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'Brain Drain' 'Brain Gain' - Kann Deutschlands Wirtschaft auch ohne Zuwanderung wachsen?

Seminararbeit 2005 20 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

1. „Brain Gain“ forcieren und „Brain Drain“ stoppen – Ein Weg zu mehr Wachstum und Beschäftigung

2. „Brain Grain“ – Migration als Selektionsprozess des Humankapitals
2.1 „Brain Drain“ - „Brain Gain“
2.2 Globale Auswirkungen von „Brain Drain“ und „Brain Gain“
2.2.1 Afrikas Mediziner wandern aus – Indiens Informatiker sorgen für Wirtschaftswachstum in Indien
2.3 Die Einwanderungspolitik in den U.S.A- erfolgreiches Vorbild?
2.4 Wirtschaftliche Bedeutung der Migration von Einwanderern für Indien und die U.S.A.
2.5 Einwanderungspolitik in Deutschland – Die Green Card –Warum eine Einwanderungspolitik für Hochqualifizierte notwendig ist?
2.6 Ein Vergleich: Die deutsche „Greencard“ vs. Greencard und H-1b-Visum

3. Mangel an hochqualifizierten Arbeitskräften auf dem Arbeitsmarkt- Hochqualifizierte sind notwendig um Wachstum und Beschäftigung zu erhalten.

4. Resümee

5. Literaturverzeichnis

1. „Brain Gain“ forcieren und „Brain Drain“ stoppen – Ein Weg zu mehr Wachstum und Beschäftigung

Deutschland ist ein Einwanderungsland. Spätestens seit der Einführung der „Green Card“ kursierte diese Botschaft durch die deutsche Zeitungs-, und Fernsehlandschaft. Doch gilt dies auch für Wissenschaftler und Hochqualifizierte? Glaubt man der Presselandschaft werden ausländische Fachkräfte vergleichsweise wenig erfolgreich durch die „Green Card“ als Einwanderungsland angesprochen. Vielmehr scheint es immer mehr deutsche Nachwuchsführungskräfte und Wissenschaftler in die Vereinigten Staaten, Groß Britannien oder die Schweiz zu ziehen. So wanderte jeder siebte deutsche Promovierte in die U.S.A ab, 30% davon bleiben dauerhaft, so die Süddeutsche Zeitung[1]. Die wissensbasierte Gesellschaft Deutschland ist auf Produktivitätsfortschritte und Innovation angewiesen, um international konkurrenzfähig zu bleiben. Wissen ist ein zentraler Produktions- und Standortfaktor von heute und besonders von morgen. Deutschland muss deshalb den Wissenskapitalabfluss stoppen und Zuwanderung von Hochqualifizierten fördern, vor allen Dingen, wenn man die zukünftige demografische Entwicklung Deutschlands in diesem Kontext betrachtet.

In dieser Hausarbeit soll Theorien zur Migration von Hochqualifizierten skizziert werden. Beispielhaft sollen die Auswirkungen vom „Brain Drain“ an Indien, als positives Beispiel und Afrika als negatives Beispiel aufgeführt werden. Am Beispiel der Vereinigten Staaten von Amerika, soll gezeigt werden welche positiven Auswirkungen die Zuwanderung von Hochqualifizierten haben kann bzw., dass Zuwanderung unter bestimmten Vorraussetzungen nötig seien muss. Im Weiteren werden die Einwanderungspolitik Deutschlands und der U.S.A. kurz vorgestellt. Die beiden Einwanderungspolitiken sollen durch Vergleich aufzeigen, weshalb die deutsche „Green Card“ Initiative im Vergleich zum amerikanischen Visum Nachteile aufweist. Außerdem soll geprüft werden, ob die deutsche Einwanderungspolitik ursächlich für das begrenzte Interesse an Deutschland als Einwanderungsland ist. Abschließend wird erläutert weshalb eine positive Einwanderungspolitik dringend notwenig ist.

2. „Brain Grain“ – Migration als Selektionsprozess des Humankapitals

2.1 „Brain Drain“ - „Brain Gain“

Mit dem Begriff „Brain Drain“ bezeichnet man den Abfluss besonders qualifizierter und intelligenter Menschen aus einem Land, mit „Brain Gain“ deren Zuwanderung. Ursächlich für die Migration können sowohl wirtschaftliche als auch politische Gründe sein. Viele solcher Einwanderungswellen haben in den Zuwanderungsländern zu wirtschaftlichen und kulturellen Blütezeiten geführt, während in den Abwanderungsländern der Verlust von talentierten Köpfen oft zu erheblichen Problemen geführt hat. Erstmal wurde der Begriff „Brain Drain“ in den sechziger Jahren im Zusammenhang mit der Abwanderung von hochqualifizierten, englischen Arbeitskräften in die Vereinigten Staaten benutzt.[2] Ende der 1960er versuchten Anhänger der Dependenz- und Modernisierungstheorien die zunehmende Abwanderung Hochqualifizierter aus Entwicklungsländern als Erklärung für deren Unterentwicklung heranzuziehen. Die Dependenztheorien versuchen Unterentwicklung als Folge von westlichen Weltmachtsstrukturen, die Entwicklungsländer in politischer und wirtschaftlicher Abhängigkeit hielten, zu erklären. Im Zusammenhang mit „Brain Drain“ wird nicht nur die Verwendung von Rohstoffen als Ausbeute verstanden, sondern auch die Abwerbung von qualifizierten Fachkräften. D.h. die Industrieländer können sich Fachkräfte der ärmeren Länder sichern, ohne sich an den Ausbildungskosten zu beteiligen.[3] Die Abwanderung von Hochqualifizierten wurde auch im Rahmen der Modernisierungstheorie diskutiert. Im Gegensatz zur Dependenztheorie wurde die Abwanderung von Eliten und Hochqualifizierten nicht uneingeschränkt negativ gewertet. Die neoklassische Wirtschaftstheorie versteht die Abwanderung als ein Resultat von Angebot und Nachfrage auf dem internationalen Arbeitsmarkt. Nach der klassischen Lehre wird der Produktionsfaktor Arbeit an dem Ort eingesetzt, an dem dieser am effektivsten verwertet werden kann. In diesem Fall ist die Abwanderung von Hochqualifizierten nicht unbedingt eine negative Folge für das Geberland. Eine Einschränkung des „Brain Drain“ durch staatliche Maßnahmen z.B. würde zur Verzerrung von Angebot und Nachfrage führen und das optimale Arbeitsmarktgleichgewichtes zerstören.[4] Ursächliche für die Abwanderung von Eliten sind in diesem Fall auch weniger die Aufnahmebestimmungen und die Politik der Aufnahmeländer, sondern die Bedingungen, die in den Abgabeländern vorherrschen. D.h. die Abwanderung von Eliten ist oftmals das Resultat fehlender Einsatz- und Entfaltungsmöglichkeiten in den Entwicklungsländern bzw. Geberländern. Oft sind z.B. politische und wirtschaftliche Instabilität, sowie eine schlechte Arbeitmarktlage Auslöser der Abwanderung. Modernere Wirtschaftstheorien, wie z.B. die Wachstumstheorie gehen davon aus, dass die Abwanderung von Humankapital negative Folgen für das Abwanderungs-, bzw. Entwicklungsland hat. Die Wachstumstheorie nimmt an, dass zwischen dem endogenen Faktor Humankapitalbestand und dem Wirtschaftswachstum ein direkter Zusammenhang besteht. D.h. sinkt der Humankapitalbestand einer Volkswirtschaft aufgrund von Abwanderung sinkt das Wirtschaftswachstum und kann zu einem Rückschritt bzw. in Extremfällen zum Zusammenbruch ganzer Wirtschafts- und Versorgungszweige führen.[5]

Sowohl die Dependenz-, als auch die Modernisierungstheorie erklären die Ab-, bzw. Zuwanderungskräfte mit so genannten Push- und Pullmodellen, die die Ab-, bzw. Zuwanderung aufgrund bestehender Anziehungskräfte in den Aufnahmeländern und Abstoßungskräften in den Abgabeländern erklärt. Beispiele für Push-, und Pullfaktoren sind z.B. große Unterschiede in den Einkommensniveaus, Lebensstandards, Einwanderungsprogrammen in den Aufnahmeländer oder politische Umstände.

Während der 1980er Jahre wurde die Migration Hochqualifizierter erstmals als eigenständiger Forschungszweig im Zusammenhang mit der Globalisierung und der damit verbundenen internationalen ökonomischen Vernetzung diskutiert. Die zunehmende internationale Verflechtung von großen, multinationalen Konzernen, sowie der Zuwachs von internationalen Unternehmensfusionen und Gründungen von ausländischen Niederlassungen, haben dazu geführt, dass nicht nur der Faktor Kapital mobil geworden ist, sondern auch das Personal zur Abwicklung von kapitalintensiven und internationalen Projekten.

Die Migration von Hochqualifizierten unterscheidet sich von der Massenwanderung in mehreren Dimensionen. Grundsätzlich ist die Aufenthaltsdauer relativ kurz, die Qualifikation ist wichtiger als die ethnische Zugehörigkeit und die Zuwanderung wird für die Zielländer nicht als problematisch angesehen.[6] In diesem Zusammenhang wird der Arbeitsmarkt von Hochqualifizierten nicht mehr als einheitlicher, sondern als segmentierter Arbeitsmarkt verstanden, der nach Qualifikation unterteilt wird. Eine Segmentierung des Arbeitsmarktes erscheint sinnvoll, da die Wanderung von westlichen Hochqualifizierten größtenteils zwischen oder innerhalb multinationaler Konzerne stattfindet. Die Bildung von internen Arbeitsmärkten lässt Unternehmen unabhängig von staatlicher Regulierung handeln und ermöglicht niedrigere Transaktionskosten sowie längere Bindungszeiten des Personals an das Unternehmen. Außerdem werden neu Karrierewege für Angestellte ermöglicht.[7]

2.2 Globale Auswirkungen von „Brain Drain“ und „Brain Gain“

Die Auswirkungen von Ab- bzw. Zuwanderung von Hochqualifizierten sind einerseits von den Rahmenbedingungen des Einwanderungs-, bzw. Zuwanderungslandes sowie vom Nachfrage-, und Emigrationsdruck abhängig. Die Auswirklungen des „Brain Drain“ hängen im Wesentlichen vom zeitlichen Horizont der Erscheinung ab. An dem Beispiel Indien, Afrika Deutschland und den Vereinigten Staaten soll gezeigt werden in wieweit sich ein Ab-, bzw. Zufluss unterschiedlich auf ein Aufnahme-, bzw. Abgabeland auswirken kann.

2.2.1 Afrikas Mediziner wandern aus – Indiens Informatiker sorgen für Wirtschaftswachstum in Indien

Gründe für eine Abwanderung können vielfältiger Natur sein. Migranten treffen ihre Entscheidung, aus einer Kombination von Push-, und Pullfaktoren, persönlicher Nutzenfunktion und mannigfaltigen Motivationsgründen, wie z.B. Armut, Krieg oder religiöse bzw. politische Verfolgung. Neben individuellen Gründen können aber auch strukturelle Gründe des Heimatlandes ausschlaggebend für die Emigration sein. Schlechte wirtschaftliche Bedingungen, eine fehlende Infrastruktur oder ein schlechtes Bildungssystem sind nur einige Beispiele hierfür. Nicht zwingenderweise muss die Abwanderung von Hochqualifizierten für ein Entwicklungs-, oder Schwellenland negativ folgen haben. Wird das Potenzial von Rücküberweisungen sowie von transnationalen Migrantennetzwerken für die eigene Wirtschaft und Gesellschaft erkannt, kann durch eine zielgerichtete Migrationspolitik ein „Brain Drain“ später in ein „Brain Gain“, durch Re-Emigration umgewandelt werden. Wissensnutzung der Re-Emigranten kann nur gelingen, wenn strukturelle Reformen, bessere Lebens-, und Arbeitsbedingungen, für die Re-Emigranten ermöglichen. Ohne Anreiz und strukturellen Reformen können die Rückkehrer nicht richtig wieder eingebunden werden und ihr neu gewonnenes Wissen und neuen Erfahrungen nutzvoll umgesetzt werden.[8]

Entgegen den Erwartungen profitiert Indien von der Abwanderung Hochqualifizierter und fungiert für westliche Industrieländer als Dienstleistungsexporteur für Kommunikationstechnologie. 2002 verzeichnet Indien im Rahmen von Outsourcingmaßnahmen anderer Länder und dem Export von Technologieprodukten Zuflüsse in Höhe von 10 Milliarden USD. Die Nettosteuereinkommen aus der Abwanderung von Indern in den USA beläuft sich auf 0,24 Prozent des indischen Bruttosozialprodukts, während die Rücküberweisung aus dem Export von Dienstleistungen 2,1 Prozent des Bruttosozialproduktes ausmachen.[9] D.h. die Rückflüsse übersteigen die Abflüsse, die aufgrund der Abwanderung erst ermöglicht wurden. Das emigrationsabhängige Wirtschaftswachstum führte zusätzlich zu einem starken Anstieg der Studierenden in den Bereichen Informatik und Ingenieurswissenschaften, so dass weiterhin eine Versorgung des heimischen Arbeitsmarktes in diesen Fachgebieten gewährleistet war. Dass die Abwanderung von Hochqualifizierten in Indien positive Folgen hat, lässt sich auf wirtschaftspolitische Maßnahmen, wie z.B. die Senkung der Importbarrieren für die Computerbranche, die Verbesserung der Infrastruktur und des Ausbildungssystems zurückführen.[10]

In den subsaharischen Teilen Afrikas zeichnet sich ein vergleichsweise weniger positives Bild, als Folge des „Brain Drains“ ab. Während Indien eine positive Bilanz aus der Abwanderung von Hochqualifizierten ziehen kann, hat der Verlust in afrikanischen Entwicklungsländern das Entwicklungspotential der Region geschwächt. Als Folge der Abwanderung werden im besten Fall fehlende Arbeitskräfte temporär durch Entwicklungshelfer ersetz, so dass institutionelles Wissen, sowie Erfahrungen nur für kurze Zeit zur Verfügung stehen. Im Jahr 2000 sind fast 100.000 hochqualifizierte Afrikaner nach Großbritannien, Deutschland, Niederlande, Portugal und die U.S.A. ausgewandert. Neben den schlechten institutionellen und arbeitsstrukturellen Arbeitsbedingungen, wird z.B. durch die Abwanderung von Medizinern nicht nur der Versorgungsbedarf Afrikas ungenügend gedeckt, sondern zusätzlich verschlechtert sich durch die Abwanderung die einheimische Ausbildung. Die Ausbildung eines Arztes kostet ein afrikanisches Entwicklungsland ca. 60.000 USD.[11]

[...]


[1] Vgl. Süddeutsche Zeitung vom 11.08.03

[2] Vgl. Hunger, Uwe, Vom Brain Drain zum Brain Gain – Die Auswirkung von Hochqualifizierten auf Abgabe und Aufnahmeländer, Münster 2003, S. 15.

[3] Vgl. Ebenda S.10.

[4] Vgl. Ebenda S. 11.

[5] Vgl. Ebenda S.14.

[6] Vgl. Rudolph, Hedwig, Hillmann, Felicitas, Führungskräfte im Transformationsprozess Lettlands, S. 2.

[7] Vgl. Hunger, Uwe, Vom Brain Drain zum Brain Gain – Die Auswirkung von Hochqualifizierten auf Abgabe und Aufnahmeländer, Münster 2003, S. 13.

[8] Vgl. Hennig, Jana, Picco, Edina, Keeding,Patricia, Gutachten für den Sachverständigenrat für Zuwanderung und Integration, Berlin 2004, S.63.

[9] Vgl. Ebenda S.61.

[10] Vgl. Ebenda S. 61.

[11] Vgl. Ebenda S. 63

Details

Seiten
20
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638455855
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v49041
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut Soziologie
Note
1,7
Schlagworte
Brain Drain Gain Kann Deutschlands Wirtschaft Zuwanderung Mobilitäts- Arbeitsmarktforschung

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