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Transformation der Rhetorik um 1770 und ihr Erbe für die (Stil-)Didaktik

Hausarbeit 2018 11 Seiten

Deutsch - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung & Fragestellung

1. Methode – von Untergängen, Kontinuitäten & Wiederauferstehungen

2. Rhetorik vor

3. Transformation der Rhetorik um 1770 & ihre Folgen für den Deutschunterricht

4. Fazit

5. Literatur- und Quellenverzeichnis

Einleitung & Fragestellung

Das rhetorische Zeitalter erstreckte sich von der Antike, über das Mittelalter, bis in weite Teile der Neuzeit hinein. Die Rhetorik prägte jahrhundertelang das deutsche Schulwesen. Und auch heute scheint ihr ein wiedererstarkendes Interesse aus den unterschiedlichsten Disziplinen beschert zu sein. Bereits zu ihrem Beginn wurde die Rhetorik angefeindet und verteidigt, verleumdet und gelobt, ihr Untergang wurde oft beschworen und ihre Wiederauferstehung wieder ausgerufen. Im Mittelpunkt dieser Hausarbeit steht daher die Rhetorik. Eine Lehre, die derart lange Zeit maßgeblichen Einfluss auf das Bildungswesen ausgeübt hat und in der Tradition des Redens steht, muss zwangsläufig auch den Deutsch-unterricht beeinflusst haben. Um die Entwicklung des Stilbegriffs nachvollziehen zu können, scheint ein Blick auf die Rhetorik als Sitz der angemessenen Sprachbemeisterung lohnend zu sein. So finden sich bereits nach einer oberflächlichen Sichtung der Literatur verschiedenste Zusammenhänge zwischen Rhetorik und Stilistik: die Stilistik erscheint als Ersatz der untergegangenen Rhetorik oder aber als verlängerter Arm derselben, es werden Parallelen gezogen zwischen kommunikationstheoretischen, stildidaktischen Ansätzen und der Rhetorik, die beweisen wollen, dass die Rhetorik nie gänzlich untergegangen war, oder aber man setzt sich dafür ein, die altehrwürdige Rhetorik wieder in ihr Recht zu setzen, da sie der vorherrschenden stilistischen Bildung überlegen sei. Diese konkurrierenden Theoriestränge gilt es in dieser Arbeit zu untersuchen. In welchem Verhältnis stehen Rhetorik und Stilistik zueinander? Welche Konsequenzen hatte die Transformation der Rhetorik für den Deutsch-unterricht? Als Schlüsseljahr wird das Jahr 1770 angegeben, weshalb der historischen Schilderung des 18. Jahrhunderts eine zentrale Funktion zukommt. (s. Abraham 1996: 36 f.)

Zuerst muss im ersten Kapitel die Methode dieser Arbeit dargelegt werden sowie ein operationalisierter Rhetorikbegriff eingehend herausgearbeitet werden. Im zweiten Kapitel wird der historische Grundstein gelegt und die Situation der Rhetorik vor 1770 geschildert. Auf dieser Grundlage kann dann im dritten Kapitel die Transformation der Rhetorik um 1770 und deren Auswirkungen auf den Deutschunterricht beschrieben werden. Im vierten und letzten Kapitel erfolgt die Zusammenfassung der Ergebnisse und deren kritische Reflexion.

1. Methode – von Untergängen, Kontinuitäten & Wiederauferstehungen

Die Rhetorik sei untergegangen, wiederauferstanden oder nie gänzlich fort gewesen – die Auffassungen zur Rhetorikgeschichte sind mannigfaltig. Doch welcher Auffassung sollte nachgegangen werden? Und woraus ergeben sich diese konkurrierenden, ja widersprüchlichen Ansätzen, wenn nicht aus einem voneinander abweichenden Rhetorikbegriff?

Dietmar Till legt in seinem Werk „Transformationen der Rhetorik. Untersuchungen zum Wandel der Rhetoriktheorie im 17. und 18. Jahrhundert“ eindrücklich dar, dass verschiedene Modelle zur Rhetorik existieren: zum einen das „strukturalistische“, zum anderen das „anthropologische Modell“. (Till 2004: 1) Das anthropologische Modell definiert die Rhetorik als ein dem Menschen eigentümliches Phänomen, das sich unter der Fähigkeit zur Sprache und Kommunikation einordnen lässt. Dies bedeutet für eine mögliche Rhetorikgeschichte, dass die Rhetorik zwar historisch wandelbar ist, jedoch letztendlich eine unvergängliche Konstante im menschlichen Leben darstellt. (vgl. Till 2004: 2) Das strukturalistische Modell hingegen beschreibt die Rhetorik als normierendes Regelsystem für sprachliche Äußerungen, durch deren Anwendung ein wirkungsvoller Text produziert werden kann. (vlg. ebd.) Bereits in dieser groben Unterscheidung werden grundsätzliche Weichenstellungen sichtbar. So eignet sich das anthropologische Modell hervorragend, um der Rhetorik eine Jahrhunderte währende Kontinuität zu attestieren, die von konkreten Veränderungen des Rhetoriksystems selbst absieht. (vgl. ebd. S. 3) Till orientiert sich daher an dem strukturalistischen Modell und geht davon aus, dass es in der Geschichte der Rhetorik ein konkretes, normatives Regelsystem gegeben hat – die klassische Schulrhetorik. (vgl. ebd. S. 5) Dies schließt nicht aus, dass es alternative Rhetoriktheorien gegeben hat. Im Gegenteil zeichnet Till nach, wie verschiedene Rhetorikauffassungen argumentativ gegeneinander ausgespielt wurden. Das abstrakte System der Rhetorik ließ nämlich durchaus variable Auslegungen zu. Dennoch wählt Till die officia-Rhetorik als normativen Ausgangspunkt seiner Rhetorikgeschichte. Die officia-Rhetorik dominierte den Rhetorikunterricht in Form von schulrhetorischen Lehrbüchern bis weit ins 18. Jahrhundert und z.T. sogar noch darüber hinaus. (vgl. ebd. S. 5 f.) Da in dieser Hausarbeit eben der Rhetorikunterricht und der sich später herausbildende Deutschunterricht im Fokus stehen, folge ich Tills Methode hierin. Die Distanzierung von der Rhetorik und schließlich ihr Untergang, der auch institutionell im Wegfall von der wissenschaftlichen Disziplin im 18. Jahrhundert ersichtlich wird, erfolgt durch mehrere Prozesse. Einerseits wird die Rhetorik marginalisiert, sie wird verdrängt und ersetzt oder anderen Disziplinen zugeschlagen (z.B. der Logik oder der Psychologie). Andererseits geht ein Prozess der „Verinnerlichung“ vonstatten, d.h. innerhalb des rhetorischen Theorierahmens vollzieht sich ein Bruch mit den schulrhetorischen Traditionen, der in letzter Instanz zur Dekonstruktion der Rhetorik führt. (vgl. ebd. S. 6 f.) Mithilfe welcher Argumente diese „Erosion“ (Till 2004: 104) durch Veränderungen von innen und außen abläuft, wird Bestandteil des dritten Kapitels sein. Vorweggenommen werden soll, dass aus den Brüchen und Distanzierungen heraus dem Konzept des Individualstils zum Durchbruch verholfen wurde, das noch heute diskutiert und kritisiert wird. Ulf Abraham etwa favorisiert eine rhetorische Stilauffassung gegenüber der Ästhetisierung und Herausbildung einer normativen Schulstilistik, die durch den Glauben an den Individualstil den Schülerinnen und Schüler sogar den Weg verstelle, guten Stil zu erlernen. (Abraham 1996: 11 f.; 18; 31) Abrahams Argumente für eine anti-normative, formative Rhetorik werden einen möglichen Gegenpol in der Darstellung bilden.

2. Rhetorik vor 1770

Vom 16. bis 18. Jahrhundert war die rhetorische Ausbildung überwiegend an den Berufen der Juristen und Theologen ausgerichtet. (vgl. Lohmann 1993: 13) Der Rhetorikunterricht war hauptsächlich in den Lateinunterricht eingegliedert. Latein war in den Latein- und Gelehrtenschulen mündlich und schriftlich Unterrichtssprache. (vgl. ebd.) Deutsch galt als barbarische Sprache und war mitunter an Gymnasien sogar verboten.1 Grundlage für den Rhetorikunterricht bildeten die antiken Lehrbücher, deren Inhalte und Struktur sich bis ins 18. Jahrhundert hinein kaum änderten. (vgl. Till 2004: 73) Eine der meistgedruckten Rhetoriken des 17. Jahrhunderts ist die von Gerhard Johannes Vossius (1577-1649), die als typisch für die protestantischen Gelehrtenschulen gelten kann. Das Einteilungsprinzip dieses Lehrwerks ist die officia oratoris, das als umfassendstes Schema der antiken rhetorischen Theorie gilt. Sie enthält die stereotypen Arbeitsphasen für die Herstellung einer Rede: die inventio (Stoffauffindung), die dispositio (Stoffgliederung), die elocutio (Stilisierung), die memoria (Auswendiglernen) sowie die pronuntiatio/actio (Vortrag). (vgl. Fuhrmann 2003: 77 f.) Vossius Rhetorik beschränkt sich bereits auf die ersten drei Schritte und trennt somit die mündliche Performanz (das Auswendiglernen und anschließende Vortragen) von der Strukturierung und schriftlichen Abfassung der Rede. Im Verlauf werden wir sehen, dass einzelne Arbeitsschritte und Kategorien der Rhetorik dieser gewissermaßen „verloren gehen“ und so Schritt für Schritt das Rhetoriksystem selbst aufgelöst wird. Empfehlungen und Anweisungen für die einzelnen Schritte, die mit Erläuterungen und Beispielen versehen sind, finden sich unter den jeweiligen Arbeitsschritten. Auch Überlegungen zu den Redegattungen, den Überzeugungsmitteln oder einleitende, allgemeine Darlegungen über die Voraussetzungen eines Redners (z.B. die Diskussion über das Verhältnis von natura und ars, den natürlichen Anlagen vs. der lehr- und lernbaren Kunst/Technik) können Teil von Rhetoriken sein.

Im Rhetorikunterricht war die explizite Vermittlung der Regeln vorgesehen. Der akademische Vortrag war das vornehmlichste Mittel hierfür. Die traditionelle Rhetorik war daher ein elitäres Unterfangen. (Lohmann 1993: 21 ;156) Anhand klassischer Mustertexten und deren tätiger Nachahmung sollten die Schüler rhetorisch geschult werden. (vgl. Abraham 1996: 97 f., vgl. Till 2004: 48; 85) Der Rückbezug auf die „Alten“ nimmt einen zentralen Platz ein, durch die Antike werden topische Aussagen legitimiert und autorisiert. (vgl. Till 2004: 74; 88) Aristoteles folgend operiert die Rhetorik mit wahrscheinlichen Argumenten und erforscht nicht etwa die Wahrheit von Aussagen. (vgl. ebd. S. 342) Übersetzungen aus dem Griechischen und Lateinischen gehören ebenso zum Unterricht wie das Verfassen von Übungsreden. (vgl. Bahmer 1991: 90) Grammatikunterricht für die Sprachrichtigkeit stand ebenfalls auf der Tagesordnung. Die akademischen „Vorlesungen“ im Unterricht dienten vielfach nur der Vor- und Nachbereitung, während der Großteil der eigentlichen Schularbeit in Form von Hausaufgaben erledigt werden musste.

Diese Skizzierung soll als Kontrastfolie für die nun zu schildernden Veränderungen der Rhetorik dienen.

3. Transformation der Rhetorik um 1770 & ihre Folgen für den Deutschunterricht

Das Jahr 1770 ist keineswegs das endgültige Datum des Umbruchs, jegliche genaue Zeitangabe widerspricht der Einsicht, dass Entwicklungsprozesse sich überlagern und mehrere Generationen lang verschiedene Theorien koexistieren können. So existiert im 19. Jahrhundert bereits eine ästhetische Theorie vom Stil, aber gleichzeitig noch eine rhetorische Lehre. (vgl. Abraham 1996: 36) 1770 wird von mehreren Autoren als Eckdatum benannt, an dem die Koexistenz beginnt und sich hierauf zugunsten der Rede vom Stil und Ausdruck verschiebt. Der Literaturunterricht, wie wir ihn heute kennen, erfährt maßgeblich seine Gestaltung, indem die produktionsorientierte Stilbildung einer rezeptiven Geschmacksbildung weicht:

Auch dem, welchem es an poetischem Talent gänzlich fehlt, und der daher weder Dichter werden will noch kann, ist dennoch Bekanntschaft mit den Regel und Mustern der Poesie zur Bildung seines Geschmacks unentbehrlich. (Gedike 1793: 282, zit. nach Abraham 1996: 46)

Da es sich um komplexe Prozesse handelt, wird anhand vorliegender Forschungspositionen von Lohmann und Till versucht, einen Ursachenkomplex abzubilden.

Bereits 1752 wurde im Zuge einer Universitätsreform das Ordinariat für „Rhetorik, Poesie und Historie“ abgeschafft. Die Disziplin Rhetorik hatte sich überlebt, auch wenn im Vorlesungsverzeichnis noch allerhand „Rhetorisches“ zu finden war (lateinische Stilkollegs oder Vorlesungen über Ästhetik). (vgl. Till 2004: 52) Die Fachbezeichnung „Rhetorik“ kehrte im Schulunterricht nach 1800 zwar vielfach wieder, allerdings mit einer völlig anderen didaktischen Auslegung. (vgl. ebd.) Weshalb die Disziplin der Rhetorik verschwand, kann auf die seither umstrittenen Grenzlinien zwischen ihr und anderen Disziplinen, z.B. Dialektik oder Logik, zurückgeführt werden. Das rhetorische Wissen transformierte sich zudem in andere, sich neu ausdifferenzierende Disziplinen: die Ästhetik, Anthropologie und Psychologie oder die Pädagogik/Didaktik. (vgl. Till 2004: 14; Lohmann 1993: 16)

Durch die Aufklärung veränderte sich außerdem das Verständnis von Wissenschaft. Da die Rhetorik nur mit dem Wahrscheinlichen operierte, konnte sie sich nicht nahtlos in die anderen Wissenschaftsdisziplinen einreihen, die dem Rationalismus, der Wahrheit und der Evidenz verpflichtet waren. (vgl. Till 2004: 341) Die Rhetorik eignete sich nicht zur Produktion von Wissen und Wahrheit, sehr wohl aber als Gegenstand der Reflektion. (vgl. ebd. S. 342) Die antike Topik als Fundus von Beweisen wird von den Aufklärern ebenso abgelehnt wie das Ziel der Rhetorik, nämlich die Überredung (persuasio). (vgl. ebd. S. 345) Die Ablehnung der Topik geht eng einher mit der Einforderung von Originalität. Die „Alten“ haben als Quelle ausgedient. (vgl. ebd. S. 92) Man müsse Argumente nicht nur finden, sondern auch „erfinden“. (vgl. ebd. S. 306) Die individuelle Leistung, das ingenium des Redner rücken ins Zentrum. (vgl. ebd. S. 189) Johann Christoph Gottsched beispielsweise versucht die Tradition der Antike mit den neuen Ansprüchen von Logik und Vernunft noch zu versöhnen, jedoch sind die Konzepte „alter Gelehrsamkeit“ und„neuer Wissenschaft“ nicht miteinander vereinbar. (ebd. S 95) Als weiterer Katalysator dieser Entwicklung ist die Entstehung neuer (Rede-)Kontexte zu nennen. So steht der weltferne, pedantische Gelehrte mit seinem normativen Regelsystem dem galanten, gesellschaftlich handelnden und zumeist französisch sprechenden Hofmann gegenüber, der ungezwungen, natürlich und spontan zu reden vermöchte. (ebd. S. 147 f.) Die Schulrhetorik sei nicht flexibel genug, um diesen Kontexten angemessen zu sein. (vgl. ebd. S. 305)

Um 1750 kam es zur Wende im Sprachunterricht. Bisher waren in den Gelehrtenschulen die Söhne der Bürger auf Jura- und Theologielaufbahnen vorbereitet worden, doch nun forderte auch der Gewerbe treibende Teil des Bürgertums geeignete Schulen für seine Söhne. (vgl. Lohmann 1993: 14) Latein- und Griechischunterricht erschien für jene nicht praktikabel, hielt sich aber noch lange Zeit oder wurde gar stärker etabliert. Am preußischen Gymnasium war zumindest Rhetorik dagegen als gesonderte Lektion ab 1816 nicht mehr vorgesehen, da sie nach Schleiermacher zur „Spezialbildung“ und nicht zur Allgemeinbildung zählte. (ebd. S. 71) Der Grad der Alphabetisierung nahm im 19. Jahrhundert immer mehr zu, auch die Schülerzahlen stiegen signifikant an. So besuchten 1850 dreimal so viele Schüler sekundäre Schulen als noch 1820. Buchhandlungen verbreiteten sich und auch die Zahl der Neuerscheinungen von Büchern stieg gravierend an. (Lohmann 1993: 95) Das Gymnasium wurde multifunktional. Das Eintrittsalter in die Schule war breit gestreut von 8-25 Jahren, die Dauer eines Schulbesuchs reichte von knapp einem Jahr bis zu über zwölf Jahre. In einer Klasse saßen zwischen 50 und 60 Schüler. (vgl. ebd. S. 157) Dies alles erforderte neue Unterrichtsstrukturen. Der akademische Rhetorikunterricht wurde immer weiter marginalisiert und schließlich von den Gymnasien verbannt und auf die Universität beschränkt. Ohne Sachkenntnis sei kein Rhetorikunterricht möglich, wurde schon um 1700 gefordert, bei Schülern sei daher eine Rhetorikausbildung wirkungslos. (vgl. ebd. S. 261)

[...]


1 https://planet-wissen.de/gesellschaft/lernen/deutschunterricht/index.html

Details

Seiten
11
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668982130
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v491590
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für deutsche Literatur
Note
1,0
Schlagworte
Stil Didaktik Stildidaktik Rhetorik Geschichte Deutschunterricht Latein

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