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Über den Geschmack. Eine Abhandlung über die Kapazität von ästhetischem Geschmack

Essay 2019 10 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Einleitung

Geschmack zeichnet uns aus. Durch ihn drücken wir uns aus, kategorisieren uns und andere, grenzen uns ab. Wir stimmen mit Geschmäckern Anderer überein oder finden es abscheulich, was sie/er macht, isst, trägt oder vertritt. Vieles, vielleicht sogar mehr, als wir denken, ist eben Geschmackssache. Wir identifizieren uns und andere über modischen, künstlerischen, sozialen, kulturellen, politischen und kulinarischen Geschmack; wir teilen ein und schaffen Kategorien und Schubladen. Aber wie verhält es sich mit dem Geschmack? Wie entsteht er? Bekommt man ihn, ist er angeboren, eignet man sich ihn an, kann man ihn verlieren?

Folgt man Pierre Bourdieus Annahme, muss man auf irgendeine Weise in Kontakt kommen mit etwas kommen, um Sympathie bzw. Gefallen oder Abneigung dafür zu empfinden, also eine Geschmacksempfindung zu entwickeln. Die Begegnung mit dem Objekt, dem Musikstück, dem Modetrend, der politischen Meinung oder der Morgenroutine erfolgt also nicht irgendwie; sie ist sozialisationsbedingt und somit abhängig von Erziehungs-, Herkunfts- und Statusfaktoren. Man wird in ein Umfeld geboren, kommt innerhalb dieses Umfeldes mit bestimmten Dingen in Kontakt bzw. nicht in Kontakt und wird auf diese Weise auf ein spezifisches ästhetisches Geschmacksempfinden konditioniert und gewöhnt; man bekommt seinen Geschmack. Die jeweiligen Geschmacksobjekte verweisen auf eine bestimmte Gesellschafts- oder Kulturform, aus der man stammt oder mit der man sympathisiert, der man sich zugehörig fühlt. (Vgl. Bourdieu 1987: 362-366)

Geschmack ist aber noch mehr: An unserer Umwelt und an uns selbst können wir den dynamischen, wandelbaren Charakter von Geschmack erkennen. Er verändert sich sowohl individuell als auch über Generationen hinweg. Es gibt radikale Individuen bzw. Extremfälle, die entgegen der normativen Praxis ihres Milieus handeln, denken und empfinden, sowie (Geschmacks-)Objekte, welche eine Transformation bezüglich ihrer Interpretation durchleben und dabei in verschiedenen sozialen Feldern relevant sind. Vorliegendes Essay soll Aufschluss darüber geben, wie auch Extrembeispiele, die von Wandel oder totaler Ambivalenz bezüglich Milieuzugehörigkeit und Geschmack zeugen, mit Bourdieus Sozialisationstheorie erklärt werden können.

Bourdieus über den direkten Zusammenhang von Geschmacksbildung und sozialer Herkunft bzw. gepflegtem Lebensstil dargelegt. Anschließend wird an Beispielen von Extremfällen, die der These augenscheinlich widersprechen, gezeigt, dass jegliche ästhetische Geschmacksempfindungen stets auf Sozialisation zurückzuführen sind. Abschließend wird angemerkt, wie umfassend ästhetischer Geschmack in unser Leben einfließt und welche Fragen diese Erkenntnis aufwirft.

Begriffserläuterungen

Um die Erläuterungen in vorliegendem Essay barrierefrei nachvollziehen zu können, werden im Folgenden die zentralen soziologisch geprägten Begriffe Milieu und Habitus erläutert, sowie erklärt, was unter G eschmack zu verstehen ist.

Milieu

Der Begriff Milieu ist in diesem Essay immer mit sozialem Milieu gleichzusetzen. Damit sind Gruppen von Gleichgesinnten gemeint, welche ähnliche Lebensstile, Wertehaltungen, Ansichten und soziale Beziehungen zu ihren Mitmenschen teilen. Milieus sind nicht als statisch zu begreifen; eine Person im Laufe ihres Lebens zwischen verschiedenen Milieus wechseln. (Vgl. Bourdieu 1987: 187 ff.)

Habitus

Im Habitus einer Person spiegelt sich nach Pierre Bourdieu ihr gesamtes Auftreten, was sich u.a. aus gepflegtem Lebensstil, Kleidung und (ästhetischem) Geschmack konstituiert. Am Habitus kann man erkennen, welcher gesellschaftlichen Klasse eine Person angehört. Innerhalb des Habitus generiert eine Person ihr Verhalten und ihre Ansichten. Sozialisation kann dabei bewirken, dass man in andere soziale Schichten auf- oder absteigt und der Habitus sich dadurch langfristig ändern kann. (Vgl. Bourdieu 1987: 277 ff.)

Geschmack

Unter Geschmack ist entlang dieses Essays stets der ästhetische Geschmack gemeint. Dieser kann auf verschiedenste Meinungen, Empfindungen und Auswirkungen in unterschiedlichen Lebensbereichen angewendet werden und ist niemals nur auf einen abgegrenzten Bereich wie z.B. Kulinarisches oder Schönheit bezogen.

Pierre Bourdieu – die sozialen Bedingungen des Geschmacks

Nach Bourdieu sind Geschmacksurteile weder subjektiv noch universal, sondern sozial bedingt. Der Sozialisationsprozess, den ein Mensch durchmacht, ist das, was den Geschmack hervorbringt. Dieser Prozess macht uns glauben, über einen individuellen, ganz eigenen Geschmack zu verfügen. Der Geschmack ist ein subjektives Prinzip, in dem Gemeinschaft, im Sinne des durchlebten Sozialisationsprozesses, enthalten ist. Man muss zwar zwischen individuellen und gesellschaftlich vereinbarten (normativen) Geschmacksurteilen unterscheiden, aber die Grenze zwischen individuellem und institutionalisiertem Geschmack ist schwammig und instabil. (Vgl. Bourdieu 1987: 772 ff.)

Der mit dem Sozialisationsprozess einhergehende Habitus erzeugt nicht nur verschiedene Denk- und Handlungsstrukturen, sondern auch unterschiedliche Klassifizierungsschemata der Handlungen bzw. Denk- und Ansichtsweisen von Anderen, kurz: unterschiedliche Geschmäcker über andere Geschmäcker. Bourdieu unterscheidet hierbei drei Dimensionen des Geschmacks, wobei jede Dimension einem sozialen Feld zuzuordnen ist:

1. Die Dimension des legitimen Geschmacks,
2. Die Dimension des mittleren Geschmacks,
3. Die Dimension des populären Geschmacks.

Kultureller und ästhetischer Geschmack und die damit einhergehenden Verhaltensweisen und Meinungen in Bezug auf Kleidungsstil, Kulinarisches, Kunst, Musik und Einrichtung sind nach Bourdieu nichts Autonomes und charakterlich-individuelles, sondern determiniert vom jeweiligen Habitus. Dieser Mechanismus erzeugt klassenweise Geschmacksunterschiede und damit auch soziale Differenzen. Bourdieu weist mit dieser These die Möglichkeit einer persönlichen, individuellen Geschmacksfindung von der Hand – das Subjekt kann sich aufgrund des ihm auferlegten Sozialisationsprozesses nur an den objektiven Strukturen im Sinne von sozialen Klassen und Geschmacksdimensionen orientieren und umgekehrt auch nur in solche eingeordnet werden. Die einem zugehörige Klasse bzw. eine Klasse, der ein jedes Individuum zugeordnet werden kann, ist immer sowohl ökonomisch als auch kulturell (im Sinne von Geschmacksbereich) zu verstehen. (Vgl. Bourdieu 1987: 367 ff.)

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Details

Seiten
10
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783668993662
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v493902
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,0
Schlagworte
Geschmack Philosophie Bourdieu Theorie Kapazität Vermögen

Autor

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Titel: Über den Geschmack. Eine Abhandlung über die Kapazität von ästhetischem Geschmack