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Die Ausgestaltung geldpolitischer Regeln

Seminararbeit 2003 20 Seiten

VWL - Geldtheorie, Geldpolitik

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Regelbindung in der geldpolitischen Praxis
2.1. Einführung: Die geldpolitische Regel
2.2. Die Übertragbarkeit des Commitment-Begriffs auf die Praxis

3. Die Wahl einer Zielvariablen
3.1. Spezifikation des Zielpfads: Wachstumsraten oder wachsende Niveaus?
3.2. Vor- und Nachteile ausgewählter Zielvariablen

4. Die Wahl einer Instrumentenvariable

5. Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Seminararbeit befasst sich mit der Ausgestaltung geldpolitischer Regeln. Aufgrund der damit verbundenen Vielzahl interessanter Teilaspekte hat mich die Anfertigung vor einige Schwierigkeiten und Abwägungsentscheidungen gestellt. Diese möchte ich im Folgenden kurz schildern.

Schon zu Beginn meiner Arbeit lagen mir mit den beiden Basisartikeln von Bennett T. McCallum eine sehr kompetente Zusammenfassung des Forschungs- und Diskussionsstands im Jahre 1997 sowie eine Ergänzung um einige aktuelle Entwicklungen bis zum Jahr 2000 vor. Obwohl es sich hierbei um sehr kompakte Texte handelt, übersteigen sie in ihrem Umfang mein 15-seitiges Vorhaben bereits um ein Mehrfaches. Ein Hauptproblem lag also in der Frage nach den Möglichkeiten, tiefergehende Literatur bei einer weiteren Komprimierung des Inhalts überhaupt noch sinnvoll einarbeiten zu können. Noch detailliertere Beschreibungen der zitierten Literatur als diejenigen in McCallums Artikeln hätten an vielen Stellen meiner Arbeit den vorgesehenen Rahmen vermutlich gesprengt.

Auch eine „eigenständigere“ Literaturrecherche gestaltete sich schwierig, da viele (von McCallum wohl deshalb auch nicht berücksichtigte) Artikel bei Ihren Analysen zu den von mir bearbeiteten Themen von der aus ihrer Sicht realistischeren Annahme diskretionärer Geldpolitik ausgehen. Die Vorzüge von regelbasiertem Verhalten werden zwar immer wieder thematisiert, zur Ausgestaltung desselben ist aber sehr wenig zu finden. Dies gilt leider auch für neuere Literatur nach September 2000.

Diese beiden Aspekte haben zufolge, dass meine Arbeit analytisch nicht besonders in die Tiefe gehen kann und sich relativ eng an den beiden vorliegenden Artikeln orientiert. Dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass mir die Recherche selbst, aber auch einiges „Querlesen“ in verschiedenen Artikeln sehr beim Verständnis vieler Sachverhalte weitergeholfen hat.

Eine weitere Problematik stellte die Übersetzung einiger Fachbegriffe ins Deutsche dar. Da ich mich nun zum ersten Mal mit intensiv mit Geldpolitik auseiandergesetzt habe und dabei fast ausschließlich mit englischsprachiger Literatur zu tun hatte, ließen sich eventuell auftretende ungebräuchliche Formulierung wohl leider nicht vermeiden.

Um dem vorgegebenen Umfang der Seminararbeit nicht zu überschreiten, mussten des weiteren thematische Eingrenzungen getroffen werden. Eine ganze Reihe interessanter Aspekte konnte ich nicht oder nur am Rande in meinen Text aufnehmen. Hierzu zählen die von McCallum ausführlich dargestellten, eher technischen Schwierigkeiten bei der Erforschung der Eigenschaften geldpolitischer Regeln, die von Lars Svensson getroffene Unterscheidung zwischen „instrument rules“ und „target rules“ (vgl. Svensson 1997 S.1136f.) sowie die Frage nach der grundsätzlichen Fähigkeit von Zentralbanken zu regelbasiertem Verhalten (Stichwort „Commitment-Technologien“).

Auch die Diskussion um die Fixierung eines Wechselkurses, die Erforschung „robuster“ geldpolitischer Regeln, die Wechselwirkungen zwischen Geld- und Fiskalpolitik sowie die diskutierten Zweifel an der grundsätzlichen Durchführbarkeit verschiedener Instrumentvariablen konnten nicht ausführlich behandelt werden. Die historischen Simulationen bezüglich der Vorzüge von Zielvariablen und Instrumenten können leider nicht detailliert-formal wiedergegeben werden, es werden lediglich die Vorgehensweise und die Ergebnisse kurz erklärt (aus diesem Grund wurden auch die entsprechenden Graphiken und Tabellen nicht mit aufgenommen, sie hätten ausführlicherer Erklärungen bedurft).

Was diese Arbeit trotz allem leisten kann und will, ist die Vermittlung eines zusammenfassenden und verständlichen Überblicks über die aus meiner Sicht wichtigsten Aspekte der Ausgestaltung geldpolitischer Regeln. Dies beginnt im folgenden Teil mit einer kurzen Einführung über geldpolitische Regeln im Allgemeinen sowie einer Beschreibung der Diskussion um eine auf die geldpolitische Praxis anwendbare Definition von regelgebundenem Verhalten. Beides wird in den meisten Artikeln für die Diskussion unter Experten als bekannt vorausgesetzt, für meinen Zweck erschien es mir aber sinnvoll, zunächst einmal den eigentlich zu betrachtenden Gegenstand festzuhalten.

Die folgenden Abschnitte beschäftigen sich darauf aufbauend mit der Wahl einer Zielvariablen, dem dazugehörigen Wachstumspfad und der Entscheidung zwischen kurzfristigem Zinssatz und Geldbasis als möglichen geldpolitischen Instrumenten.

2. Regelbindung in der geldpolitischen Praxis

2.1. Einführung: Die geldpolitische Regel

Als geldpolitische Regel wird üblicherweise eine Formel bezeichnet, welche Handlungsanweisungen für das Verhalten einer Zentralbank (ZB) produziert. Durch eine feste Bindung („Commitment“) der Geldpolitik an diese Regel soll der bei diskretionärem, also ungebundenem Handeln typischerweise auftretende „Inflation bias“ vermieden1 und durch Transparenz und Nachvollziehbarkeit zu einer realistischen und stabilen Erwartungsbildung der wirtschaftlichen Akteure beigetragen werden.

Üblicherweise geschieht dies durch die Stabilisierung eine Zielgröße auf einem vorgegebenen Wachstumspfad. Bei dieser Zielvariable sollte es sich jedoch nicht um eines der möglichen letzten, endgültigen Ziele von Geldpolitik handeln, sondern vielmehr um eine von der ZB tatsächliche beeinflussbare Größe.

Der Zielpfad, auf welchem die Entwicklung2 stabilisiert werden soll, kann in Form von angestrebten (typischerweise konstanten) Wachstumsraten, durch die Festlegung von absoluten Niveaus oder durch ein gewichtetes Mittel dieser beiden Möglichkeite bestimmt werden3.

Da eine direkte Lenkung von Zielvariablen wie etwa der Inflationsrate oder des nominalen Wachstums des Bruttoinlandsprodukts (BIP) nicht möglich ist, benötigt die ZB ein sogenanntes Instrument, dessen Wert sie unmittelbar festsetzen kann4. Hierfür kommen im Wesentlichen die Höhe eines kurzfristigen Zinssatzes sowie die Geldbasis in Frage. Durch die gezielte Festlegung auf Werte („instrument settings“) für diese Instrumentvariable kann nun, mit einiger Zeitverzögerung, die Entwicklung der Zielvariable beeinflusst werden.

Eine geldpolitische Regel hat darauf aufbauend die Aufgabe, durch eine geeignete Relation aus vergangenen Abweichungen der Zielvariable vom für sie vorgesehenen Pfad Korrekturen der „instrument settings“ als Handlungsanweisung für die Geldpolitik zu ermitteln. Im einfachsten Fall kann sie, bei Betrachtung von nur zwei Perioden und jeweils einer Variable folgende Form haben:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

it steht in diesem Fall für den Wert der Instrumentvariable zum Zeitpunkt t, zt#1 für den tatsächlich realisierten Wert der Zielvariable in der vorangegangenen Periode, z*#1 für den entsprechenden, durch den Zielpfad bestimmten angestrebten Wert und † für die zu bestimmende, oben beschriebene Relation. Wird der Zielpfad einer Periode verfehlt, ergibt sich aus der Regel eine Anweisung an die Geldpolitik, durch eine entsprechende Variierung des Wertes des Instruments „entgegenzusteuern“. Verwendet man für z*#1 etwa eine konstante jährliche Inflationsrate von 2% und versucht diese mit Hilfe der Festsetzung eines kurzfristigen Zinssatzes zu erreichen, würde eine niedriger ausfallende tatsächliche Preissteigerungsrate eine bisher zu strikte Geldpolitik signalisieren. Bei entsprechendem Commitment müsste der Zinssatz demzufolge gesenkt werden5. Auf eine Inflationrate über 2% würde bei der Ausführung der Regel analog eine Zinssteigerung zustande kommen. Gelingt es, den Zielwert mehr oder weniger genau einzuhalten, scheint ein zu den gegebenen Umständen relativ gut geeigneter Wert für i gefunden worden zu sein, der in der Folgeperiode der Regel zufolge erst einmal kaum variiert werden müsste.

Eine Schwierigkeit bei der Erstellung und Ausgestaltung einer solchen, möglichst funktionsfähigen Regel wird schon zu diesem frühen Zeitpunkt deutlich. Sie besteht darin, dass unter anderem für die Einschätzung der Reaktion von möglichen Instrumenten auf Zielvariablen fundierte Kenntnisse über die Funktionsweise der jeweiligen Volkswirtschaft benötigt werden. Die hierfür in Frage kommenden Modelle sind jedoch bis heute in weiten Teilen umstritten oder nicht weit genug entwickelt6. Von vielen Autoren wird daher empfohlen, eine Regel mit hoher „Robustheit“ zu verwenden. Sie soll demnach so gewählt werden, dass sie für eine Vielzahl verschiedener jeweils herangezogener Modelle ähnlich zufriendenstellende Ergebnisse erzielt7.

2.2. Die Übertragbarkeit des Commitment-Begriffs auf die Praxis

Für die Betrachtung der Ausgestaltung geldpolitischer Regeln wird eine geeignete definitorische Unterscheidung zwischen diskretionärem und regelgebundenem Verhalten einer ZB benötigt. In Bezug auf eine realistische Einschätzung praktizierter Geldpolitik ist diese sehr viel schwieriger zu treffen als in der makroökonomischen Theorie, will man nicht vollständig auf sie verzichten.

[...]


1 Da dieser Sachverhalt bereits im Laufe der beiden Einführungsveranstaltungen behandelt wurde, wird er an dieser Stelle nicht noch einmal ausführlicher dargestellt.

2 Üblicherweise handelt es sich hierbei um ein positives Wachstum.

3 Die jeweilige Vorzüge und Schwierigkeiten werden in Abschnitt 3.1. thematisiert.

4 McCallum (1997), S. 11f., erwähnt, dass diese Instrumente, beispielsweise der kurzfristige Zinssatz, oft nur indirekt durch die ZB beeinflussbar sind. Da aber für alle in Frage kommenden Instrumentvariablen die angestrebten Werte, zumindest durch mittelbare Steuerung, innerhalb von sehr kurzer Zeit sehr genau justiert werden können, spielt dieser Sachverhalt für die hier angestellten Überlegungen keine größere Rolle.

5 In diesem Beispiel wäre t = 1 Jahr, was natürlich nicht zwangsläufig der Fall sein muss.

6 Eine Anpassung der Regel an neueste Entwicklungen im Bereich der makroökonomischen Forschung ist zwar aus heutiger Sicht möglich (vgl. u.a. die Ausführungen des folgenden Abschnitts über die sogenannte „zeitlose Perspektive“), die Problematik der vielfach auftretenden Uneinigkeit über die Qualität von Modellen sowie die nicht vorhandene endgültige Sicherheit über die tatsächliche Funktionsweise der Volkswirtschaft bleiben davon jedoch unberührt..

7 Die Wirkungsweise von Regeln bei verschiedenen zu Grunde liegenden makroökonomischen Modellen kann z.B. durch Simulationen erforscht werden.

Details

Seiten
20
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638456272
ISBN (Buch)
9783638764469
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v49094
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Institut für allgemeine Wirtschaftsforschung, Abteilung für Wirtschaftstheorie
Note
1,3
Schlagworte
Ausgestaltung Regeln Neuere Entwicklungen Theorie Praxis Geldpolitik

Autor

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Titel: Die Ausgestaltung geldpolitischer Regeln