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Der Begriff des Euergetismus in der Antike

Hausarbeit 2019 11 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Altertum

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Der Begriff des Euergetismus

II. Das euergetische Modell und Roms Einfluss

III. Bemerkung zur Quellenlage

IV. Euergetismus und städtische Finanzen

V. Euergetismus und städtische Ausgaben

VI. Zusammenfassung

VII. Literaturverzeichnis

I. Der Begriff des Euergetismus

Wenn die heutige Forschung Finanzdienstleistungen, die im Interesse der Allgemeinheit für Einzelpersonen erbracht werden, als „Euergetismus“ bezeichnet, greift sie den Begriff ευεργετης (Wohltäter) auf, um eine Person als Wohltäter zu bezeichnen. In der Regel war dies ein fester Titel, den die Stadt einer Person in einem formellen Akt verleihen konnte. Für uns ist dies in der klassischen und vor allem hellenistischen Zeit durch die inschriftliche Aufzeichnung sogenannter Ehrendekrete dokumentiert, als Beispiel haben wir ein Ehrendekret für Eumenes II., dessen Tenor in der Wiedergabe durch den König wie folgt lautet: „Eirenias aber und Archelaos haben mich in Delos begrüßt und mir einen schönen, höflichen Beschluß überreicht, worin ihr zu Beginn ausgeführt habt, daß ich von Anfang an die schönsten Handlungen gewählt und mich als allgemeiner Wohltäter der Helenen gezeigt habe, indem ich viele und größe Kämpfe gegen die Barbaren auf mich nahm, allen Eifer und Fürsorge walten ließ, damit die Einwohner der griechischen Städte in jeder Lage in Frieden und bester Verfassung leben.“1

Als ευεργετης (Eugerten – Wohltäter) wurden oftmals Herrscher bezeichnet, die der ehrenden Stadt einen bestimmten Dienst leisteten oder sich ihr gegenüber großzügig erwiesen hatten, aber keine Bürger der Stadt selbst waren, sondern nur Personen, die dazu verpflichtet fühlten. Dies änderte sich während der hellenistischen Zeit, als auch die Einheimischen mit dem Titel „Euergeten“ geehrt wurden, was auf eine allmähliche Veränderung der Rolle von Einzelpersonen als Angehörige einer lokalen Oberschicht im politischen Leben ihrer Stadt hinwies. Das Wort ευεργετης (Eugerten) hatte manchmal gewisse, zugegebenermaßen unvernünftige, religiöse Konnotationen, wie aus seiner Verwendung zusammen mit Titeln wie σωτηρ (Soter – Ritter) hervorgeht. Für die römische Zeit ist in diesem Zusammenhang die Nennung von Kaisern als „Wohltäter der ganzen Welt“ zu nennen. Nach dem Namen ευεργετης (Eugerten) könnte das Thema der Spende von Wohltätern als ευεργετης (Wohltätigkeit) bezeichnet werden. Als dasjenige Werk, in dem erstmals der Euergetismus im großen Stil diskutiert wurde, gilt Le Pain et le cirque oder Brot und Spiele des Autors Paul Veynes. Er versteht unter griechischem Euergetismus in erster Linie eine Art Regierungssystem, das mit dem Wechsel von der demokratischen Verfassung der klassischen Zeit zu der „Honoratiorenherrschaft“ des Hellenismus und der Kaiserzeit entstand. In seinen Augen machte der Euergetismus diese Honoratiorenherrschaft überhaupt erst möglich. Veynes gibt an, dass die Gaben der Euergeten, unter denen er vor allem Vergnügungen und öffentliche Baumaßnahmen versteht, in einem politischen Kontext standen. Mit anderen Worten, sie richteten sich an alle Bürger einer Stadt und nur an die Bürger.2 Darüber hinaus widerspricht Veynes der Ansicht, dass der Euergetismus eine Umverteilung des sozialen Eigentums mit sich gebracht hat oder, dass er von den Machthabern für die absichtliche Entpolitisierung der Massen verwendet wurde.3 In Veynes Augen festigten die Honoratioren durch ihre Großzügigkeit ihre soziale Überlegenheit gegenüber der Mehrheit der Bevölkerung und ihre politische Führung, kauften sie aber nicht mit. Es war eher eine Art Rollenspiel, bei dem auch die Konkurrenz im Kreis der Euergeten wichtig war.4 Diese Überlegenheit der Euergeten durch ihre Gaben und die Ausübung des öffentlichen Amtes wurde von beiden beteiligten Seiten akzeptiert. Letztendlich ist es nicht mehr möglich, zwischen freiwilligen Gaben und solchen zu unterscheiden, die von Honoratioren des Amtes ausgeführt werden mussten.5 Es ist genau diese Kombination von Freiwilligkeit und Zwang, die in Veynes Augen das Phänomen einzigartig machen. Das gesamte politische Leben der Stadt kann letztendlich als Euergetismus bezeichnet werden.

II. Das euergetische Modell und Roms Einfluss

Das eigentliche euergetische System entwickelte sich im Laufe des Hellenismus, obwohl die wichtigsten Veränderungen wahrscheinlich nicht im späten 4. Jh., sondern erst im Laufe des 2. Jh. stattfanden. Eine in der Forschung häufig diskutierte Frage ist, ob der zunehmende Einfluss Roms auf das östliche Mittelmeer eine Schlüsselursache für die Entwicklung des euergetische Modells war. Die Antwort bezieht sich dabei zumeist auf das allgemeinere Problem der Umgestaltung der Verfassungen der griechischen Städte im Hellenismus. Mit dem nominalen Fortbestand demokratischer Institutionen wurde die Rolle des Einzelnen im städtischen Kontext unbestreitbar größer, aber eine vollständige Abhängigkeit der Städte von ihren „Honoratioren“ war in der Regel nicht gegeben. Ein direkter Einfluss Roms auf die Organisation der städtischen Verfassungen kann in den meisten Fällen ausgeschlossen werden. Die These, dass der Rückgriff auf die Leistungen der wohlhabenden Bürger notwendig sei, weil die römische Herrschaft die finanzielle Situation der Städte so ungünstig beeinflusst habe, dass eine Finanzierung öffentlicher Funktionen aus der Stadtkasse kaum mehr möglich sei, verdient ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit. Die Beweise für den Euergetismus in der hellenistischen Ära gehen oft aus Zeiten zurück, in denen Roms Einfluss im Osten bestenfalls indirekt und Schwankungen unterworfen war. Es gilt auch nur in begrenztem Umfang, dass die Besteuerung in Rom den Städten den Zugang zu direkten Steuern von ihren Einwohnern verwehrt hat. Die direkte Besteuerung war früher auch ein ungewöhnliches und unvollständig genutztes Mittel zur Beschaffung von Finanzmitteln im griechischen Raum. Während in der hellenistischen Zeit die verschiedenen Herrscher des Ostens in ihren Beziehungen zu den Städten innerhalb und außerhalb ihrer Herrschaft nicht zuletzt materiellen Nutzen hatten, gelang die auch dem römischen Kaiser. Die kaiserlichen Wohltaten für die Provinzstädte sind jedoch klar vom bürgerlichen Euergetismus getrennt. Obwohl der Kaiser, wie ein Angehöriger der lokalen Obersicht, von einer Stadt für seine guten Taten geehrt werden konnte, vollzog sich der Euergetismus des Kaisers aufgrund seines imperialen Engagements auf einer ganz anderen Ebene als die der Bürgerschaft. Für die Wohltätigkeit eines Bürgers der Stadt galten unterschiedliche Bedingungen und häufig wurde das Geld der öffentlichen Steuerzahler zur Belohnung verwendet. Diese schließt nicht aus, dass der imperiale Euergetismus in gewisser Hinsicht die lokalen Oberschichten anregen konnte, insbesondere im Westen, wo die hellenistische Tradition fehlte.

III. Bemerkung zur Quellenlage

Die überwiegende Mehrheit der Quellen, die uns über den Euergetismus lehren, sind in epigraphischer Natur, wobei verehrte Inschriften verschiedener Arten vorherrschen. Die erwähnte formelle Verleihung des Titels „Wohltäter“ findet sich noch in der Kaiserzeit. Diese Auszeichnung war ein wichtiger Bestandteil des Euergetismus, wobei die stark rhetorische Sprache, in der die Euergeten von ihren Mitbürgern gelobt wurden oder in der sie sich selbst beschrieben, bei der Erforschung der Bedeutung von euergetischer Leistungen zu berücksichtigen ist.6 Mit dem Ende des Hellenismus wurden die Aufzeichnungen von Dekreten seltener, stattdessen nahm die Tendenz zur Monumentalisierung von Ehren zu, und unsere wichtigsten Gattungen für die Beschreibung und Selbstdarstellung eines Euergeten wurden zur Kaiserzeit zu Inschriften auf Statuenbasen und zu Weihinschriften auf Monumenten.7

IV. Euergetismus und städtische Finanzen

Um besser einschätzen zu können, in welchen Bereichen private Euergeten tätig waren, muss man sich auch mit der Alternative befassen, das heißt, was eine bestimmte Person gut gemacht hat, anstatt was getan und finanziert werden musste.

In erster Linie ist uns aber vor allem klar, dass wir über die Höhe der finanziellen Einnahmen der Städte in keinem Einzelfall umfassend informiert sind. Darüber hinaus ist es nicht zu leugnen, dass die den einzelnen Gemeinden zur Verfügung stehenden Finanzmittel sehr unterschiedlich waren. Es ist jedoch klar, dass jede Stadt ihr eigenes Einkommen hatte. Insbesondere verfügte jede Gemeinde über die von den Magistraten, den Priestern der Stadtkulte sowie den seviri Augustales zu erbringenden summae honorariae. Diese summae honorariae sind nicht als eine Form des Euergetismus anzusehen, obwohl diese Idee immer als Ausgangspunkt verwendet wird, der von etlichen Quellen, von allen Tituli honorarii und von Dedikationsinschriften nahegelegt wird.8 Die summae honorariae beduetete jedenfalls einen sicheren, vorhersehbaren Teil des Stadtbudgets, aus dem die Leistungen für das Funktionieren der Gemeinde finanziert werden sollten.9 Das finanzielle Einkommen war zwischen den einzelnen Gemeinden unterschiedlich, da jede Stadt mit einem jährlichen Mindestbetrag rechnen konnte. Dieses Einkommen sollten mitberücksichtigt und mit dem Geld in Beziehung gesetzt werden, dass die Eugerten beigetragen haben. Denn ob jedes Jahr ein Eugert einen Beitrag leisten würde, war nie sicher. Die mangelnde Bereitschaft oder auch die Weigerung eines Richters, sich einer Gemeinde zu widmen, die über seine Verpflichtung hinausgeht, konnte keineswegs von vornherein ausgeschlossen werden.10 In den epigraphischen Quellen hat eine solche Haltung jedoch zwangsläufig keinen Ausdruck gefunden. Andererseits mussten in jeder Stadt jedes Jahr bestimmte Beträge aufgebracht werden, um ein normales Funktionieren des Systems zu gewährleisten. Das moderne Steuerrecht hat das Konzept des Geldwettvorteils entwickelt. Damit ist gemeint, dass ein Empfänger eine Sacheinlage erhält, für die er entweder gar nicht oder weniger als den Wert bezahlt. Wenn der Empfänger dieser Dienstleistung diese vollständige oder zumindest teilweise bezahlen müsste, wäre dies für ihn häufig eine erhebliche finanzielle Belastung. In einer vergleichbaren Situation befanden sich die Städte im Römischen Reich, zumindest soweit sie im römisch-italischen Stadtrechtssystem eingestuft waren. Aber auch der Osten des Reiches kannte ähnliche Regelungen.11 Vor allem aus den Stadtrechten wissen wir, dass es eine Verpflichtung zur operae gab, zu Diensten für die Gemeinde. Ebenso sind die incolae an die Leistungen gewöhnt. Die Verpflichtung aller Bürger und incolae, von denen keine Ausnahme formuliert wurde, bezieht sich auf opus und munition, auf den Bau öffentlicher Gebäude einschließlich des Straßenbaus. Diese Verpflichtung könnte jährlich geltend gemacht werden. Die operae der Bewohner und der Gespanne stellte somit einen wesentlichen Geldwert für die Stadt dar, der bei Bedarf für den Haushalt aktualisiert werden konnte. Infolgedessen erhöht sich der jährliche Geldbetrag, der jeder Gemeinde zur Verfügung steht, unabhängig von anderen finanziellen Ressourcen. Natürlich ist es angesichts unserer sehr geringen Kenntnisse über Löhne und Preise nicht möglich, den aktuellen Geldwert im Einzelfall zu nennen, zumal die Anzahl der männlichen Einwohner einer Stadt kaum jemals bekannt ist. Es besteht jedoch kein Zweifel daran, dass die Städte aufgrund der operae einen sehr wichtigen Beitrag zu ihrem Budget leisten könnten. Insbesondere für große Bauvorhaben von Städten, die selten innerhalb kurzer Zeit, also innerhalb eines Jahres, fertiggestellt wurden, diente ein wesentlicher Teil der Arbeiter als eine permanente „Finanzierungsquelle“ für die Städte selbst, unabhängig von der Bereitschaft von Euergeten die Bürger zu unterstützen oder nicht. Insgesamt kann die finanzielle Verfügbarkeit der Städte höher sein als allgemein üblich. Außerdem müsste man im Vergleich festlegen, was Euergeten für die Öffentlichkeit der Städte beigetragen haben. Also, ob diese Dienstleistungen für das tägliche Leben wesentlich waren oder ob, die wesentlichen Grundbedürfnisse im Allgemeinen nicht von den Städten selbst erbracht wurden, auch ohne den Beitrag der Euergeten. Diese hätten oftmals zusätzlich einige angenehme oder besonders willkommene Aspekte des städtischen Lebens ermöglichen können. Hierzu zählen auch einige der Strukturen, die dafür nötig sein könnten, aber für das normale bürgerliche Leben nicht wesentlich waren. Nur durch den Vergleich öffentlicher und privater Dienstleistungen konnte ein einigermaßen realistisches Bild erhalten werden, in dem der spezifische Beitrag und die spezifische Bedeutung der Wohltäter für das Funktionieren der Städte von finanzieller Bedeutung waren.

Gleichgültig, ob sie auch die strukturelle Grundlage für das Leben einer Stadt oder nur die mehr oder weniger luxuriöse und repräsentative Oberfläche einer Stadt schufen.12

[...]


1 Klaus Bringmann, Der König als Wohltäter. Beobachtung und Überlegungen zur hellenistischen Monarchie, in: Jochen Bleicken (Hg.), Colloquium aus Anlass des 80. Geburtstages von Alfred Heuss, Kallmünz 1993, S. 83-95, hier S. 85.

2 Vgl.: Paul Veyne, Brot und Spiele. Gesellschaftliche Macht und politische Herrschaft in der Antike, Frankfurt am Main 1988, S. 167.

3 Vgl.: Ebda., S. 83ff.

4 Vgl.: Ebda., S. 213.

5 Vgl.: Ebda., S. 251ff.

6 Vgl.: Michael Wörrle, Vom tugendsamen Jüngling zum gestreßten Euergeten. Überlegungen zum Bürgerbild hellenistischer Ehrendekrete, in: Michael Wörrle und Paul Zanker (Hg)., Stadtbild und Bürgerbild im Hellenismus, München 1995, S. 241-250, hier S. 241ff.

7 Vgl.: Fritz Gschnitzer, Zwischen Denkmal und Urkunde. Kaiserzeitliche Neuerungen im Formular der Psephismata, in: E fontis haurire, Paderborn 1994, S. 281-294, hier S. 282.

8 Vgl.: Werner Eck, Der Euergetismus im Funktionszusammenhang der kaiserlichen Städte, in: Michael Christol und Olivier Masson (Hg.), Actes du Xe Congres International d’Epigraphie Grecque et Latine, Paris 1997, S. 305-331, hier S. 307.

9 Vgl.: Ebda., S. 308f.

10 Vgl.: Ebda., S. 310.

11 Vgl.: Ebda., S.311.

12 Vgl.: Ebda., S. 315.

Details

Seiten
11
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783668989221
ISBN (Buch)
9783668989238
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v492633
Note
1
Schlagworte
begriff euergetismus antike rom Städtische Aufgabe städtische Ausgabe

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