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Die Kuba Krise 1962

Eine Perspektivierung anhand des Realismus und Neorealismus

Hausarbeit (Hauptseminar) 2016 25 Seiten

Politik - Internationale Politik - Allgemeines und Theorien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Allgemeine Anmerkungen zu Theorien in den internationalen Beziehungen

2 Der politische Realismus nach Hans J. Morgenthau
2.1 Anfänge und Abgrenzungen des politischen Realismus
2.2 Die Entstehung des politischen Realismus nach Hans J. Morgenthau
2.3 Darstellung des Realismus Morgenthaus anhand von sechs Grunsätzen
2.3.1 Objectivity of the laws of politics
2.3.2 Interest defined in terms of power
2.3.3 Connection between interes and the nation state
2.3.4 Moral significance of political action
2.3.5 Universal moral principles
2.3.6 Autonomy of the political sphere
2.4 Zusammenfassung Realismus

3 Der Neorealismus nach Kenneth N. Waltz
3.1 Anfänge und Hintergründe des Neorealismus
3.2 Akteure und Strukturen im internationalen System
3.2.1 Akteure
3.2.2 Das internationale System unter der Bedingung der Anarchie
3.3 Zusammenfassung und Rezeption

4 Die Kuba Krise
4.1 Zusammenfassung der Ereignisse
4.2 Folgen der Kuba Krise

5 Anwendung der Theorien auf das Fallbeispiel

Fazit

Einleitung

„Ich fragte mich beim Anblick dieses herrlichen Sonnenuntergangs über dem Potomac, wie viele Sonnenuntergänge ich wohl noch sehen werde.“1

Diese Worte des ehemaligen Verteidigungsministers der Vereinigten Staaten Robert McNamara am Abend des 27. Oktober 1962, dem Höhepunkt der sogenannten Kuba Krise zeigen, wie nah die Welt in jenem Jahr am Abgrund stand. Im Zuge des Ost-West-Konfliktes drohte die Situation zwischen der Sowjetunion und den USA zu eskalieren. Die hochgerüsteten Parteien, beide mit nuklearen Waffen bestückt, waren jedoch nicht nur im Begriff den dritten Weltkrieg auszulösen. Die Szenerie verdeutlichte nach Abwurf der Atombombe auf Hiroshima und Nagasaki erstmals, welchen Einfluss die ultimativ freigesetzte zerstörerische Wirkung nuklearer Waffen auf die Geschichte der gesamten Menschheit hätte.

Die folgende Hausarbeit untersucht, wie das Verhalten der Akteure in der Kuba Krise mittels Theorien der internationalen Beziehungen erklärt werden kann. Dabei sollen in erster Linie der klassische Realismus nach Hans J. Morgenthau und der Neorealismus nach Kenneth N. Waltz zur Analyse herangezogen werden. In dieser Hinsicht werden nicht nur Gemeinsamkeiten im Denken beider Theoretiker offengelegt, sondern auch Gegensätze herausgearbeitet. Im ersten Kapitel sollen jedoch noch einmal grundlegende Aspekte beim Umgang mit Theorien der internationalen Beziehungen aufgezeigt werden. Im zweiten und dritten Kapitel werden die bereits erwähnten Theorien des Realismus beziehungsweise Neorealismus vorgestellt, bevor diese nach einem kurzen Überblick über das, was als Kuba Krise bezeichnet wird, auf das Fallbeispiel angewendet werden. In einem abschließenden Fazit werden die gewonnenen Erkenntnisse nochmals reflektiert. Es wird jedoch festgehalten, dass mit den Theorien keineswegs die Kuba Krise erklärt werden soll. Vielmehr geht es um eine Perspektivierung der Geschehnisse unter den Gesichtspunkten der beiden Theorien.

1. Allgemeine Anmerkungen zu Theorien in den internationalen Beziehungen

Bevor im ersten Teil der Hausarbeit auf die zur Analyse verwendeten Theorien eingegangen wird, sollen noch einmal allgemeine Anmerkungen zu Theorien in den internationalen Beziehungen gemacht werden, da diese häufig missverständlich gebraucht werden. Seit dem Beginn der Auseinandersetzung mit dem Forschungsgegenstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten wuchs auch das Spektrum an Theorien zur Beschreibung internationaler Prozesse. Die Evolution der Theorien wird häufig anhand dreier „großer Debatten“ nachvollzogen. Die erste Debatte manifestierte sich in den 1930er und 1940er Jahren insbesondere in der Auseinandersetzung zwischen Realisten und Idealisten. Während letztere annahmen, künftige Kriege durch Schaffung internationaler Institutionen wie dem Völkerbund vermeiden zu können, schlossen erstere dies angesichts staatlicher Machtpolitik aus. Bereits diese Debatte zeigt, dass „die Entwicklung der Theorie der internationalen Beziehungen immer nur in ihrer engen Wechselwirkung mit ihrem historisch-politischen Kontext verstanden werden kann“.2

In den 1950er und 1960er Jahren folgte die zweite Debatte. Diese war maßgeblich von dem in der Sozialwissenschaft geführten Methodenstreit geprägt. Traditionalisten und Szientisten waren uneins über die erkenntnistheoretischen Grundlagen der Geisteswissenschaften, die sich nach Ansicht letzterer denen der stärker erklärend fokussierten Naturwissenschaften anzunähern hätten. Wie erbittert der Streit zuweilen geführt wurde, verdeutlicht insbesondere Morton A. Kaplan durch seinen Vorwurf an die Traditionalisten: „Having read the criticisms of the traditionalists, I am convinced that they understand neither the simpler assertions nor the more sophisticated techniques employed by the advocates of the the newer methods.“3 Spätestens seit der in 1980er Jahren aufgekommenen dritten Debatte wurde dann aber „die Unbrauchbarkeit der ‚orthodoxen’ Geschichtsschreibung für ein angemessenes Verständnis der Theorieentwicklung in den Internationalen Beziehungen“4 festgestellt. Seit den 1990er Jahren wird das Theoriespektrum in den internationalen Beziehungen daher von einem kaum mehr zu durchschauenden Theorienpluralismus dominiert. Keiner der bis dahin etablierten Ansätze vermochte es beispielsweise, das Ende des Ost-West-Konfliktes vorherzusagen. Es stellte sich die Frage nach der grundsätzlichen Funktion der Theorien und die Disziplin als solches rückte folglich stärker in den Mittelpunkt der Debatte. Auch Konstruktivisten, die Elemente der Sozialtheorie in die IB einbezogen und zuvor noch als radicals in der Disziplin nur am Rande eine Rolle spielten, wurden plötzlich salonfähig und dem Vorwurf einer ausschließlich westlich zentrierten Perspektive der Theorien wurde mit neuen Ansätzen Rechnung getragen (non-western International Relations Theory).5 Heute haben es Beobachter mit einer fragmentierten und in Lager gespaltenen Scientific Community zu tun, in der ein kommunikativer Austausch zunehmend schwerer wird.

Die Theoriedebatten in den internationalen Beziehungen sind also keineswegs linear nachzuvollziehen, wie der Eindruck häufig erweckt wird. Vielmehr hat man es heute mit „a debate not to be won, but a pluralism to live with“6 zu tun. Bestimmte Argumente einer Strömung werden in andere Denkschulen integriert, manche Punkte auch wieder komplett verworfen. Für das Verständnis dieser Hausarbeit ist zentral, dass bestimmte Theorien (auch beeinflusst durch den zeithistorischen Kontext) unterschiedliche Schwerpunkte setzten und nicht von der Theorie in den internationalen Beziehungen die Rede sein kann. Die Analysekraft hängt dabei stets vom betrachteten Phänomen und Gegenstand ab. Besonders in der politischen Strömung des Realismus kann diese Schwerpunktsetzung nachvollzogen werden.

2. Der politische Realismus nach Hans J. Morgenthau

2.1 Anfänge und Abgrenzungen des politischen Realismus

Der politische Realismus wird als die älteste der Theorieschulen bezeichnet, deren Anfänge sich bereits in der Antike finden und daher weit in die politische Ideengeschichte zurückreichen. Schon in der geschichtlichen Abhandlung des Peloponnesischen Krieges von Thukydides werden viele auf die von Realisten fokussierten Thematiken bereits angedeutet. Ferner existiert eine lange Ahnenreihe an Vertretern realistischer Paradigma, wie beispielsweise Machiavelli, Hobbes beziehungsweise Weber und Nietzsche, um nur einige zu nennen. Doch nicht nur in der westlichen Sphäre finden sich realistisch geprägte Ansätze. Bereits der chinesische General und Militärstratege Sun Tsu stellt in seinem Werk „Die Kunst des Krieges“ das Machtelement in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung zwischen Staaten und entwickelte Strategeme, wie sich Herrscher in der direkten Konfrontation mit Gegnern zu verhalten haben. Dies verdeutlicht, weshalb bei einer Referenz auf den Realismus immer der jeweilige Vertreter berücksichtigt werden muss. So ist beispielsweise das Streben nach Macht zwar Kern jedweder realistischer Ansätze, doch gestaltet sich das Verhältnis der Realisten zur Macht in der Ideengeschichte als äußerst „zwiespältig“.7 Das Machtverständnis des klassischen Realismus von Hans J. Morgenthau deckt sich etwa in keiner Weise mit dem von Machiavelli entworfenem Konzept der skrupellosen und instrumentellen Machtanwendung, die einzig dem Fürsten dienlich ist und Stabilität als eines der zentralen Ordnungspolitischen Probleme garantieren sollte. Für diese Hausarbeit soll der klassische Realismus als Analyseinstrument verwendet werden, wie ihn erstmals Hans J. Morgenthau in seinem Werk „Politics Among Nations“ entworfen hat.

2.2. Die Entstehung des politischen Realismus nach Hans J. Morgenthau

In den 1920er Jahren war die internationale Politik und ferner die wissenschaftliche Auseinandersetzung noch angeleitet von Ideen, die maßgeblich durch den Völkerbund vorangetrieben wurden. Doch der damit angestrebte Universalismus sowie Multilateralismus sah sich in den 1930er Jahren zunehmend mit dem Aufkommen faschistischer Regime und einer damit verstärkten Rolle nationalorientierter Kräfte konfrontiert, die das außenpolitische Handeln in einem höheren Maße dominierten.8 Daraus ergab sich auch die zentrale Forderung, den Staat wieder stärker zu berücksichtigen und die Paradigma des „Idealismus“9 vom guten und vernunftbegabten Menschen mit dem verbundenem Anspruch der universellen Gültigkeit von völkerrechtlichen und moralischen Gesichtspunkten trat zunehmend in den Hintergrund. Das zu jenem Zeitpunkt wahrgenommene Scheitern idealistischer Grundsätze in den internationalen Beziehungen korrespondiert eng mit der Biografie führender Begründer des Realismus, die zum Teil selbst ihren Weg als „Idealisten“ begannen, „sich dann aber den ‚Realitäten’ der Machtpolitik beugten“10 und dem „Idealismus“ vor dem Hintergrund der historischen Wirklichkeit eine gewisse Machtblindheit vorwarfen. Diese enge Verzahnung von historischen Begebenheiten und wissenschaftlichem Theoriespektrum, wie sie im zweiten Kapitel bereits aufgezeigt wurde, findet sich schließlich auch in der Konzeption des Realismus von Hans J. Morgenthau wieder.

Der US-amerikanische Politikwissenschaftler und Jurist, der als jüdischer Emigrant deutscher Abstammung bis zu seinem Tod in den USA lebte, war allein durch seine Biographie und das Zeitgeschehen in hohem Maße beeinflusst. Sein Werk „Politics among Nations“ speist sich in erster Linie aus einer Kritik am „Idealismus“. Oberstes Ziel war die Entwicklung einer rationalen Theorie der internationalen Politik, die nach Ansicht Morgenthaus nicht von ideologischem Denken determiniert war.11

Morgenthau war der Meinung, dass es vorrangig Ideologien seien, welche die Überwindung der Rolle von Macht in der internationalen Politik vortäusche. Zentrales Paradigma zur Erreichung staatlicher Ziele sei jedoch einzig und allein die Kategorie der Macht.12

Morgenthau war daher äußert skeptisch gegenüber dem historischen Optimismus und wendete sich explizit gegen teleologische Sichtweisen, stuft sie gar als gefährlich ein und betont die Selbstentwicklungsfähigkeit von Gesellschaften. Bedingt durch seine eigene Biographie, sollten diese Aspekte daher beim Verständnis und der Anwendung seiner bis in die Gegenwart wirkende Theorie des Realismus berücksichtigt werden.

2.3 Darstellung des Realismus Morgenthaus anhand von sechs Grundsätzen

In der zweiten Auflage des Werkes „Politics among Nations“ stellt Hans J. Morgenthau sechs Grundsätze des politischen Realismus dar, die aufgrund des knappen Rahmens dieser Hausarbeit, einen ersten guten Überblick über seine Konzeptionen geben. Auch werden im Folgenden Abgrenzungen zur Theorie des „Idealismus“ vorgenommen, da der US-amerikanische Politikwissenschaftler sich mit seiner Theorie explizit auf diese bezieht.

2.3.1 Objectivity of the laws of politics

Der Realismus geht davon aus, dass objektive soziale Gesetze in der Politik existieren. Die sozialen Gesetze haben ihre Wurzeln in der menschlichen Natur.13 Aus dieser Annahme resultiert für Morgenthau die Möglichkeit, eine rationale Theorie zu entwickeln, „that reflects, however imperfectly and one-sidedly, these objective laws“.14 Nur unter Berücksichtigung der objektiven Gesetze ließe sich ein politisches Scheitern verhindern und gesellschaftliche Realität verbessern. Die bereits angesprochene Verzahnung von Geschichte und politischer Handlung (beziehungsweise Theorie) kommt Morgenthau mit der Empfehlung nach, sich selbst in die „position of a statesman“ hineinzuversetzen, „who must meet a certain problem of foreign policy under certain circumstances“.15 Bei Berücksichtigung der Geschichte könne sich der Betrachtende selbst fragen, welche Alternativen dem jeweiligen Staatsmann offen gestanden hätten. Dabei gilt es, die menschliche Natur und die damit verbundenen objektiven Gesetze und außenpolitische Realitäten in die Entscheidung einfließen zu lassen.

2.3.2 Interest defined in terms of power

Die Kategorie der Macht und des Interesses gelten als zentrale Kernpunkte der realistischen Theorie. „We assume that statesmen think and act in terms of interest defined as power, and the evidence of history bears that assumption out“16, so Morgenthau. Der im Sinne von Macht verstandene Begriff des Interesses führe so zu einer rationalen Perspektive in Bezug auf die, bei erster Betrachtung, vermeintlich unterschiedliche Außenpolitik verschiedener Staaten.

[...]


1 Vgl. Zit. nach Spiegel Online (2012): 50 Jahre Kuba Krise. Diese Fotos führten fast zum dritten Weltkrieg. Online verfügbar unter http://www.spiegel.de/einestages/kuba-krise-aufklaerungsbilder-schockieren-die-welt-a- 947760.html, zuletzt geprüft am 01.10.2015.

2 Vgl. Schieder, Siegfried; Spindler, Manuela (2010): Theorien in der Lehre von den internationalen Beziehungen. In: Schieder, Siegfried; Spindler, Manuela (Hg.): Theorien der Internationalen Beziehungen. 3. Auflage. Opladen: Barbara Budrich, S. 11.

3 Vgl. Kaplan, Morton A. (1966): The New Great Debate. Traditionalism vs. Science in International Relations. In: World Politics, Vol. 19, No. 1, S. 20.

4 Vgl. Schieder, Siegfried; Spindler, Manuela (2010), S.13.

5 Erwähnt seien hier beispielsweise die Arbeiten von Amitav Acharya und Barry Buzan, mit dem Versuch eine spezifisch asiatische Perspektive in den Internationalen Beziehungen zu manifestieren.

6 Vgl. Waever, Ole (1996): The rise and fall of the inter-paradigm debate. In: Booth, Ken; Smith, Steve; Zalewski, Marysia (Hg.): International theory: positivism and beyond. Cambridge: University Press, S.155.

7 Vgl. Krell, Gert (2012): Theorien in den Internationalen Beziehungen. In: Staack, Michael (Hrsg.): Einführung in die Internationale Politik. 5. Auflage. Oldenbourg: Wissenschaftsverlag, S.38.

8 Vgl. Lemkuhl, Ursula (2001): Theorien Internationaler Politik. Dritte Auflage. Oldenbourg: Wissenschaftsverlag, S. 71.

9 Der Begriff „Idealismus“ intendiert eine Geringschätzung des zu jenem Zeitpunkt vorherrschenden Konsenses in den Internationalen Beziehungen und wird aus diesem Grund in Anführungszeichen verwendet. In der wissenschaftlichen Literatur wird dieser Umstand jedoch zumeist außer Acht gelassen.

10 Vgl. Krell, Gert (2012), S.38.

11 Vgl. Jacobs, Andreas (2010): Realismus. In: Schieder, Siegfried; Spindler, Manuela (Hg.): Theorien der Internationalen Beziehungen. 3. Auflage. Opladen: Barbara Budrich, S.45.

12 ebd.

13 Vgl. Morgenthau, Hans J. (1978): Politics Among Nations. Fifth Edition. New York: Knopf, S.4.

14 ebd.

15 Morgenthau, Hans J. (1978), S.5.

16 ebd.

Details

Seiten
25
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668980914
ISBN (Buch)
9783668980921
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v491982
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,7
Schlagworte
internationale politik realismus neorealismus waltz morgenthau kuba krise kuba konstruktivismus kenneth waltz

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Titel: Die Kuba Krise 1962