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Möglichkeiten und Grenzen einer nachhaltigen Ernährung

Hausarbeit 2019 44 Seiten

Pflegewissenschaft, Ernährung, Sport, Gesundheit - Ernährungswissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Nachhaltigkeit
2.1. Begriffsdefinition Nachhaltigkeit

3. Nachhaltige Ernährung
3.1. Die ökologische Dimension/Umwelt
3.2. Die ökonomische Dimension
3.3. Die gesellschaftliche Dimension
3.4. Gesundheit
3.5. Kultur

4. Grundsätze für einen nachhaltigen Ernährungsstil
4.1. Bevorzugung pflanzlicher Lebensmittel
4.2. Ökologisch erzeugte Lebensmittel
4.3. Regionale und saisonale Erzeugnisse
4.4. Bevorzugung gering verarbeiteter Lebensmittel
4.5. Fair gehandelte Lebensmittel
4.6. Ressourcenschonendes Haushalten
4.7. Genussvolle Esskultur

5. Diskussionen um nachhaltige Ernährung
5.1. Möglichkeiten einer nachhaltigen Ernährung
5.2. Grenzen nachhaltiger Ernährung

6. Zusammenfassung und Ausblick

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Jeder kennt die Gebrüder Grimm und ihre Märchen. Darunter sicherlich Schneewittchen. Die, ehe sie mit dem Prinzen ihrer Träume dem Sonnenuntergang entgegen ritt, von einer bösen Zauberin (a.k.a. Stiefmutter) eine Frucht überreicht bekam, in die sie hineinbiss und die sie in einen tiefen todesgleichen Schlaf fallen ließ.

Würde dieses Märchen heute spielen, so würde unser Schneewittchen wohl in eine thailändische Flugmango beissen (zuvor postet sie aber noch ein Mango- Selfie auf Instagram).“ (Demmel 2018)

Exotische Obstsorten, weit angereiste Superfoods, die uns einen gesundheitlichen Mehrwert versprechen und eine ständige Verfügbarkeit dieser Lebensmittel gehören für uns zum Lifestyle. Mango, Papaya, Acai-, Aronia- und Goji-Beeren, Chia und Avocado – sie versprechen uns Gesundheit, Schönheit und liegen im Trend. Alles Einheimische kommt uns langweilig vor und der Konsum von superfoods macht ein gutes Gefühl, es ist ja schließlich gesund. Welchen Weg diese Produkte hinter sich haben und welche weltweiten Auswirkungen unser Konsum hat, wird dabei häufig vergessen. (vgl. Demmel 2018)

Nehmen wir andererseits mal den 1. August 2018. Dieser Tag wird in diesem Jahr der Earth Overshoot Day sein, „der Tag, an dem die Weltbevölkerung die (erneuerbaren) Ressourcen verbraucht hat, die eigentlich hätten fürs ganze Jahr reichen sollen“ (Korek 2016, S. 99). Dieser Tag wird von Jahr zu Jahr früher erreicht. Der deutsche Earth Overshoot Day war sogar schon am 02. Mai 2018. Nach diesem Tag leben wir sozusagen auf Pump und auf Kosten anderer, insbesondere auf Kosten der Menschen in Entwicklungsländern. (vgl. ebd.)

Es scheint unabdingbar, dass wir unseren Lebensstil verändern, ihn zukunftsfähiger gestalten. Im Besonderen unser Ernährungsverhalten gilt es in den Blick zu nehmen. Doch was beinhaltet ein nachhaltiger Ernährungsstil, welche globalen Auswirkungen hat unser Essverhalten? Welche Möglichkeiten und Grenzen einer nachhaltigen Ernährung bestehen und welche Folgen ergeben sich für die Konsumenten?

In der vorliegenden Arbeit soll versucht werden, die Diskussion um Grundsätze eines nachhaltigen Ernährungsstils nachzuzeichnen. Dazu werden anfänglich die Begriffe Nachhaltigkeit und nachhaltige Ernährung präzisiert sowie letzterer anhand des Modells der fünf Dimensionen erläutert. Daraus sollen Grundsätze für einen zukunftsfähigen Ernährungsstil abgeleitet werden. Im Anschluss werden Möglichkeiten und Grenzen einer nachhaltigen Ernährung erörtert. Abschließend werden die wichtigsten Punkte der Diskussion zusammengefasst und ein möglicher Ausblick gegeben. Es folgt das Literaturverzeichnis.

2. Nachhaltigkeit

Die Verwendung des Begriffs Nachhaltigkeit erscheint auf den ersten Blick recht simpel, wird der Begriff doch „bisweilen inflationär“ (Schönberger/Brunner 2005, S. 10) verwendet. Nachhaltige Börsenentwicklung, nachhaltiger Konsum, nachhaltiger Lifestyle, selbst Unternehmen werben mit nachhaltiger Unternehmensführung und besonders im Bereich der Umweltpolitik gilt Nachhaltigkeit als Leitbild (vgl. ebd.). Versucht man jedoch den Begriff der Nachhaltigkeit inhaltlich zu füllen, sieht man sich mit einem vagen Konzept konfrontiert, das in der Theorie häufig schlüssig, in der praktischen Umsetzung jedoch meist unklar bleibt (vgl. Bommert/Engler/Stengel 2016, S. 16). Um den Begriff der Nachhaltigkeit zu erfassen, wird in Kap. 2.1 Nachhaltigkeit historisch betrachtet und zu definiert.

2.1. Begriffsdefinition Nachhaltigkeit

Im Rahmen der Begriffsbestimmung von Nachhaltigkeit kann als bahnbrechend „das

300 Jahre alte Nachhaltigkeitskonzept von Carlowitz“ (Braun 2015, S. 18) angesehen werden. Dieses im Jahre 1713 veröffentlichte Konzept betrachtet zum ersten Mal die nachhaltige Forstwirtschaft (vgl. ebd.). „[Carlowitz] schreibt von der Wichtigkeit des Holzes im menschlichen Dasein und des ebenso wichtigen Aufrechterhaltens des Waldes für kommende Generationen, beklagt den zu hohen Konsum des Holzes und fordert das Nachpflanzen und Säen von Pflanzen und Bäumen sowie den schonenden Umgang mit der Ressource Wald“ (ebd.).

Hier wird deutlich, dass Carlowitz verstanden hat, dass Wohlstand nur dann weiterbestehen kann, „wenn dessen Grundlagen erhalten bleiben, und zwar über Generationen hinweg“ (ebd., S. 9). War für Carlowitz die elementare Grundlage die Ressource Holz, so muss Nachhaltigkeit in einer komplexen Welt damit umgehen, dass es „mehrere zentrale Ressourcen, natürliche Rahmenbedingungen und ethische Herausforderungen“ (ebd., S. 10) zu bedenken gilt. Die zentrale Idee der Nachhaltigkeit ist demnach „der verantwortliche Umgang mit den Ressourcen unserer Erde“ (ebd.), wobei dies dem Gedanken der Gerechtigkeit folgen sollte.

Nachhaltigkeit komplex gedacht, erlebte in den 1980er Jahren durch den „Brundtland- Bericht“ (Bommert/Engler/Stengel 2016, S. 15) vermehrte Aufmerksamkeit. Konstruiert wurde ein „Drei-Säulen-Modell der gleichrangigen Entwicklung von Ökologie, Ökonomie und Sozialem“ (ebd.), wobei jedoch die Umsetzung dieses Modells stets Fragen aufwarf (vgl. ebd., S. 16). Häufig wurde diesem Modell ein „Vorrang ökonomischer Interessen“ (Linz 2016, S. 59) vorgeworfen.

Im Jahr 1992 wurde schließlich auf der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro das Leitbild Nachhaltigkeit beschlossen, welches eine „gesellschaftliche Entwicklung [bezeichnet], in der die Bedürfnisse heutiger Generationen befriedigt werden sollen, ohne die Bedürfnisbefriedigung kommender Generationen zu gefährden“ (Koerber/ Bader 2016, S. 172). Dies meint zum Beispiel, dass wir nur so viele Ressourcen verbrauchen, wie sich auch erneuern können und dass eine globale Chancengleichheit hergestellt wird (vgl. ebd.). Als Handlungsmaxime ergeben sich daraus „Weisen des sich Verhaltens und des Konsumierens, also des Sich-Aneignens und Verbrauchens von Gütern und Dienstleistungen, die diesen Zielen nicht widersprechen, sondern sie aktiv fördern“ (Linz 2015, S. 58).

3. Nachhaltige Ernährung

Das Verständnis der Nachhaltigkeit ist in den letzten Jahren zu einem Leitbild „zukünftiger Gesellschafts- und Wirtschaftsgestaltung“ (Schönberger/Brunner 2005, S. 9) geworden, sodass sich auch das Ernährungssystem der Frage nicht entziehen kann, welche Relevanz von diesem Leitbild für es ausgeht und was nachhaltige Ernährung beinhaltet (vgl. ebd.).

Übertragt man das Konzept der Nachhaltigkeit auf den Ernährungssektor, so ergibt sich folglich der Begriff der nachhaltigen Ernährung (vgl. ebd., S. 10). Auch hier „existiert eine Vielfalt von Ideen und Konzepten, die bislang weitgehend unvereinbar nebeneinander stehen“ (ebd.).

Folgt man dem Begriffsverständnis von Nachhaltigkeit, lautet konsequenterweise die Frage, wie wir uns so ernähren können, dass unsere Bedürfnisse hinsichtlich der Ernährung befriedigt werden, ohne die Ernährungsbefriedigung kommender Generationen zu gefährden und dabei eine globale Chancengleichheit im Zugang zu Lebensmitteln herzustellen. Auf eine Formel gebracht: „Essen mit Genuss und Verantwortung – für alle Menschen auf der Erde und für die kommenden Generationen“ (Koerber/Bader 2016, S. 201).

Nach Braun (2015) ist es dabei unabdingbar, die „Zusammenhänge zu erkennen und zu verstehen, welche Wirkungen unser Handeln hat“ (Braun 2015, S. 10). Daraus können Rückschlüsse gezogen werden, welche Grundsätze hinsichtlich des Nachhaltigkeitsgedankens in Bezug auf unser Ernährungsverhalten überhaupt angebracht sind.

Ein Versuch, diese Zusammenhänge und Wirkungen darzustellen, ist das Modell der fünf Dimensionen nachhaltiger Ernährung. Dieses ist in den Kontext der Ernährungsökologie einzubetten, ein „interdisziplinäres Wissenschaftsgebiet, das die komplexen Beziehungen innerhalb des Ernährungssystems untersucht und bewertet“ (Rathmanner 2009, S. 181). Ernährungsökologie versucht problemlösungsorientiert „die Dimensionen Gesundheit, Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft entlang der gesamten Produktionskette in ihren Interaktionen zu berücksichtigen“ (Schneider/Hoffmann 2011, S. 38), das Phänomen Ernährung demnach in seiner Gesamtheit zu erfassen. Anhand dessen können Faktoren, die die Ernährung des Menschen beeinflussen sowie regionale und globale Einflüsse unserer Nahrungsauswahl auf die genannten Dimensionen beschrieben und daraus „realisierbare, nachhaltige bzw. zukunftsorientierte Ernährungskonzepte“ (Rathmanner 2009, S. 181) entwickelt werden. Aufgrund der Komplexität entlang der Produktionskette entstehen im Bereich der Ernährung zahlreiche „Wirkungsketten, - netze, Rückkopplungen und eine damit verbundene Dynamik“ (Schneider/Hoffmann 2011, S. 38), was das Feld mehrdimensional und komplex macht. Einer vollständigen Darstellung all dieser Komponenten, Wechselwirkungen und Einflüsse kann dieser Arbeit nicht gerecht werden. Daher soll im Folgenden vor allem die Darstellung der fünf Dimensionen nachhaltiger Ernährung nach Koerber1 (2001; 2011; 2016) nachgezeichnet werden, der gemeinsam mit weiteren Autoren2 den Einfluss unserer Nahrungsauswahl auf die Dimensionen Umwelt, Wirtschaft, Gesellschaft, Gesundheit und Kultur beleuchtet.

3.1. Die ökologische Dimension/Umwelt

In Diskursen um nachhaltige Ernährung dominieren meist die ökologischen Kriterien, wird doch die Verwendung des Begriffs nachhaltig häufig auch mit „ umweltfreundlich und ökologisch in einen Zusammenhang gebracht“ (Herde 2005, S. 4). Und in der Tat trägt unser Ernährungsverhalten durch die einzelnen Stufen des Ernährungssystems, der „Erzeugung, Verarbeitung, Vermarktung und Zubereitung von Lebensmitteln [...] zur Belastung der Umwelt auf vielfältige Weise bei“ (Koerber/ Bader 2016, S. 172). Herde ergänzt dies um die Stufen der Vorproduktion, Einkauf und Lagerung sowie Entsorgung (vgl. Herde 2005, S. 6). Enthalten sind hier Einflüsse, die vom Konsumenten (z.B. Einkauf, Zubereitung) und andererseits von der Angebotsseite (z.B. Erzeugung) gesteuert werden. Folgend sollen einige Einflüsse des Ernährungsverhaltens auf die Umwelt dargestellt werden.

Einerseits ist die „Belastung von Luft, Wasser, Böden und Nahrung mit Schadstoffen (chemisch-synthetische Dünger, Pestizide, Tierarzneimittel usw.)“ (Koerber/ Bader 2016, S. 172) in der konventionellen Landwirtschaft anzuführen. Genannt werden soll hier beispielhaft die Zugabe von Phosphor und Stickstoff in Dünger. Dies steigert zwar landwirtschaftliche Erträge, jedoch hat „der daraus resultierende Eingriff in Stickstoffkreisläufe zahlreiche negative Umweltauswirkungen“ (Bönisch/Engler/Leggewie 2016, S. 33) wie der Eintritt überschüssiger Düngemittel in Gewässer oder die „Freisetzung von Lachgas, ein Treibhausgas welches beinahe dreihundertmal wirksamer (im negativen Sinne) ist als CO2“ (ebd., S. 34).

Überdies zu konstatieren ist, dass unser Ernährungssystem zum Voranschreiten des weltweiten Klimawandels beiträgt. In Deutschland ist die Ernährung mit etwa 20% am Ausstoß klimabelastender Treibhausgase beteiligt (vgl. Koerber/Kretschmer 2001, S. 32), wobei „etwa die Hälfte dieser Emissionen [...] aus der Landwirtschaft und davon der Hauptanteil, 85 Prozent, aus der Produktion tierischer Nahrungsmittel“ (ebd.) stammt (siehe Abb.1). Bestimmend für die hohe Produktion tierischer Nahrungsmittel

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Verteilung der Treibhausgas-Emissionen im Bereich Ernährung (in % des Gesamtausstoßes von CO2-Äquivalenten im Ernährungsbereich (Enquête Kommission des Deutschen Bundestages 1994, S. 24)

Folgen des Klimawandels sind intensivere Wettersituationen wie Orkane, Wirbelstürme oder Dürre, die dazu führen, dass der Anbau von Nahrungsmitteln sinkt (vgl. Braun 2015, S. 37). Betroffen sind davon insbesondere „Länder, in denen ohnehin schon Nahrungsmittelknappheit besteht“ (ebd.).

Weiterhin muss der Einfluss auf die Ressource Boden bedacht werden. Ein Problem ergibt sich aus der „Veränderung der Bodenzusammensetzung oder der Bodengesundheit“ (ebd., S. 36) durch den Einsatz von Dünger und Überbewirtschaftung. Andererseits ist aber auch die Flächennutzung zu betrachten. Weltweit werden Flächen zum Anbau von Nahrungsmitteln genutzt, aufgrund der hohen Nachfrage nach Fleisch- und Wurstwaren größtenteils „als Weide oder als Ackerfläche zur Produktion von Futtermitteln“ (Dräger 2016, S. 217). „Die Viehwirtschaft zählt demnach mit Abstand zum größten Landnutzer weltweit“ (ebd.). Auswirkungen sind weltweite Bodenverluste durch z.B. Abholzung und „Zerstörung natürlicher Lebensräume“ (Dräger 2016, S. 217) und damit zu einem Artenschwund bei Pflanzen und Tieren.

Im Auftrag des World Wide Found for Nature (WWF) wurden drei Studien3 zu deutschen Ernährungsgewohnheiten und deren Auswirkungen auf den Ressourcenverbrauch durchgeführt. Dabei wurde anhand des Konzepts des virtuellen Landhandels die virtuelle Fläche berechnet, die „zur Produktion einer bestimmten Einheit eines Agrarprodukts gehandelt“ (ebd.) wird. Deutschland zum Beispiel „verfügt über eine landwirtschaftliche Nutzfläche von ca. 17 Millionen Hektar“ (ebd., S. 218). Zusätzlich ist Deutschland jedoch auf Sojaimporte als Futtermittel überwiegend für Schweine und Geflügel angewiesen, die es bevorzugt „aus den Ländern Brasilien, Argentinien und Paraguay“ (ebd., S. 219) importiert. Laut den Ergebnissen der Studien nimmt Deutschland „über 40 Prozent der eigenen Flächenressource nochmal außerhalb der EU in Anspruch“ (ebd., S.218).

Auch aus energetischer Sicht ist die Nutzung pflanzlicher Futtermittel zur Umwandlung in tierische Produkte sehr ineffizient, gehen doch „65 bis 90 Prozent der Nahrungsenergie aus den Futterpflanzen als Veredelungsverluste verloren“ (Koerber/Kretschmer 2001, S. 32).

Nicht zu vergessen ist der Transport der importierten Futtermittel und Nahrungsmittel, der zudem hohe Emissionen verursacht (vgl. Herde 2005, S. 7). Dabei spielt neben der importierten Menge vor allem das Transportmittel und die Strecke eine Rolle in Bezug auf den Umweltverbrauch (vgl. Hoffmann/Lauber 2001, S. 189). Insbesondere weite Strecken mit dem Transportmittel Flugzeug sind extrem umweltschädlich (vgl. ebd.).

Auch die begrenzte Verfügbarkeit von Wasser aufgrund des hohen Wasserverbrauchs bei der Erzeugung und Zubereitung von Nahrungsmitteln sind weitere Auswirkungen unseres Ernährungsverhaltens auf die Umwelt (Koerber/ Bader 2016, S. 172f).

3.2. Die ökonomische Dimension

Ferner muss auch die ökonomische Dimension nachhaltiger Ernährung angeführt werden. Diese betrachtet die Faktoren, „die mit Angebot und Nachfrage, Preisen und Kosten ernährungsbezogener Produkte und Dienstleistungen [...] in Beziehung stehen“ (Schneider/Hoffmann 2011, S. 42).

Viele Menschen verdienen weltweit ihren Lebensunterhalt mit der Erzeugung, Verarbeitung, Zubereitung, Entsorgung und dem Handel von Nahrung (vgl. Koerber/Bader 2016, S. 175). In den letzten Jahren hat sich jedoch ein „teilweise ruinöser Preiskampf“ (ebd.) entwickelt, sodass Bauern, Verarbeiter und Händler durch niedrige Verbraucherpreise ihre Kosten nicht mehr decken können, geschweige denn, dass die Lebensmittelpreise die tatsächlichen Produktionskosten wiedergeben. „Infolge einer fragwürdigen Agrarpolitik wurde und wird die Rationalisierung und Konzentrierung der Landwirtschaft, der Verarbeitungsbetriebe und des Lebensmittelhandels gefördert“ (ebd.). Dies führt dazu, dass kleine und mittlere Unternehmen wirtschaftlich oft nicht mithalten können und in ihrer Existenz bedroht sind (vgl. ebd.).

Betrachtet man die globale Wirtschaftssituation, so zeigt sich zudem „ein starkes Nord- Süd-Gefälle hinsichtlich der Verteilung des Welteinkommens“ (ebd., S. 176). Trotz einer weltweit ausreichenden Produktion von Nahrungsmitteln, können sich viele Menschen diese vorhandenen Nahrungsmittel jedoch nicht leisten, was deutlich macht, dass wir es hier nicht mit einem Produktions-, sondern mit einem „Verteilungs- und Armutsproblem“ (Koerber/Leitzmann 2011, S. 80) zu tun haben. Verstärkt wird dies zudem durch die staatliche Förderung des Exports von Lebensmitteln in Entwicklungsländern, da „mit Exportprodukten in der Regel höhere Erlöse zu erzielen sind“ (Koerber/Kretschmer 2001, S. 32) und so eine Verringerung der Staatsschulden erhofft wird (vgl. ebd.). Folge davon ist, dass die Lebensmittelproduktion für den heimischen Markt und zur eigenen Versorgung vernachlässigt wird, was eine Verschlechterung der dortigen Situation mit sich bringt (vgl. ebd.).

Auch ist das sogenannte Land grabbing, die Aneignung von Land und Agrarfläche zu betrachten. Die weltweite Nachfrage nach Böden, der „Grundlage unserer Ernährung“ (Bommert 2016, S. 67) ist nicht nur aus Knappheitsgründen, sondern seit der Weltwirtschaftskrise auch aus wirtschaftlichen investitionsbedingten Gesichtspunkten gestiegen (vgl. ebd., S. 61). Böden werden zum Spekulationsobjekt, wobei Öl eine wichtige Rolle spielt, aber auch die (für uns interessantere) Konkurrenz um Äcker zur Produktion tierischer Nahrungsmittel (vgl. ebd., S. 64). Die weltweit steigende Nachfrage nach Fleisch sowie der Mechanismus der Flächennutzung zur Produktion tierischer Produkte wurde bereits in Kap. 3.1 erläutert. Die „Jagd nach den Äckern der Welt“ (ebd., S. 61) wird dominiert von wohlhabenden Staaten, aber auch von den „Internationalen Großkonzerne der Agrar- und Lebensmittelindustrie“ (ebd., S. 65). Fusionen lassen sogenannte Global player entstehen, die einen Großteil der Märkte besitzen. So kann man von der Top 5 der Agrarhändler sprechen, den Unternehmen „Archer Daniels Midland, Bunge, Cargill and Dreyfuss und Cofco“ (Heinrich-Böll- Stiftung et al. 2017, S. 26). Diese wiederum sind stark verbunden mit den Global playern der Ernährungsindustrie wie „Nestlé, PepsiCo, JBS & Tyson“ (Bommert 2016, S. 65).

3.3. Die gesellschaftliche Dimension

Die gesellschaftliche Dimension unserer Ernährung „umfasst politische, rechtliche, kulturelle, sozio-ökonomische und ethische Aspekte der Ernährung“ (Schneider/Hoffmann 2011, S. 41). Diese Dimension zielt stark auf die globale Sicherung der Lebensbedingungen aller Menschen ab, wozu „u.a. Verfügbarkeit und Zugang zu Nahrungsmitteln, humane Arbeitsbedingungen und Einkommenssicherheit“ (ebd., S. 42) zählen.

Eine Komponente ist die globale Existenzbedrohung und damit verbundene mangelnde Einkommenssicherheit, die häufig mit Exportsubventionen der Industrieländer zusammenhängen, die das Verkaufen von landwirtschaftlichen Produkten auf dem Weltmarkt zu niedrigen Preisen ermöglichen (vgl. Koerber/Kretschmer 2001, S. 32). Dadurch „verlieren häufig die in den Entwicklungsländern selbst produzierten Lebensmittel den Preiskampf gegen die Billigimporte“ (ebd.), was eine Existenzbedrohung der dortigen Bauern zur Folge hat. Dies in Kombination mit Einschränkungen der Bodenfruchtbarkeit durch beispielsweise Erosion oder Dürre, führt häufig zum Bankrott. Folglich flüchten viele Menschen in die Städte, wo sich wiederum aufgrund des hohen Zuzugs vom Land häufig Slums mit teilweise unzureichenden Hygiene- und Ernährungszuständen bilden. (vgl. Koerber/Kretschmer 2001, S. 32)

Aber auch in der Europäischen Union (EU) ist die Existenz von kleinen und mittelständigen Bauernbetrieben gefährdet, die dem Preisdruck nicht mehr standhalten können (vgl. ebd.).

Weiterhin kann man global „eine starke Zunahme des Verzehrs von tierischen Erzeugnissen sowie von vorgefertigten Lebensmitteln (sog. Convenience-Produkten) und Fast-Food-Produkten“ (Koerber von/Bader 2016, S. 177) feststellen. In den ärmeren Ländern verdrängen diese „Luxusprodukte [...] die traditionellen street foods (Mahlzeiten auf der Straße)“ (ebd.), die insbesondere den dortigen Frauen einen Zuverdienst ermöglichen. Folge ist auch hier eine weitere Existenzbedrohung und Verarmung.

Nicht zu vernachlässigen ist der ethische Aspekt der Ernährung in Bezug auf humane Arbeitsbedingungen. Der hohe Import von Konsumartikeln wie Obst, Gemüse, Kaffee oder Schokolade aus Entwicklungsländern, aber auch aus Großplantagen im Süden Spaniens, geht mit teilweise inhumanen Arbeitsbedingungen einher. Die Produkte werden häufig „unter fragwürdigen, teilweise auch unmenschlichen Bedingungen erzeugt“ (vgl. Koerber von/Bader 2016, S. 177), die Kinderarbeit, Zwangsarbeit und sehr geringe Löhne mit einschließen. (vgl. ebd.)

Auch die in Kap. 3.1 und 3.2 beschriebene Problematik des steigenden Verzehrs von tierischen Produkten und der Umwandlung pflanzlicher Lebensmittel in tierische Produkte ist nicht nur aus ökologischer Sicht, sondern auch aus sozialer und ethischer Perspektive eine Verschwendung unserer Ressourcen (vgl. Koerber/Bader 2016, S. 178). Betrachtet man zum Beispiel Deutschland, so nehmen wir uns „durch den erhöhten Fleischverzehr [...] mehr von der weltweit produzierten Nahrungsmenge, als uns nach Aspekten der Gerechtigkeit zusteht“ (ebd.).

3.4. Gesundheit

Ernährung hat stets auch einen Einfluss auf unsere Gesundheit, auf die „physischen und psychischen Befindlichkeiten des Menschen (Schneider/Hoffmann 2011, S. 40). Betrachtet man die gesundheitlichen Auswirkungen der Ernährung auf die Menschen weltweit, so kann man „von der globalen Ernährungskrise als einer Form der globalen Fehlernährung“ (Bommert/Engler/Stengel 2016, S. 9) sprechen. Diese ist gekennzeichnet von den drei Phänomenen der Unterernährung4, des verborgenen Hungers und der Überernährung.

[...]


1 Dr. Karl von Koerber ist Lehrbeauftragter für Nachhaltige Ernährung/Ernährungsökologie und Welternährung an der Technischen Universität München/Weihenstephan und gründete dort das Beratungsbüro für Ernährungsökologie sowie die Arbeitsgruppe Nachhaltige Ernährung (vgl. Arbeitsgruppe Nachhaltige Ernährung e. V. 2018).

2 Zu nennen sind hier Kretschmer (2001), Leitzmann (2011) und Bader (2016).

3 Die Studien des WWF sollen hier nur angerissen werden. Das genauere Studiendesign und das Studienvorgehen sind zu finden bei Dräger 2016, S. 217.

Details

Seiten
44
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783668994829
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v493625
Institution / Hochschule
Hochschule Anhalt - Standort Bernburg
Note
1,0
Schlagworte
möglichkeiten grenzen ernährung

Autor

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Titel: Möglichkeiten und Grenzen einer nachhaltigen Ernährung