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Kommunikative Zugangswege zu Menschen mit Demenz

Hausarbeit 2005 20 Seiten

Pflegewissenschaften

Leseprobe

1. Einleitung

Die adäquate, professionelle und menschenwürdige Begleitung von älteren Menschen, die an einer Demenz, z. B. der Alzheimer- oder Multi-Infarkt-Demenz leiden, gilt zu Recht zu den schwierigsten und anspruchvollsten Herausforderungen in der Altenpflege. Um eine größtmögliche Lebensqualität bei den Betroffenen zu erreichen, kommt einer professionellen Kommunikation zwischen dem Pflegepersonal und den dementiell Erkrankten eine immense Bedeutung zu.

In unserem Verständnis von Sprache und Kommunikation können Menschen mit Demenz oft nicht mehr Worte oder logische Sätze formulieren. Dennoch können sie sehr intensiv mit uns in Verständigung treten: durch Schreie, durch Geräusche, oder wenn auch das nicht mehr geht, durch Gestik und Mimik. Oder auch indem sie gar nichts tun. Die Aufgabe ist herauszufinden, auf welchen Ebenen der Kommunikation wir sie erreichen. Die Kernfrage ist: Wie schaffen wir Zugangswege zu Menschen mit Demenz?

Wie reagieren wir, wenn wir mit Bewohnerinnen und Bewohnern konfrontiert werden, die offensichtlich nicht mehr behalten können, was gerade eben gesagt wurde? Was sind die spontanen Gefühle und inneren Bewertungen, die wir entwickeln, wenn an Demenz erkrankte Bewohnerinnen und Bewohner innerhalb kurzer Zeit mehrere Male dasselbe fragen? Oder wenn unser Gesprächspartner massive Wortfindungsstörungen hat und scheinbar unsinnige Wörter und Satzkonstellationen von sich gibt? Die Liste unterschiedlichster Auffälligkeiten ist lang und lässt sich beliebig fortsetzen. Was aber im Umgang mit diesen Menschen stets gleich bleibt, ist die Schwierigkeit, hinter solchen Auffälligkeiten eine Person wahrzunehmen, die trotz der angedeuteten kognitiven Verfallserscheinungen mit seinen Vorlieben und Gefühlen gegenwärtig ist, die auch intellektuell durchaus noch ansprechbar und belastbar bleibt.

Als Beispiel für den problematischen Umgang mit demenzerkrankten Menschen möchte ich ein Erlebnis aus meiner Arbeit anführen, was mich unter anderem dazu bewogen hat mich mit dem Thema, Kommunikation mit Dementen näher auseinander zu setzen.

Ich arbeite in einem Wohnbereich mit vierzig Bewohnerrinnen und Bewohner, die teils dement und teils nicht dement sind. Ein Konzept zum Umgang mit dementen Bewohnerrinnen und Bewohner existiert derzeit noch nicht.

Eine demente Bewohnerin, Fr. M. sitzt an einem Tisch im Foyer des Wohnbereichs und ruft, falls sie nicht gerade damit beschäftig ist mit ihrem Essen herum zu spielen, jeder vorbeilaufenden Person und Personen, die sich ebenfalls im Foyer aufhalten lautstark und teilweise im Minutentakt zu:“ Mama komm mal her!“. Die Nerven des Personals sowie der anwesenden Mitbewohner und Angehörigen liegen blank. Es kommt zu aggressiven Wortgefechten zwischen Frau M. und einigen Mitbewohnerinnen, wie z. B:“ Frau M. soll doch endlich die Klappe halten!“ Aber Fr. M. zeigt sich wenig beeindruckt und ruft weiterhin mit kräftiger Stimme. Auch der Versuch einer Mitarbeiterin Fr. M. mit Zeitschriften, Kuscheltieren und Strickzeug abzulenken scheiterte. Ignoranz und Resignation breitete sich unter den Mitarbeitern aus, denn die anderen Bewohnerinnen und Bewohnern mussten ja auch versorgt werden. Doch die genervten Mitbewohnerinnen forderten, dass Frau M. endlich ruhiggestellt wird. Intuitiv setzte ich mich nun neben Frau. M., nahm ihre Hand und sagte: „Hallo Frau M.“ Frau M. reagierte mit einem strahlenden Lächeln, umarmte mich und äußerte: “Da biste ja endlich! Du hast wohl viel zu tun. Ich bin so froh, dass de da bist.“ Ich muss zugeben, dass ich von dieser Reaktion sehr gerührt war und entgegnete ihr, dass ich auch froh bin, dass sie hier sei. Frau M. und ich unterhielten uns dann noch etwa fünf Minuten und erstaunlicherweise hatte Frau M. danach, zumindest für diesen Tag, aufgehört zu rufen.

Es geht mir in dieser Hausarbeit darum mich mit unterschiedlichen Methoden der Gerontopsychiatrie mit dem Fokus, Interaktion zwischen Pflegenden und Personen mit Demenz, auseinander zu setzen, um eine größere Verhaltenssicherheit im Umgang mit Bewohnerrinnen und Bewohnern mit Demenz zu erzielen und um einen besseren Zugang zu ihnen zu finden um ihre Bedürfnisse zu verstehen.

2. Kommunikationsprobleme mit Menschen mit Demenz

Menschen, die von den fortschreitenden Symptomen der Demenz betroffen sind, zeichnen sich vor allem durch Gedächtnisprobleme, Probleme bei der Beurteilung von Situationen sowie durch Beeinträchtigungen des logischen Denkvermögens aus.

Durch die Beschädigung der Sprachareale im Gehirn kommt es zur Aphasie, wobei der Betroffene Probleme damit hat, die richtigen Wörter für seine Gedanken zu finden, und zur Agnosie, wenn der Betroffene Gegenstände nicht mehr erkennen kann. Die verbale Kommunikation bei einem Menschen mit fortgeschrittener Demenz ist insbesondere dadurch negativ beeinflusst, dass diese Person große Schwierigkeiten hat, eigene geistige Vorstellungen von Wörtern, die sich aus Erinnerungen an Dinge und Ereignisse im Leben zusammensetzen, im Gehirn auszubilden. Dies ist jedoch eine notwendige Voraussetzung für die Umsetzung in die verbale Sprache. Zudem ist es für Personen mit Demenz problematisch die Vorstellungen anderer richtig wahrzunehmen und zu verstehen. Statt klarer geistiger Bilder, die für die Erstellung einer nonverbalen Vorstellung erforderlich sind, herrscht bei Menschen mit Demenz ein regelrechtes Chaos von imaginären Bildern, die fälschlicherweise im Kopf auftauchen, was sehr verwirrend für die sprachliche Umsetzung ist (Powell 2000, S. 16). Als Folge des gestörten Sprachverständnisses kann es in der Interaktion mit demenzerkrankten Menschen dazu kommen, dass der Demenzkranke den Inhalt des Gesagten oder die Absichten eines Gesprächspartners fehlinterpretiert und unerwartet aggressiv reagiert.

Während das Altgedächtnis vor allem bei leichter Demenz noch intakt ist, kommt es bei einer dementiellen Erkrankung mehr und mehr zur Unfähigkeit ein neues Gedächtnis auszubilden. Der Verlust des Kurzzeitgedächtnisses hat weitreichende Folgen für die kommunikativen Kontaktmöglichkeiten. Es kommt zur zeitlichen, örtlichen, räumlichen und situativen Desorientiertheit. Bedeutungszusammenhänge und der Bezug zur Gegenwart gehen auf dramatische Weise verloren.

Das was gerade passiert ist oder gesagt wurde, kann sich eine Person mit schwerer Demenz nicht einprägen und kognitiv weiterverarbeiten. Wenn der betroffene Mensch nichts Neues mehr aufnehmen kann, scheint die persönliche Lebensgeschichte zu Ende zu gehen und die eigene Identität ist im Begriff sich allmählich aufzulösen.

Die Betroffenen spüren all diese Veränderungen und reagieren mit existenzieller Verunsicherung, massiven Ängsten, Frustration und Verzweiflung, da die Gefühle und das Bewusstsein nach wie vor erhalten bleiben. Nun ist eine Person mit Demenz in einem fortgeschrittenen Stadium durch die Einschränkung der sprachlichen Möglichkeiten nicht in der Lage ihre negativen Gefühle verbal auszudrücken. Dadurch kommt es häufig zu Aggressionen oder andern Verhaltensauffälligkeiten als Bewältigungsstrategie, da sich der Betroffene missverstanden fühlt. Zudem neigen Menschen mit Demenz dazu sich immer mehr in die eigene Vergangenheit zurückzuziehen.

Im Endzustand der Demenz ziehen sie sich sogar soweit auf sich selbst zurück, sodass sie teilweise überhaupt nicht mehr sprechen und es immer schwieriger wird überhaupt einen Zugang zu diesen Personen zu bekommen.

3. Die Bedürfnisse von Personen mit Demenz

Durch die zum Krankheitsbild gehörenden kognitiven Beeinträchtigungen verlieren Menschen mit Demenz mehr und mehr ihre Autonomie, weshalb sie zwar nicht zu Kindern werden, aber einem Kind vergleichbare primäre Bindungsbedürfnisse entwickeln. Nach dem personenzentrierten Ansatz von Tom Kitwood sind die wichtigsten psychischen Bedürfnisse von Menschen mit Demenz das zentrale Bedürfnis nach Liebe (im Sinne von bedingungsloser Akzeptanz) sowie die Bedürfnisse nach Trost, Identität, Beschäftigung, Einbeziehung und Bindung (Kitwood 2000, S. 122). Aufgrund der kommunikativen Probleme sind Demenzkranke häufig nicht mehr in der Lage ihre Bedürfnisse verbal auszudrücken. Sie sind darauf angewiesen, dass die Menschen, die sie betreuen, diese grundlegenden Bedürfnisse erkennen und weitestgehend für ihre Erfüllung sorgen.

Das emotionale Erleben ist bei Personen mit Demenz sehr stark ausgeprägt. Sie leiden unter dem Verlust ihres bisherigen Lebens, weshalb sie ein großes Bedürfnis nach Trost haben. Unter Umständen kann sich dies bei manchen Menschen mit Demenz durch eine signifikante Zunahme sexueller Begierden äußern (Kitwood 2000, S.123).

Das Bedürfnis nach Bindung resultiert daraus, dass sich verwirrte Menschen hochgradig unsicher fühlen. Primäre Bezugspersonen bewirken Kontinuität und Sicherheit. Das verstärkte Bedürfnis nach Bindung bei Personen mit Demenz kann sich beispielsweise durch häufiges Rufen nach der Mutter äußern.

Der Mensch ist in erster Linie ein soziales Wesen und benötigt das Gefühl in eine soziale Gruppe eingebunden zu sein. Menschen mit Demenz wollen nicht alleine gelassen werden und zeigen ihre Bedürftigkeit indem sie durch lautes Rufen, Anklammern, zielloses Umhergehen oder auch durch aggressive Verhaltenweisen auf sich aufmerksam machen. Wird dieses Bedürfnis ignoriert, wird der Krankheitsverlauf negativ beeinflusst und die Betroffenen isolieren sich von ihrer Außenwelt (Kitwood 2000, S. 124).

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Details

Seiten
20
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638457682
ISBN (Buch)
9783638791465
Dateigröße
414 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v49280
Institution / Hochschule
Stiftung SPI Sozialpädagogisches Institut Berlin – Walter May
Note
1
Schlagworte
Kommunikative Zugangswege Menschen Demenz

Autor

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Titel: Kommunikative Zugangswege zu Menschen mit Demenz