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Gerechtigkeitswahrnehmung eines Leiharbeiters. Soziale Ungleichheit aus soziologischer Perspektive

Essay 2016 6 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

In den letzten Jahren ist Gerechtigkeit zum wichtigen Forschungsgebiet der Sozialwissenschaften geworden. Gerechtigkeit wird dabei nicht als objektiv greifbares Konzept betrachtet.

Vielmehr handelt es sich um ein gesellschaftliches und soziales Konstrukt, welches subjektiv wahrgenommen und empfunden wird. Die individuelle Wahrnehmung von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit ergibt sich durch die soziale Interaktion mit anderen Individuen, Gruppen und Organisationen. In dieser Arbeit werde ich mich speziell auf vier folgende Theorien beziehen: auf die Gerechtigkeitstheorie (auch Gleichheitstheorie oder Equity-Theorie) nach Adams (1965) und Walster 1975), den Gerechte-Welt-Glauben nach Lerner (1980), das Konzept der relativen Deprivation nach Runciman (1966) und das Grid-Group-Paradigma nach Wegener und Liebig (1993). Darüber hinaus ist die Arbeitnehmerüberlassung, auch Leiharbeit oder Zeitarbeit genannt, in den letzten Jahren zu einer der großen Ergolgsbranchen der deutschen Wirtschaft geworden und die Frage, ob MitarbeiterInnen sich fair durch ihre Organisation behandelt fühlen zu einem wichtigen Diskurs geworden. Damit möchte ich die zentrale Essayfrage aufstellen:

Die möglichen Gerechtigkeitswahrnehmungen eines in der Produktion eines großen Industrieunternehmens beschäftigten Leiharbeiters

Während das Normalarbeitsverhältnis an Bedeutung verliert, gewinnen atypische Beschäftigungsformen an Bedeutung. Gesellschaftliche Veränderungen und politische Entscheidungen haben diese Entwicklungen gefördert. Daten der Bundesagentur für Arbeit zeigen, dass die Zahl der Leiharbeiter in Deutschland im Jahr 2015 den Höchststand erreicht hat. Im Jahresmittel lag die Zahl der Leiharbeiter knapp 53.000 über dem Wert von 2014, während es im Dezember 2015 950.644 waren. In manchen Monaten stieg die Anzahl auf mehr als eine Million Zeitarbeiter (vgl. BA).

Die Equity – Theorie ist eine Prozesstheorie von John Stacey Adams. Sie erklärt den Entstehungsprozess der Motivation.So war beispielsweise eine auf der Equity-Theorie (Adams 1965) aufgebaute Hypothese, dass Verteilungsgerechtigkeit dann empfunden werden würde, wenn Menschen den subjektiven Eindruck hätten, dass die ihnen zugewiesenen Ergebnisse/Belohnungen proportional zu ihren tatsächlichen Beiträgen und Leistungen stünden. Es enstehen Spannungen, wenn Input und Outcome ungleich sind. Variablen für diese sind beispielsweise Bildung, Erfahrung (Input) sowie Status und Entlohnung (Outcome).Des Weiteren gibt es zwei Kriterien die erfüllt werden müssen, um Ungleichgewicht auszugleichen. Zum einen die Prozess-Kontrolle (Process control), d.h. die Möglichkeit einer Einflussnahme auf das angewandte Entscheidungsfindungs - Verfahren und zum anderen die Entscheidungs-Kontrolle (Decision control), d.h. die Möglichkeit einer Einflussnahme auf die Entscheidung an sich.

Walster (1975) nennt folgende sechs Strategien, um Gerechtigkeit für den Leiharbeiter zu schaffen und Spannungen abzubauen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Gerechtigkeitswahrnehmung eines Leiharbeiters wäre nach der Equity-Theorie, dass alle MitarbeiterInnen gemäß ihrer Beiträge zum Unternehmen bezahlt werden.

Diese Theorie besagt aber auch, dass von weniger begünstigten Personen, angenommen wird, dass ihre Arbeitsleistung auch weniger wert ist. Die wahrgenommene Ausgeglichenheit wird trotz ungleicher Bezahlung aufrechterhalten, welches gleichzeitig dem Gerechte-Welt- Glauben von Lerner (1980) entspricht, also die Überzeugung, in der Welt gehe es im allgemeinen gerecht zu.

Lerner spricht vom „Belief in a just world“.

Menschen haben das Bedürfnis, an eine gerechte Welt zu glauben, weil ihnen so die Welt als stabil und geordnet erscheint, und dies erfüllt viele nützliche Funktionen. Die Forschung hat zeigt, dass es die Wahrnehmung und die Bewertung gesellschaftlicher Ereignisse und anderer Gruppen beeinflußt, wenn eine Person glaubt, dass es in der Welt gerecht zugeht. Diese Menschen sind geneigt, diesen Glauben zu verteidigen, wenn er bedroht wird. Der Persönliche Gerechte-Welt-Glauben bewegt sich im Spannungsfeld von realen Erfahrungen und ihrer Assimilation. Gerade in Zeiten wirtschaftlicher Krisen können solche kognitive Schemata bedroht sein, so dass Menschen in der Folge größere Anstrengungen unternehmen, um ihren Glauben an eine gerechte Welt aufrechtzuerhalten bzw. zu verteidigen und sie fühlen sich seltener von sozialen oder ökonomischen Risiken bedroht.

Es handelt sich also bei den Kriseneinschätzungen stärker um subjektive Krisenabbildungen als um Widerspiegelungen objektiver Lebensumstände. Bei der Beobachtung von ungerechten Situationen werden diese durch rationale oder nicht-rationale Strategien vermieden bzw. umgangen. Der Glaube ist somit zentral für eine gelungene Lebensgestaltung.Beispielsweise würde ein Leiharbeiter die Verdrängung regulärer Beschäftigungsverhältnisse sowie die deutlich schlechteren Arbeitsbedingungen in einem Unternehmen rechtfertigen und nicht als ungerecht wahrnehmen, weil er weniger begünstigte Voraussetzungen besitzt als seine MitarbeiterInnen.

Für das Verständnis des Grid – Group Paradigmas ist die grundlegende Unterscheidung von zwei Typen von Gerechtigkeitsurteilen, der Belohnungs- und Prinzipiengerechtigkeit, von zentraler Bedeutung (Wegener/Liebig 1993).

Gerechtigkeitsbewertungen beziehen sich auf Verteilungsergebnisse und sind konzeptionell dem Feld der Belohnungsgerechtigkeit zuzuordnen. Sie sind von tatsächlichen sozialen Lagen und Entwicklungen abhängig, auf die die Bevölkerungswahrnehmung mit einer Gerechtigkeitsbewertung reagiert. Es handelt sich also, um die Bewertung und Verteilung von Belohnungen, die Individuen oder Gruppen erhalten. Die Frage „Welchen Lohn bekommt jemand für etwas?“ wäre ein Beispiel hierfür. Die Prinzipiengerechtigkeit hingegen ist eine ordnungsbezogene Gerechtigkeitseinstellung,hier handelt es sich um die Präferenzen für Verteilungsprinzipien. Sie betreffen die grundlegende normative Ordnung der Gesellschaft. Sie geben eine Grundausrichtung für das Handeln vor, nicht jedoch eine Anweisung für den einzelnen konkreten Fall. Der Leiharbeiter hätte in diesem Fall die Gerechtigkeitswahr- nehmung dass alle MitarbeiterInnen dasselbe Gehalt ausgezahlt bekommen.

Das Konzept der Gerechtigkeitsideologien, gestützt auf die Grid-Group-Typologie ist ebenso der Prinzipiengerechtigkeit zuzuordnen. Nach diesem Paradigma leben Menschen in sozialen Kontexten, die sich anhand der Dimensionen des hierarchischen (grid) und des gruppenspezifischen (group) Eingebundenseins in die Gesellschaft typologisieren lassen. Damit gibt es vier Prototypen, in den Menschen sozial geprägt werden: Askriptivismus, Egalitarismus, Individualismus und Fatalismus.

Askriptivisten geht es um die Aufrechterhaltung der bestehenden Verteilungsordnung von Gütern und Privilegien. Starke Hierarchiebildung ist ein Kennzeichen hierfür. Die bisherige Struktur sozialer Ungleichheit soll durch die Verteilungsordnung nur wenig verändert werden. Egalitaristen hingegen wollen eine stärkere Gleichheit der Bevölkerung und befürworten daher eine stärkere Umverteilung. Somit soll die vom Markt erzeugte Ungleichheit ausgeglichen werden.

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Details

Seiten
6
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668992092
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v492849
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
2,7
Schlagworte
gerechtigkeitswahrnehmung leiharbeiters soziale ungleichheit perspektive

Autor

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Titel: Gerechtigkeitswahrnehmung eines Leiharbeiters. Soziale Ungleichheit aus soziologischer Perspektive