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Die Unterstützer der Flucht. Figuren des Romans zwischen Anpassung und Widerstand in Anna Seghers "Das Siebte Kreuz"

Facharbeit (Schule) 2019 39 Seiten

Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Historisch-Biographische Bezüge
2.1 Zeitgeschichtlicher Hintergrund
2.2 Leben und Wirken von Anna Seghers im Exil
2.3 Bedeutung des Romans in der Literatur

3. Analyse und Interpretation des Romans
3.1 Kurzer inhaltlicher Überblick
3.2 Titelmetapher und Widmung
3.3 Aufbau und Struktur

4. Personen und ihre Rolle
4.1 Georg Heisler als wichtiger Protagonist
4.2 Die Sieben Flüchtlinge – Opfer des Nationalsozialismus
4.3 Die Unterstützer der Flucht von Georg Heisler
4.3.1 Die Hauptfiguren
4.3.2 Der besondere Fall – Fritz Helwig
4.3.3 Die Nebenfiguren
4.4 Die Repräsentanten des Nationalsozialismus
4.4.1 Das Lagerpersonal
4.4.2 Die Mitläufer des Nationalsozialismus

5. Das moralische Problem.

6. Der Flüchtling als Prüfstein

7. Die Aktualität des Romans

1. Vorwort

Ein Roman, der das Leben in einer faschistischen Diktatur unter der erdrückenden Macht der Nationalsozialisten im kleinsten Detail geradezu realitätsnah schildert. Eine Autorin, die am eigenen Leib erfahren hat, wie es ist, ständig bedroht und bespitzelt zu werden und die ihren einzigen Ausweg in der Flucht aus ihrem geliebten Deutschland ins Exil gesehen hat. Eine Handlung, die uns von Anfang an berührt und in ihren Bann zieht. Ein Werk, das wohl für immer eine außerordentlich große Bedeutung haben wird.

Für mich war es von Anfang an klar, einen Roman über das „Dritte Reich“ für meine Seminararbeit zu wählen, da ich mich für die nationalsozialistische Diktatur und deren Ideologie unter Adolf Hitler interessiere. Bei meiner Recherche für einen passenden Roman der Exilliteratur bin ich durch einen Zeitungsartikel auf den Klassiker „Das Siebte Kreuz“ gestoßen. Es handelte sich um die Ankündigung, dass der bekannte Roman von Anna Seghers im Jahr 2018 im Mittelpunkt des Events „Frankfurt liest ein Buch“ stehen wird.

An Anna Seghers faszinierte mich von Anfang an, dass ihr als Frau zu Zeiten des Nationalsozialismus ein derart großer Welterfolg mit ihrem Roman „Das Siebte Kreuz“ gelungen ist, der heute, 81 Jahre nach dem Erscheinen, immer noch aktuell ist. Insbesondere beeindruckten mich ihre Schreibweise und ihre bemerkenswerte Fähigkeit, sich in die Romanfiguren hineinzuversetzen und ihre Gefühle bis ins kleinste Detail zu schildern.

Das Besondere an ihrem Roman „Das Siebte Kreuz“ ist, dass jeder der den Roman heutzutage liest, sich ein Bild des nationalsozialistischen Deutschlands und dessen Bevölkerung im Jahr 1937 bilden kann.

Denn das Gefährlichste ist und bleibt über das bisher dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte zu schweigen, zu verdrängen und schließlich zu vergessen. Die Autorin schafft es durch die spannende Fluchthandlung diesem Vergessen entgegen zu wirken, um nachfolgende Generationen zu erinnern wie wichtig es ist, die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen und aufs Stärkste zu vermeiden. Deutschland hat daher mehr als jedes andere Land die Pflicht, eine angemessene Erinnerungskultur zu schaffen und zu bewahren.

Schon während dem Lesen des ersten Kapitels zog mich die bewegende Romanhandlung in ihren Bann und ich merkte, wie ich mit den Charakteren mitfieberte. Und plötzlich taucht man selbst in das Romangeschehen ein. Man merkt, wie man Empathie für die Romancharaktere empfindet, mitfiebert und inständig hofft, dass sie nicht von den Nationalsozialisten entdeckt und verhaftet werden. Man kann sich plötzlich, durch bloße Worte, das nationalsozialistische Deutschland vor Augen führen. Man sieht geradezu bildlich, wie der Protagonist auf seiner riskanten Flucht aus einem Konzentrationslager sich durch den nebeligen Wald schleicht, ständig in der Gefahr entdeckt zu werden.

2. Historisch-Biographische Bezüge

2.1 Zeitgeschichtlicher Hintergrund

Ohne Illusionen schildert Anna Seghers1in ihrem Roman „Das Siebte Kreuz“ das Alltagsleben im faschistischen Deutschland des Jahres 1937, das nach dem Machtaufstieg Hitlers 1933 zu einem „System von lebenden Fallen“2pervertierte. Der Nationalsozialismus war weit mehr als eine Partei - er verstand sich als Weltanschauung, die auch den letzten Winkel des öffentlichen und privaten Lebens gestalten und kontrollieren wollte. Systematisch wurde Deutschland in einen "Führerstaat" umgebaut, andere Parteien verboten, Regimekritiker, Juden und weitere Minderheiten verfolgt, entrechtet und kaltblütig ermordet.

Partei und Staat waren nicht mehr zu unterscheiden und Hitler stieg zum faktischen Alleinherrscher auf.

Kurz nach der Machtübernahme war der nationalsozialistische Staat stabilisiert – der blutige Terror der Straßen war der geheimen Gewalt der Konzentrationslager gewichen, Arbeitslosigkeit war aufgrund von Zwangsdiensten und zahlreichen Inhaftierungen verschwunden und die Lebensverhältnisse waren weitgehend verbessert. Das verbrecherische Regime war von der breiten Mehrheit der Bevölkerung akzeptiert worden, ganz nach dem Wunsch Hitlers, den er vier Jahre zuvor formulierte. Er prophezeite in seiner Rede vom 10. Februar 1933, „dass noch einmal die Stunde kommt, in der die Millionen die uns heute hassen […], mit uns […] das gemeinsam geschaffene, mühsam erkämpfte […] deutsche Reich […] begrüßen werden“3.

2.2 Leben und Wirken von Anna Seghers im Exil

Netti Reiling (1900-1983), in Mainz geboren, schrieb unter dem Pseudonym Anna Seghers4und flüchtete im Jahr 1933 aus Deutschland, nachdem sie schon einmal kurzzeitig von der Gestapo verhaftet worden war, unter ständiger Bewachung gestanden hatte und ihre Werke im Zuge der Bücherverbrennung verboten worden waren. Als Jüdin und überzeugte Kommunistin doppelt bedroht, emigrierte sie über die Schweiz nach Frankreich, wo sie sechs Jahre ihrer Exilzeit verbrachte. Während ihres Aufenthalts in Paris arbeitete sie an ihrem bekanntesten Roman „Das Siebte Kreuz“, der in der Anfangszeit des deutschen Faschismus vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im Herbst 1937 spielt und ihren Weltruhm begründet. 1941 floh Anna Seghers während des Einmarschs der deutschen Truppen in Paris erneut und hielt sich für weitere acht Jahre in Mexiko auf, bevor sie 1947 nach Ostberlin zurückkehrte, wo sie weiterhin ihrer Idee von Sozialismus und Kommunismus treu blieb. Sie begründete ihre Heimkehr, mit der Intention, das Denken der deutschen Bürger*innen zu verändern, da sie „in der Sprache, die sie am besten [sprach], für die Menschen, die [sie] sowohl im Guten als auch im Schlechten am besten [kannte], das meiste tun [konnte]“5.

Wie auch andere Emigranten, befand Seghers sich zunächst in einem „vagen Zustand, den [sie erst] für ein Zwischenstadium [hielt und] auf baldige Heimkehr [hoffte]“6. Doch auch für sie dauerte der Exilaufenthalt lange und wurde zu einer schweren Zeit, in der sie alle Stadien der Emigration - Flucht, Heimatlosigkeit, Zensur, Kämpfe und Heimweh - durchlebte7.

Ihr Hauptziel während ihres Aufenthalts im Exil war, durch ihre Werke das Wissen um die Widerstandskraft des Menschen lebendig zu erhalten und weiterzugeben. Sie rief dazu auf, den „Hauptfeind, den Faschismus, [mit] […] allen physischen und intellektuellen Kräften“8zu bekämpfen, um eine „starke vielfältige antifaschistische Kunst [aufrecht zu erhalten], an der alle teilhaben [sollten], die als Antifaschisten und Schriftsteller dazu qualifiziert sind“9. „Es gibt keine Neutralität. Für niemanden. Und am wenigsten für Schriftsteller. Auch wer schweigt, nimmt am Kampf [teil]. Wer erschreckt und betäubt von den Ereignissen in ein nur privates Dasein flieht, wer die Waffe des Wortes als Spielzeug oder Schmuck verwendet, wer abgeklärt resigniert, der verdammt sich selbst zu sozialer und künstlerischer Unfruchtbarkeit und räumt dem Gegner das Feld.“10

Anna Seghers fühlte sich vor allem während ihrer Exilzeit dazu berufen, mit ihren Werken auf die Zustände in Deutschland Einfluss zu nehmen, indem sie sich als Mensch und Schriftstellerin politisch engagierte. „Was hat unsere Freiheit für einen Sinn, wenn wir nicht immer wieder die Namenslosen nennen, wir, die […] reden und schreiben können?“11

Für sie konnte Literatur „das Leben auf eine besondere Weise erklären, durchschaubarer machen, schöner und lebenswerter [gestalten], da sie den Menschen [lehrt] standhafter [zu sein].“12

So beteiligte sie sich in Paris am Zusammenschluss der „Antifaschistischen Künstler“ und an der Neugründung des „Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller“. Für Seghers stand das Exil ganz im Zeichen des antifaschistischen Kampfes, an dem sie sich unter anderem mit Artikeln für die Zeitschrift „Neue Deutsche Blätter“13beteiligte, die ausdrücklich das „Wort als Waffe“14gegen das Hitler-Regime verwendete. Die Publikationen hatten das klare Ziel einen politischen Zusammenschluss der vertriebenen Antifaschisten zu bewirken und gleichzeitig die deutsche Bevölkerung über den „Klassencharakter“15des NS-Staates aufzuklären.

Sowohl Kritik und Selbstkritik als auch Sehnsucht nach der fernen Heimat und der feste Glaube an einen grundsätzlichen Zusammenhalt aller Hitlergegner, bestimmen in Seghers Exilzeit das Deutschlandbild, das sie in ihren Werken der dreißiger Jahre entwirft.

2.3 Bedeutung des Romans in der Literatur

„Das Siebte Kreuz“ gilt als der Roman „gegen die Diktatur schlechthin“16und wird zu den bedeutendsten Werken der deutschen Literatur als „der weitaus beste Roman über das faschistische Deutschland“17gezählt. Unter anderem weil es „das einzige epische Werk der gesamten Exilliteratur [ist], in dem nicht nur mit gerechtem Zorn Partei genommen wird, sondern - aus der Ferne - ein menschlich glaubhaftes Bild des verfinsterten Deutschland gelungen ist“18.

Bereits 1939 wurde das erste Romankapitel in der Moskauer Zeitschrift „Internationale Literatur“ publiziert. Der komplette Roman wurde schließlich im Jahr 1942 in den USA in englischer Sprache und vom mexikanischen Exilverlag „El Libro Libre“ in deutscher Sprache gedruckt. Erst 1946 wurde der Roman schließlich in Deutschland durch den Aufbau-Verlag19veröffentlicht und gewann kurz darauf zahlreiche deutsche Literaturpreise. Im Jahr 1943 wurde der Roman unter dem Titel „The Seventh Cross“ in Amerika erfolgreich verfilmt.

Für viele deutschen Schriftsteller*innen und Vertriebene, die aufgrund der faschistischen Diktatur ins Exil flohen und ihre Heimat verloren, gilt „Das Siebte Kreuz“ als wichtigstes literarisches Mittel des Widerstands. Alle Leser*innen, wo immer sie waren, sollten das Deutschland, das Anna Seghers zeichnete, gefühlsmäßig verstehen und die unbedingte Notwendigkeit des Kampfes gegen den Nationalsozialismus erkennen. Denn „wer dieses Buch liest ist nicht allein. Er ist mitten in Deutschland, unter Gefährten, lebenden oder toten“20.

Obwohl in dem Roman sowohl historische als auch gesellschaftliche Vorgänge erfasst werden, geht es Anna Seghers nicht um die bloße Wiedergabe realer Geschehnisse, sondern viel mehr um die Differenz zwischen Wirklichkeit – die scheinbare Allmacht der Nationalsozialisten – und Hoffnung – der kleine Sieg über den Faschismus. Die gelungene Flucht eines KZ-Häftlings wird somit zum Sinnbild der Überwindung jedes diktatorischen Regimes und verleiht dem Roman Zeitlosigkeit.

Der Autorin gelingt es, eine faszinierende Balance zwischen Fiktion und Authentizität zu halten, bis „das mythische Element mit dem realen Grundstoff […] eine unlösbare Verbindung“21eingeht. In ihrem Deutschlandbild stehen sich das fiktive Konzentrationslager Westhofen, angelehnt an das reale KZ Osthofen22, und der authentische Faschismus gegenüber, die den Roman zu einem literarischen Kunstwerk machen. Anna Seghers spricht selbst ausdrücklich davon, dass „Das Siebte Kreuz“ zugleich „wahr“ und „erfunden“ ist und sich deshalb alles, „was in dem Buch geschieht […] [sich] in Wirklichkeit auch begeben haben […] kann“23.

„Das Siebte Kreuz“ gilt als ein bedeutender „Denkstein“24für alle Opfer des Nationalsozialismus, deren „Gedächtnis sonst nur unvollkommen oder gar verunstaltet“25erhalten bleiben würde.

3. Analyse und Interpretation des Romans

3.1 Kurzer inhaltlicher Überblick

Im Oktober 1937 gelingt es sieben Häftlingen aus dem Konzentrationslager Westhofen zu entkommen. Daraufhin lässt der Lagerkommandant Fahrenberg sieben Platanen fällen und als Marterkreuze26für die Geflohenen aufstellen, die gleichzeitig als Abschreckung und Verhöhnung der übrigen Insassen dienen sollen. Nur einer der Flüchtlinge, der Kommunist Georg Heisler, findet nach unsäglichen Mühen und Entbehrungen den Weg in die Freiheit jenseits der deutschen Grenze. Seine Flucht gelingt nur durch die Hilfe verschiedener Menschen, die sich entscheiden müssen zwischen Verrat und Treue, egoistischer Abkehr und Mitmenschlichkeit, Denunziation und Solidarität.

Die sechs anderen Geflohenen müssen ihre Flucht mit dem Leben bezahlen. Das siebte Kreuz aber bleibt leer und wird somit zum Symbol des Widerstandes und der Hoffnung.

3.2 Titelmetapher und Widmung

Schon der Titel des Romans mit der auffallenden Zahl Sieben und dem religiösen Sinnbild des Kreuzes weist einen symbolischen Charakter auf. Das leer gebliebene Kreuz erinnert an die christliche Passionsgeschichte und steht zugleich im Gegensatz zu ihr. Es symbolisiert nicht märtyrerhafte Duldung, sondern eigenständiges, mutiges Handeln, das die solidarische Unterstützung anderer benötigt, um erfolgreich zu sein.

Das Kreuz, Symbol der Erlösung durch den Opfertod, Symbol des Heils, aber auch des Todes und des Folterinstruments schlechthin, wird im Laufe der Romanhandlung zum Symbol des Lebens, der Hoffnung und des partiellen Triumphes der Antifaschisten. Denn so viele Opfer der Kampf gegen das nationalsozialistische System auch fordert, die Zukunft wird durch den „Sieg des Lebens“27bestimmt. Nicht die Passion, sondern zahlreiche menschliche Aktionen sind es, die letztendlich zukunftsbestimmend sind.

Zudem erweitert die Verknüpfung des religiösen Kreuzsymbols mit der magischen Zahl Sieben den mythologischen Deutungsraum des Titels und verleiht dem Romangeschehen eine zusätzliche Dimension. Die auffallende Zahl Sieben spielt in nahezu allen Weltkulturen eine bedeutende Rolle und gilt als das Symbol der Vollkommenheit. Sie spiegelt sich in den sieben Flüchtlingen, den sieben Kreuzen, den sieben Fluchttagen und gliedert die Handlung in sieben Kapitel.

Anna Seghers widmet ihren Roman explizit den „toten und lebenden Antifaschisten“ mit der Absicht, all denen ein Denkmal zu setzen, die sich von den Nationalsozialisten nicht vereinnahmen und blenden ließen, sondern ihre Menschlichkeit und den Willen zum Widerstand bewahren konnten. Doch wie definierte die Autorin den breit gefächerten Begriff „Antifaschismus“?

Ist Antifaschismus ein kommunistisches Propagandawort für die sich gegen den Nationalsozialismus richtende politischen Strömungen28?

Oder versteht man darunter eine gegen die Politik und Ideologie des Faschismus gerichtete Bewegung, die auch politisch nicht organisierte Systemgegner einschließt29?

Nach der ersten Definition zählen zu den Antifaschisten ausschließlich diejenigen, die in politisch illegal organisierten Gruppen gegen den nationalsozialistischen Staat aktiv vorgehen. So gesehen wäre der Roman überwiegend an Kommunisten wie die Flüchtlinge Ernst Wallau und Georg Heisler gerichtet, die aufgrund ihrer Gesinnung verhaftet wurden oder an Figuren wie Fiedler, die ihre politischen Verbindungen wieder aktivieren, um Heisler zu helfen.

Doch was ist mit all den anderen couragierten Handlungen, durch die Georgs Flucht letztendlich geglückt ist? Sind nicht auch gerade die kleinen, meist unscheinbaren Gesten der Solidarität und Humanität einfacher Menschen Widerstand gegen das faschistische Regime?

Durch die spezielle Intention der Autorin, die gesamte Struktur des deutschen Volkes aufzurollen, ergibt sich der Eindruck, dass Anna Seghers ihren Roman nicht nur den kommunistischen Widerstandskämpfern widmen wollte, sondern vor allem auch den „Kleinen und Stillen im Lande“30. Die bedeutungsstarke Widmung gilt somit auch den „kleinen“ Antifaschisten, den „einfachen Menschen, die von Politik nicht viel verstehen und die Zusammenhänge oft nicht durchschauen, die aber ohne politisches Motiv aus einem elementaren Gefühl der Menschlichkeit heraus ihre Hilfe nicht verweigern“31.

3.3 Aufbau und Struktur

Der Roman setzt sich aus sieben Kapiteln zusammen, die sich in insgesamt 44 Abschnitte mit circa 130 Episoden untergliedern. Eine kurze Rahmenhandlung am Anfang und am Schluss bildet das formale Gerüst des Romans, während Rückblenden, Dialoge und innere Monologe wesentliche Bestandteile der literarischen Montagetechnik darstellen.

Von verschiedenen Ausgangspunkten her werden mehrere Handlungsstränge, untergliedert in einzelne Episoden, parallel geführt, wobei sie teils miteinander kontrastieren, sich berühren und überschneiden. Den Haupthandlungsstrang, mit dem alle anderen Handlungsebenen verknüpft sind, bildet die Flucht von Georg Heisler, dessen Ausbruch als einziger lückenlos dokumentiert wird und als Zentralmotiv den Roman durchzieht.

Zunächst lässt sich der Roman in drei Zeitebenen gliedern: Die Binnenhandlung, die Flucht der sieben Lagerinsassen im Oktober 1937; die Rahmenhandlung, bestehend aus Prolog und Epilog; und eine Zeitebene in der unmittelbaren Gegenwart der Häftlinge. Die Handlungszeit ist jedoch klar gegliedert, da jedem Fluchttag ein Kapitel gewidmet ist und die Flucht jeweils an einem Montagmorgen beginnt und endet.

Die Binnenhandlung präsentiert der auktoriale Erzähler, der eine übergeordnete epische Stellung einnimmt, die ihn bewusstseinsmäßig als einen aus dem Lager Befreiten erscheinen lässt trotz seines fortgesetzten Inhaftiertseins32. Er teilt den Leser*innen mit, was gleichzeitig an verschiedenen Handlungsorten geschieht und durchsetzt seinen Bericht mit inneren Monologen und erlebter Rede, die Einblick in die facettenreichen Romanfiguren geben.

Sowohl im Prolog, der das Ende des Romans schon vorwegnimmt, als auch im Epilog wendet Anna Seghers die personale Erzählperspektive an. Durch die kollektive „Wir-Form“, die Stimmen der Lagerinsassen, wird der Leser in die Geschichte der Flucht eingeführt und hat die Möglichkeit diese mit den Augen der Verfolgten zu sehen.

Die Flucht bildet den roten Faden im Roman „Das Siebte Kreuz“ und ermöglicht den Leser*innen, in Kombination mit den wechselnden Erzählperspektiven, sich an verschiedenen Orten in unterschiedliche Menschen und Gedankenwelten hineinzuversetzen.

Heislers Fluchtweg33führt ihn von Westhofen über Oppenheim nach Mainz, gleichzeitig auch Anna Seghers Heimatstadt, weiter nach Niederrad und Grießheim bis in die Frankfurter Innenstadt. Von Frankfurt aus setzt er seine Flucht über die Riederwaldsiedlung bis wieder nach Mainz fort, wo schließlich das rettende Schiff nach Holland wartet.

Dieser Handlungsraum des Romangeschehens ist realer und exemplarischer Raum zugleich: realer Raum, weil sich das, was dort fiktional geschieht auf der Landkarte verfolgen lässt und exemplarischer Raum, weil Ähnliches sich an einer Vielzahl anderer Orten in Deutschland als wirkliches Geschehen ereignet hat.34

4. Personen und ihre Rolle

4.1 Georg Heisler als wichtiger Protagonist

Im Roman „Das Siebte Kreuz“ ist, wenn man von der Fluchtgeschichte als wichtigstes strukturbildendes Element ausgeht, Georg Heisler der Protagonist, „also sein Held“35. Die Nationalsozialisten verhafteten den dreißigjährigen ehemaligen Automechaniker wegen seiner kommunistischen Gesinnung, vielleicht auch um zu zeigen, „wie man einen baumstarken Kerl [leicht] umlegt. Aber das Gegenteil passierte, [denn] sie haben […] nur gezeigt, dass es nichts gibt, was seinesgleichen umleg[en] [kann]“36. Heisler ist der Einzige, dem die Flucht aus dem Konzentrationslager Westhofen gelingt und es ist davon auszugehen, dass er es schließlich über die deutsche Grenze schafft, indem er mit einem Schiff nach Holland übersetzt. Trotz dieser starken Fokussierung, die Georg Heisler strukturell zur Hauptfigur der Handlung macht, ist er nicht als positiver Held konzipiert. Genau das entspricht der Intention der Autorin, die ins Zentrum des Romans nicht einen Einzelnen stellt, sondern an dem Ereignis der Flucht die ganze Struktur des deutschen Volkes aufrollen wollte.

Georg ist ein Mensch mit charakterlichen Fehlern und Schwächen, die nicht beschönigt werden sollen, denn „ das bringt wohl den Leser dazu, dass er fühlt, dass auch ein Mensch, der nicht ganz auf der Höhe war […], im entscheidenden Augenblick heroisch wirken [kann].“37Obwohl er weder die Merkmale eines typischen Helden noch einer politischen Vorbildfigur erfüllt, verfolgt er seine Ziele willensstark und mit einer eisernen Beharrlichkeit, wobei er zunächst Schwierigkeiten hat, sich in der fremd gewordenen Welt zurechtzufinden und die Menschen richtig einzuschätzen. Doch im Laufe der Flucht agiert er bedachter und vorsichtiger, eher bereit auf die Hilfe zu verzichten, als seine Mitmenschen dadurch in Gefahr zu bringen.

Heisler flüchtet nicht aus dem Lager, um den Nationalsozialisten bewussten und aktiven Widerstand zu leisten, sondern vielmehr aus persönlichen Motiven. Genau wie die anderen sechs Häftlinge will auch er den Qualen und der Folter des Konzentrationslagers entkommen. Heisler kämpft zu Beginn seiner Flucht nur ums nackte Überleben, vergleichbar mit „ein[em] Tier, das in die Wildnis ausbricht […], [während] Blut und Haare […] [noch] an der Falle [kleben]“38. Sein Fluchtweg führt ihn vom ersten Moment an zu seiner ehemaligen vertrauten Freundin Leni, bei der er hofft, Unterstützung zu bekommen, die sie ihm letztendlich aber verweigert.

[...]


1Siehe Anhang, Abb. 1

2Merklin, W., Zwischenspiel im exemplarischem Realismus, in: Eugen, K./ Dirks, W. (Hg.), Frankfurter Hefte, Frankfurt 1952, S. 149

3Stern (Hg.), Die Macht der Rethorik, in: https://www.stern.de/politik/geschichte/sportpalast-rede-die-macht-der-rhetorik-3350756.html, Zugriff vom 03.10.2018

4Siehe Anhang, Abb. 2

5Thomas, L., Das Interview. Anna Seghers in Berlin, in: o.H., Sonntag. Nr. 17, Berlin 1947, S. 2

6Brecht, B., Wahrnehmung, in: Gesammelte Werke Band 10, Frankfurt am Main 1967, S. 960

7Neugebauer, H., Anna Seghers. Leben und Werk, Westberlin 1978, S.41

8Seghers, A., Aufsätze, Ansprachen, Essays 1927-1953, Berlin 1984, S.77

9Ebd., S. 77

10Herzefeld, W./ Graf, O. M./ Seghers, A., Neue Deutsche Blätter. Monatszeitschrift für Literatur und Kritik Nr. 1, Prag 1933, S. 3

11Zehl-Romero, C., Anna Seghers, Hamburg 2001, S. 66

12Roscher, A., Wirklichkeit und Phantasie. Fragen an Anna Seghers, in: Roscher, A. (Hg.), Also fragen Sie mich. Gespräche, Leipzig 1983, S. 57

13Siehe Anhang, Abb. 3

14Zehl-Romero, C., Anna Seghers. Eine Biographie 1900-1947, Berlin 2000, S. 281

15Batt, K., Anna Seghers. Versuch über Entwicklung und Werke, Frankfurt am Main 1980, S. 80

16Reich-Ranicki, M., Literarischer Schutzwall gegen die DDR, in: Die Zeit vom 10.8.1962

17Lukács, G., Skizze einer Geschichte der neuen deutschen Literatur, Berlin 1953, o.S.

18Seghers, A., Das Siebte Kreuz. Ein Roman aus Hitlerdeutschland, Berlin 194639, S. 2

19Siehe Anhang, Abb. 4

20Mayer, P., Das Siebte Kreuz, in: Hilzinger, S. (Hg.), Das Siebte Kreuz von Anna Seghers. Texte, Daten, Bilder, Frankfurt am Main 1990, S. 173

21Wolf, C., Nachwort, in: Seghers, A. (Hg.), Das Siebte Kreuz, Berlin 1964, S. 413ff

22Siehe Anhang, Abb. 5

23Seghers, A., Zum Schulfunk (Das Siebte Kreuz), Typoskript, Berlin o.D.

24Seghers, A., Briefe an Jan Fontain, 24.02.1936, o.S.

25Ebd., o.S.

26Siehe Anhang, Abb. 6

27Diersen, I., Das Siebte Kreuz, in: Weimarer Beiträge Heft 12, Berlin 1972, S. 117f

28Schütz, W., Lexikon Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert, Rosenheim 1990, S. 19

29Bartel, H., Wörterbuch der Geschichte, Berlin 1983, S. 41

30Kuschel, K.-J., Jesus in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, Zürich 1978, S. 137

31Ebd., S. 137

32Beiken, P., Anna Seghers: Das Siebte Kreuz. Das Abenteuer vom gefährlichen und gewöhnlichen Leben, in: (o.H.), Interpretationen: Romane des 20. Jahrhunderts Band 1, Stuttgart 2005, S.352

33Siehe Anhang, Abb.7

34Tischer, H., Anna Seghers: Das Siebte Kreuz, in: Lehmann, H. (Hg.), Deutsche Romane von Grimmelshausen bis Walser. Interpretationen für den Literaturunterricht Band 2, Königstein 1982, S. 315

35Elsner, U., Anna Seghers. Das Siebte Kreuz, München 1999, S. 78

36Seghers, A., Das Siebte Kreuz. Ein Roman aus Hitlerdeutschland, Berlin 194639, S. 72

37Seghers, A., Aus dem Briefwechsel der Autorin, in: Weimarer Beiträge, Berlin 1970, o.S.

38Seghers, A., Das Siebte Kreuz. Ein Roman aus Hitlerdeutschland, Berlin 194639, S. 22

Details

Seiten
39
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783668991071
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v493601
Note
1,0
Schlagworte
Anna Seghers Das Siebte Kreuz Flucht Georg Heisler Nationalsozialismus Unterstützer der Flucht Antifaschistische Literatur

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Titel: Die Unterstützer der Flucht. Figuren des Romans zwischen Anpassung und Widerstand in Anna Seghers "Das Siebte Kreuz"