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Liliput in der Lokalpresse. Methoden der Fiktionalisierung kleinwüchsiger Menschen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2018 23 Seiten

Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik

Leseprobe

Inhalt

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1 Einleitung

2 Fiktional-geschichtlicher Hintergrund.
2.1 Gullivers Reisen
2.2 Darstellung der Liliputaner
2.2.1 Erscheinungsbild
2.2.2 Gesellschaftlicher Charakter
2.3 Umgang mit dem Fremden
2.4 Intermediale Verarbeitung im 20. Jahrhundert.

3 Real-geschichtlicher Hintergrund
3.1 Ursprünge des Circus der Liliputaner
3.2 Ankunft in Haßloch in der Pfalz
3.3 Etablierung der Liliputaner-Stadt
3.4 Die Liliputaner als eigenes Volk

4 Fazit
4.1 Das Erbe von Gulliver
4.2 Methoden der Fiktionalisierung.

Literaturverzeichnis
Primärliteratur
Zeitungen (in chronologischer Abfolge)
Sekundärliteratur

1 Einleitung

Im Herbst 1970 brachte der Geschäftsmann Erich Schneider seinen Liliputaner-Zirkus in einen ma- roden Märchenpark am Rande der rheinland-pfälzischen Gemeinde Haßloch. Aus den anfangs 20 Bewohnern und ihren Wohnwägen entwickelte sich das Liliputanerdorf. Aus dem alten Märchen - land wurde der Holiday Park, einer von Deutschlands größten Vergnügungsparks. Bis Mitte der Neunziger wurde an diesem Ort das Zerrbild Liliput vermarktet, kleinwüchsige Menschen aus aller Welt wurden einem Millionenpublikum unter dem Etikett „Liliputaner“ präsentiert. Dabei übten sie in verschiedenen täglichen Shows nicht nur ihre Rolle als Artisten, Dompteure und Schauspieler aus, sondern waren während der Öffnungszeiten für jeden Parkbesucher mittels transparenter Sei- tenwände in ihren Wohnwägen bei der Ausübung alltäglicher Dinge wie sogar dem Essen und dem Schlafen zu bestaunen.

Die vorliegende Arbeit will aufzeigen, wie die jahrzehntelange Fiktionalisierung der klein- wüchsigen Schausteller im Holiday Park in Haßloch aktiv zu deren Entmenschlichung beigetragen hat, wodurch eine Kuriositätenschau wie das Liliputanerdorf überhaupt erst bis Mitte der 90er-Jahre existieren konnte. Um diese These zu vertreten, ist zunächst eine eingehende Betrachtung des stoff- geschichtlichen Ursprungs von „Liliput“ im 1726 erschienenen Roman Gulliver's Travels von Jona- than Swift notwendig. Mit übersetzungskritischem Fokus werden die wesentlichen Charakteristika der Liliputaner herausgearbeitet. Zudem wird die intermediale Darstellung dieser anhand der ersten Filmadaption des Stoffes analysiert. Dadurch wird ein Übertrag auf die real-geschichtliche Instituti- on im Holiday Park möglich, um Gemeinsamkeiten aber auch Unterschiede zwischen dem Konzept der Liliputanergesellschaft in Jonathan Swifts Werk und dem Freizeitpark im 20. Jahrhundert aufzu- zeigen.

Im zweiten Teil der Hausarbeit erfolgt eine Analyse der Berichterstattung über die Liliputa - ner im Holiday Park. Das zugrundeliegende und eigens erstellte Korpus enthält journalistische Tex - te lokaler, regionaler und überregionaler Printmedien aus dem Zeitraum 1970 bis 1994, die den Lili- putanerzirkus von Erich Schneider, das Liliputanerdorf im Pfälzer Märchenpark und seine Bewoh- ner thematisieren. In dieser sprachlichen und thematologischen Analyse werden die Mechanismen der fortgehenden Fiktionalisierung herausgearbeitet. Dabei sind insbesondere die bei der Beschrei - bung der kleinwüchsigen Schausteller verwendeten Adjektive sowie Verniedlichungsformen von Bedeutung. Kritisch hinterfragt wird zudem die Intention des jeweiligen Verfassers, beispielsweise hinsichtlich des Fortführens gängiger Stereotypen im Umgang mit Kleinwüchsigen.

2 Fiktional-geschichtlicher Hintergrund

Der Begriff „Liliputaner“ fand erstmals in Jonathan Swifts satirisch-fiktionalem Roman „Gullivers Reisen“ Anwendung. Das Buch erschien 1726 und wurde bereits wenig später in das Französische übersetzt. Aus dem französischen Text entstanden Ende 1727 unabhängig voneinander zwei deut- sche Übersetzungen, es dauerte mehrere Jahrzehnte, bis das englische Original entdeckt wurde und eine Übersetzung auf dieser Grundlage stattfand. Die bei der nachfolgenden Analyse eingebrachten Zitate sind einer deutschen Übersetzung in vierter Auflage von 1922 entnommen und wurden mit einer englischen Edition von 1918 abgeglichen, um die durch den Übersetzer bedingten Zerrbilder zu minimieren.

2.1 Gullivers Reisen

Der Plot der ersten Reise Gullivers zu der Insel Liliput umspannt weniger als ein Jahr und lässt sich schnell zusammenfassen: Der Schiffsarzt Lemuel Gulliver erleidet Schiffbruch und rettet sich an ei- nen unbekannten Strand, wo er einschläft. Nach seinem Erwachen findet er sich in Gefangenschaft der winzigen Bewohner dieser Insel, der Liliputaner. Er lässt sich in die Hauptstadt des Königrei- ches bringen, wo er seinen Zustand als Gefangener halb erduldet und halb erträgt. Indem er den Be- wohnern der Insel die Treue schwört, erwirbt er sich seine Freiheit. Dadurch wird er allerdings in den Konflikt mit der benachbarten, ebenfalls von daumengroßen Menschen bevölkerten Insel gezo- gen. Nachdem er die Flotte der Nachbarinsel gekapert hat, überbringt der Herrscher dieser seine Ka- pitulation. Als die Bewohner Liliputs von Gulliver verlangen, er solle die besiegten Feinde vernich- ten, weigert dieser sich aus moralischen Gründen. Intrigen im Palast führen schließlich dazu, dass Gulliver zum Tode verurteilt wird. Er flieht auf die Nachbarinsel und reist von dort zurück nach Eu - ropa.

2.2 Darstellung der Liliputaner

2.2.1 Erscheinungsbild

Die Bewohner der Insel Liliput sind „Geschöpfchen von etwa sechs Zoll Höhe“, was etwas mehr als fünfzehn Zentimetern entspricht. Die einzig detaillierte Schilderung eines Liliputaners findet sich in der Szene, in der Gulliver nach seiner Ankunft in der Hauptstadt von Liliput zum ersten Mal auf den Kaiser trifft. Diese Beschreibung liest sich in der Übersetzung wie folgt:

Der Kaiser ist um die Breite eines ganzen Fingernagels größer als seine Hofleute und mag überhaupt über seinem ganzen Volke so hoch hervorragen, wie weiland König Saul über die ihm untertänigen Juden. Die- se auffallende Größe schon ist ganz geeignet, um sein Volk gegen ihn mit Ehrfurcht zu erfüllen, eine Ehr - furcht, die auch durch die Männlichkeit seiner Gesichtszüge und durch die Majestät seiner Haltung und Bewegung wach erhalten wird. Jeder Zoll an ihm war ein Kaiser!1

Der Leser erfährt hier wenig darüber, wie der Kaiser der Liliputaner, und damit ein Bewohner der Insel Liliput, tatsächlich ist. Dafür erfährt er umso mehr darüber, wie der Kaiser auf Gulliver oder den Übersetzer wirkt. Nichts findet sich in diesem Textauszug zu Hautfarbe, Gesichtsform und Kör- perwuchs. Stattdessen gibt es einen Vergleich mit einem lediglich in der Bibel belegten König Isra - els, vage Verweise auf eine Eignung zum Verströmen von Ehrfurcht, auf männliche Gesichtszüge sowie auf eine majestätische Körperhaltung und einen ebensolchen Gang.

Ein Blick in das englische Original zeigt vor allem an dieser Stelle, wie weit der Übersetzer vom Verfasser abweichen kann:

He is taller by almost the breadth of my nail, than any of his court; which alone is enough to strike an awe into the beholders. His features are strong and masculine, with an Austrian lip and arched nose, his complexion olive, his countenance erect, his body and limbs well proportioned, all his motions graceful, and his deportment majestic.2

Zunächst ist interessant, dass mit keinem Wort das jüdische Volk oder König Saul erwähnt werden. Stattdessen erfährt der Leser etwas über das tatsächliche Aussehen eines Liliputaners: Starke und männliche Gesichtszüge, eine gebogene Nase und olivfarbene Haut. Hinzu kommen eine aufrechte Haltung und wohlproportionierte Extremitäten. Dass im englischen Original explizit die Proportio- nen des Körpers erwähnt werden, muss festgehalten werden und wird an späterer Stelle noch einmal aufgegriffen3. Hinter dem von Jonathan Swift verwendeten Begriff 'Austrian lip' verbirgt sich übri- gens eine Progenie, eine Fehlstellung des Unterkiefers, die mitunter erblich bedingt ist. Dass im Englischen das Land Österreich damit in Verbindung gebracht wird, liegt am Habsburger Herrscher- geschlecht, dem Haus Österreich, bei dem sich durch die vielen inzestuösen Thronfolgen derartige Missbildungen häuften4.

2.2.2 Gesellschaftlicher Charakter

Die Liliputaner leben in einer Monarchie mit einem Kaiser als Staatsoberhaupt. Ein unüberschauba- rer Apparat aus Staatsdienern und Justizbeamten steht diesem zur Verfügung. Mit der Nachbarinsel Blefusku stehen die Liliputaner im Krieg, seit zwei Generationen zuvor eine ins religiöse abdriften- de Debatte ihren Ursprung fand in der Frage, ob ein gekochtes Ei am breiten oder am schmalen Ende aufzuschlagen sei. Diese Überspitzung von Trivialitäten, und deren konsequenter Beachtung, setzt auch innerhalb der Gesellschaft fort. Dort herrscht eine Spaltung zwischen den Trägern hoher Absätze und den Trägern niedriger Absätze. Eine dieser Parteien genießt politische Macht, da sie aus reiner Willkür vom Kaiser bevorzugt werden.

Als weiteres Kennzeichen des gesellschaftlichen Charakters der Liliputaner erwähnt Gulli- ver ihren ausgeprägten Sinn für Bestrafungen. In einer Szene des Buches erfährt er, dass es bereits während seiner Festsetzung Debatten darüber gab, wie mit ihm zu verfahren sei. Da er aufgrund sei- ner Größe ein entsprechendes Risiko für das Land darstellt und sein überproportionaler Unterhalt zu einer Hungersnot führen könnte, werden folgende Überlegungen angestellt:

Man beschloß daher in der überwiegenden Mehrheit, mich zu töten, und nur über die Art und Weise, wie ich am bequemsten aus der Welt zu schaffen sei, war man uneins. Einige schlugen vor, mich mit vergifte - ten Pfeilen zu erschießen, andere rieten, mir alle Nahrung zu entziehen und mich Hungers sterben zu las - sen, noch andere machten sogar den grausamen Vorschlag, mich nächtlicherweise meuchlings mit mei - nem Tempel zu verbrennen. Allein allen diesen Blutdürstigen gegenüber stand mir wiederum die Weisheit und die Güte des Kaisers schützend zur Seite, er wollte meinen Tod nicht und machte die Kurzsichtigen darauf aufmerksam, daß im Fall ich getötet würde, der von einer so großen, verwesenden Leiche ausge - hende Gestank Pest und Seuchen in der Hauptstadt und im ganzen Reiche verbreiten könnte.5

Da sich in dieser Textstelle wesentliche charakterliche Eigenschaften der Liliputaner finden, soll der Vergleich mit dem englischen Original auch in diesem Falle durchgeführt werden. Dort heißt es:

Sometimes they determined to starve me; or at least to shoot me in the face and hands with poisoned ar - rows, which would soon despatch me; but again they considered, that the stench of so large a carcass might produce a plague in the metropolis, and probably spread through the whole kingdom.6

Auffallend ist direkt der Ursprung der Idee, Gulliver zu töten. In der Übersetzung gibt es einen scheinbar demokratisch gefassten Beschluss, der letztlich dem Veto des Kaisers unterliegt. Dessen Beweggründe werden zwar in der „Weisheit und Güte“ vermutet, dann allerdings recht trivial mit den Umständen einer Leiche solchen Ausmaßes begründet. Im Originaltext hingegen wurde nur kurz in Erwägung gezogen, Gulliver zu töten. Diese Idee wurde jedoch von allen Liliputanern auf- grund oben bereits erwähnter Trivialitäten wieder verworfen. Das Zerrbild eines grausamen Lilipu- tanervolks wird in der deutschen Übersetzung nun noch weiter genährt. Denn während die Tötungs- phantasien sich im englischen Originaltext auf den Tod durch Hunger und den Tod durch Gift be- schränken, kommt in der deutschen Übersetzung noch der Tod durch Feuer hinzu.

Das Ende von Gullivers Aufenthalt in Liliput ergibt sich schließlich durch eine Intrige rang - hoher Hofbeamter. Als ein Feuer im Palast des Königs ausbricht, wird Gulliver um Hilfe gebeten. Am Ort des Brandes angekommen, wird ihm schnell klar, dass nicht ausreichend Wasser vorhanden ist. Aus der Not heraus, erstickt er die Flammen durch sein Urin. Da jedoch das Urinieren in der Öffentlichkeit auf der Palastanlage bei Todesstrafe verboten ist, wird Gulliver ebendies zur Last ge- legt. Durch einen Informanten erfährt Gulliver von den zähen Verhandlungen mit dem Kaiser, die schließlich in dem Beschluss enden, ihn zuerst zu blenden und dann langsam verhungern zu lassen, sodass der abgemagerte Leichnam möglichst wenig Gestank verbreitet. Hierin zeigen sich noch einmal beide Charakterzüge der Liliputaner: Die Grausamkeit in der auf pragmatischste Weise durchgeplanten Hinrichtung Gullivers, sowie die moralische Engstirnigkeit, die ihren Ausdruck darin findet, dass der Zweck nicht die Mittel heiligen darf.

2.3 Umgang mit dem Fremden

Der Kontakt zwischen den Welten von Gulliver und den Liliputanern beruht auf Einseitigkeit. Er kommt in ihr Reich und bewegt sich in einer zu kleinen Welt. Kurz vor seiner Abreise von der Nachbarinsel Blefusku, und damit dem Reich der kleinen Menschen, erwägt Gulliver zwar, ein paar der Bewohner in seiner Manteltasche mitzunehmen, der König untersagt ihm dies jedoch aus- drücklich7. Wie die Bewohner Liliputs gesellschaftlich dem Fremden begegnen, das zeigt sich di- rekt nach Gullivers Ankunft in der Hauptstadt. Nachdem er an einen leerstehenden Tempel gekettet wurde und sich mit dem Kaiser arrangiert hat, kommt es zu einem ernsthaften gesamtgesellschaftli- chen Problem:

Auf die schnell verbreitete Nachricht von meinem Erscheinen im Königreiche nämlich war von allen Sei - ten eine ungeheure Menge neugieriger Menschen nach der Residenz und meinem Tempel zusammenge - strömt. Das dauerte nun tage- und wochenlang fort, Geschäfte und Arbeiten gerieten in gefährliche Sto - ckungen und die notwendigen Feldbestellungen wurden vernachlässigt. Da beeilte sich der Kaiser, die Gefahr, die für Land und Leute aus solcher Wirtschaft entspringen müsse, erkennend, durch Aufrufe und gemessene Staatsbefehle anzuordnen: daß alle, die mich bereits gesehen, sofort nach Hause und an ihre Geschäfte zurückkehren sollten, außerdem sollte es ohne besonderen Erlaubnisschein niemand gestattet sein, mir bis auf fünfzig Ellen nahezukommen. Dieser Befehl gab sowohl Zeugnis von dem Scharfblick des Kaisers, wie von seiner gastfreundschaftlichen Rücksicht gegen mich, und hatte zudem für die Staats - sekretäre und Polizeibeamten den Vorteil, daß sie durch Ausstellung von Erlaubnisscheinen ihr Einkom - men vergrößern konnten.8

Es kam also, dass die komplette Wirtschaft des Königreiches zu erliegen drohte, weil die Bewohner lieber den Anblick des riesigen Gullivers genossen. Die Entscheidung des Kaisers, dass jeder Be- wohner des Reiches jeweils einmal Gulliver sehen darf, mag klug wirken, die Ausnahmeregelung mit den Erlaubnisscheinen ist jedoch eindeutig kapitalistisch motiviert. Das muss sogar Gulliver er- kennen, der dem Kaiser zwar Scharfblick und Gastfreundschaft attestiert, danach aber auch zuge- steht, dass Staat und Polizei finanziell davon profitieren.

Nachdem Gulliver seine Freiheit erlangt hat, wird ihm zu Ehren ein Fest veranstaltet. Der Erzähler berichtet davon wie folgt:

Da ich nun so allgemein beliebt war, beschloß der Kaiser eines Tages, mich durch ein außerordentliches Vergnügen, und zwar durch ein Volksfest zu erfreuen, an dem auch die ersten Staats- und Hofbeamten teilnahmen und dessen Höhepunkt in einem Seiltanz besteht, worin sich dies Volk vor allen anderen Erd - bewohnern wahrhaft auszeichnet.9

Auf einem Volksfest bekommt Gulliver einen Seiltanz von den Liliputanern geboten. Daran wirkt auch die politische Elite mit. Außerdem ist das Volk der Liliputaner in dieser Disziplin weltweit führend. An dieser Stelle sei erneut kurz auf das englische Original verwiesen. Dort heißt es etwas präziser:

The emperor had a mind one day to entertain me with several of the country shows, wher ein they exceed all nations I have known, both for dexterity and magnificence.10

Hier hat der Erzähler sein Lob nicht explizit auf den Seiltanz bezogen, sondern viel eher allgemein auf das Ausrichten von Volksfesten. Und genau darin übertreffen die Liliputaner alle Nationen (die Gulliver kennt) hinsichtlich Geschicklichkeit und Großartigkeit. Im weiteren Verlauf des Textes wird zudem klar, dass die hohen politischen Ämter in Liliput nicht nach fachlichen oder charakterli- chen Qualifikationen vergeben werden, sondern lediglich nach artistischem Können, das von den Anwärtern bei öffentlich ausgetragenen Einstellungstests abgerufen wird. Daher werden die Anwär- ter auf solche Ämter auch von Kindesbeinen an artistisch ausgebildet.

Am Ende seiner Erzählung kommt Gulliver wieder in seiner englischen Heimat an. Dort trifft er auf seine Frau und seine Kinder, die ihn längst für tot erklärt hatten. Nach anfänglicher Freude wird jedoch klar, dass der zurückgekehrte Vater keine Reichtümer dabei hat, die etwas an der prekären häuslichen Situation ändern könnten. Hier wendet der Erzähler ein:

Darin aber hatten sie sich doch getäuscht, ich hatte nicht nur meine Beutel mit Goldflitterchen, sondern, was noch weit mehr war, meine blefuskudischen Kühe und Schafe, die mir bald zu einer ergiebigen Gold- quelle wurden, indem ich sie für Geld sehen ließ.11

Tatsächlich hatte er kleine Kühe und Schafe in seiner Manteltasche mitgebracht. In England stellt er diese Miniaturtiere gegen Geld zur Schau und bestreitet so den zukünftigen Unterhalt seiner Fami- lie. Ein letzter Blick in das englische Original offenbart auch an dieser Stelle einige Abweichungen, denn dort wird nirgendwo eine notleidende Familie erwähnt, die Anlass für das Kapitalisieren der Tiere gibt. Gulliver merkt lediglich an:

The short time I continued in England, I made a considerable profit by showing my cattle to many per - sons of quality and others.12

Der englische Gulliver erzielt ebenfalls erheblichen Umsatz mit der Zurschaustellung seiner impor- tierten Geschöpfe. Er gibt jedoch noch Aufschluss darüber, dass seine zahlenden Gäste nicht nur Leute eines höheren Standes waren, sondern sich auch anderes Klientel darunter befand.

[...]


1 Swift, Jonathan: Gullivers Reisen in unbekannte Länder. Stuttgart: Union Deutsche Verlagsgesellschaft, 1922, S. 25.

2 Swift, Jonathan: Gulliver's Travels to Lilliput and Brobdingnag. Philadelphia: J. B. Lippincott Company, 2018, S. 32f.

3 Siehe Kapitel 2.3 Intermediale Darstellung.

4 Karl II regierte als Zeitgenosse Jonathan Swifts Spanien bis zu seinem Tod 1700. Er hatte einen derartig missgebildeten Unterkiefer, dass er nicht normal kauen konnte. Bei dieser Anspielung dürfte sich der Autor dessen bewusst gewesen sein.

5 Swift, Gullivers Reisen in unbekannte Länder, S. 29f.

6 Swift, Gulliver's Travels to Lilliput and Brobdingnag, S. 36.

7 Die Begegnung mit einer Welt der Riesen findet ebenfalls durch Gulliver statt und zwar in seiner zweiten Erzählung, der Reise nach Brobdingnag.

8 Swift, Gullivers Reisen in unbekannte Länder, S. 29.

9 Swift, Gullivers Reisen in unbekannte Länder, S. 40.

10 Swift, Gulliver's Travels to Lilliput and Brobdingnag, S. 45.

11 Swift, Gullivers Reisen in unbekannte Länder, S. 106.

12 Swift, Gulliver's Travels to Lilliput and Brobdingnag, S. 109.

Details

Seiten
23
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668975545
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v490590
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Institut für Deutsch als Fremdsprachenphilologie (IDF)
Note
1,7
Schlagworte
Haßloch Holiday Park Jonathan Swift Gullivers Reisen Liliput Kleinwüchsige

Autor

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