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Gute Eltern, schlechte Eltern? Ein kritischer Blick von Vorstellungen auf Familienleitbilder

Hausarbeit (Hauptseminar) 2018 11 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Was sind Familienleitbilder?

3. Professionalität
3.1. Merkmalsbestimmung der Professionalisierung

4. Woher kommen Familienleitbilder?

5. Warum beschäftigt sich Forschung mit Familienleitbildern?

6. Der pädagogische Blick auf Familienbilder

7. Ein kurzer politischer Blick auf Familienbilder

8. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Zu allererst sollte man in der Arbeit mit Familien sich als Person immer weiterentwickeln, um angemessene Hilfestellung geben zu können. Welches Elternbild das Beste ist lässt sich schwer festlegen, da jeder Mensch ein eigenständiges Individuum, mit seinen eigenen Bedürfnissen ist. Die allgemeinen Vorstellungen davon, wie das Elternbild in einer Gesellschaft ausgestaltet werden soll, sind ebenso wie „Bilder von guten oder schlechten Eltern“ und wie diese Ihrem Erziehungsauftrag nachkommen sollten, dem historischem und kulturellem Wandel unterworfen. Ähnlich verhält es sich auch bei den Vorstellungen davon, wie „Kindheit“ in der Gesellschaft ausgestaltet werden soll. Neben der synchronen Betrachtung unterscheiden sich diese Vorstellungen auch in Geschichtlichkeit von Kindheit und entsprechenden Kinderbildern (vgl. Honig1999). Dabei ruft die Diskussion um den Begriff und die Institution Familie in der Regel die unterschiedlichsten, wissenschaftlichen wie alltäglichen, Vorstellungen und Assoziationen hervor.

Betz und Bischoff haben Konstruktionen „guter“ und „schlechter“ Elternschaft gefunden und sind dabei auf vier prominente Diskursmuster gestoßen: Eltern wären inkompetent und hilfsbedürftig; zudem unfähig; als auch Ressourcen und Arrangeure für die Entwicklung und Bildung Ihrer Kinder und primär verantwortlich für die Erziehung und Bildung ihrer Kinder (vgl. Betz/Bischof). Bilder und Vorstellungen von Familie, ‚richtiger‘ Erziehung und ‚guter‘ Kindheit gehören seit jeher zu den Bezugspunkten pädagogischen Handelns.

2. Was sind Familienleitbilder?

Als Familienleitbilder bezeichnet man Vorstellungen davon, wie Familienleben normalerweise oder idealerweise aussehen sollte. Diese Vorstellungen können sich auf die Familie im Allgemeinen beziehen, z. B. „Familie, das sind Vater, Mutter, miteinander verheiratet und Ihre Kinder“ oder „In einer Familie wird immer zusammengehalten“. Aber diese können sich auch auf einzelne Aspekte des Familienlebens beziehen, etwa auf Partnerschaft (z. B. „In einer Partnerschaft sollte die Frau nicht älter sein als der Mann“), Familienbiografie (z. B. „Bevor man heiratet, sollte man zusammengewohnt haben“) oder auf die Elternschaft (z. B. „Ideal sind zwei Kinder – zuerst ein Junge und dann ein Mädchen“). Die Vorstellungen sind oft bildhaft, da wird in Gedanken ausgemalt, wie eine „normale Familie“ aussehen sollte. Meist sind die Leitbilder in uns unbewusst verankert, ohne jemals reflektiert zu haben, ob Familie nicht auch ganz anders aussehen könnte. Da jeder Mensch Vorstellungen vom normalen oder idealen Familienleben hat, könnte man also nach den individuellen Familienleitbildern einer bestimmten Person fragen. Es wird aber davon ausgegangen, dass die meisten Familienleitbilder von verhältnismäßig vielen Menschen innerhalb einer Gesellschaft geteilt werden. Zum Beispiel könnten die Menschen in Deutschland typischerweise bestimmte Vorstellungen und andere Familienleitbilder haben, die sich von denen der Menschen in Japan oder Frankreich unterscheiden. Auch hätten Junge andere Vorstellungen von Familienleitbildern als Ältere, Großstädter andere als Menschen in ländlichen Gemeinden, Konfessionslose andere als Religiöse. Was auch eine Unterscheidung von Familienleitbilder zu kulturellen Familienleitbildern, die charakteristisch für Gesellschaften, Regionen, Generationen oder soziale Milieus, sind. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts herrschte auch eine ungleichheitsreproduzierende Sicht auf Eltern bzw. Familie vor, welches die konstituierende Jugend- und Familienfürsorge deutlich aufzeigt (Ramsauer 2000, Wilhelm 2005). Diese Sichtweise war am Leitbild der bürgerlichen Familie ausgerichtet, wo sich die Erziehung der Kinder am besten verwirklichen ließ. Damals beruhte das bürgerliche Familienideal auf drei zentrale Vorstellungen: dem „trauten Heim“ als Inbegriff eines Raumes, der sich von der Öffentlichkeit abgrenzte (Segalen 1997, S. 39); und der „Gattenliebe“ die für Entstehung und Erhaltung der Familie und der Kindererziehung als Basis gesehen wurde (a.a.O., S. 39ff.). Ob die Eltern erziehungsfähig waren, wurde an Kriterien der Sauberkeit der häuslichen Verhältnisse, der Häuslichkeit der Mutter, der generellen Sittlichkeit des Verhaltens der Eltern bemessen (vgl. Ramsauer 2000, S. 142ff.), die Kinder mussten sowohl richtig versorgt, als auch in einer bestimmten körperlichen und seelischen Verfassung sein (vgl. Wilhelm 2005, S. 269). In jüngerer Zeit wurde vor diesem Hintergrund darauf hingewiesen, dass als ein elementarer Bestandteil eines „Professionswissenshabitus (Professionalität)“ ein selbstreflexiver Umgang mit Familienleitbildern (Lange/Alt 2009) gepflegt werden sollte, weil nur so ungleichheitssensible, konstruktive Gestaltungsmöglichkeiten der Arbeit mit Familien entwickelt werden können. Dies ist heute genauso ein wichtiger Bestandteil bei der Arbeit mit Kindern und Ihren Familien, um angemessen Hilfe zu leisten. Auch das Bild von „erschöpften Eltern“, ist eine Abspaltung des „normalen“ Familienleitbildes. Es spaltet die Eltern in zwei Gruppen und unterscheidet zwischen „fähigen“ und „unfähigen‘“ „verantwortungsvollen“ und „verantwortungslose“, also den „guten“ und ‚„versagenden bzw. schlechten“ Eltern und steht im Zusammenhang mit einer Transformation bzw. Neukonzeption des Wohlfahrtsstaates. Bei dem Begriff „erschöpfte Familien“ richtet sich der Fokus hier auf Eltern, die vor dem Hintergrund gesellschaftlich eingeforderter Ausgestaltung ihrer Elternschaft und Verantwortung gegenüber ihren Kindern vielfach erschöpft sind. Es geht dabei eher darum, dass Erschöpfung so als Ungleichgewicht von familialen Ressourcen, Belastungen und Anforderungen gefasst wird, welches sehr oft im Zusammenang mit Armuts- und Unterversorgungslagen steht (vgl. Oelkes Erschöpfte Eltern 2009).

3. Professionalität

Bei dem Professionalisierungsbegriff sowie der Prozess der Professionalisierung in der Pädagogik handelt es sich nicht um eine modische Umstellung der Begrifflichkeit oder den schlichten Wunsch, den eigenen Beruf zur Profession aufzuwerten (vgl. Otto/Utermann 1971). Vielmehr dienen diese Selbstreflexionsanstrengungen der Abgrenzung eines eigenen Zuständigkeits- und Handlungsraumes. Der Begriff der Profession muss noch etwas Spezifisches und die Formen beruflicher Praxis Unterscheidendes zum Ausdruck bringen, auch wenn es sehr unterschiedliche historische Entwicklungspfade der Entstehung pädagogisch-professionellen Handelns in den verschiedenen pädagogischen Feldern gibt (Dewe.prof.soz. Handeln)

3.1. Merkmalsbestimmung der Professionalisierung

Zunächst waren die an der ärztlichen Tätigkeit orientierten klassischen Professionstheorien zur Bestimmung des Verhältnisses von Professionen zu nicht professionalisierten Berufstätigkeiten (vgl. MARSHALL 1963; PARSONS 1951, 1964, 1965, 1975) von nicht geringem Einfluss. Dabei stand die Frage im Raum, welche besonderen Merkmale der Profession deren Merkmale Professionen auszeichnen. Folgende Merkmale wurden hervorgehoben.

Zunächst eine auf wissenschaftliches Wissen gründende Berufsausübung; die freiberufliche Stellung; Autonomie bei der Formulierung von Standards der Berufsausübung und Ausbildung; eine berufsständische Organisation sowie eine explizit artikulierte Berufsethik, die Standards der Berufsausübung nach innen und außen kontrolliert und den Bezug zu zentralen gesellschaftlichen Werten offensiv artikuliert und schließlich als besonderes und zunächst ebenfalls deskriptives Klassifikationsmerkmal die sogenannte Klienten Orientierung.

Betrachtet man die Merkmale im Einzelnen, so wird eine Differenz zwischen Professionen und nicht professionalisierten bzw. professionalisierungsbedürftigen Berufstätigkeiten zu markieren, schnell deutlich. Als aussagekräftiges Unterscheidungskriterium zwischen Berufen kann heute eine akademische Ausbildung wohl kaum noch gelten, aber um die Art und Bedeutung des in der akademischen Ausbildung erworbenen Wissens, um eine Laien-Experten-Differenz, um die Notwendigkeit eines ethischen Leitbildes oder um die Eigenkontrolle von Qualitätskriterien der Berufsausübung durch die Profession selbst. Diese Diskussion, ob ein Beruf solche Merkmale erfüllt - oder eben nicht erfüllt -, wirkt aber standespolitisch aufgesetzt, wenn sie nicht mehr an die Struktur der Sache und Tätigkeit selbst zurückgebunden bleibt. Ein besonders aussichtsreicher Kandidat für den Nachweis einer funktionalen Klienten Orientierungen und sachlichen Besonderheit von Professionen scheint nun das Merkmal der Klienten Orientierung. Von diesem Bezugspunkt aus ließe sich möglicherweise das entfalten, was den eben dargelegten klassifikatorischen Bemühungen fehlt: der Aufweis einer inneren Beziehung zwischen den einzelnen Merkmalen von einem sinnlogisch sie organisierenden Zentrum aus.

4. Woher kommen Familienleitbilder?

Auf dem Wege der Sozialisation entstehen Familienleitbilder. Von klein auf beobachten wir andere Menschen – in der Familie, in der Schule, im Bekannten- und Freundeskreis, in der Nachbarschaft und auf der Arbeit. Das dort beobachtete Verhalten, an unseren Mitmenschen, erscheint uns mit der Zeit selbstverständlich. Wir gehen von „Normalität“ aus, was „alle so machen“ und dass man es auch so machen sollte. Zusätzlich spielen auch die Medien eine große Rolle. Dort wird uns in Filmen, Serien und Werbespots vorgeführt, wie Familienleben normalerweise aussieht. Zudem wird es uns in Romanen und Liedtexten beschrieben.

5. Warum beschäftigt sich Forschung mit Familienleitbildern?

Eine große Rolle, spielen persönliche und in der Gesellschaft wahrgenommene Familienleitbilder, wenn wir verstehen wollen, warum Menschen Partnerschaften eingehen oder sich trennen, eine gleichberechtigte Partnerschaft führen oder klassische Geschlechterrollen übernehmen. Es lassen sich zwar viele Entscheidungen nachvollziehen, wenn die Situation der Menschen einem bekannt, wie zum Beispiel gründen Menschen, die eine längere Ausbildung durchlaufen, typischerweise später im Leben eine Familie, weil sie dann erst ein geregeltes Einkommen beziehen. Andere Verhaltensweisen erscheinen uns jedoch rational kaum nachvollziehbar. Beispielsweise verzichten Frauen eher als ihre Partner, zugunsten ihrer Kinder auf eine Karriere, auch wenn sie genauso gut ausgebildet sind und das gleiche Einkommen erzielen könnten wie ihr Partner. Warum genau ist nicht ganz eindeutig, könnte aber an den Familienleitbildern liegen, die in den unterschiedlichen Gesellschaften verbreitet sind.

6. Der pädagogische Blick auf Familienbilder

Familienwissenschaftler beschäftigen sich mit Familienbildern eher mit mentalen Vorstellungsinhalten von ,,Familie" und selten mit materiellen, physisch fassbar und optisch wahrnehmbaren Kategorie von Bildern. Sie haben die Gestalt zusammenhängender Elemente, die Aussagen verdichten, schnell identifizierbare Symbole für komplexere Vorstellungsinhalte bieten sowie relativ kompakt und stabil verbunden erscheinen. Menschen haben ausgeprägt bildliche Vorstellungen von dem, was Familie und wie Familie sein sollte. Familienbilder haben unterschiedliche Funktionen und nehmen deshalb unterschiedliche Formen an und werden als scheinbare ,,Realbilder" behandelt. Dabei machen sie empirisch basierte kognitive Aussagen über die "typische" Wirklichkeit z.B. im Vergleich heutiger Familien zu früheren Familientypen oder Wissen über alleinerziehende Familien oder Familien mit Migrationshintergrund zu vermitteln scheinen. Von praktisch tätigen Pädagoginnen ebenso wie von einer disziplinär vermittelten und wissenschaftlich fundierten Pädagogik, werden in immer wieder neu konturierten inhaltlichen Bestimmungen, Vorstellungen von guter Elternschaft und Kindheit kolportiert. Zudem werden in konkreten alltäglichen und professionellen Interaktionen kontinuierlich Orientierungen vermittelt und reproduziert, die erzieherisches Handeln leiten und prägen (Cyprian 2003, S. 15). Wenn in den Personalabteilungen familien-psychologisches und -therapeutisches Wissen genutzt wird, halten Familienbilder auch Einzug in die "Gegenwelten" der Betriebe, um Mitarbeiter nicht mehr nur als Einzelpersonen, sondern als Mitglieder von Familien zu adressieren. Familienbilder in Form von Wirklichkeitsvorstellungen nehmen die Form eines kollektiven Gedächtnisses ein, welches sich über Vergleiche, Differenzen und Angleichungen in Diskursen konstituiert: Typische Beispiele für die Realitätskonstruktionen ganzer Generationen sind Erinnerungsbilder und Vorstellungen über die Familien der Eltern-oder Großelterngeneration, die erlebten, wahrgenommenen oder symbolisch vermittelten Veränderungen von der "Nachkriegsfamilie" zur "Wohlstandsfamilie", von der "heilen" harmonischen Familie zur riskanten, instabilen modernen Familie uns sind kollektive Familienbilder. Im Hinblick auf die Zusammenarbeit mit Eltern bzw. Familien ist die „Erziehungspartnerschaft“ in vielen pädagogischen Feldern zum vorherrschenden konzeptuellen Leitbild avanciert. Die Erziehungspartnerschaft, zwischen pädagogischen Fachkräften und Eltern, rekurriert als Konstrukt auf die Vorstellung einer gleichberechtigten, von wechselseitiger Anerkennungsgeprägten Beziehungsgestaltung, welche in vielen programmatischen Schriften fast stereotyp wiederholt wird (vgl. z.B. Textor 2010). Eine Forderung nach Gestaltung einer Erziehungspartnerschaft wäre also andeutungsweise, eingelagert in weitreichende Verschiebungen im Verhältnis von der Neujustierung des Zusammenspiels sowie öffentlicher und privater Erziehung von familialer und institutioneller Betreuung (ebd.). Die Erwartungen von PädagogInnen und Eltern an die jeweils andere Institution würden sich dadurch auch verändern. Wechselseitige Erwartungen und Zuschreibungen, Vorstellungen über das, was Eltern bzw. ErzieherInnen leisten sollen, bilden die Grundlage für die konkrete Ausgestaltung der Zusammenarbeit zwischen Fachkräften und Eltern (DJI 2011, S. 29ff.). Ein eher widersprüchliches Bild ergeben hier empirische Analysen: Implizite Normalitätsvorstellungen von Familie und familialer Erziehung fließen sowohl in die sozial- als auch die frühpädagogische Arbeit mit Familien oder Eltern ein, die Bewertungen der Eltern bzw. Zuschreibungen wie gute bzw. schlechte Eltern zur Folge haben (vgl. Bauer/Wiezorek 2009; White 2003). Solche Bilder führen auch dazu, dass sozialstrukturelle Ungleichheit über das pädagogische Handeln unreflektiert reproduziert wird tragen und tragen dazu bei, interne Differenzierungen im Blick auf die konkrete Elternschaft einer Einrichtung zu befördern (vgl. Wiezorek/Pardo-Puhlmann i.E.). In der Gestaltung der Zusammenarbeit mit Eltern übernehmen Familienbilder eine zentrale Orientierungsfunktion, sie bilden die Hintergrundfolie für deren Einordnung und Bewertung und strukturieren die Wahrnehmung der eigenen aber auch von anderen Familien. Eine Alternative wäre es den maximalen Spielraum für Praxen weitreichender Anerkennung differierender Wertsysteme auszuschöpfen, um statt Anpassungsprozessen Prozesse der Auseinandersetzung mit Werthorizonten in der Elternpädagogik zu ermöglichen , welches durch (Selbst)Reflektion der Fachkräfte innerhalb der gegebenen und explizierten, reflektierten strukturellen Grenzen und systemischen Widersprüche erreicht werden könnte (vgl.Wiezorek in Bauer Elternpädagogik)

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Details

Seiten
11
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668994867
ISBN (Buch)
9783668994874
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v493645
Institution / Hochschule
Technische Hochschule Köln, ehem. Fachhochschule Köln
Note
2,0
Schlagworte
gute eltern blick vorstellungen familienleitbilder

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