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Goethes Wahlverwandtschaften. Form und Funktion von Intertextualität am Beispiel von Peter Handkes "Die linkshändige Frau"

Hausarbeit 2016 17 Seiten

Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung – Goethes Erben

1. Intertextualität

2. Wahlverwandtes von Goethe in Peter Handkes „Die linkshändige Frau“
2.1 Zur Entstehung des Werkes „Die linkshändige Frau“: Handkes Journale & Notizbücher von 1975/76
2.2 „als wenn von nichts die Rede wäre“ – Das Zitat als Motto
2.3 Das Verschwinden der Erzählinstanz

3. Zusammenfassung & Diskussion

4. Literatur- und Quellenverzeichnis

Einleitung– Goethes Erben

„[D]ie kreative Rezeptionsgeschichte von Goethes Wahlverwandtschaften [ist] für die Literatur des 20. Jahrhundert noch nicht geschrieben“, konstatiert Nikolas Immer in der Einleitung seines Aufsatzes Goethes Erben. Wahlverwandtes bei Handke, Walser, Wellershof (2010). Von dieser Lage ausgehend besteht das Erkenntnisinteresse der folgenden Arbeit darin, einen exemplarischen Blick in die Rezeption der Wahlverwandtschaften (nachfolgend mit WV abgekürzt) am Beispiel von Peter Handkes Die Linkshändige Frau (nachfolgend mit LF abgekürzt) zu werfen. Dies soll anhand von Intertextualitätstheorien geschehen. intertextuelle Bezüge können sehr vielfältig ausfallen. So reproduzieren Romane wie The Golden Bowl von Henry James (1904) oder Ford Madox Fords The Good Soldier (1915) die bei Goethes WV vorgeprägten Figurenkonstellation (vgl. Immer 2010: 460). Helmut Heißenbüttel verwendet in seinem Romanprojekt D’Alemberts Ende (1970) in ironischem Ton den Romananfang der WV wieder, indem er es wie folgt beginnt: „Eduard – so nennen wir einen Rundfunkredakteur im besten Mannesalter“ und benutzt damit die Technik des Zitats.

Welche Formen der Intertextualität lassen sich in der LF finden und welche Funktion haben sie? Welche Intertextualitätstheorien können für die Analyse und Interpretation wie genutzt werden? Diese Fragen sollen den Rahmen für diese Arbeit bieten, die sich wie folgt gliedert: Im ersten Kapitel werden die theoretischen Grundlagen der Intertextualität skizziert, woraufhin im zweiten Kapitel die Vorgehensweise dieser Arbeit dargelegt wird. Unter dem Punkt 2.1 wird die Einflussforschung behandelt und versucht, explizite Bezüge der LF auf die WV nachzuweisen. Im nächsten Unterkapitel wird das Zitat als prominenteste Form der Intertextualität vorgestellt und die Bedeutung des nachgestellten Mottos aus den WV für die LF erläutert. Im dritten Unterkapitel 2.3 werden die Struktur und Semantik der Erzählinstanzen der beiden Romane analysiert und verglichen. Schließlich werden im dritten Kapitel die vorläufigen Ergebnisse zusammengefasst und der Versuch, die Intertextualitätstheorien anzuwenden und fruchtbar zu machen kritisch diskutiert, um einen Ausblick auf weitere Arbeiten in diesem Feld geben zu können.

1. Intertextualität

Bereits in der Antike spielten Text-Text-Beziehungen eine Rolle. Die antike Rhetorik unterschied drei Modelle des Rückbezugs auf die literarische Tradition: exercitatio (Übung), imitatio (Nachahmung) und aemulatio (Überbietung) (vgl. Berndt/Tonger-Erk 2013: 7). Obwohl das Nachahmen, Wiederholen, Zitieren, Abschreiben, Weiter- und Umschreiben seit jeher als bekannte Verfahren von Text-Text-Beziehungen gelten können, kam es in den Literaturwissenschaften erst im 20. Jahrhundert zu einer Hinwendung auf das Phänomen des Textbezugs in seiner Gesamtheit. Eingeführt wurde der Intertextualitätsbegriff im Jahre 1967 durch Julia Kristeva, deren Aufsatz Bachtin, das Wort, der Dialog und der Roman allerdings selbst schon auf einer produktiven Rezeption der Theorien Michail Bachtins basieren (vgl. Berndt/Tonger-Erk 2013: 17). Nachfolgend werden sowohl Kristevas und Bachtins Konzeptionen zur Intertextualität als auch kurz die Einflussforschung als Beispiel eines engen Intertextualitätsbegriffs dargestellt und erläutert.

Bachtin scheint mit seiner Dialogizitätstheorie bereits in den 1920-er Jahren die späteren Entwicklungen in der poststrukturalistischen und postmodernen Theoriebildung vorweggenommen zu haben. Der russische Sprach- und Literaturtheoretiker geht davon aus, dass Sprache grundsätzlich dialogisch sei (vgl. Bachtin 1971: 204). In jeder Äußerung schwingen fremde, frühere aber auch zukünftige Äußerungen mit. Die fremde Äußerung wird dabei nicht unbedingt explizit in der eigentlichen Äußerung ausgedrückt, vielmehr wird sie implizit mitverstanden (vgl. Berndt/Tonger-Erk 2013: 18). Weil die eigentliche und die fremde Äußerung interferieren, wird eine eindeutige Sinnsetzung verunmöglicht. Jedes Wort verfügt nach Bachtin über ihm immanente „Bedeutungsschichten“ (Bachtin 1979: 170), die sowohl innerhalb eines zeitlichen Kontinuums Veränderung unterworfen sind als auch räumlich an andere, fremde Wörter grenzen, womit das dialogische Wort (bzw. der dialogische Text) keine abschließende Sinnbestimmung zulässt (vgl. Berndt/Tonger-Erk 2013: 24). Ein weiterer, sehr eng mit der Dialogizität verknüpfter Aspekt stellt die Polyphonie dar.

Während Polyphonie die Vielstimmigkeit, also die gleichzeitige Koexistenz mehrerer Stimmen ohne eine vereindeutigende, übergeordnete Instanz in einem Text bezeich-net, verweist die Dialogizität auf die Kommunikation dieser Stimmen; ihre wechselseitige Orientierung und bedeutungsgenerierende Bezugnahme aufeinander (vgl. Sasse 2010: 84, zitiert nach Berndt/Tonger-Erk 2013: 27)

Das Konzept der Intertextualität von Kristeva fußt auf eben jene Dialogizitätstheorie von Bachtin. Kristeva modellierte Bachtins Vorstellung der Polyphonie dahingehend, dass sie diese „durch die Vorstellung verschiedener Texte innerhalb eines Textes“ (Kristeva 2002: 8, zitiert nach Berndt/Tonger-Erk 2013: 34) ersetzte. Diese Übertragung prägte den Diskurs der Intertextualitätstheorien grundlegend.

Im Gegensatz zu Bachtin, der jede Äußerung in einem sprechenden Subjekt verortet, seien es die Figur, der Erzähler, die AutorInnen oder LeserInnen, zeichnet sich Kristevas Theorie durch eine subjektlose und intentionsfreie Intertextualität aus (vgl. Berndt/Tonger-Erk 2013: 36). Die Instanz des Autors mit bestimmen Absichten entfällt.

Kristeva weitet das Textverständnis radikal aus: nicht nur das sprachliche Zeichensystem bezeichnet sie als Text, sondern jedes Zeichensystem, von Bildern über Gesten zu Kleidung etc. (vgl. Berndt/Tonger-Erk 2013: 40). Diese „Entgrenzung des Textes“ (ebd. S. 47) wird von vielen LiteraturwissenschaftlerInnen harsch kritisiert und markiert eine Grenze im Feld der Intertextualitätstheorien. Denn während die zuvor skizzierten Ansätze mit den traditionellen Autorschafts- und Werkkonzepten brechen, beschäftigt sich beispielsweise die Einflussforschung bis heute mit der linearen Suche nach Beziehungen zwischen Texten, ihren literarischen Einflüssen und Quellen sowie nach Beziehungen zwischen AutorInnen und deren Dispositionen (vgl. Berndt/Tonger-Erk 2013: 63 ff.). In Abgrenzung zur Intertextualitätstheorie sucht die Quellenforschung nach eindeutig identifizierbaren „Prätexten“ und bemüht sich „textgenetische[ ] Abhängigkeitsverhältnis[se]“ (vgl. Dicke 2003: 203, zitiert nach Berndt/Tonger-Erk 2013: 65) zwischen Text und Prätext nachzuweisen. Die Einflussforschung steht somit im Dienste der literaturhistorischen Forschung und (re)konstruiert Traditionslinien der Literaturgeschichte, indem sie AutorInnen und deren intendierte Aneignungen und Transformationen von Stoffen und Motiven nachgeht (vgl. Berndt/Tonger-Erk 2013: 68). Im folgenden Kapitel wird das Lektüre- und Interpretationsvorgehen erklärt sowie bestimmt, welche Intertextualitätsbegriffe für die Arbeit an den WV und der LF nutzbar gemacht werden sollen.

2. Wahlverwandtes von Goethe in Peter Handkes „Die linkshändige Frau“

Um Form und Funktion von Intertextualität zwischen den WV und der LF herausarbeiten zu können, werden beide Werke vor dem Hintergrund verschiedener Inhalte und Strukturen parallel zueinander gelesen und verglichen. Es wird im ersten Schritt der Intertextualitätstheorie nach Kristeva und ihren NachfolgerInnen folgend davon ausgegangen, dass die Bedeutung von Texten in einer offenen, dynamischen Interaktion mit anderen Texten entsteht und nicht zwangsweise an die chronologische Abfolge der Textentstehung gebunden ist. Vielmehr gilt es eine rezeptionsästhetische Perspektive einzunehmen und zu versuchen, die gegenseitige Beeinflussung und Überlagerung der Textdeutungen und die sich damit neu eröffnenden Bedeutungszwischenräume unabhängig von der zeitlichen Linearität der Textgenese herauszustellen und zu erforschen. Dabei darf allerdings nicht versäumt werden, dieses Vorgehen kritisch zu prüfen, da Texte, AutorInnen und LeserInnen als Instanzen nicht zeitunabhängig existieren. Ob und wie Intertextualitätstheorien fruchtbar gemacht werden können, wird sich daher im zweiten Schritt als weitere Fragestellung herauskristallisieren.

Die Relevanz der Einflussforschung wird demnach nicht zurückgewiesen, weshalb sich das erste Unter-Kapitel der Betrachtung der Textentstehung widmet und versucht explizite Einflüsse, die u.a. in den Journalen von Peter Handke dokumentiert sind, sichtbar zu machen. In den restlichen Unter-Kapiteln werden verschiedene Inhalte und Strukturen in den WV und der LF miteinander verglichen und Textbezüge definiert. Im Sinne einer „>kreative[n]< Rezeptionsgeschichte“ (Immer 2010: 460) wird versucht Ähnlichkeiten zwischen den beiden Werken aber auch Differenzen und übereinander hinausgehende Textelemente aufzufinden und damit die Interpretationsräume zu erweitern. Im letzten Kapitel wird dieser Versuch schließlich kritisch diskutiert.

2.1 Zur Entstehung des Werkes „Die linkshändige Frau“: Handkes Journale & Notizbücher von 1975/76

Die Textgenese von Handkes LF lässt sich anhand zahlreicher Notizbücher aus dem Zeitraum November 1975 bis Mai 1976 sowie vorhandener Korrespondenzen mit dem Verlag und Freunden Handkes relativ gut nachvollziehen. Drei der Notizbücher werden als Originale am Deutschen Literaturarchiv Marbach aufbewahrt und eines am Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek/Leihgabe Widrich. Wien besitzt zwei der Marbacher Notizbücher als Kopie (vgl. http://handkeonline.onb.ac.at/node/1390).

Die LF war ursprünglich als Filmprojekt gedacht. Das Filmdrehbuch schrieb Handke jedoch gleich in eine Erzählung um, wie er seinem Freund, dem Schriftsteller Hermann Lenz, in einem Brief vom 12. Februar 1976 aus Paris mitteilte: » Ich war im Januar hier allein und habe auch wieder einmal was gemacht, nach längerem wieder, ein Filmdrehbuch, das ich dann gleich in eine Erzählung umgeschrieben habe, und ich weiß gar nicht, ob das überhaupt geht, denn es kommt keine ausdrückliche Innenwelt darin vor, nur Konstatierung von Gesprächen und Bewegungen. Eigenartig schaut es auf jeden Fall aus.« (Handke/Lenz 2006: S. 94, zitiert nach http://handkeonline.onb.ac.at/node/1389)

Mitte März 1976 musste Handke sich aufgrund von plötzlichem Herzrasen, Brustschmerzen und Angstzuständen in einen Krankenhausaufenthalt begeben, der vom 26. März 1976 bis 1. April 1976 währte. Im Krankenhaus korrigierte er die dritte Textfassung der LF und fügte u.a. das Motto aus Goethes Wahlverwandtschaften, welche er nachweislich zu dieser Zeit gelesen hatte, ein (vgl. ebd.). In einem der Notizbücher mit dem Projekttitel Die linkshändige Frau aus dem Zeitraum um November 1975 bis Januar 1976 findet sich eine andere Goethe-Notiz aus den Maximen und Reflexionen: »„Auf ihrem höchsten Gipfel wird die Poesie ganz äußerlich sein“ (Goethe) « (http://handkeonline.onb.ac.at/node/256).

Etliche Einträge aus diesem Notizbuch übernahm Handke in sein Journal Das Gewicht der Welt, weshalb es nicht verwunderlich ist, dass auch in jenem sich Zitate Goethes und Kommentare über den Dichter befinden. Vor allem in der Zeit der stationären Behandlung häufen sich Eintragungen, die u.a. aus Goethes WV zitieren, wie z.B: »... den leidigen Trost, daß auch solche Schmerzen durch die Zeit gelindert werden. Sie verwünschte die Zeit, die es braucht, um sie zu lindern; sie verwünschte die todtenhafte Zeit, wo sie würden gelindert seyn. « (Handke 1979: 89; Goethe ...). Verbunden sind solche Zitate meist mit Kommentaren über die Sprache Goethes oder deren Wirkung, etwa: „»Sie war glücklich in Eduards Nähe und fühlte, daß sie ihn jetzt entfernen mußte« (» Und fühlte«! Kein »so daß« oder »deswegen«!)“ (Handke 1979: 109; Goethe ...). Dass auf ebensolche Weise Journaleinträge in die LF übernommen wurden, zeigt exemplarisch das folgende Beispiel:

Plötzlich erzählte sie: »Ich lag einmal im Krankenhaus, und da sah ich, wie eine sehr alte, kranke, todtraurige Frau, die bei ihr stehende Krankenschwester streichelte, aber nur ihren Daumennagel, immer nur ihren Daumennagel. « (Handke 2013: 94)

Der dieser Äußerung verwandte Eintrag aus Das Gewicht der Welt stammt vom 30. März: „Der alte Kranke streichelt den Fingernagel der Schwester“ (Handke 1979: 82). Dieser kleine Exkurs über die Intertextualität zwischen Handkes Texten selbst, führt uns zurück auf die Bezüge zu den WV. Der nachweisbare Einfluss der WV auf die LF lässt sich auf die Zeit während des Krankenhausaufenthalts Handkes datieren, zu der die Arbeit an der LF zu großen Teilen bereits beendet war. Die Wirkung der Lektüre auf Handke und dessen Schreiben war, seiner eigenen Aussage nach, immens. „Seinem Verleger erzählt er, dass ihn die Lektüre von Goethes Wahlverwandtschaften geheilt habe" (FAZ-Artikel vom 02.12.2012, http://m.faz.net/ aktuell/feuilleton/buecher/autoren/peter-handke-eine-frage-des-lichts-11978668-p4.html). Als eine eindeutige Bezugnahme auf die WV hat Handke der LF als eine Art Epilog eine Passage aus den WV nachgestellt, auf die im nächsten Unterkapitel eingegangen wird.

Zusammenfassend lässt sich konstatieren, dass mithilfe der Notizbücher und Journale Handkes ein klar identifizierbarer Einfluss Goethes und u.a. Goethes WV auf Handkes Schreiben und auf das Werk LF belegbar ist, der sich explizit im nachgestellten Motto der LF manifestiert aber auch in den Reflexionen Handkes über das Erzählen und Schreiben inspiriert durch den Schreib-Ahnen Goethe. Inwiefern sich dieser Einfluss auch auf andere Passagen oder Gesamtstrukturen der LF ausgewirkt hat, kann mithilfe dieser autor- und textorientierten Vorgehensweise vorerst nicht präzise erschlossen werden. In den nächsten Kapiteln wird auf die Erkenntnisse der Einflussforschung Rückbezug genommen, diese aber durch den Gebrauch von Intertextualitätstheorien, die Texte als nicht-hierarchisch angelegte Netzwerke analysieren, stark ausgeweitet. In der Kombination dieser beiden Ansätze sollen nachfolgend neue Bedeutungszwischenräume in der LF und den WV eröffnet und beleuchtet werden.

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Details

Seiten
17
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668984288
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v491607
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für deutsche Literatur
Note
1,7
Schlagworte
Goethe Erben Wahlverwandtschaften Peter Handke linkshändige Frau Intertextualität Zitat Erzähler Form Funktion Literaturwissenschaft

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Titel: Goethes Wahlverwandtschaften. Form und Funktion von Intertextualität am Beispiel von Peter Handkes "Die linkshändige Frau"