Lade Inhalt...

Die Konstruktion der Geschlechterrollen in Theo Schwartz‘ "Bibi Blocksberg. Der Hexengeburtstag"

Hausarbeit 2019 17 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Hexen in der Kinder- und Jugendliteratur

3. Feministische Literaturwissenschaft und gender-orientierte Erzähltextanalyse

4. Analyse und Interpretation
4.1 Agency
4.1.1 Weibliche Figuren
4.1.2 Männliche Figuren
4.2 Voice
4.2.1 Weibliche Figuren
4.2.2 Männliche Figuren

5. Schlussbemerkung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Figur der Bibi Blocksberg, der kleinen Hexe aus Neustadt, erfreut sich deutschlandweit einer großen Beliebtheit. Die Hörspielreihe wurde vielfach mit Gold und Platin ausgezeichnet (vgl. Bundesverband Musikindustrie e. V.) und eine Reihe von Buch- und Filmadaptionen ist bereits erschienen.

2016 rückte die Junghexe in den Blick der Gender Studies und Kulturwissenschaften. Kerstin Wolff, die im Archiv der deutschen Frauenbewegung als Forschungsreferentin tätig ist, hat sich in ihrem Aufsatz „Wir wollen uns von den normalen Menschen nicht allzu sehr unterscheiden!“ (2016) der Frage nach der weiblichen Rollenvorstellung in den Hörspielfolgen von Elfie Donelly gewidmet. Sie kam zu dem Schluss, dass in den ausgewählten Hörspielen eine konservative Rollenvorstellung der Frau vorherrscht, die nicht deckungsgleich ist mit der in den 1970er Jahren beginnenden Strukturwandlung der Gesellschaft (vgl. Wolff, 2016, 65f.).

Der feministische Diskurs und auch Fragestellungen der Gender Studies halten in der heu- tigen Zeit vermehrt Einzug in den Alltag der Gesellschaft. Debatten unter dem Namen #Aufschrei oder #MeToo und die Einführung einer dritten Geschlechtszugehörigkeit in die deutsche Bürokratie machen die Bedeutung dieser Themen gewahr.

In Anbetracht des Aufsatzes von Kerstin Wolff und der zunehmenden Sensibilisierung möchte ich in meiner Hausarbeit folgende Frage beantworten: Welche Geschlechterrollen werden in Theo Schwartz’ Bibi Blocksberg. Der Hexengeburtstag (2002) dargestellt und wie werden sie konstruiert? Um dieser Fragestellung nachzugehen, werde ich zunächst einen kurzen Einblick in die Entwicklung der Hexenfiguren in der Kinder- und Jugendliteratur in den letzten Jahrzehnten geben und anschließend die Methodik der feministischen Litera- turwissenschaft und gender-orientierten Erzähltextanalyse im Überblick darstellen. Im An- schluss daran werde ich unter Berücksichtigung der Analysekategorien Agency (vgl. Gymnich, 2010, 259) und Stimme (vgl. ebd., 257) Theo Schwartz‘ Erzählung bezüglich der reprä- sentierten Geschlechterrollen untersuchen. Dabei werden jeweils männliche und weibliche Figuren gegenüberstellend unter den oben genannten Analysekriterien betrachtet und so- mit die Konstruktion der Geschlechterrollen herausgearbeitet. Die ausgearbeiteten Ergeb- nisse werde ich abschließend vor dem Hintergrund meiner Fragestellung zusammenfas- send präsentieren und aus einer postfeministischen Perspektive kritisch hinterfragen.

2. Hexen in der Kinder- und Jugendliteratur

Der Kanon der Kinder- und Jugendliteratur, der das Motiv der Hexe aufgreift, ist bisweilen außerordentlich umfangreich (vgl. Hässner, 2004, 425). Die Spanne reicht von der bösen alten Hexe im klassischen Märchen, wie beispielsweise in Hänsel und Gretel (Grimm, 2008), bis zur jungen, emanzipierten Hexe in modernen Fantasyromanen, wie Harry Potter und der Orden des Phönix (Rowling, 2003). Das Ziel der jüngeren Werke ist zum einen die Dar- stellung, zum anderen die Aufarbeitung des schaurigen, hemmungslosen und bösartigen, jedoch ungerechtfertigten Hexenbildes, das im Zuge der Hexenverfolgung im Mittelalter entstanden ist (vgl. Hässner, 2004, 430f.). Als Beispiel für ein historische Darstellung nennt Hässner (ebd., 431) Terese Reichhart-Krenns Der Hexenbalg (1992), in dem die Hexe als Opfer der Verfolgung dargestellt wird. Als eine zukunftsweisende Entwicklung der Hexen- figur führt Hässner (2004, 431) dann das Werk Die kleine Hexe von Ottfried Preußler (1963) an. Die darin dargestellte Hexe ist, im Gegensatz zu vielen vorherigen Hexendarstellungen, eine gute Hexe, die sich geistreich und kreativ den alten und traditionellen Hexen und Un- gerechtigkeiten entgegenstellt (vgl. Hässner, 2004, 431f.). Damit ist sie Vorbild für viele fol- gende Hexenfiguren, wie beispielsweise in Knisters (alias Ludger Jochmanns) Hexe Lilli wird Detektivin (2000). Genau in diese Nachfolge lässt sich auch Bibi Blocksberg und das von mir untersuchte Werk Der Hexengeburtstag von Theo Schwartz aus dem Jahre 2002 einordnen. Bibi entspricht als clevere, hilfsbereite und gute Hexe genau der von Preußler gezeichneten Vorlage. Das Fortschrittliche, das Bibi auszeichnet, macht sie darüber hinaus interessant für neue Ansätze der modernen Literaturwissenschaften.

3. Feministische Literaturwissenschaft und gender-orientierte Erzähltextanalyse

Die zweite Frauenbewegung Ende der 1960er Jahre schuf die Basis, auf die sich die femi- nistische Literaturwissenschaft stützt. Ausgehend von politischen Fragestellungen zur Stel- lung der Frau in der Gesellschaft ergab sich auch in der Literaturwissenschaft ein Bedürfnis danach, patriarchale Strukturen und daraus resultierende Machtgefälle, die in der damali- gen Literatur repräsentiert waren, aufzudecken und kritisch zu hinterfragen. Es entwickelte sich die feministische Literaturwissenschaft. Diese grenzte sich zum Teil drastisch von der seinerzeit Zeit etablierten strukturalistischen Erzähltextanalyse ab, richtete sich der Fokus letzterer doch darauf, eine theoretische und „rationale Beschreibung von Textstrukturen“ (Nünning & Nünning, 2004, 7) zu liefern. Die feministische Literaturwissenschaft verfolgte hingegen eher einen kritisch interpretatorischen Zugang zu Texten, der es erlaubte, gesell- schaftliche Missstände bezüglich der Geschlechterhierarchie aufzuzeigen. Dieser durchweg auf die Frau und ihre Diskriminierung gerichtete Blick (vgl. Gymnich, 2010, 253) war typisch für den „radical second-wave feminism“ (Kroløkke & Sørensen, 2006, 9).

Die oben genannten, scheinbar ganz und gar unterschiedlichen Zugangsweisen wurden in den 1980er Jahren von Susan Snaider Lanser und Robyn Warhol in der feministischen Nar- ratologie verbunden (vgl. Gymnich, 2010, 256). Die klare Struktur der klassischen Narrato- logie war Vorbild für weitere Analysekategorien in der feministischen Narratologie, wie bei- spielsweise Geschlecht (vgl. ebd.), Raum (vgl. ebd.), Agency (ebd., 259) und Stimme (ebd., 257). Damit lieferte die feministische Narratologie eine Grundlage, auf der sich weitere Entwicklungen der feministischen Literaturwissenschaft stützen würden.

Kurz darauf, Ende der 1980er Jahre, ergab sich eine weitere für die für die Literaturwissen- schaft richtungsweisende Entwicklung bezüglich der Auffassung von Geschlecht und des- sen gesellschaftlichen Bedeutung. Judith Butler begründete in ihrem Werk Das Unbehagen der Geschlechter (1990) „die Unterscheidung zwischen anatomischem ,Geschlecht‘ (sex) [Hervorhebung im Original] und Geschlechtsidentität (gender) [Hervorhebung im Original]“ (Butler, 1990, 22) und stellt damit das bis dato etablierte Verständnis von Geschlecht als essentialistisch und binär in Frage. Dies führte auch in der feministischen Narratologie zu einer „Horizonterweiterung“ (Nünning & Nünning, 2004, 3) und einer kritischen Auseinan- dersetzung mit der literarischen Inszenierung sowohl von Weiblichkeit als auch Männlich- keit und den entsprechenden Rollenvorstellungen (vgl. ebd., 15). Diese neue gender-orien- tierte Erzähltextanalyse verlangte zudem einen Zugang zu Texten, der die Einordnung in kulturelle Kontexte miteinschloss (vgl. ebd., S.10).

Innerhalb der feministischen und gender-orientierte Erzähltextanalyse kann zudem eine weitere Unterscheidung ausgemacht werden. Es sind verschiedene Ansätze erkennbar, die sich entweder mehr mit der story oder mehr mit dem discourse (vgl. Gansel, 2014, 53) be- schäftigen (vgl. Nünning & Nünning, 2004, 14). In der folgenden Analyse wird der Fokus auf der Betrachtung der story und der darin enthalten Darstellung der Figuren liegen. Dabei werde ich verstärkt mit einer inhaltlich-interpretatorischen Herangehensweise arbeiten, mit der ich die Konstruktion der Geschlechterrollen in Der Hexengeburtstag (Schwartz, 2002) in Bezug auf Agency und Voice herausstellen werden.

4. Analyse und Interpretation

4.1 Agency

Agency oder „Handlungsmächtigkeit und Handlungsermächtigung“ (Gymnich, 2010, 259) ist die Befähigung einer Person oder Figur, die eigenen Vorstellungen, Wünsche und Ent- scheidungen umzusetzen. Diese Befähigung wird durch die „ temporal-relational contexts [Hervorhebung im Original]“ (vgl. Emirbayer, 1998, 969) in dem sich die Person oder Figur befindet, beeinflusst. Dieser Kontext umfasst sowohl Ressourcen, die der Befähigung zu- träglich sind, als auch Widerstände, die ihr entgegenwirken. Zu diesen Ressourcen und Wi- derständen zählen intrinsische Faktoren (z.B. Fähigkeiten, Hautfarbe, Geschlecht, Intellekt) und extrinsische Faktoren (z.B. Personen, räumliches Umfeld, strukturelle Gegebenheiten). Im folgenden Kapitel werde ich die Konstruktion der Geschlechterrollen in Der Hexenge- burtstag (Schwartz, 2002) unter dem Gesichtspunkt der Agency genauer untersuchen. Dazu betrachte ich die Gestaltung der Figuren Bibi Blocksberg, Karla Kolumna, Bernhard Blocks- berg und Eduard, dem Mann der Hexenschwester Warza, gegenüberstellend. Weiterem Augenmerkt gilt dem Einfluss der beiden Kontrasträume (vgl. Gansel, 2014, 86), in diesem Fall das Zuhause der Familie Blocksberg als „primäre[…] Alltagswelt“ (Glasenapp & Wein- kauff, 2010, 103) und der Blocksberg als „sekundäre Welt“ (ebd.).

4.1.1 Weibliche Figuren

Bibi Blocksberg

Bibi Blocksberg steht als Hauptfigur im Zentrum der Handlung des untersuchten Werks und sie ist es auch, die diese Handlung maßgeblich vorantreibt. Das Motiv bzw. das Ziel ihrer Handlungen wird im Gespräch mit der Reporterin Karla Kolumna deutlich: Sie möchte die Hexengesellschaft, die sich, beeinflusst durch die älteren und konservativen Hexen, als ex- klusiv betrachtet und Fremde und Männer konsequent ausschließt bzw. separiert (vgl. Schwartz, 2002, 31), auch Menschen, die keine Hexe sind, zugänglich machen. Sie kritisiert die „Geheimniskrämerei“ (ebd., 36) und plant Karla, unsichtbar gehext, mit auf den Blocks- berg zu Amandas Hexengeburtstag zu nehmen (vgl. ebd., 38).

Bei der Umsetzung dieses Ziels stehen Bibi diverse Ressourcen zur Verfügung. Besonders erwähnenswert sind dabei ihr Scharfsinn, ihre Spontanität und kognitive Reaktionsfähig- keit. An den Wendepunkten der Handlung, an denen ihr Plan durch zum Teil unvorhergesehene Ereignisse in Gefahr gerät, schafft sie es immer, ihr Vorhaben weiter umzusetzen. Dies gelingt ihr durch Überlegungen, Hexereien und teilweise auch Lügen, die stets von der Erzählinstanz als clever oder schnelldenkend beschrieben werden. Beispiels- weise ist das der Fall, als Bibi den Hexenspruch, der Karla Kolumna unsichtbar machen soll, dem Hexenbuch entnehmen möchte. Die Seiten, auf denen der Hexenspruch steht, sind für Junghexen wie Bibi jedoch verboten und Bibis Mutter Barbara sorgt durch ihre Anwesen- heit und kontrollierenden Blicke dafür, dass Bibi diese Seiten nicht anrührt (vgl. Schwartz, 2002, 42f.). Doch Bibi hat „prompt eine Idee.“ (ebd., 43) Um ungestört im Hexenbuch blät- tern zu können, hext Bibi einen Telefonanruf, der die Aufmerksamkeit ihrer Mutter fordert (vgl. ebd., 43). Ein weiteres Beispiel ist in dem Abschnitt zu finden, in dem Karlas Unsicht- barkeit durch den unglücklichen Umstand, dass Amanda einen Umkehrspruch ausführt, verloren geht. Karla bemerkt dies und „fragt[…] Bibi leise um Rat. Die überlegt[…] kurz und [weiß] auch schon eine Lösung.“ (ebd., 96) Sie verwandelt Karla Kolumna in eine Märchen- hexe, damit sie unter den anderen Hexen nicht auffällt. An diesen Textstellen wird deutlich, dass Bibi durch ihren Intellekt und Einfallsreichtum stets fähig ist, ihre Handlungen anzu- gleichen, um ihr höheres Ziel zu erreichen.

Die Grundlage von Bibis Handlungsfähigkeit ist jedoch ihre Hexenkraft, die ihr einzig durch ihr Geschlecht zuteilwird.1 Das Privileg, Hexe zu sein, ermöglicht es Bibi, Karla Zutritt zur Hexenwelt zu verschaffen, denn ohne ihre Hexenkraft wäre Karlas Unsichtbarkeit und spä- tere äußerliche Veränderung zur Hexe nicht möglich. Durch die Hexensprüche, die im nächsten Kapitel noch ausführlicher betrachtet werden, gelingt es Bibi, den Fortgang der Handlung so zu verändern, dass sie entscheidend zur Umsetzung ihres Plans beitragen. Als Beispiel soll hier der Spruch zur Unsichtbarkeit genügen: „, Eene meene Adebar, Karla sei jetzt unsichtbar! Hex-hex! Hex-hex! Hex-hex! [Hervorhebung im Original]‘ Und siehe da – Frau Kolumna war weg! […] [S]ie war eben vom Kopf bis zu der großen Zehe unsichtbar.“ (ebd., 50)

Um ihre Hexenkraft jedoch zielführend einsetzen zu können, nutzt Bibi eine weitere Res- source, die sie in ihrer Handlungsmächtigkeit unterstützt: Der Zugang zu einem speziellen, nur den Hexen vorbehaltenen, Wissen. Dieses ermöglicht es ihr, die Hexensprüche richtig und wirkungsvoll zu nutzen. Aus dem Hexenbuch ihrer Mutter entnimmt sie diese Kenntnis, mit dem sie ihren Plan in die Tat umsetzen kann (vgl. ebd., 40). Ohne dieses spezielle Wis- sen, wären ihre Hexenkräfte nutzlos. Zum Beispiel erfährt Bibi, dass sie das obligatorische „Hex-hex!“ (ebd., 44) dreimal sprechen muss, damit der Unsichtbarkeits-Zauber an Karla Kolumna tatsächlich wirkt. Auch an anderer Stelle verfehlen ein gewöhnlicher Satz (vgl. ebd., 81) und ein erfundener Spruch (vgl. ebd., 102) ihre Wirkung.

[...]


1 In der Hörspielreihe wird bestätigt, dass die Fähigkeit der Hexenkraft nur an weibliche Nachkommen vererbt wird (vgl. Wolff, 2016, 56).

Details

Seiten
17
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783668959798
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v491194
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,0
Schlagworte
Hexe Hexen Kinder- und Jugendliteratur Kinder Literatur Kinderliteratur Jugendliteratur Bibi Blocksberg Bibi Blocksberg Feminismus feminism feminisms gender gender studies cultural studies judith butler butler geschlecht geschlechterrollen hexengeburtstag theo schwartz agency voice

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Konstruktion der Geschlechterrollen in Theo Schwartz‘ "Bibi Blocksberg. Der Hexengeburtstag"