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Die Vergreisung in Deutschland Ursachen und ökonomische Folgen

Seminararbeit 2016 22 Seiten

VWL - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Ursachen
2.1. Der Traum des längeren Lebens
2.2. Es fehlt an Kindern
2.2.1. Opportunitätskosten von Kindern
2.2.2. Mangel an Kindereinrichtungen
2.2.3. Steuerlicher Nachteil durch Kinder
2.2.4. Bewusstseinsänderung gegenüber Kindern
2.3. Das gesetzliche Rentensystem

3. Ökonomische Folgen der Vergreisung
3.1. Der Arbeitsmarkt
3.2. Die Arbeitsproduktivität und der technische Fortschritt
3.3. Das gesetzliche Rentensystem
3.4. Der Konsum

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

6. Internetquellen

1. Einleitung

Jedes Jahr erscheint die sogenannte „Rote Liste“ der Weltnaturschutzunion (IUCN), sie listet alle Tiere und Pflanzen, die vor dem Aussterben bedroht sind. Dieses Jahr stufte die Liste rund 24.000 Tier- und Pflanzenarten als gefährdet ein und 83.000 als bedroht. Mit jedem neuen Jahr kommen immer mehr Arten auf diese Liste, eine Kettenreaktion ist somit vorprogrammiert, und am Ende dieser Liste steht der Mensch.1 Würde diese Liste auch Bevölkerungen eines Landes aufnehmen, so könnten sich einige Länder darauf wiederfinden. Deutschlands Bevölkerung sinkt jedes Jahr um etwa 0,8%, dies scheint keine große Zahl zu sein, doch auf lange Zeit betrachtet verliert Deutschland dadurch um die 200.000 Bewohner pro Jahr. Sollte deshalb die deutsche Bevölkerung mit auf die Liste für bedrohte Lebewesen? Nein natürlich nicht, denn schließlich sind wir ja keine Tiere. Doch leider bleibt es Fakt, Deutschland erlebt einen Bevölkerungsrückgang und seine übrige Bevölkerung wird im Durchschnitt immer viel älter im Vergleich zu anderen europäischen Staaten. In einigen Jahren werden wir in dem ältesten Land der OECD2 leben. Dieses Phänomen wird in der Wissenschaft als demographischer Wandel bzw. Vergreisung bezeichnet, dabei wird mit dem Begriff „Demographischer Wandel“ die Veränderung der Zusammensetzung der Alters- und Größenstruktur einer Gesellschaft beschrieben. Die Entwicklung wird dabei von drei Faktoren beeinflusst: der Geburtenrate, der Lebenserwartung und dem Wanderungssaldo.3 Das Thema der Vergreisung verdient große Aufmerksamkeit, denn für Deutschland steht eine Menge auf dem Spiel, nicht nur schrumpft die Zahl seiner Bewohner, sondern auch andere Bereiche wie der Politik, Sozialwesen und Wirtschaft sind schon jetzt betroffen. Wie es die Forschungsfrage schon vermuten lässt, wird der Schwerpunkt dieser Arbeit auf die Ursachen und ökonomischen Folgen der Vergreisung in Deutschland gelegt. Die Ursachen sind elementar und ohne eine Ausführung dieser würde der Leser nur schwer das wahre Ausmaß begreifen und ein Teil der Konsequenzen nicht verstehen. Die Folgen sind auf das Ökonomische gehalten, da diese Arbeit durch das wirtschaftliche Institut begleitet wird, doch trotzdem sollte der Leser nicht vergessen, weitreichend noch viele andere Bereiche bedroht sind. Der Hauptteil gliedert sich in zwei Kapitel mit jeweils drei bzw. vier Unterkapiteln. Zuerst werden die Ursachen ermittelt mit einem Blick auf die Tatsache, dass nicht nur allein in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern dieser Welt die Menschen immer älter werden. Es folgt die Beantwortung der Frage, wieso es in Deutschland eine derartig schwache Geburtenrate gibt. Abgeschlossen wird mit dem gesetzlichen Rentensystem. Das darauffolgende Kapitel behandelt als Erstes den deutschen. Danach folgen die Veränderungen für Arbeitsproduktivität und Fortschritt. Darauffolgend wird das gesetzliche Rentensystem besprochen, bevor als Letztes der Konsum unter die Lupe genommen wird.

2. Ursachen

2.1. Der Traum des längeren Lebens

Die Bundesrepublik Deutschland gehört zu den meist entwickelten und wohlhabendsten Ländern dieser Welt. Der Human Development Index (HDI; deutsch: Index für menschliche Entwicklung), des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen, listete Deutschland 2015 auf den 6. Platz, hinter Norwegen, Australien und der Schweiz. Steigender Wohlstand und medizinischer Fortschritt ermöglichen uns längeres Leben. Der internationale Vergleich zeigt deutlich, dass Menschen in entwickelten und wohlhabenden Ländern am ältesten werden. Alleine in Deutschland konnte das Lebensalter der Männer und Frauen, welches aktuell bei durchschnittlich 81 Jahren liegt, von 1850 ausgehend, fast verdoppelt werden.

Abbildung 1: Lebenserwartung in Deutschland 1900-2030

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Abbildung in Anlehnung an Sachverständigenrat Wirtschaft (2016).

Einige Faktoren, wie z.B. ein gut ausgebautes Gesundheitssystem spielen dabei eine wichtige Rolle. Oftmals ist seine Entwicklung abhängig von dem Wohlstand des jeweiligen Landes. Umso reicher ein ist desto mehr stehen dem Land finanzielle Mittel zur Verfügung, um die medizinische Infrastruktur auszubauen, die Behandlung und Erforschung von Krankheiten anzutreiben und für gesundheitliche Aufklärung und Prävention zu sorgen. Ein hoher Wohlstand zeugt zugleich von politischer und sozialer Stabilität: Bürgerkriege, Seuchen oder Hungersnöte, die in Entwicklungsländern die durchschnittliche Lebenserwartung nach unten drücken, sind selten.4 Doch auch andere Faktoren haben in den letzten Jahrzehnten dafür gesorgt, dass die Menschen hierzulande, aber auch anderswo in der Welt viel älter werden als noch ihre Urgroßeltern. Zum Beginn der Industrialisierung5 waren die Arbeiter großen Strapazen ausgeliefert. Es gab keine geregelten Arbeitszeiten, kein Wochenende und oftmals nur eine sehr schlechte Nahrungsversorgung, dementsprechend wurde der Körper extrem beansprucht. Ein früher Tod war die Folge. Doch mit der Zeit verlagerte sich die Arbeit in den Dienstleistungssektor. Viele der damaligen gefährlichen und harten Jobs fielen weg, außerdem wurde der Arbeitsschutz weiterentwickelt. Eine gesündere Lebensweise hat auch ihren Anteil daran, dass die Deutschen heutzutage ein längeres Leben führen. Der Obst- und Gemüseverbrauch hat sich seit 1935 fast verdoppelt, gleichzeitig ist der Fleisch- und Alkoholkonsum, binnen 25 Jahren deutlich gesunken. Der Rückgang von Rauchern und der Zuwachs betriebenen Sports, führen umso mehr zu einem gesünderen und längeren Leben. Zuletzt spielt auch die bessere soziale Fürsorge eine wichtige Rolle. Deutschland, als der Erfinder des Versicherungsschutzes besitzt bis heute ein gut funktionierendes und flächendeckendes Fürsorgesystem, welches für das Existenzminimum sorgt und zugleich vor Armut und Elend schützt.

Die aufgeführten Faktoren führen letztlich dazu, dass die deutsche Bevölkerung in besseren Umständen leben kann, im Vergleich zu anderen Ländern dieser Welt. Doch selbst, wenn in Deutschland es nicht die größte Lebenserwartung gibt, stellt es dennoch ein Problem dar, worauf im zweiten Kapitel im Detail eingegangen wird. Es hat die Folge, dass ältere Personen länger „abbezahlt“ werden müssen, aber dafür fehlen immer mehr die Geldgeber. 1962 finanzierten noch 6 Beitragszahler 1 Bezieher der Altersrente. 2016 steht es nur noch 1:2, Tendenz fallend. Doch wieso tun sich die Deutschen so schwer mit dem Nachwuchs? Ist es nicht mehr zeitgemäß Kinder zu bekommen? Was erklärt den momentanen Tiefstand der Geburten in Deutschland?

2.2. Es fehlt an Kindern

Kinder sind in vielen Augen etwas Wunderbares, denn sie bieten einem Freunde und ganz erheblichen Nutzen. Do wie auch so manch anderes Produkt im Haushalt verschlingt es, während seines Produktionsprozesses Ressourcen und Aufwendungen. Es gibt andererseits seinen Eltern viel wieder, wie zum Beispiel das Gefühl geachtet und gebraucht zu werden, aber auch die Hoffnung im Alter nicht allein gelassen zu werden. Früher, als es noch keinen ausgebildeten Markt für Wertpapiere und Versicherungswesen gab, waren die Kinder ein Mittel der Alterssicherung. Die Eltern investierten in die Nahrung und Kleidung der Kinder, um im Alter durch sie versorgt zu werden.6 Außerdem waren sie früher auf den Bauernhöfen eine wichtige Quelle von Arbeitskraft, da die Kinderarbeit weniger teuer war als mechanisierte. Doch vor allem die europäischen Staaten entwickelten und industrialisierten sich weiter, Kinder verloren ihr Nutzen und die Menschen bevorzugten immer mehr eine unpersönliche Finanzierung ihrer Pensionen. Bis heute noch wiegen Familien zwischen Kosten und Nutzen eines Kindes ab, und entscheiden darauf grundlegend ab. Mit den heutigen Verhütungsmitteln ist dies auch kein Problem mehr, denn es ermöglicht den Kinderwunsch besser planen zu können.

2.2.1. Opportunitätskosten von Kindern

Nach einem Bericht des statistischen Bundesamtes liegen die Kinderkosten bis zur Volljährigkeit eines Kindes bei 126.000€.7 Aber auch die Zeit, die man für ein Kind aufbraucht, muss beachtet werden. Der Mutter und dem Vater entstehen dadurch eine Menge Opportunitätskosten, diese ist der Nutzenentgang, der bei mehreren Alternativen durch die Entscheidung für die eine und gegen die andere Möglichkeit entsteht. Unter Opportunitätskosten von Kindern versteht man somit die Menge an Geld, die einem entgeht, wenn man sich für ein Kind/er entscheidet.8 Der Verlust der Kosten hängt zuerst einmal davon ab, ob sich der Mann oder die Frau, um das Kind kümmert, denn bis heute verdient ein Mann, für dieselbe Art von Arbeit, durchschnittlich mehr als eine Frau. Es wird in diesem Beispiel angenommen, dass sich die Frau um das Kind kümmert. Der Abschluss der Mutter spielt eine große Rolle, denn umso höher der Abschluss, desto höher ist auch das Gehalt. Wenn also die Frau einen Universitätsabschluss besitzt, wird sie mehr Opportunitätskosten haben, als eine Frau mit einer einfachen Lehre. Ferner hat der Abschluss die Auswirkung, dass Frauen mit einem höheren Abschluss in der Regel viel später Kinder bekommen, als Frauen mit einem niedrigeren Diplom, denn ein Universitätsabschluss beansprucht heutzutage 4-5 Jahre. Aber nicht nur der Abschluss spielt eine wichtige Rolle, sondern auch die Phasen des Kindes.9 Am stärksten ist der Verdienstverlust der Frauen, wenn das Kind noch sehr klein ist, der Einkommensrückstand gegenüber kinderlosen Frauen, bedingt durch die geringen Beschäftigungszeiten, liegt bei knapp 76%. Dieser Verdienstrückgang während der ersten Lebensjahre des Kindes reduziert sich zwar mit zunehmendem Alter, kann allerdings langfristig nicht mehr aufgeholt werden. Selbst wenn das Kind bereits 24 Jahre alt ist, beträgt der durchschnittliche Verdienstrückstand, seit der Geburt des Kindes, im Vergleich zu gleich gut qualifizierten und gleichaltrigen kinderlosen Frauen noch bei rund 42% pro Jahr. Besonders massiv ist dabei der relative Verdienstentgang von Frauen, welche die gesamte Zeit hinweg aus dem Berufsleben ausgeschieden sind, dies trifft ab einem Alter des Kindes von 3 bis 15 Jahren auf rund 8% der Frauen zu, für Kinder ab 16 Jahren noch für 4% der Frauen.10 Addiert man die Summe dieses Verdienstentgangs bis zu einem bestimmten Alter des Kindes, so wird das Ausmaß des Einkommensrückstands besonders deutlich. Bis zu einem Alter von 17 Jahren steigt der Verdienstausfall auf rund 106.600€, bei nicht berufstätigen Frauen sogar auf rund 223.600€.11 Frauen die sich entschließen mehr als ein Kind zu bekommen haben natürlich einen noch höheren Verdienstausfall, als eine Familie mit nur einem Kind.

2.2.2. Mangel an Kindereinrichtungen

Ein weiterer Hauptgrund, wieso sich Paare oft gegen Kinder entscheiden ist, weil es zu wenige konkrete Politikmaßnahmen für Familien gibt. Das Fehlen von Kindergärten, Vorschuleinrichtungen und Ganztagsschulen bedeutet einen erheblichen Einkommensverzicht der Frauen bzw. Männer. Im europäischen Kindereinrichtungsvergleich befindet sich Deutschland, als Erfinder der Kindergärten auf Platz 7, zwischen Großbritannien und Schweden (siehe Abbildung 2).

Abbildung 2: Besuch von Kindergärten und Vorschuleinrichtungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Abbildung in Anlehnung an OECD (2002).

Während 100% der französischen Kinder im Alter von 3-5 Jahren mit Plätzen versorgt sind, sind es in Deutschland nur 73%.12 Noch deutlicher sind die Unterschiede bei den Ganztagsschulen. Es gibt kaum noch Länder mit Halbtagsschulen, wie sie in manchen Teilen Deutschlands noch üblich ist. Die Ganztagsschule ist in den meisten OECD-Ländern die Regel. Somit werden in Deutschland junge Frauen vor die schwierige Entscheidung gestellt, entweder ihren Beruf voll auszuüben oder ihrer Kinder großzuziehen. Oftmals fällt die Entscheidung gegen die Kinder aus.13

2.2.3. Steuerlicher Nachteil durch Kinder

Auch in steuerlicher Hinsicht wird in Deutschland wenig betrieben, um den Anreiz für Kinder zu erhöhen. Während es in Deutschland für alle Kinder einen einheitlichen Kinderfreibetrag gibt, der erst dann zur Anwendung kommt, wenn seine Entlastungswirkung höher ist als das alternativ gezahlte Kindergeld, gibt es in Frankreich ein sogenanntes Familiensplitting, dass die Steuerbelastung auf eine ähnliche Weise reduziert, wie es in Deutschland beim Splitting von Ehepartnern der Fall ist, wenn diese unterschiedliche Einkommen verdienen. Insbesondere für die bürgerliche französische Mittelschicht sind diese Steuervorteile ein großer Anreiz, Kinder zu bekommen. In Deutschland wiederspricht ein solches System aber der Vorstellung, dass die steuerliche Leistungsfähigkeit von der Kinderzahl unabhängig ist. Das Gebot der Gerechtigkeit sieht vor, dass der Staat die Kindererziehung mit gleichen Geldbeträgen bezuschusst.14 Doch das französische System ist nicht nur auf das Familiensplitting beschränkt, sondern kennt noch weitere finanzielle Anreize, wie z.B. das progressiv nach der Kinderzahl gestaffelte Kindergeld. Dieses Anreizsystem ist nicht sonderlich stark beim ersten Kind, dafür aber umso mehr beim zweiten bzw. dritten Kind. Das hat den Vorteil, dass die Eltern, wenn sie sich für Kinder entscheiden, nicht nur bei einem Kind bleiben, sondern auch Anreize haben, weitere zu bekommen. Wie stark die Fertilitätsentwicklung von ökonomischen Anreizen bestimmt wird, zeigt ein Blick auf die Geburtenentwicklung im Saarland vor und nach dem Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland 1957, sowie der DDR nach Einführung eines umfangreichen Programms zur Erhöhung der Fertilitätsanreize im Jahr 1972.

Abbildung 3: Fertilitätsraten von 1950-2015

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Statistisches Bundesamt (2002), S.194.

Nach dem 2. Weltkrieg stand das Saarland zunächst unter französischer Verwaltung, dadurch waren die Geburtenraten bis zu diesem Zeitpunkt auf dem vergleichsweise hohen französischen Niveau. Doch nach dem Beitritt zur BRD fiel sie deutlich ab und passte sich dem bundesrepublikanischen Durchschnitt in den Folgejahren mehr und mehr an. Die DDR schaffte es die Geburtenrate durch Stärkung der Rechte der Mütter zu erhöhen. Es gab eine Verbesserung des Angebots an Betreuungsmöglichkeiten für Kinder ab dem Krippenalter und eine Erhöhung der finanziellen Beihilfen für junge Familien. Dieses Programm hatte eine durchschlagende Wirkung, denn während die Fertilitätsentwicklung in West- und Ostdeutschland bis etwa 1972 sehr ähnlich verlief, zeigt die Grafik deutlich, dass mit dem Beginn des Programms ein sehr eindeutiger Anstieg der Geburtenrate stattfindet. Beiliegend ist zu erwähnen, dass sowohl die Geburtenrate des Saarlandes als auch die der neuen Bundesländer nach dem Beitritt zur Bundesrepublik zunächst sehr deutlich unter das bundesrepublikanische System fielen, dies mag daran gelegen haben, dass die jeweilige Angliederung bei den Betroffenen ein stärkeres Problembewusstsein schuf und somit das Reproduktionsverhalten gehemmt wurde.15

2.2.4. Bewusstseinsänderung gegenüber Kindern

Doch sind die Ursachen für eine niedrige Geburtenrate in Deutschland nicht nur dem Mangel an staatlichen Anreizen geschuldet, sondern auch wegen der Bewusstseinsänderung gegenüber Familiengründung und Kinder. Früher galten Kinder als ein Zeichen von Reichtum und Wohlstand. Jeder strebte den Familienstand an, und wer Kinder hatte, musste sich um seine Rente keine Sorge mehr machen. Heute sind Kinder in Deutschland zum Störfaktor geworden. Sie kosten Geld, schränken die Konsumfreiheit ein und führen zum sozialen Abstieg. Das Singledasein wird zum Normalfall und lockere Partnerschaften ersetzen die Ehe. Die DINK-Familie ist noch populärer. „Double income, no kids“ ist die Devise für eine zunehmende Zahl junger Paare, schließlich lebt es sich besser mit zwei Einkommen und keinem Kind, anstatt drei Kindern und einem Einkommen.16

2.3. Das gesetzliche Rentensystem

Das Rentensystem gehört, wie auch andere Versicherungszweige zum deutschen Sozialversicherungssystem, welches ein wichtiges Instrument staatlicher Sozialpolitik ist. Durch gesetzlich geregelte Einrichtungen wird eine Vielzahl der Bevölkerung gegen Schäden gesichert, die die Existenzgrundlage des Einzelnen und der Gemeinschaft beeinträchtigen könnten.17 Deutschland, welches als erstes Land eine umfassende staatliche Rentenversicherung einführte, gehört heute zu den Ländern mit der niedrigsten Geburtenrate. Viele Generationen von Deutschen haben seit 1889 die Erfahrung gemacht, dass man auch ohne eigene Kinder im Alter zurechtkommt, und so wurde dieses Lebensmuster immer mehr nachgeahmt. Der Zusammenhang zwischen Kinderlosigkeit und Rentenversicherung ist unter dem Stichwort “Social Security Hypothesis” in der Literatur ausgiebig behandelt. Die Wissenschaftler Ehrlich und Chong (1998) sowie John Kim (2007) haben in Studien, die 57 Länder umfassten, nachweisen können, dass die Einführung und der Ausbau umlagefinanzierter Rentensysteme im Zeitraum von 1960 bis 1992 einen signifikanten negativen Einfluss auf Familienbildung und Geburtenziffer hatten.18 Die Fehlanreize des Rentensystems auf das Geburtenverhalten lassen sich besser aufzeigen, wenn der fiskalische Vorteil eines neugeborenen Kindes dargestellt wird. Geht man davon aus, dass ein Kind im Lebenszyklus eine durchschnittliche Erwerbsbiografie aufweist und bis zum eigenen Rentenalter die vorgeschriebenen Beiträge zahlt, kommt man nach heutiger Rechnung auf einem Betrag von ungefähr 100.000€. Ein Kind kostet dem Staat dagegen für Hilfen bei der Kindererziehung und freier Schulausbildung 39.000€, ohne Berücksichtigung auf Kindererziehungskosten durch Steuern, welche die Eltern zahlen. Auch bleibt unberücksichtigt, dass Kinder nicht nur die Rentenversicherung mitfinanzieren, sondern auch Staatsausgaben wie Polizei, Justiz und öffentliche Infrastruktur, welche Kinderlose ebenfalls nutzen. Schaut man sich nun die zusätzlichen Rentenansprüche einer Mutter an, erkennt man, dass sie nur ein Bruchteil von dem bekommt, was ein Kind dem Staat beiträgt. Wenn also eine Frau ihr Kind mit 25 Jahren bekommt, bis 65 Jahren arbeitet, dann in Rente geht, mit 70 Jahren Witwe wird und mit 80 Jahren stirbt, bekommt sie einen Gegenwartswert von etwa 11.000€. Das sind gerade einmal 11% dessen, was das Kind an finanziellen Vorteilen für die Rentenversicherung beisteuert. Die zusätzlichen Rentenansprüche für Mütter sind somit nicht im Verhältnis, zu dem was ein Kind dem Staat beiträgt.

[...]


1 http://www.wwf.de/themen-projekte/weitere-artenschutzthemen/rote-liste-gefaehrdeter-arten

(Stand: 30.09.2016).

2 Organisation for Economic, Co-operation and Development.

3 http://www.foerderland.de/managen/personal/talent-management/demographischer-wandel

(Stand: 30.09.2016)

4 http://www.7jahrelaenger.de/7-gruende-warum-wir-immer-aelter-werden (Stand: 30.09.2016).

5 Beginn in England: Anfang des 18. Jahrhunderts. Deutschland ab !9. Jahrhundert.

6 McKenzie, Richard B.; Tullock, Gordon; Albert, Hans (1984): Homo oeconomicus. Ökonomische Dimensionen des Alltags. Frankfurt/Main, S.144.

7 http://www.wiwo.de/finanzen/geldanlage/familienplanung-ein-kind-kostet-126-000-euro/10615740.html

(Stand: 30.09.2016).

8 http://www.gerechtigkeit-fuer-familien.de/start/begriffe_abkuerzungen.html (Stand: 30.09.2016).

9 Im folgenden Beispiel wird davon ausgegangen, dass die Frau 1 Kind besitzt.

10 GUGER, Alois; BUCHEGGER, Reiner (2003): Schätzung der direkten und indirekten Kinderkosten. Hg. v. Bundesministerium für soziale Sicherheit Generationen und Konsumentenschutz. Wien, S.98.

11 GUGER, Alois; BUCHEGGER, Reiner (2003): Schätzung der direkten und indirekten Kinderkosten. Hg. v. Bundesministerium für soziale Sicherheit Generationen und Konsumentenschutz. Wien, S.99.

12 SINN, Hans-Werner (2004): Ist Deutschland noch zu retten? 8. aktualisierte Aufl. Berlin, S.383.

13 SINN, Hans-Werner (2004): Ist Deutschland noch zu retten? 8. aktualisierte Aufl. Berlin, S.385.

14 SINN, Hans-Werner (2004): Ist Deutschland noch zu retten? 8. aktualisierte Aufl. Berlin, S.386.

15 BIRG, Herwig (2005): Auswirkungen der demographischen Alterung und der Bevölkerungsschrumpfung auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft. Plenarvorträge der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Demographie an der Universität Bielefeld, 2004. Münster, S.68-69.

16 SINN, Hans-Werner (2004): Ist Deutschland noch zu retten? 8. aktualisierte Aufl. Berlin, S.345.

17 http://www.wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/sozialversicherung.html (Stand: 30.09.2016).

18 SINN, Hans-Werner (2004): Ist Deutschland noch zu retten? 8. aktualisierte Aufl. Berlin, S.374.

Details

Seiten
22
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668983496
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v492358
Institution / Hochschule
Universität der Bundeswehr München, Neubiberg
Note
2,0
Schlagworte
vergreisung deutschland ursachen folgen

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Titel: Die Vergreisung in Deutschland Ursachen und ökonomische Folgen