Lade Inhalt...

Sinn- und Wertorientierung in der Grundschule

Seminararbeit 2000 18 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Sinn und Wert als Bildungsanspruch
1.1. Ulf Preuss-Lausitz: Sozialisationswidersprüche heutiger Kinder und Möglichkeiten der Wertebildung in der modernen Schule
1.2. Helmut Schreier: Welche Wertvorstellungen sollen wir Kindern vermitteln?
1.3. Richard Meier: Werte fördern, Werte fordern

2. Perspektiven der Kinder
2.1. Egbert Daum: Lebensorientierung und Lernen – Neue Aufgaben von Schule und Unterricht
2.2. Helmut Hanisch: Religiöse und moralische Orientierungen von Kindern
2.3. Marlies Hempel: Das „eigene Leben“ als Zukunftsthema der Grundschule

3. Welt, Kind, Sinn und Bildung – Fachdidaktische Zugänge
3.1. Irene Frohne: Sinn und Sinnorientierung im Sachunterricht
3.2. Ute Stoltenberg: Sinn – Bildung durch Auseinandersetzung mit Arbeit und Umwelt
3.3. Michael Soostmeyer: Sinn- und Wertorientierung des Lernens im naturwissenschaftlich orientierten Sachunterricht

4. Autorenspiegel

5. Literaturverzeichnis

1. Sinn und Wert als Bildungsanspruch

1.1 Sozialisationswidersprüche heutiger Kinder und Möglichkeiten der Wertebildung in der modernen Schule

Wenn man über Wertbildung in der Grundschule spricht, so muss man sich als erstes darüber klar werden, unter welchen Umständen Kinder heute aufwachsen, und welche äußeren Einflüsse außer der Schule zur Werteentwicklung der Kinder beitragen.

Bei diesen Betrachtungen erkennt man schnell, dass ein Zeichen der heutigen Kindheit ist, dass alle Kinder sehr unterschiedlich aufwachsen. Das zweite Problem stellt der gesellschaftliche Wandel dar: dieser vollzieht sich heutzutage so schnell, das wissenschaftliche Daten bei ihrem Erscheinen meist schon veraltet sind.

Die heutige Kindheit lässt sich am besten als „Konsum- und Krisenkindheit“ beschreiben: „[...]die gesellschaftliche Situation einer Marktgesellschaft, in der der Konsum sowohl Motor des Wirtschaftens ist als auch zur subjektiven Definition vom „guten Leben“ gehört.“[1]

Kinder sind für viele Wirtschaftsbranchen durch ihr oft recht reichliches Taschengeld ein wichtiger Faktor. Wer bestimmte Produkte nicht besitzt, läuft Gefahr auch sozial in das Abseits gedrängt zu werden.

Früher war Armut durch Wohngegend, Beruf und gesellschaftliches Leben klar definiert, heute aber lässt sie sich durch den Erwerb bestimmter Produkte ( und damit meist hohen Verschuldungen) verbergen.

Kinder sind in diesen Kampf um soziale und gesellschaftliche Anerkennung meist schon früh mit einbezogen.

Die Konsumkindheit ist jedoch nur ein kleiner Teil dessen, was die Krisenkindheit ausmacht.

Kinder wachsen heutzutage in einem Umfeld voller Unsicherheit auf: Unsicherheit in Bezug auf Arbeit und Beruf. Ständig treten neue Prognosen auf, die die schlechtesten Zukunftsaussichten für verschiedenste Berufe und den Arbeitsmarkt überhaupt prophezeien, und in ihrer Verwandtschaft werden die meisten wohl selbst erleben, wie schnell man eine Arbeitsplatz verlieren kann, und wie schwer es ist einen neuen zu finden.

Das größte und allübergreifende Problem ist aber wohl das der Informalisierung der Werte. Sowohl Kinder als auch Erwachsenen müssen von Situation zu Situation neu entscheiden, was richtig und was falsch ist. „Werte werden also kontextabhängig.“[2]

Das Kind kann sich nicht mehr sicher sein, dass einmal erworbene Werte, beispielsweise die der Familie, immer angemessen sind.

Weiterhin kann man von einer Musikkindheit, Fernsehkindheit und Computerkindheit sprechen – Gebiete , in denen sich die Kinder meist besser auskennen als ihre Eltern, und Gebiete, in denen kein Verstehen, sondern nur ein Bedienen gefordert wird.

Letztendlich wäre da nun noch der Bereich der Familie, der die moderne Kindheit prägt: allerdings ist der Begriff der Familie heute sehr strittig. 80% der Kinder bis zum 18. Lebensjahr wachsen die beiden Elternteilen auf, ein Viertel davon ist Einzelkind und die Hälfte hat ein Geschwisterkind, nur 9% der Kinder haben 3 oder 4 Geschwister. Daraus lässt sich schließen, dass sich Kinder heute mehr denn je selber um soziale Kontakte kümmern müssen.

In den Familien wird im Gegensatz zu früher weniger befohlen sondern mehr verhandelt.

Kinder leben im 21. Jahrhundert also einerseits oft in günstigeren Lebensumständen als früher, auf der andren Seite müssen sie sich doch mit mehr Unsicherheiten und Krisen aus allen Lebensbereichen auseinandersetzen.

Aus den eben genannten Problemen der Kindheit ergeben sich nun Anforderungen an die Kinder uns Jugendliche, die nicht nur in der Familie, sondern auch in der Schule als Bildungsziele definiert werden sollten:

Hohes Bildungsniveau, dauerhafte Weiterqualifikation, sprachlich – kommunikative Kompetenz, Selbstständigkeit und Planungsfähigkeit, soziale Kompetenzen in der Herstellung, Pflege und auch Aufgabe von Freundschaften und sozialen Netzwerken, Offenheit für neue Erfahrungen und Situationen, Aushalten von Fremdheit, von anderen Kulturen, von differenten Mustern der privaten Lebensführung ,Verarbeitung von Trennung und Verlust, Selbstorganisation des Alltags, Ausgleich partnerschaftlicher Interessen als Mann und Frau, Gestaltbarkeit des eigenen Körpers, Genuss- und Liebesfähigkeit Die Schule hat auf unterschiedlichen Ebenen die Möglichkeit, Kindern diese Werte nahezubringen.

Die Zusammensetzung der Schüler ermöglicht die Erfahrung von Vielfalt und Differenz. Schulen sollten also eine möglichst hetegorene Schülerschaft in Bezug auf Geschlecht, Nationalität und Gesundheit haben.

Das fast nur in Deutschland übliche sortieren der Schüler nach der Grundschule aud Haupt- und Realschule sowie Gymnasium provoziert gradezu die Entwicklung eines Wertemusters, was die Offenheit gegenüber anderen, speziell Schwächeren, stark behindert.

Das Schulgebäude selbst kann Ausdruck eines Respekts gegenüber kindlichen Wünschen nach sozialen Nischen, nach Wohlfühlen und Ästhetik sein. Wie Lehrerinnen und Lehrer, Eltern und Schülerinnen und Schüler ihr Schulhaus gestalten, ist Ausdruck ihres Verständnisses von Bildung, von Menschlichkeit und gegenseitiger Anerkennung.

Eine regelmäßig tagende Schülerkonferenz, ein von den Schülern selbstständig verwaltetes schwarzes Brett, eine Schülerzeitung sowie die ab der ersten Klasse gemeinsame Verständigung auf soziale Regeln des Schulalltages sowie Konfliktlösungen, sind ein wichtiger Bestandteil der politischen Bildung in der Schule.

Die Kommunikationsfähigkeit der Schüler kann gestärkt werden, indem man den klassischen Frontalunterricht durch selbstständige Bearbeitung des Unterrichtsstoffes ablöst (Partnerarbeit, Projekte etc.).

Ein letzter und nicht zu verachtender Einfluss auf die Wertebildung ist die Wirkung der Lehrerpersönlichkeit auf die Kinder. Der Umgang des Lehrers mit Schwächen und Stärken der Schüler, der Umgang mit Konflikten und Kollegen, der Umgang mit Eltern und Material beobachten die Kinder sehr genau und können für die Kinder Spiegelungen darstellen, an denen sie sich entwickeln.

1.2. Welche Wertvorstellungen sollen wir Kindern vermitteln?

Drei grundlegende Wertkomplexe sollten den Kindern in der Schule vermittelt werden:

Erstens der Komplex „Öffentlichkeit pflegen“:

Wenn ein Kind aus der behüteten Welt des Kindergartens und des elterlichen Hauses das erste Mal den Weg zur Schule antritt, entfalten sich ihm eine Menge neuer Möglichkeiten und Perspektiven: Es nimmt vielfältige Kontakte zu anderen Kindern auf, mit denen es auskommen oder sogar zusammenarbeiten muss.

Wenn man in der Schule nun Öffentlichkeit schaffen und pflegen will, so läuft das darauf hinaus, das alle das Kind betreffenden Vorgänge auch dem Kind durchsichtig und überschaubar gemacht werden. Weder die Festsetzung der Regeln für das Zusammenleben noch die Entscheidung über die Weise der Bearbeitung des Unterrichtsstoffes sollte allein den Lehrern vorbehalten sein.

Zweitens der Komplex „Pluralismus fördern“:

Viele Gegenstände des Unterrichts werden in verschiedenen Fächern auf unterschiedliche Art und Weise betrachtet. So wird auf der einen Seite der Mond als poetischer Gegenstand bei Goethe im Deutschunterricht betrachtet und auf der anderen Seite als toter, kalter Gegenstand von der Masse m in der Physik.

Diese Vielfalt der Betrachtungsweisen lässt sich schwerlich in eine Einheit umwandeln, und so bleibt der Pluralismus als einzige Möglichkeit, den Kindern die Vielfalt als Konstitutionsmerkmal der Wirklichkeit ins Bewusstsein der Kinder zu bringen. So könnte man die Heterogenität der Kinder mit ihren unterschiedlichen Leistungsniveaus, ihren verschiedenen Familien und Verhaltensmustern nicht mehr als unlösbares Problem betrachten, sondern als Herausforderung aufnehmen und versuchen, aus der Vielfalt der Kinder einen Gewinn an Einsicht und Kenntnissen zu ziehen.

Drittens der Komplex „Grausamkeit vermeiden“:

Dass Schulen einen Raum bilden, in den Grausamkeiten und Quälereien gedeihen ist durch die Literatur bekannt und durch Statistiken immer wieder belegt. Wenn nun die Lehrer ihre Kraft darauf richten würden, diese täglichen Grausamkeiten zu reduzieren, würden sie den Kindern einen wert vermitteln, der mit dem Wort „Liebe“ bezeichnet werden kann. Die Liebe und die Zärtlichkeit, die ein Lehrer seinen Schülern gegenüber zeigt, wird von denen als Wertvorstellung angenommen und vielleicht von ihnen weitergetragen. Dieser Wert kann manchmal auch in Situationen weiterhelfen, in denen Toleranz und Demokratie ihre Wirkung verlieren.

[...]


[1] Preuss- Lausitz, Sinn- und Wertorientierung in der Grundschule, Irene Frohne (Hrsg.), Bad Heilbrunn 1999, S. 18

[2] Der Autor bringt hier folgendes Beispiel: Es wird nicht mehr automatisch von einem Kind verlangt, dass es im Bus aufsteht, wenn ein älterer Herr oder eine ältere Dame keinen Platz findet. Wenn das Kind eine schwere Tasche hat, die es sonst nicht abstellen könnte, kann es sich zu recht sagen, dass es den Platz nötiger braucht. Ist der ältere Herr oder die Dame aber sichtlich gehbehindert, würde hier das Aufstehen gefordert sein.

Details

Seiten
18
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638129923
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v4906
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Philosophie
Note
2
Schlagworte
Sinn- Wertorientierung Grundschule

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Sinn- und Wertorientierung in der Grundschule