des Menschen auf drei Dinge gerichtet ist. Durch das Tasten, Riechen, Schmecken, Hören und Sehen nimmt er die Gegenstände wahr, durch Gefallen und Missfallen, Begehren oder Verabscheuung bewertet er die Eindrücke und die dritte Sache sind die Erkenntnisse, die er erlangt, wenn er die Geheimnisse der Gegenstände verstanden hat. Somit ist der Mensch immer auf dreifache Art mit der Welt verbunden. Die erste Art sind die Tatsachen, die er vorfindet, durch die zweite Art macht er sich die Welt zur eigenen Angelegenheit, indem er die Bedeutung für sich selbst festlegt und die dritte Art ist ein Ziel, zu dem er hinstrebt. Er möchte die Welt verstehen. Diese drei Seiten in seinem Wesen werden Leib, Seele und Geist genannt.58 Durch den Leib ist der Mensch Teil der Aussenwelt (die Stoffe der Welt bauen diesen auf), durch die Seele baut er sich eine eigene Welt auf und durch den Geist wird ihm eine Welt offenbart, die höher ist als die beiden anderen.59

Leib, Seele und Geist

Der Leib hat ein mineralisches, pflanzliches und tierisches Dasein. Wie Mineralien baut er einen Leib auf, wie Pflanzen wächst er und pflanzt sich fort und wie Tiere kann er wahrnehmen. Die vierte Daseinsform ist die menschliche. Die seelische Wesenheit des Menschen beginnt bereits mit Sinnesempfindungen. Das Empfinden von Farben etc. ist bereits seelisch. Daran schliesst das Gefühl an und der Wille. Durch ihn wirkt der Mensch wiederum auf die Aussenwelt. Der Mensch denkt dann über die Wahrnehmungen und Handlungen nach.

Durch das Nachdenken über Wahrnehmungen gelangt er zu Erkenntnissen über die Dinge. Wenn er über die Handlungen nachdenkt, bringt er Vernunft und Zusammenhang ins Leben. Der Leib ist Grundlage für die Seele und diese wiederum Grundlage für den Geist.60

Leib

Der «mineralische Bau» wird physischer Leib genannt. Dieser Aufbau wird durch eine artbildende Kraft, die Lebenskraft bestimmt (Fortpflanzung). Die Lebenskraft kann der Mensch mit gewöhnlichen Sinnen nicht wahrnehmen. Diese Gestalt, die die Lebenskraft enthält, nennt Steiner Ätherleiboder Lebensleib.61 Der dritte Leib heisst Seelenleib oder Empfindungsleib. Dieser bildet eine Einheit mit der Empfindungsseele und ist sozusagen deren Gefäss.62

Seele

Die Farben und Gerüche, die man wahrnimmt, lösen Empfindungen aus. Der eigentliche Vorgang des Riechens und Sehens ist leiblich, die Empfindung, das Gefühl ist aber etwas Seelisches. Diesen Teil der Seele nennt Steiner Empfindungsseele. Lust und Unlust, Triebe und Instinkte und Leidenschaften zählt Steiner alle zu der Empfindungsseele.63 Die Verstandesseele ist die vom Denken bediente Seele. Sie durchdringt auch die Empfindungsseele. Das Denken geht über die Seele hinaus. Das, was der Mensch durch das Denken als Wahrheit erfährt, hat auch eine Bedeutung für die Aussenwelt. Das Wahre und Gute wird nicht erschaffen, es besteht als Ewiges. Der Teil der Seele, der Wahres und Gutes enthält, wird von Steiner Bewusstseinsseele genannt. Sie ist der Kern des menschlichen Bewusstseins.64 Die Leiblichkeit begrenzt die Seele von unten, während der Geist die Seele nach oben erweitert. Die bisher genannten Gliederungen sind jeweils als über die vorherige herausragend zu verstehen. Das Gebilde kann als Aura bezeichnet werden.65

Das Ich

Das «Ich» ist etwas sehr Spezielles. Jeder Mensch kann nur zu sich selbst «Ich» sagen. Das «Ich» ist der Mittelpunkt der Seele, genauso wie das Gehirn der Mittelpunkt des Leibes ist.

Leib und Seele sind die Hüllen, innerhalb dieser Hüllen lebt das «Ich». Der Geist wiederum lebt im «Ich». Das «Ich» ist der Mensch selbst, es ist seine wahre Wesenheit.66 «Je mehr das «Ich» Herrscher ist über Leib und Seele, desto gegliederter, mannigfaltiger, farbenreicher ist die Aura.»67

Geist

Der Geist lebt im «Ich» und bildet es sogleich von innen heraus. Der Geist, welcher das «Ich» bildet und in ihm wohnt, nennt Steiner Geistselbst. Das Geistselbst kann als Offenbarung der geistigen Welt innerhalb des «Ichs» betrachtet werden, so wie die Sinnesempfindungen eine Offenbarung der physischen Welt im «Ich» sind. Die Offenbarung des Geistes wird Intuition genannt. Sie offenbart sich im Wahren und Guten.68 Der Geist nimmt aus der Umwelt Geistiges auf und macht es zu seinem Eigenen. Diese sich nach aussen abgrenzende Hülle nennt Steiner Geistmensch. Diese Hülle kann sich unbegrenzt vergrössern, je mehr Wahres und Gutes aufgenommen wird. Und genauso, wie es in der physischen Welt eine physische Lebenskraft gibt (siehe Ätherleib), gibt es eine geistige Lebenskraft. Deshalb spricht Steiner noch von einem Lebensgeist.69

Zusammenfassung

Den vorausgegangenen Beschreibungen folgend, kommt man zu folgender Gliederung:

I. Physischer Körper
II. Ätherleib
III. Seelenleib
IV. Empfindungsseele
V. Verstandesseele
VI. Bewusstseinsseele
VII. Geistselbst
VIII. Lebensgeist
IX. Geistesmensch70

Da nun aber Seelenleib und Empfindungsseele eine Einheit bildet und Bewusstseinsseele und Geistselbst ebenso, kann man diese Einteilung zu den sieben Teilen des irdischen Menschen zusammenfassen:

I. Der physische Körper
II. Der Ätherleib
III. Der empfindende Seelenleib
IV. Die Verstandesseele
V. Die geisterfüllte Bewusstseinsseele
VI. Der Lebensgeist
VII. Der Geistesmensch 71

Da Seelenleib und Empfindungsseele so eng zusammenhängen, kann man sie zusammen als Astralleib bezeichnen. Verstandesseele und Bewusstseinsseele durchdringen sich ebenfalls in einem höheren Sinne und bilden die Hüllen für das «Ich» als deren Kern. Durch das «Ich» stehen die oberen und die unteren drei Glieder in Kontakt und Austausch. Die geistigen Glieder sind verwandelte leibliche Glieder.72

Eine weitere mögliche Gliederung ist somit die folgende:

I.Physischer Leib
II.Lebensleib
III. Astralleib
IV. Ich als Seelenkern
V. Geistselbst als verwandelter Astralleib
VI. Lebensgeist als verwandelter Lebensleib
VII. Geistmensch als verwandelter physischer Leib 73

Anmerkung: Teilweise wird auch vom Viergliedrigen Mensch oder den vier Wesenslieder gesprochen, dann ist physische Leib, Ätherleib, Astralleib und das «Ich» gemeint.

2.3.1.3. Reinkarnation und Karma

Die Seele ist das Bindeglied zwischen Gegenwart und Dauer, denn sie stellt die Mitte dar zwischen Leib und Geist. Gegenwärtige Eindrücke werden als Erinnerung gespeichert. Der Mensch als handelndes Wesen prägt aber auch die Umwelt und gestaltet so das Morgen.74

Taten des Menschen prägen die Welt in dauernder Weise, genauso wie Erinnerungen dauernd sind. Doch wir können uns nicht richtig eine Vorstellung davon machen, wie diese Taten auf die Zukunft wirken. Wenn ich eine Tat begehe, verändert sich auch mein Verhältnis zur Welt. Erinnerungen bleiben uns lange im Dunkeln. Erst, wenn es einen Grund bzw. ein Ereignis gibt, kommen sie wieder zu uns zurück. Laut Steiner kommen die Folgen einer vollbrachten Tat genauso zu uns zurück, wenn es einen Grund dafür gibt.75

Die menschliche Gestalt reicht über Leben und Tod heraus76 und jeder Mensch hat seine individuelle Gestalt. Nicht nur Erziehung und Umwelt prägen das Leben eines Menschen, sondern auch seine von Geburt an vorhanden seienden Anlagen.77 Physisch mögen alle Menschen gleich sein, doch der Geist ist laut Steiner verschieden. Treffend beschreibt Steiner den Vergleich von Mensch und Tier. Wenn man z.B. eine Kuh beschreibt, trifft diese Beschreibung auf alle anderen Kühe ihrer Art zu. Beim Menschen ist dies bekanntlich nicht der Fall. Wenn ich einen Menschen beschreiben will, muss ich seine Biographie kennen. Es ist allgemein bekannt, dass die physische Gestalt durch Vererbung bzw. Genetik bestimmt wird, der Geist kann aber nicht von den Eltern vererbt werden, da er ja individuell und von anderen unabhängig ist. Steiner erklärt nun, dass jeder geistige Mensch eine eigene Gattung für sich ist und deshalb hat der Mensch die geistige Gestalt von sich selbst «vererbt» bekommen.78 Somit muss der Mensch davor bereits Erdenleben durchlaufen haben.79

In jedem Leben gewinnt der Geist neue «Fähigkeiten». Steiner sagt: «In einem Leben erscheint der menschliche Geist als Wiederholung seiner selbst mit den Früchten seiner vorigen Erlebnisse in vorhergehenden Lebensläufen.»80

Ein irdisches Leben kann nun aber, den Umständen entsprechend, auch unvollkommener sein als das vorhergegangene.81 Grundsätzlich beschreibt Steiner die Aufgabe des Menschen aber als folgende: «Er arbeitet an sich, um bei jedesmaliger Verkörperung dem Zustande der Erde entsprechend seine Dienste im irdischen Wandel leisten zu können.»82

Man kann den Tod mit dem Schlaf vergleichen. Wenn der Mensch schläft, geht die Welt ja trotzdem weiter. Aber wenn er aufwacht, fährt der Mensch mit seinem alten Leben fort. Er ist immer noch der Gleiche, und seine Taten von gestern wirken auf heute. Der Geist führt, wenn er als Wiederverkörperung auf die Erde kommt, ebenfalls sein altes «Leben» weiter.83

Der Mensch trägt also die Ergebnisse von früheren Erfahrungen in sich, hat aber zugleich damals durch seine Taten auf die Welt eingewirkt. Die Ergebnisse dieser Taten kommen auf den Menschen zurück. Dies ist das Schicksal oder Karma.84

«Menschen, mit welchen die Seele in einem Leben verbunden war, wird sie in einem folgenden wiederfinden müssen, weil die Taten (…) ihre Folgen haben müssen».85 Laut Steiner werden sich diese Menschen zur gleichen Zeit wiederverkörpern.86

Zusammenfassend kann man sagen, dass der Körper vererbt wird, der Geist wiederverkörpert wird und die Seele, die dem Karma unterliegt, die Beiden im irdischen Leben verbindet.87

2.3.1.4. Die drei Welten

Folgender Abschnitt behandelt die drei Welten, deren der Mensch angehört. Es sind die Seelenwelt, das Geisterland und die physische Welt.

Anzumerken ist hier, dass diese Welten nicht als räumlich getrennte Sphären zu verstehen sind, sie existieren also nicht neben einander.88 Die seelische und geistige Welt bezeichnet Steiner als höhere Welten.89

Die Seelenwelt und die Seele nach dem Tod

Seelische Eigenschaften, wie Triebe, Begierden, Gefühle, Wünsche usw. stammen aus der seelischen Welt, weshalb man sie auch als Begierden- oder Wunschwelt bezeichnen kann. Die Seele ist ebenfalls Glied in dieser seelischen Welt. Jedoch ist die äussere Seelenwelt von der menschlichen Seele zu unterscheiden.90 Laut Steiner ist diese seelische Welt «viel feiner, beweglicher und bildsamer».91

Steiner betont, dass in der Seelenwelt völlig andere Gesetze wie in der uns bekannten Welt gelten.92

Die Grundkräfte der Seelenwelt sind sich als Sympathie und Antipathie gegenübergestellt. Sympathie ist die Kraft, mit der ein Seelengebilde ein anderes Seelengebilde anzieht, es will mit ihm verschmelzen und seine Verwandtschaft hervorheben. Antipathie ist die Kraft, mit der ein Seelengebilde ein anderes abstosst, ausschliesst und seine Eigenheit aufzeigen möchte. Es gibt aufgrund der Verhältnisse dieser Kräfte drei Arten von Seelengebilden:93

- Begierdenglut: In ihr überwiegt die Antipathie, aber es ist auch Sympathie enthalten. Sie hat einen gierigen, eigensüchtigen Charakter. In der Seele sind dies Triebe und Instinkte.94
- Fliessende Reizbarkeit: In ihr sind die Kräfte im Gleichgewicht. Solche Gebilde wirken neutral auf die anderen Gebilde. Eine Farbempfindung kann hier als Beispiel genannt werden.95
- Wunsch-Stofflichkeit: In ihr überwiegt die Sympathie. Die Wunsch-Stofflichkeit hat aber dennoch einen leicht eigensüchtigen Charakter, da in ihr auch ein bisschen Antipathie enthalten ist.96

Nun gibt es aber noch höhere Formen von Seelengebilden. In ihnen gibt es keine Antipathie mehr. Die Sympathie tritt hier als «Lust» auf. Wenn diese Lust gemindert wird, wird sie «Unlust» (vergleiche: Minderung der Wärme=Kälte). Lust und Unlust bezeichnet man als Welt der Gefühle. Die noch höheren Stufen sind nicht im Bereich des Eigenlebens beschränkt. Sie sorgen dafür, dass die Seelenleben sich gegenseitig «aufsaugen» und «bestahlen» lassen. Diese Stufen sind: Seelenlicht, tätige Seelenkraft und Seelenleben.97

«Drei untere und drei obere Regionen der Seelenwelt hat man also zu unterscheiden; und beide sind vermittelt durch eine vierte»98 (Lust und Unlust).

Die Kräfte der Seele sind mit Geist und Leib in Kontakt. Die Verrichtungen des Leibes wirken auf die Seele genauso wie geistige Gedanken. Wenn die Seele mehr mit dem Geiste zu tun hat und so Gedanken auf die Seele wirken lässt, dann ist sie vollkommener.99

Wenn der Mensch stirbt, verlassen Seele und Geist den Körper, genau genommen entlässt dieser die Seele und den Geist. Dann ist der Geist aber noch an die Seele gebunden und diese kettet den Geist an ihre Welt, an die seelische Welt. Die Seele entlässt dann später den Geist in die geistige Welt, hierzu muss sie aber einen Prozess durchlaufen.100

Das Problem ist, dass der Mensch mit seinem Tod nicht auch seine Begierden und Wünsche verliert, denn diese konnten nicht erfüllt werden. Einige andere Dinge werden durch das Karma in einer anderen Verkörperung ausgeglichen, diese Elemente muss die Seele aber jetzt abstreifen.101

Dieses Abstreifen wird von Steiner als unermesslich schmerzvolles Leiden beschrieben. Alles was im Leben nicht Befriedigung erfahren konnte, muss nun losgelassen werden.102

Wenn alle Antipathie weg ist und die Sympathie ihren höchsten Grad erreicht hat, ist die Seele eins mit der Seelenwelt und der Geist wird entlassen. Sie löst alle sieben Arten von Seelengebilden ab.103 «Indem die Seele den Erdenrest überwunden hat, ist sie selbst ihrem Elemente zurückgegeben».104 Menschen, die mehr im irdischen gelebt haben, also mehr Begierden etc. hatten, befinden sich länger in diesem Läuterungszustand.105

Das Geisterland und der Geist nach dem Tod

Die geistige Welt besteht aus den Stoff, aus dem auch der Gedanke des Menschen besteht. Gedanken im Menschen sind aber als Schatten ihrer wirklichen Wesenheit zu verstehen. Diese geistige Welt ist voller lebendiger Gedanken und Geistwesen. Laut Steiner befinden sich in dieser Welt die Urbilder aller Dinge und Wesen der physischen und seelischen Welt. Die Dinge der physischen Welt sind sogenannte Nachbilder dieser Urbilder. Die Urbilder sind aber von den jeweiligen Nachbildern sehr unterschiedlich.106 Steiner sagt, «(…)dass die Urbildwelt eine weitaus intensivere Wirklichkeit hat als die sinnlich-physische».107 In der geistigen Welt herrscht eine «fortwährende bewegliche Tätigkeit» und somit ein «unaufhörliches Schaffen». Alles, was in der physischen und seelischen Welt entsteht, wird von den Urbildern geschaffen.108

Wichtig ist laut Steiner auch, dass in der geistigen Welt nicht nur Bilder sind, sondern dieses Schaffen auch eine klingende Eigenschaft hat und es somit neben Urbildern auch Urtöne gibt.109

Auch in der geistigen Welt gibt es wieder sich durchdringende Bereiche. In der ersten Region befinden sich die Urbilder der physischen Welt (ohne Leben), also der physischen Formen von Pflanzen, Tieren und Menschen. Man kann sich das folgendermassen vorstellen: Dort, wo die Dinge sind, befinden sich nun Hohlräume und die früheren Hohlräume bilden Platz für die schaffenden Urbilder. Die zweite Region ist die Region der Urbilder des Lebens.110 «Aber dieses Leben bildet hier eine vollkommende Einheit.»111 In der dritten Region befinden sich als geistige Gegenstücke die Urbilder des Seelischen. Die vierte Region herrscht ohne einen direkten Bezug zu den anderen Welten über die anderen Regionen. Die Urbilder hier sind Urbilder von rein menschlichen Schöpfungen, wie z.B. Wissenschaft, Technik, Staat etc. Die Wesenheiten der fünften, sechsten und siebenten Region stellen den Antrieb für die Urbilder der unteren Regionen dar. Hier liegen Urbilder als «Keimpunkte» bereit, um Formen von Gedankenwesen anzunehmen. Die Urtöne sagen hier dem Beobachter dieser Welt in Worten ihre «ewigen Namen». Der Kern dieser Gedankenkeimwesen stammt aus noch höheren Welten.112

Wenn der Geist die Seelenwelt verlassen hat, geht er ins Land der Geister und bleibt dort, bis er zu einer neuen leiblichen Verkörperung bereit ist.113 Der Geist war während seines irdischen Daseins mit der irdischen Körperwelt in wechselwirkendem Kontakt. Das Wirken in der physischen Welt ist eine sehr wichtige Aufgabe, aber die Absichten und Ziele dahinter werden ausserhalb dieser physischen, nämlich im Land der Geister ausgeprägt.114 «Der Geist des Menschen muss in diesem Lande immer wieder zwischen zwei Verkörperungen leben, um, gerüstet mit dem, was er sich von da mitbringt, an die Arbeit in dem physischen Leben herantreten zu können».115 Das auf der irdischen Welt Gelernte wird im Geisterland zu Fähigkeiten umgebildet, dazu lebt er sich in die Regionen des Geisterlandes ein und nimmt ihre Eigenschaften an.116

In der ersten Region (siehe vorherige Seite) erkennt der Geist die Wesenheiten der Schatten, die er schon kennt. Er ist nun von Urbildern der irdischen Dinge umgeben. Er sieht, dass Leib und Aussenwelt ihm nun fremde Einheit sind. Der Mensch erlebt hier die in der physischen Welt erfahrenen Freundschaften und Familie etc. als Gedankenwesenheit ein zweites Mal. Der Mensch wird nun bezüglich dieser Beziehungen vollkommener.117

In der zweiten Region, der des einheitlichen Lebens, lernt der Mensch sich als Teil eines Ganzen zu sehen.118

In der dritten Region, die der seelischen Urbilder, bilden alle Begehren, Wünsche etc. eine Einheit. Steiner nennt diese Region auch die Atmosphäre des Geistlandes. Das, was der Mensch auf der Welt aus selbstloser Hingabe im Sinne der Gemeinsamkeit geleistet hat, findet hier seine Entfaltung.119

Die vierte Region kann als reines Geisterland beschrieben werden, da hier die Urbilder der menschlichen Schöpfungen (Schöpfungen der Technik, Kunst, Wissenschaft, Staat etc.) leben.

Dementsprechend werden hier auch die «Früchte» dieser Bereiche reifen.120

In den noch höheren Regionen ist der Geist nun alle irdischen Fesseln losgeworden. Hier erlebt er die Ziele und Absichten, die der Geist sich mit dem irdischen Leben gesetzt hat. In der fünften Region ist der Geist das, was wirklich er selbst ist. Dieses Selbst trägt die Ergebnisse von früheren Verkörperungen in sich. Hier werden auch unvollkommene Ergebnisse abgestreift. Wenn der Mensch zu wenig erworben hat, sorgt das Schicksal im kommenden Leben dafür, dass diese Erfahrungen dem Menschen zukommt.121 «In der sechsten Region des «Geisterlandes» wird der Mensch in allen seinen Handlungen das vollbringen, was dem wahren Wesen der Welt am angemessensten ist».122 In der siebenten Region stösst der Geist dann an die Grenzen der drei Welten. Er steht den Lebenskernen gegenüber und kann so das Leben der drei Welten überschauen.123

Die physische Welt und ihre Verbindung mit den beiden anderen Welten

Der Mensch lebt während des irdischen Lebens gleichzeitig in den drei Welten. Er nimmt die physische Welt wahr und wirkt auf sie zurück, durch Sympathie und Antipathie wirkt die Seelenwelt auf ihn, und er wirkt durch Wünsche und Begierden auf sie zurück. In des Menschen Gedankenwelt spiegeln sich die geistigen Wesenheiten. Es sollte nun durch vorherige Beschreibungen ersichtlich sein, dass für Rudolf Steiner die physische Welt nur ein Teilstück des Ganzen ist. Sie ist aber speziell, denn für die physische Welt haben wir ausgebildete Sinnesorgane. Jedem ist es ohne «Schulung» oder «Übung» möglich, die Elemente dieser Welt wahrzunehmen. Laut Steiner besteht aber das Physische im Grunde aus verdichteten Seelen- und Geistgebilde. Deshalb ist der Mensch fähig, das Sinnliche auch gedanklich zu verstehen.124

Die physische Welt gliedert sich in vier Stufen.

Die erste Stufe ist das Mineralreich. Die Elemente dieser Stufe kann der Mensch sinnlich wahrnehmen und gedanklich begreifen. Das Mineralreich ist geprägt durch die äusseren Wirkungen der Elemente aufeinander.125

Die zweite Stufe ist das Pflanzenreich. In dieser Stufe kommen Wachstum und Fortpflanzung, oder kurz gesagt das Leben, dazu. Als dazwischenstehend beschreibt Rudolf Steiner die Kristalle.126 «Dem Prozess der Kristallisation entspricht in der geistigen Welt als sein Urbild der Übergang von dem formlosen Geistkeim zu dem gestalteten Gebilde.»127 Die Pflanzen haben aber die Gestaltungsfähigkeit behalten. Diese Lebendigkeit gebenden Wesen sind aber nicht sinnlich wahrnehmbar.128

In der dritten Stufe kommen Empfindungen und Triebe dazu. Dies ist das Tierreich. Tiere gehören durch ihre Seele auch der seelischen Welt an. Wichtig ist hier, dass das Tier als Ganzes auf die Welt kommt und nicht noch erst wie die Pflanzen einzelne Elemente wachsen lassen muss (Blätter, Blüten etc.). Innerhalb der Gestalt kann es das Empfindungs- und Triebleben gestalten. Der Geist fühlt sich noch als Seele.129

Der Mensch (vierte Stufe) hat die Fähigkeit, Empfindungen zu Vorstellungen und Gedanken umzuwandeln und seine Triebe zu regeln. Der Geist ist bei ihm im Sinnesleib anwesend. Während Tiere nur ein Selbstgefühl haben können, besitzt der Mensch ein Selbstbewusstsein.130

Damit diese Stufen gebildet werden können, wirken Wesenheiten aus der geistigen Welt. Hier differenziert man verschiedene Elementarreiche. In Rudolf Steiners Theosophie werden diese Elementarreiche nur kurz angedeutet. Zu den Elementarreichen als Lebenszustände in den Weltentwicklungsstufen ist hier nichts gesagt. Die Urformen bezeichnet Steiner hier als erstes Elementarreich (Reich der urbildlichen formlosen Wesen) und die Kraftwesenheiten des Pflanzenwachstums als zweites Elementarreich (Reich der gestaltenschaffenden Wesen). Das dritte Elementarreich (Reich der seelischen Wesen) ist das Gebiet der «Werkmeister», welche Empfindungen und Triebe entwickeln.131

Die dreifache Welt gliedert sich demnach folgendermassen: Nach den drei Elementarreichen kommen das Mineralreich, das Pflanzenreich, das Tierreich und das Menschenreich.132

Steiner beschreibt nun, dass in den drei Leibern die Urbilder in Form von Wesenheiten mitarbeiten und zwar dieselben, die in Mineralien, Pflanzen und Tieren wirken. In der vierten Region des Geisterlandes (siehe Geisterland) gestaltet sich das Urbild des denkenden Menschen in einen Gedanken. Dieser wirkt in der Sinneswelt durch die Verstandesseele, so arbeitet der Geist im menschlichen Körper. Somit wird der Mensch selbst Arbeiter an sich.133

Es gibt auch Wesen, die keiner der vier Stufen (Mineralreich bis Menschenreich) angehören. Steiner nennt hier z.B. Volksgeist oder Zeitgeist.

2.3.1.5. Eine kurze Einführung in die Aura

Ein Gedanke erregt Wirkungen in der geistigen Welt und wird als Ausströmung für den «Sehenden» sichtbar. Diese Ausströmungen werden Farberscheinungen genannt. Die Farbe ist hier als ein Erlebnis zu betrachten und nicht mit den Farben der physischen Welt zu vergleichen. Durch den Erkenntnispfad kann der Mensch Organe ausbilden, um diese Farben in Form der Aura um den Menschen herum zu erkennen.134

Sehr viele Faktoren beeinflussen die Farbnuancen der Aura. So haben die Grade der geistigen Entwicklung, das Verhältnis zwischen animalischen und gedanklichen Ausprägungen usw. eine Wirkung. Steiner beschreibt nun detaillierte Situationen bzw. Eigenschaften und die dazugehörigen Farben. Diese werde ich hier nicht erläutern.135

Es gibt drei Gattungen von Farberscheinungen, welche Steiner als sich durchdringend beschreibt. Es gibt Farben, die sind undurchsichtig und stumpf (Spiegelbild des Einflusses des Leibes auf die Seele), die Farben der zweiten Gattung sind raumerhellend und ausfüllend (Spiegelbild des Eigenlebens der Seele), und die Farben der dritten Gattung sind strahlend, funkelnd und glitzernd (Spiegelbild der Herrschaft des ewigen Geistes über den vergänglichen Leib).136

Steiner betont, dass diese Dinge schwer zu beobachten und auch zu verstehen sind und erklärt, dass es sich in diesem Kapitel um Anregungen handelt.137

2.3.1.6. Der Erkenntnispfad

Im letzten Kapitel der «Theosophie» beschreibt Rudolf Steiner nun also diesen Pfad der Erkenntnis, der zur Ausbildung der höheren Sinne und schliesslich zur Kenntnis der höheren Welten führt. In diesem Buch ist dieser Weg ansatzweise beschrieben, in anderen Büchern von Rudolf Steiner, wie z.B. «Die Geheimwissenschaft im Umriss» oder «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten», wird dieser Weg genauer und ausführlicher beschrieben. Für meine Arbeit sollte die Beschreibung in «Theosophie» aber genügen.

Laut Rudolf Steiner sind die geistige und die seelische Welt mit den Worten unserer physischen Welt nur schlecht zu beschreiben.138 Deshalb versucht er, diese Welten anhand von Gleichnissen zu erfassen und wiederzugeben. Es sind Andeutungen und Gleichnisse, die dem Leser helfen, das Beschriebene zu verstehen. Der Mensch muss sich zuerst unterrichten lassen durch Mitteilungen anderer. Sie sind ein erster Schritt in Richtung eigene Erkenntnis. Der Mensch muss zuerst denken und dann schauen. Denn die Kraft der Gedanken weckt «schlummernde Anlagen». Alles Wissen von der seelischen und geistigen Welt ruht in den Tiefen der menschlichen Seele und der Erkenntnispfad holt sie hervor.139

Der Mensch muss schlussendlich aber selbst an seiner Entwicklung der höheren Sinne arbeiten. Er muss Seele und Geist ausbilden, wenn diese die seelische und geistige Welt wahrnehmen sollen. Die «geistigen Organe» müssen sich bilden, erst dann ist der Mensch fähig, in die Welten zu schauen, von denen er zuvor durch Gleichnisse erfahren hat.140

Rudolf Steiner erwähnt, dass es wichtig ist, keine Erwartungen mitzubringen und offen zu sein.141

Zur Erlangung der Erkenntnis sind innere Festigkeit und seelische Sicherheit unabdingbar, der «Seher» braucht ein absolut gesundes Seelenleben. Dieses ist durch das Denken zu erreichen.142 Derjenige, der zu Erkenntnis gelangen will, muss nicht alles glauben, aber er muss alles, was ihm gesagt wird, (durch-) denken.143

[...]


1 Vgl. Steiner: Anthroposophische Gemeinschaftsbildung,1983, S.20.

2 Vgl. Meier-Rust: Grosser Unbekannter der Moderne, NZZ, 2011.

3 Vgl. Meier-Rust: «Anthroposophie ist eine Perspektive», NZZ, 2011.

4 Vgl. Steiner: Mein Lebensgang 2016, S. 03-06, Gut: «Aller Geistprozess ist ein Befreiungsprozess», S. 59 und Goetheanum Website: Rudolf Steiner (1861-79).

5 Vgl. Steiner: Mein Lebensgang, 2016, S. 05.

6 Vgl. ebd. S. 06-11.

7 Ebd. S. 11.

8 Vgl. ebd. S. 14 ff.

9 Vgl. ebd. S. 17.

10 Vgl. ebd. 18-21.

11 Vgl. ebd. S. 22 f., S. 25 f. und S. 28.

12 Vgl. ebd. S. 26 und S. 31.

13 Vgl. Steiner: Mein Lebensgang, 2016, S. 33, S. 39 und S. 44 und Goetheanum Website: Rudolf Steiner (1879-88) und Gut: «Aller Geistesprozess ist ein Befreiungsprozess»,2003, S. 59.

14 Vgl. Steiner: Mein Lebensgang, 2016, S. 62.

15 Vgl. Goetheanum Website: Rudolf Steiner (1879-88).

16 Vgl. Steiner: Mein Lebensgang, 2016, S. 63.

17 Vgl. Goetheanum Website: Rudolf Steiner (1879-88).

18 Vgl. Steiner: Mein Lebensgang, 2016, S. 120.

19 Vgl. Goetheanum Website: Rudolf Steiner (1890-97) und Gut: «Aller Geistesprozess (…)», 2003, S. 60.

20 Vgl. ebd. S. 60 f.

21 Vgl. ebd. S. 61.

22 Vgl. ebd. S. 61 und Steiner: Mein Lebensgang, 2016, S. 153-162.

23 Vgl. Goetheanum Website: Rudolf Steiner (1890-97).

24 Vgl. AnthroWiki: Anna Eunike.

25 Vgl. Steiner: Mein Lebensgang, 2016, S. 209 ff. und 230 und Goetheanum Website: Rudolf Steiner (1897-1904) und Gut: «Aller Geistesprozess ist ein Befreiungsprozess», 2003, S. 61 f.

26 Gut: «Aller Geistesprozess ist Befreiungsprozess», 2003, S. 62.

27 Vgl. Gut: «Aller Geistesprozess ist ein Befreiungsprozess», 2003, S. 63 und Steiner: Mein Lebensgang, 2000, S. 474.

28 Steiner: Mein Lebensgang, 2016, S. 253.

29 Vgl. ebd. S. 254.

30 Ebd. S. 254.

31 Vgl. ebd. S. 256 und S. 260 f. und Gut: «Aller Geistesprozess ist ein Befreiungsprozess», 2003, S. 63 ff.

32 Vgl. Gut: «Aller Geistesprozess ist ein Befreiungsprozess», 2003, S. 64.

33 Vgl. Gut: «Aller Geistesprozess ist ein Befreiungsprozess», 2003, S. 64 f.

34 Vgl. ebd. S. 64.

35 Vgl. Steiner: Mein Lebensgang, 2016, S. 262 f.

36 Vgl. ebd. S. 266.

37 Vgl. Gut: «Aller Geistesprozess ist ein Befreiungsprozess»,2003, S. 65.

38 Vgl. Steiner: Mein Lebensgang, 2016, S. 255 f.

39 Vgl. ebd. S. 256 und Steiner: Mein Lebensgang, 2000, S. 475 und Gut: «Aller Geistesprozess ist ein Befreiungsprozess», 2003, S. 66 f.

40 Vgl. Gut: «Aller Geistesprozess ist ein Befreiungsprozess»,2003, S. 65 f.

41 Vgl. ebd. S. 66 f.

42 Vgl. ebd. S. 66 ff.

43 Vgl. Steiner: Mein Lebensgang 2016, S. 269.

44 Vgl. Gut: «Aller Geistesprozess ist ein Befreiungsprozess», 2003, S. 67.

45 Vgl. Steiner: Mein Lebensgang, 2016, S. 273.

46 Vgl. Gut: «Aller Geistesprozess ist ein Befreiungsprozess», 2003, S. 68. und Ullrich: Waldorfpädagogik, 2015, S. 94.

47 Vgl. Gut: «Aller Geistesprozess ist ein Befreiungsprozess», 2003, S. 68 und S. 70 f.

48 Vgl. ebd. S. 71.

49 Vgl. ebd. S. 71 f.

50 Vgl. Gut: «Aller Geistesprozess ist ein Befreiungsprozess», 2003, S. 72.

51 Vgl. Steiner: Mein Lebensgang, 2016, S 283.

52 Steiner: Anthroposophische Leitsätze,1998, S. 76.

53 Vgl. Wikipedia: Anthroposophie.

54 Vgl. Hoffmann: Als die Anthroposophie noch «Theosophie» hiess, NZZ, 2017.

55 Vgl. Steiner: Theosophie,1922, S. 03.

56 Steiner: Theosophie, 1922, S.05.

57 Vgl. ebd. S. 07.

58 Vgl. ebd. S. 8 f.

59 Vgl. ebd. S. 12.

60 Vgl. Steiner: Theosophie, 1922, S. 13-17.

61 Vgl. ebd. S. 19-21.

62 Vgl. ebd. S. 26 f.

63 Vgl. ebd. S. 24-27.

64 Vgl. ebd. S. 28-31.

65 Vgl. ebd. S. 32.

66 Vgl. Steiner: Theosophie, 1922, S. 33-35.

67 Ebd. S. 35.

68 Vgl. ebd. S. 36 f.

69 Vgl. ebd. S. 38 ff.

70 Ebd. S.42.

71 Steiner: Theosophie, 1922, S. 42.

72 Vgl. ebd. S. 43 f.

73 Ebd. S. 45.

74 Vgl. Steiner: Theosophie, 1922, S. 47.

75 Vgl. ebd. S. 48 f.

76 Vgl. ebd. S. 53.

77 Vgl. ebd. S. 55.

78 Vgl. ebd. S. 56 ff.

79 Vgl. ebd. S. 59.

80 Ebd. S. 65.

81 Vgl. Steiner: Theosophie, 1922, S. 117.

82 End. S. 117.

83 Vgl. ebd. S. 66 f.

84 Vgl. ebd. S. 69.

85 Ebd. S. 73.

86 Vgl. ebd. S. 73.

87 Vgl. ebd. S. 74.

88 Vgl. ebd. S. 79.

89 Vgl. ebd. S. 80 f.

90 Vgl. Steiner: Theosophie, 1922, S. 81 f.

91 Ebd. S. 82.

92 Vgl. ebd. S.84.

93 Vgl. ebd. S. 85.

94 Vgl. ebd. S. 85 f.

95 Vgl. ebd. S. 86.

96 Vgl. ebd. S. 87.

97 Vgl. Steiner: Theosophie, 1922, S. 88 f.

98 Ebd. S. 90.

99 Vgl. ebd. S. 91.

100 Vgl. ebd. S. 93 f.

101 Vgl. ebd. S. 95.

102 Vgl. ebd. S. 96.

103 Vgl. ebd. S. 97 und 100-104.

104 Ebd. S. 104.

105 Vgl. ebd. S. 99.

106 Vgl. Steiner: Theosophie, 1922, S. 106 f.

107 Ebd. S. 107.

108 Vgl. ebd. S. 107 f.

109 Vgl. ebd. S. 108 f.

110 Vgl. ebd. S. 110 f.

111 Ebd. S. 111.

112 Vgl. Steiner: Theosophie. S. 111 ff. und 124 f.

113 Vgl. ebd. S. 114.

114 Vgl. ebd. S. 115.

115 Ebd. S. 115.

116 Vgl. ebd. S. 116 f.

117 Vgl. ebd. S. 118 ff.

118 Vgl. ebd. S. 122.

119 Vgl. ebd. S. 123.

120 Vgl. Steiner: Theosophie, 1922, S. 124 f.

121 Vgl. ebd. S. 126 ff.

122 Ebd. S. 129 f.

123 Vgl. ebd. S. 130.

124 Vgl. ebd. S. 131 ff.

125 Vgl. ebd. 134.

126 Vgl. Steiner: Theosophie, 1922, S. 134 f.

127 Ebd. S. 135.

128 Ebd. S. 135 f.

129 Vgl. ebd. 136 ff.

130 Vgl. ebd. 137 f.

131 Vgl. ebd. S. 136 f. und S. 139.

132 Vgl. ebd. S. 139.

133 Vgl. Steiner: Theosophie, 1922, S. 140.

134 Vgl. ebd. S. 143-146.

135 Vgl. ebd. 148.

136 Vgl. ebd. 151 ff.

137 Vgl. ebd. S. 153.

138 Vgl. Steiner: Theosophie, 1922, S. 121.

139 Vgl. ebd. S. 07, S. 81., S. 105 und S. 158 f.

140 Vgl. ebd. S. 78. und S. 106.

141 Vgl. ebd. S. 80.

142 Vgl. ebd. S. 161.

143 Vgl. ebd. S. 162.

Details

Seiten
124
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783668989054
ISBN (Buch)
9783668989061
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v490292
Note
6.0 (Bestnote Schweiz)
Schlagworte
Maturaarbeit Rudolf Steiner Anthroposophie Abschlussarbeit

Autor

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Titel: Wie viel Rudolf Steiner steckt heute noch in der Waldorfschule?