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Geschwisterliebe. Analyse einer unaussprechlichen Beziehung in Musils Romanprojekt "Der Mann ohne Eigenschaften"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2019 32 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Unsagbarkeit als Erzählproblem: Inzesttabu und literarisches Inzestmotiv

2. Die Frau ohne Eigenschaften. Einführung der Figur Agathe
2.1 Ulrich vor dem Wiedersehen mit Agathe
2.2 Die vergessene Schwester

3. Agathe und Ulrich: Gemeinsame mystische Entrückung
3.1 Die mystische Forderung nach Eigenschaftslosigkeit
3.2 Mystische Liebeserlebnisse

4. Der Weg in den anderen Zustand
4.1 Heilige Gespräche
4.2 Das Erleben des anderen Zustands

5. Fazit und Ausblick

6. Literaturverzeichnis

Einleitung

Die vorliegende Arbeit behandelt Robert Musils Romanfragment „Der Mann ohne Eigenschaften“, dessen erstes Buch 1930 und zweites Buch 1933 zum ersten Mal herausgegeben wurde. Der Beginn des zweiten Buches behandelt die Beziehung der Geschwister Agathe und Ulrich, welche sich sowohl geistig als auch körperlich in einem Maße einander annähern, dass die Beziehung in der Forschung als inzestuös diskutiert wird. Aufgrund der Tabuisierung von Inzest erscheint das Verhältnis der Geschwister damit als ein Unaussprechliches, woraus ein Erzählproblem resultiert. Diese Arbeit behandelt die Frage, wie die Inzestthematik trotz des gesellschaftlichen Tabus literarisch verarbeitet wird.

Die These lautet, dass die Konzeption der Figuren Ulrich und Agathe, ihre jeweilige geistige Entwicklung bis zum Zeitpunkt ihres Wiedersehens und die Auseinandersetzung mit Mystik als Faktoren die Inszenierung eines anderen Zustandes ermöglichen, in welchem die Geschwister ihre Beziehung fernab gesellschaftlicher Normvorstellungen denken und entwickeln können. Der Agathe-Ulrich-Themenkomplex geht über den zu Lebzeiten des Autors veröffentlichten Text hinaus und zieht sich weit durch den post mortem herausgebrachten Nachlass. Aufgrund des Textumfangs und der hohen Anzahl ausgiebiger Untersuchungen zur Geschwisterbeziehung im „Mann ohne Eigenschaften“ muss auf eine ausführliche Gesamtinterpretation verzichtet werden. Die ersten 12 Kapitel des zweiten Buches stellen in vielerlei Hinsicht eine Zäsur im Text dar, behandeln das Wiedersehen der Geschwister und fungieren als Grundlage für den Weg in den anderen Zustand, weshalb sie den hauptsächlichen Bezugspunkt für die Analyse darstellen. Zur Form des Romans gehört seine Offenheit: Das Formelement Ende fehlt, weshalb viele abschließende Thesen auch in Bezug auf die Entwicklung der Geschwister und ein Erreichen derer des anderen Zustands schwer argumentierbar sind. Ein ausschlaggebendes Nachlasskapitel wird jedoch zum Ende der Arbeit in die Analyse miteinbezogen, um eine Möglichkeit des Fortgangs darzustellen.

Um das Erzählproblem herzuleiten, erfolgt in Kapitel 1 eine Klärung der Begrifflichkeiten im Themenfeld von Inzest als gesellschaftliches Tabu und literarisches Motiv. Die Inszenierung der Beziehung des Protagonisten Ulrich mit seiner Schwester Agathe erfolgt im Romanfragment „der Mann ohne Eigenschaften“ mittels des anderen Zustands, der einen Raum beschreibt, in welchem Liebe abseits der gesellschaftlichen Norm gedacht werden kann.

Für die Beantwortung der Forschungsfrage gilt es, die Voraussetzungen herauszuarbeiten, welche die beiden Figuren Agathe und Ulrich mit ihrem jeweiligen Lebens- und Geisteszustand vor ihrer Begegnung mit sich bringen und die den Weg in den anderen Zustand vorbereiten. Zu diesem Zweck werden in Kapitel 2 diejenigen Wesenszüge der Charaktere, die relevant für die Beeinflussung durch den jeweils anderen und die gemeinsame Entwicklung sind, herausgearbeitet. Der andere Zustand kann als mystisches Erlebnis klassifiziert werden, für dessen Beschreibung sich sowohl der Erzähler als auch die Romanfigur Ulrich einiger mystischer Erzeugnisse als Quelle bedient. Als eine der Voraussetzungen für das mystische Erleben gilt die innerliche und äußerlich Befreiung von jeglicher Bindung an die Welt, welche als Eigenschaftslosigkeit bezeichnet werden kann. Kapitel 2 zeigt Eigenschaftslosigkeit als einen der Grundzüge sowohl Agathes als auch Ulrichs auf, was als Basis für eine Analyse das anderen Zustands im mystischen Rahmen fungiert.

Kapitel 3 stellt Agathe und Ulrich in den Kontext von Mystik. Es wird zunächst eine Verbindung zwischen dem zuvor erarbeiteten Möglichkeitssinn und dem Utopiebegriff Ulrichs mit der Fragestellung dieser Arbeit hergestellt, um Mystik als Strategie zur Lösung des Erzählproblems einzuführen. Eine theoretische Herleitung des Mystikbegriffs erlaubt die Verknüpfung mit der zuvor herausgearbeiteten Eigenschaftslosigkeit als grundlegenden Wesenszug Agathes und Ulrichs, welcher sowohl eine Gemeinsamkeit der beiden Charaktere darstellt als auch sie voneinander differenziert. Damit sind die charakterinternen und mystisch-theoretischen Vorbereitungen für den Weg in den anderen Zustand abgeschlossen.

In Kapitel 4 werden die heiligen Gespräche zwischen Agathe und Ulrich als relevante Szene analysiert, in welcher die sich zwischen den beiden Charakteren entwickelnde Dynamik und die Reflexionen über Moral dazu führen, dass der Weg in den anderen Zustand tatsächlich beschritten werden kann. Wie oben erwähnt hat diese Arbeit nicht zum Ziel, zu diskutieren, inwiefern die Geschwister den anderen Zustand erreichen. Es geht vielmehr um die Konzeption der Möglichkeit, trotz der Tabuisierung von Inzest textuell eine Beziehung darzustellen, welche von inzestuöser Natur ist. Diese Möglichkeit wird nicht einfach durchgeführt, sondern innerhalb des Romans selbst entwickelt und erschlossen. Ziel der Arbeit ist es, die Voraussetzungen herauszuarbeiten, welche die Konzeption des anderen Zustands als Möglichkeitsraum für die Entwicklung der Geschwisterbeziehung erlaubt.

1. Unsagbarkeit als Erzählproblem: Inzesttabu und literarisches Inzestmotiv

Um herzuleiten, worin die Unmöglichkeit und die Unsagbarkeit der Beziehung von Agathe und Ulrich besteht, erfolgt eine kurze Einführung in den Topos des Inzests sowohl als Tabu als auch als literarisches Motiv. Die Thematik des Inzests vereint Liebe, Begehren, Verbot und Überschreitung und kann aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden. Fest in die Forschung eingebunden sind die umfassende Darstellung der Thematik von den Mythen der Antike bis hin zu Modellen und Strukturen im 20. Jahrhundert1, die motivgeschichtliche Aufarbeitung des literarischen Motivs Inzest sowie die Untersuchung psychologischer und anthropologischer Grundfragen2.

Zentrale gesellschaftliche Institutionen wie Familie, Kultur und Staat sind geprägt von einem gesetzlich verankerten Inzestverbot. Trotz – oder aufgrund – seiner Tabuisierung reicht der Versuch, ihn literarisch zu erfassen und darzustellen, bis in die Antike zurück3. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird der Begriff Tabu aktuell für die Referenz auf „verbotene Themen, Bereiche, Dinge benutzt, über die man nicht sprechen kann und die man nicht tut, deren Verbot (Tabuierung, Tabuisierung) aber im Allgemeinen weder rational legitimiert noch funktional begründet ist“4. Beim Versuch, den Begriff theoretisch zu erfassen, verdeutlich sich seine Ambivalenz: So ist sich die Ethnographie nicht einig darüber, ob der aus dem Polynesischen stammende Begriff tapu als ‚heilig‘ oder als ‚unrein‘ zu übersetzen ist5 ; ob nun die durch das Tabu zu erhaltene Reinheit im Mittelpunkt steht oder die Überschreitung dessen und die darauf folgenden Konsequenzen.

Sigmund Freud beschreibt das Tabu als etwas, was undefinierbar und der Erfahrung unzugänglich ist. In der modernen Gesellschaft birgt der Tabubegriff eine weitere Ambivalenz: Einerseits gelten sie als veraltet und überflüssig und sollen abgeschafft werden, andererseits sollen sie zu der Erhaltung verfallender Prinzipien und Moral beitragen. Was alle Perspektiven gemeinsam haben, ist die Prämisse des Sanktions- und Verbotscharakters von Tabus. Tabu und Freiheit stehen sich kontradiktisch gegenüber, wodurch nachvollziehbar wird, dass das Tabu für den Hermeneutiker Paul Ricoeur als „das Anziehende und Gefürchtete zugleich“6 gilt. Das Tabu als Sanktionsmacht lädt ein zum Bruch, der vermeintlich zu Freiheit führt. Häufig wird der Tabubegriff in Bezug auf sexuelle Freiheit oder die Regulierung dieser verwendet. Einerseits sollen Tabus zugunsten menschlicher Selbstverwirklichung überwunden werden, während sie andererseits zur Stärkung der Gesetzlichkeit im Bereich von Sexualstraftaten verlangt und nachdrücklich unterstrichen werden7.

Vor diesem Hintergrund verknüpft Freud den Tabubegriff eng mit der Inzestthematik8.

Die Undeutlichkeit und Ambivalenz des Tabubegriffs spiegelt sich in der narrativen Struktur des Erzählten wider und führt zu der Produktion von Mythen9. Die literarische Darstellung inzestuöser Neigungen bedingt „im Figurenaufbau eine leidenschaftliche Anziehung der Geschlechter im begrenzten Lebensraum der Familie (Mutter-Sohn, Vater-Tochter, Bruder-Schwester) und eine kontrapunktische Handlungsführung, die das gesellschaftliche Tabu mitdenkt“10. Der wohl älteste mythische Stoff, welcher die Inzestthematik bearbeitet, ist die Legende des Ödipus. Sie wurde vielfach aufgearbeitet und niedergeschrieben, wobei das Drama „König Ödipus“ von Sophokles als eine der herausragendsten Arbeiten gilt. Der Stoff, in welchem der Protagonist Ödipus zunächst seinen Vater tötet und sich anschließend in seine Mutter verliebt, wurde zur Grundlage von Freuds psychoanalytischer Aufbereitung des Ödipus-Komplexes, welcher eine Beziehungssituation in der kindlichen Entwicklung beschreibt, in welcher ein Junge mit seinem Vater um die Gunst der Mutter in Rivalität steht. Vom antiken „König Ödipus“ über Schillers „Don Carlos“11 bis hin zum modernen „Homo Faber“12 wird die Inzestthematik immer wieder als literarisches Motiv verarbeitet, während Inzest nach wie vor einem gesellschaftlichen Tabu unterliegt.

Im Roman des 20. Jahrhunderts bedienen sich AutorInnen verschiedener Strategien und Strukturen, um Inzest zu inszenieren, ohne dabei die aus der Tabuisierung hervorgehende Unsagbarkeit zu durchbrechen. Robert Musil setzt in seinem Romanfragment „Der Mann ohne Eigenschaften“ die Inszenierung der Beziehung des Protagonisten Ulrich mit seiner Schwester Agathe mittels eines anderen Zustands um und schafft somit einen Raum, in welchem Liebe abseits der gesellschaftlichen Norm gedacht werden kann.

In der Forschung zu Geschwisterliebe werden die Begriffe Inzest und Liebe meistens synonym verwendet13, was jedoch für eine Analyse der Agathe-Ulrich-Beziehung im „Mann ohne Eigenschaften“ nicht fruchtbar ist. Diese Arbeit verfolgt eine symbolische Betrachtung von Inzest, wobei der reale Inzest mit Blick auf den pathologischen Charakter lediglich eine der möglichen Perspektiven bzw. Erscheinungsformen geschwisterlicher Beziehungen darstellt. Die Liebe zwischen Geschwistern stellt im Gegensatz zum Eltern-Kind-Inzest eine besondere Form der inzestuösen Beziehung dar, bei welcher andere Aspekte betont werden als beispielsweise im „König Ödipus“, wenngleich der Mythos symbolisch dennoch zugrunde liegen kann14. Bruder und Schwester wachsen in der Regel gemeinsam unter elterlicher Obhut auf, befinden sich zumeist in derselben Altersklasse und haben im Gegensatz zu Eltern und Kind dieselbe familiäre Stellung inne. Die geschwisterliche Liebe von Bruder und Schwester zeichnet sich durch die Geschlechterdifferenz15 und die Nähe bei gleichzeitiger Verschiedenheit aus. Wesentlich sind hierbei die in der Kindheit entwickelten Beziehungsmuster, Abhängigkeit und das Verhältnis zu den Eltern16. Das gemeinsame Aufwachsen im familiären Rahmen hat sich in der soziologischen Forschung als etwas herausgestellt, was realen Inzest zwischen Geschwistern eher verhindert. Durch die Tabuisierung verstärkt sich die Differenz der gesellschaftlich geprägten Bilder Schwester und geliebte Frau 17. Die komplexe Beziehung von Agathe und Ulrich im „Mann ohne Eigenschaften“ enthält Aspekte von Liebe, Familie, Körperlichkeit und den abstrakten Versuch der Aufhebung der normalen Welt und ihrer Logik. Die folgende Analyse hat zum Ziel, die Techniken der literarischen Inszenierung dieser Beziehung herauszuarbeiten.

2. Die Frau ohne Eigenschaften. Einführung der Figur Agathe

Sowohl Agathe als auch Ulrich begegnen dem Wiedersehen mit eigenen Erwartungen, welche sich aus ihrem bisherigen Lebensverlauf und geistigem Zustand ergeben. Ulrichs Suche nach dem rechten Leben droht zu scheitern und Agathe empfindet ihr bisheriges

Dasein als unbefriedigend und erhofft sich eine Beendigung dessen. Sie erkennen, dass sie sich einander in Bezug auf ihre Ziele ergänzen können und während ihrer gemeinsamen Zeit verbinden sich ihre individuellen Erwartungen zu dem gemeinsamen Vorhaben, eine Art des Lebens zu ersuchen.

Es gilt zum einen, diejenigen grundlegenden Charakterzüge beider Figuren herauszuarbeiten, welche das Verhältnis der beiden Figuren untereinander besonders beeinflussen. Außerdem soll grundlegend für die Erarbeitung von Mystik Eigenschaftslosigkeit als bildender Faktor des Entwicklungsraums beider Charaktere als sowohl gemeinsamer als auch differenzierender Faktor aufgezeigt werden.

Einer Annahme in der Forschung zufolge stellt Agathe in gewisser Weise das Gegenstück zu ihrem Bruder Ulrich dar. Die Gegensätzlichkeit in Ambivalenz zu der Nähe, welche die beiden Figuren zueinander aufbauen, stellt wiederum einen tragenden Aspekt der geschwisterlichen Beziehung dar. Entgegen früherer Forschung, welche sich bei der Charakterisierung Agathes vornehmlich auf Ulrichs Psyche bezog18, soll Agathe in dieser Arbeit als individuelle Figur des Romans betrachtet werden, um sie anschließend in den Kontext der Geschwisterliebe einzuordnen. Nach einem knappen Blick auf Ulrich als Protagonisten des vorangehenden ersten Buches wird der Beginn des zweiten Buches, welcher die Einführung der Figur Agathe und das Wiedersehen der Geschwister enthält, analysiert. Dabei geht der narrative Stil untrennbar einher mit dem inhaltlichen Entwurf einer Utopie, welche die Vorstufe zum anderen Zustand darstellt, in dem die gemeinsame mystische Entrückung Agathes und Ulrichs ermöglicht wird.

2.1 Ulrich vor dem Wiedersehen mit Agathe

Im Mittelpunkt der Handlung des ersten Buches im „Mann ohne Eigenschaften“ steht der Protagonist Ulrich zu Beginn eines einjährigen „Urlaubs von seinem Leben“19. Eine vollständige Charakterisierung Ulrichs ist im Rahmen dieser Arbeit weder zielführend noch möglich, weshalb ich mich auf den Aspekt von Ulrich als Möglichkeitsmensch beschränke, da dieser unerlässlich für den Vergleich mit Agathe und die Analyse der Beziehung beider Charaktere ist. Ulrichs Suche nach dem rechten Leben kann sich erst mit Agathe vervollständigen, weshalb das vorliegende Kapitel der Darstellung Ulrichs geistiger Lebenslage zum Zeitpunkt des Wiedersehens mit Agathe gewidmet wird. Relevant hierfür ist das Konzept des hypothetischen Lebens. Heranzuziehen sind dafür u. a. die Kapitel 39 („Ein Mann ohne Eigenschaften besteht aus Eigenschaften ohne Mann“, MoE, S. 148) und 40 („Ein Mann mit allen Eigenschaften, aber sie sind ihm gleichgültig […]“, MoE, S.151) des Romanfragments, in welchen Ulrich sich als Mann ohne Eigenschaften bestimmt. Der Begriff der Eigenschaftslosigkeit wird dabei folgendermaßen bestimmt:

Mit wenig Übertreibung durfte er [Ulrich] darum von seinem Leben sagen, daß sich alles darin so vollzogen habe, wie wenn es mehr zueinander gehöre als zu ihm. […] Und so mußte er wohl auch glauben, daß die persönlichen Eigenschaften, die er dabei erwarb, mehr zueinander als zu ihm gehörten, ja jede einzelne von ihnen hatte […] mit ihm nicht inniger zu tun als mit anderen Menschen, die sie auch besitzen mochten (MoE, S. 148).

Es sei „nicht schwer, […] Ulrich in seinen Grundzügen zu beschreiben, auch wenn er von sich selbst nur weiß, daß er es gleich nah und weit zu allen Eigenschaften hätte und daß sie ihm alle […] in einer sonderbaren Weise gleichgültig sind“ (MoE, S. 151). Zu seinen Grundzügen zählen „seelische Beweglichkeit“, „Angriffslust“, „Hochmut“, „Nachlässigkeit“ und Rücksichtslosigkeit“; er sei ein „männlicher Kopf“, der „nicht empfindsam für andere Menschen“ ist und Rechte nicht achtet, „wenn er nicht den achtet, der sie besitzt, und das geschieht selten“ (MoE, S. 151f.). In einem auf diese Beschreibung folgenden Gedankenexperiment, welches hier exemplarisch für die Konkretisierung seines Charakters fungieren soll, lebt Ulrich diese Grundzüge aus. Er denkt sich das Leben als „eine große Versuchsstätte, wo die besten Arten, Mensch zu sein, durchgeprobt“ (MoE, S. 152) werden. Ein jeder hätte Herr über seinen Geist werden sollen; Geist ist allgegenwärtig und wird als das Höchste und Herrschende gelehrt. Am Ende des Gedankenexperiments steht jedoch die Frage, was Geist sei, wenn der Begriff allein dasteht – der Geist der Liebe ohne Liebe, der gebildete Geist ohne Bildung: „Geist […] als nacktes Hauptwort […], - wie ist es dann?“ (MoE, S. 152) Dieses Gedankenexperiment folgt schon methodisch der Versuchsanordnung, welche in einem späteren Kapitel als Utopie definiert wird:

Utopien bedeuten ungefähr so viel wie Möglichkeiten; darin, daß eine Möglichkeit nicht Wirklichkeit ist, drückt sich nichts anderes aus, als daß die Umstände, mit denen sie gegenwärtig verflochten ist, sie daran hindern, denn andernfalls wäre sie ja nur eine Unmöglichkeit; löst man sie nun aus ihrer Bindung und gewährt ihr Entwicklung, so entsteht die Utopie (MoE, S. 246).

[...]


1 Siehe u.a. Rank: Das Inzest-Motiv in Dichtung und Sage.

2 Freud: Totem und Tabu.

3 Von Hoff: Familiengeheimnisse, S. 1.

4 Ebd., S. 30.

5 Ebd., S. 29.

6 Ricoeur: Die Interpretation, S. 212.

7 Ebd., S. 29-30.

8 Freud: Totem und Tabu, S. 314.

9 Von Hoff: Familiengeheimnisse, S. 29.

10 Daemmrich/ Daemmrich: Themen und Motive in der Literatur, S. 180.

11 Schiller: Don Karlos.

12 Frisch: Homo Faber.

13 Schoene: „Ach, wäre fern, was ich liebe!“, S. 10.

14 Ebd.

15 Diese Arbeit befasst sich mit heterosexuellem Inzest. Homosexueller Inzest wurde in der bearbeiteten Forschungsliteratur nicht behandelt. Jedoch soll an dieser Stelle angemerkt werden, dass Inzest zwischen gleichen Geschlechtern schwerlich durch „Geschlechterdifferenz“ ausgezeichnet sein kann und dieses Merkmal daher nicht allgemeingültig für Inzest ist. Vielmehr geht es darum, dass Geschwister sich üblicherweise gegenseitig nicht als geschlechtliche Personen wahrnehmen, was ebenfalls angesprochen wird.

16 Ebd.

17 Ebd., S. 11.

18 Nübel/ Wolf: Robert-Musil-Handbuch, S. 299.

19 Musil, Robert: Der Mann ohne Eigenschaften, S. 47. Künftig zitiert in runden Klammern im Fließtext mit der Sigle ‚MoE‘ und mit Seitenangabe.

Details

Seiten
32
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783668988552
ISBN (Buch)
9783668988569
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v492557
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Institut für deutsche Sprache und Literatur 1
Note
1,0
Schlagworte
geschwisterliebe analyse beziehung musils romanprojekt mann eigenschaften
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Titel: Geschwisterliebe. Analyse einer unaussprechlichen Beziehung in Musils Romanprojekt "Der Mann ohne Eigenschaften"