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Die Bedeutung des selbstbestimmten Spiels für die kindliche Entwicklung

Facharbeit (Schule) 2018 34 Seiten

Pädagogik - Berufserziehung, Berufsbildung, Weiterbildung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Definition
2.1 Fünf Merkmale des Spiels

3.Verhaltensforschung
3.1 Hirnforschung
3.2 Evolutionsforschung
3.3 Bindungsforschung
3.4 Entwicklungspsychologie

4. Entwicklungsvorrausetzungen für bestimmte Spielformen
4.1 Objektpermanenz
4.2 Symbolverständnis
4.3 Perspektivenübernahme
4.4 Unterscheidung von Wirklichkeit und Schein
4.5 Bedürfnisaufschub und Impulskontrolle
4.6 Regelverständnis

5. Spielformen und Spielphasen
5.1 Einzelspiel und Parallelspiel
5.2 Spielvorläufer
5.3 Funktionsspiele
5.4 Bewegungsspiele
5.5 Als-ob-Spiele
5.6 Konstruktionsspiele
5.7 Rollenspiele
5.8 Regelspiele

6. Wie lernen Kinder

7. Wenn Kinder sich langweilen

8. Der Wert des Spiels

9.Gesetzliche Grundlagen
9.1 Die UN Kinderrechtskonvention
9.2 Das Recht auf Freizeit und Spiel

10. Der Raum als Pädagoge
10.1 Spielräume in der Kita Turmspatzen

11. Spielmaterialien
11.1 Zehn Kriterien für kindgerechtes Spielzeug

12. Was heißt selbstbestimmtes Spiel?
12.1 Wie frei ist das Freispiel in der Kita Turmspatzen?

13. Die optimale Spielsituation für Kinder

14. Beobachtung eines Freispiels im Theaterraum

15. Pädagogisches Handeln anhand der fünf Merkmale des Spiels

16. Persönliches Resümee

1. Einleitung

Die vorliegende wissenschaftliche Arbeit behandelt die Bedeutung des selbstbestimmten Spiels für die kindliche Entwicklung. Für eine bessere Lesbarkeit, werde ich die maskuline Sprachform des Erziehers verwenden, selbstverständlich sind Frauen ebenso gemeint. Zurzeit arbeite ich in der Kita Turmspatzen in Eiche. In der Einrichtung werden 135 Kinder im Alter von 0- 12 Jahren betreut. Zusätzlich gibt es ein Hortgebäude auf dem Grundstück der Ludwig Renn Grundschule für weitere 70 Hortkinder. Da ich im Kindergartenbereich tätig bin, werden meine praktischen Beispiele hauptsächlich auf das Alter von 0-6 Jahre beziehen. Für das Thema habe ich mich entscheiden, weil das Spielen zu den Grundtätigkeiten der Kinder gehört. Aus diesem Grund möchte ich mich mit diesem Thema näher auseinandersetzen, um meinen Blick zu schärfen und mein Wissen darüber zu erweitern. Zudem möchte ich dem Stellenwert des selbstbestimmten Spiels mehr Bedeutung geben und die Wichtigkeit verdeutlichen. Durch die Fachliteratur möchte ich nachweisen, dass im selbstbestimmten Spiel, die Kinder mehr lernen, als wenn Erwachsene versuchen, sie zu „fördern“. Infolgedessen werde ich auf das selbstbestimmte Spiel den Schwerpunkt setzen. Folgende Fragen werde ich in meiner Arbeit näher beleuchten: Was heißt überhaupt spielen und woran erkennt man es? Wo liegt die Abgrenzung von Spielen und Lernen oder haben beide Wörter die gleiche Bedeutung? Wie erweben Kinder ihr Wissen? Wie selbstbestimmt ist das Spielen in der Praxis?

Im Folgenden erläutere ich die Definition des Spiels und die dazugehörigen Merkmale. Des Weiteren werde ich mich mit der Forschung beschäftigen und die wissenschaftlichen Erkenntnisse daraus zusammenfassen. Im Zuge dessen werde ich die wichtigen Voraussetzungen für die Entwicklung der bestimmten Spielformen darlegen. Danach erläutere ich die Spielvorläufer und die Spielformen mit ihren Funktionalitäten, die ich in der Fachliteratur gefunden habe. Anschließend gebe ich Handlungsvorschläge für die pädagogischen Fachkräfte, wenn die Kinder „Langeweile“ äußern. Zusätzlich werde ich mich mit dem Wert des Spiels und die Haltung des Erziehers auseinandersetzen. Folgend erläutere ich die elementaren gesetzlichen Grundlagen zum Thema Spiel. Nachfolgend setze ich mich mit der Raumgestaltung auseinander und stelle die Spielräume in der Praxis dar. Daraufhin befasse ich mich mit den Spielmaterialien und benenne die wichtigsten Kriterien zur Auswahl eines kindgerechten Spielzeugs. Des Weiteren untersuche ich durch gezielte Fragen, wie frei das Freispiel tatsächlich in der Praxis ist und erläutere dies kurz. Demnach stelle ich die optimale Spielsituation dar und die notwendigen Rahmenbedingungen, die ein Kind zu einem gesunden Spielen benötigt.

Zudem gebe ich meine Beobachtung zum selbstbestimmten Spiel wieder und benenne die Lerninhalte der Kinder in diesem Spiel. Anschließend lege ich das Pädagogische Handeln bei der Begleitung des Freispiels dar und gebe praktische Beispiele in der Umsetzung. Zum Schluss formuliere ich mein persönliches Resümee.

2.Definition

Die Lust am Spielen und die Neugier sind Kindern angeboren. Spielen gehört zu den Tätigkeiten, die der Mensch ein Leben lang ausübt. Entwicklungspsychologisch gesehen, entdeckt der kleine „homo ludens“ (lat. „der spielende Mensch“) die Welt, während er spielt. Das Spiel gehört also unbedingt zum Lebensalltag des Kindes dazu. (vgl. Heute wieder nur gespielt: 2016, S. 10)

Ich habe viele unterschiedliche Definitionen und Merkmale in den Fachbüchern zu dem Begriff Spiel gefunden. Ich beschloss deshalb zunächst in der Praxis (Kita Turmspatzen) die Experten zu befragen, also die Kinder, wie sie das Spiel definieren. Auf meine Frage: „Was ist spielen?“, antworteten die Kinder so: „Für mich heißt Spielen, dass meine Freude mit mir ein tolles Spiel spielen, wie Mau Mau Katze“ M., 5 Jahre alt. „Spielen heißt singen“ T., 4 Jahre. „Das man mit Kindern was macht“ H., 6 Jahre. „ Das man nicht beißt“. T., 3 Jahre. „Feuerwehr mit Helm“. E., 3 Jahre. „Spielen ist für mich richtig schön“. L., 5 Jahre. „Also ich mag immer im Sportraum spielen, weil der Sportraum mein Lieblingsraum ist. M., 6 Jahre. „Spielen ist für mich draußen spielen“ J., 5 Jahre, „Spielen ist Geheimnisse mit Freunden haben“ P., 6 Jahre.

Es sind sehr aussagekräftige Sätze wie ich finde, die aus Kinderaugen beschreiben, was Spielen genau bedeutet und wie facettenreich es sich darstellt.

2.1 Fünf Merkmale des Spiels

Ich habe mich für die Definition von Bernhard Hauser entscheiden. Diese weist fünf Merkmale auf, die ich hier näher erläutern möchte:

1. Unvollständige Funktionalität
2. So-tun-als-ob
3.Positive Aktivierung und Fokussierung
4.Wiederholung und Variation
5.Entspanntes Feld

Merkmal 1: Unvollständige Funktionalität

Spielen macht Freude und muss nicht einen Zweck erfüllen. Spielen ist frei von äußerem Nutzen. Das Spiel ist jedoch in sich selbst zweckvoll, wenn Kinder ihre Ziele und Zwecke ihrer Spielhandlungen selbst bestimmen. Sobald Ziele oder Ergebnisse von den Kindern angestrebt werden, dienen diese für die aktuelle Spieltätigkeit. Jedoch ist dieser Nutzen für die Kinder ein Nebenaspekt. Denn Kinder spielen, um Spaß zu haben und nebenbei lernen sie für das Leben. (vgl. Heute wieder nur gespielt:2016, S. 14)

Beim Schaukeln zum Beispiel konnte ich gut beobachten, dass die Kinder aus Freude schaukeln und nicht, um ihre Motorik und Koordination zu verbessern.

Merkmal 2: So-tun-als-ob

Spielverhalten erkennen Erzieher z.B. am Gesichtsausdruck. Dabei ist die Gestik und Mimik übertrieben, die Handlungen sind unvollständig oder unlogisch. Die Kinder trinken z.B. aus Sandförmchen in deutlich übertriebener und unrealistischer Weise. Gespielte Handlungen sind Varianten, die in der Wirklichkeit nicht bestehen müssen. Im Spiel probieren sich die Kinder in vielfältigen Rollen „gefahrlos“ aus. So werden im Spiel wichtige Fähigkeiten spielend eingeübt und Fertigkeiten entwickelt. Wenn Kinder Beispielsweise im Spiel kämpfen, führen sie die Schläge sanft aus oder deuten diese nur zum Schein an. (vgl. Heute wieder nur gespielt:2016, S. 15)

In der Praxis konnte ich gut beobachten, dass bei einem „Boxkampf“ zwei Jungen nur die Bewegungen mit den Händen andeuteten um sich nicht ernsthaft zu verletzen.

Merkmal 3: Positive Aktivierung und Fokussierung

Spielen ist freiwillig, aus purer Lebenslust und ohne Zwang. Von Kindern wird Spielen spaßmachend, aufregend und zudem entspannend empfunden.

Wenn Kinder aus eigenem Antrieb spielen, können Erzieher viele dieser Emotionen beobachten. Der Spielverlauf ist überwiegend offen, unvorhersehbar und stellt dadurch für die Kinder einen besonderen Reiz dar. Interesse, Erlebnisse, etwas wie ein kleiner Risikofaktor aber mit minimaler realistischer Gefahr unterstützen die Attraktivität kindlicher Spielausübung. Wenn die Kinder in ihre Spielszenarien eintauchen und sehr vertieft sind, nehmen sie die Welt um sich herum nur noch sehr reduziert wahr. Hierbei verschmelzen Bewusstsein und Handlung. Es entsteht eine Balance zwischen Anforderung und Fähigkeiten. Die Kinder erleben den so genannten „Flow“ Zustand“. Nach Maria Montessori heißt dieser Zustand die “Polarisation der Aufmerksamkeit“.

Das selbstgesteuerte Lernen ist im Vergleich mit dem von außen gesteuertem Lernen bei weitem wirksamer und effektiver. (vgl. Heute wieder nur gespielt:2016, S. 16)

Im Kreativraum konnte ich zum Beispiel beobachten, dass beim Malen mit Tusche die Kinder so in die Tätigkeit vertieft waren, dass sie über fünf Minuten, still an ihrem Werk gearbeitet haben.

Merkmal 4: Wiederholung und Variation

Kinder haben geradezu ein Verlangen, bestimmte Handlungen immer wieder zu wiederholen, bis sie ihr Vorhaben erreicht haben. Dies ermöglicht ihnen Dinge besser zu verinnerlichen. In Abgrenzung dazu stehen, stereotype, zwanghafte Verhaltenweisen und Explorationsverhalten. Beim erkunden eines Gegenstandes fehlt die Wiederholung. Ein vertrauter Gegenstand wird in vielfältiger Weise bespielt. (vgl. Heute wieder nur gespielt: 2016, S. 17)

Ich konnte beobachten wie ein Kind immer wieder draußen das Wasser von einem Förmchen ins andere geschöpft hat.

Merkmal 5: Entspanntes Feld

Der Begriff kommt aus der Verhaltensforschung und meint eine entspannte Atmosphäre, die dem Kind ein positives und sicheres Gefühl gibt. In einer sicheren Umgebung, wird nicht nur gespielt und gelernt, sondern ausprobiert und Neues erfunden. Neben der Sicherheit ist auch die Anregung von wichtiger Bedeutung. Denn in einem anregungsarmen Umfeld (Materialien, Räume, Bilder) werden das Spielverhalten und die Neugier deutlich verringert. Zu diesem Merkmal konnte ich bei der Bringsituation morgens beobachten, dass die Kinder erst nach einem kurzen Ankommen (alle Freude begrüßen) zu spielen beginnen, also erst, wenn sie sich sicher und entspannt fühlen.

3. Verhaltensforschung

Das neugierige und erkundende Verhalten führt bei Menschen dazu, die Umwelt genauer kennen zu lernen. Das Erkundungs- und Spielverhalten können nicht immer genau voneinander getrennt werden. Aus der natürlichen Neugierde entsteht das Spielverhalten. Dem zufolge hat das Spielen eine wichtige biologische Funktion. Mensch und Tier lernen im Spiel, sich in einer verändernden, komplexen Welt zurechtzufinden. Das Unbekannte wird erkundet, neue Bewegungs- und Wahrnehmungsfähigkeiten und soziale Rollen werden trainiert und erlernt.

Dem zufolge erweitern sich neue Verhaltensmuster und es kommt zum Beispiel zu neuen Erfindungen oder Entwicklungen. (vgl. Heute wieder nur gespielt: 2016, S. 19)

3.1 Hirnforschung

Neurowissenschaftler machten es möglich, recht detailliert zu beschreiben, was im Gehirn vorgeht, wenn es nicht in erster Linie um die Organisation des Alltags geht. Wenn das Gehirn nicht primär zur Verfolgung bestimmter Ziele und Zwecke genutzt wird. Wenn es den Menschen gelingt, einen Raum zu betreten, wo der Mensch frei und unbekümmert denken und handeln kann, Neues entdeckt und seine Potentiale ausschöpfen kann. Die Hirnforscher konnten bei dem spielenden Menschen zum Beispiel anhand von bildgebenden Verfahren messen, dass im Bereich der Amygdala (Hirnareal, welches u. a. für Emotionen verantwortlich ist) eine Verringerung des Sauerstoffverbrauchs aufgrund einer Verminderung der Aktivität der Nervenzellenverbände sichtbar war. Diese Hirnregion ist immer dann aktiv, wenn die Menschen Angst haben. Im Spiel verliert also der Mensch seine Angst. (vgl. Rettet das Spiel: 2018, S. 19)

Zudem werden die Hirnareale verstärkt, die gebraucht werden, um die aktuellen Herausforderungen des Spiels zu bewerkstelligen. Je vielfältiger das Spiel ist, desto mehr Netzwerke werden währenddessen in Gang gesetzt. Genau das sind wichtige Voraussetzungen, dass Menschen durch neuartige Verknüpfungen aus bestehendem Wissen, neue Ideen und Einfälle entwickeln können. Zudem wurde beobachtet, dass zum Beispiel bei jeder gut bewältigten Aufgabe bestimmte Neuronenverbände im Mittelhirn, die auch „Belohnungszentren“ genannt werden, zunehmend aktiviert werden. Dieses Gefühl erleben Menschen als Freude, Lust oder Begeisterung. Diese drei Erkenntnisse, stellen deutlich dar, dass der spielende Mensch, erst dann seine Potentiale entfalten kann, wenn er keinen Druck oder Zwang verspürt. Deshalb fühlen sich Menschen meist dann frei und lustvoll, wenn sie spielen. (vgl. Rettet das Spiel: 2018, S. 20)

Zusammengefasst heißt dies, dass das völlig absichtslose Spielen, für die besten Vernetzungen im Gehirn sorgt.

3.2 Evolutionsforschung

Mit der Evolutionsforschung möchte ich erläutern, welches Verhalten angeboren ist.

Das Verhalten, welches der heutige Mensch zeigt, ist evolutionsbiologisch begründet. Denn alle Lebewesen auf dieser Erde sind von der Vergangenheit geprägt, diese Prägungen helfen beim Überleben und Wachsen.

Die Verhaltensweisen wie Neugier und Erkundung sind genetisch bedingt, das Kind ist ein von Natur aus lernfähiges Wesen. Das Unbekannte, in sicherer Umgebung, löst Erkundungsverhalten und später das Spielverhalten aus. Demzufolge gehört das Spielverhalten aus verhaltens-, neuro- und evolutionsbiologischer Sicht zur „Natur des menschlichen Kindes“. (vgl. Heute wieder nur gespielt: 2016, S. 19)

3.3 Bindungsforschung

Die Bindungstheorie geht von der Annahme aus, dass der Mensch mit zwei biologisch festgelegten Bedürfniskomplexen eingerichtet ist. Dem Bedürfnis nach Bindung und dem Bedürfnis nach Exploration, die sich zueinander entgegengesetzt verhalten. Ist Beispielsweise das Bedürfnis nach Bindung hoch und dadurch aktiv, ist der Drang nach Erkundung niedrig. Ein hohes Explorationsverhalten hingegen, ist ein Zeichen dafür, dass das Kind sich sicher und gebunden fühlt. Zu dem Bedürfnis nach Bindung, Sicherheit und Geborgenheit müssen andere wichtige Grundbedürfnisse, wie Hunger, Durst, Schlaf erfüllt sein. Ein hungriges Kind beispielsweise erkundet seine Umwelt nicht und spielt nicht. (vgl. Heute wieder nur gespielt: 2016, S. 20)

3.4 Entwicklungspsychologie

Entwicklung ist ein Prozess von Veränderungen während des gesamten Lebenslaufes von Menschen. Die Kindheit ist besonders entwicklungsreich und lernintensiv, so dass die Entwicklungsfortschritte am wirkungsvollsten sind. Aufgrund der hohen Plastizität des Gehirns sind vor allem in den ersten Jahren extreme Entwicklungs- und Lernprozesse gegeben. Die individuellen Anlagen und die soziokulturelle Umwelt beeinflussen wechselseitig die Entwicklung. Das Kind muss körperliche, affektive, kognitive und soziale Entwicklungsaufgaben bewältigen. Für jede Entwicklungsphase des Kindes hat das Spiel und dessen Spielformen eine wichtige Bedeutung. Das Spiel bietet in jeder Entwicklungsphase maximale Entfaltungsmöglichkeiten. Demzufolge beeinflussen sich Spiel und Entwicklung gegenseitig (vgl. Heute wieder nur gespielt: 2016, S. 21)

4. Entwicklungsvorrausetzungen für bestimmte Spielformen

Hier möchte ich die Voraussetzungen für die Spielformen darstellen und ihre Bedeutung untersteichen.

Kinder weisen in jeder Entwicklungsphase typische Spielformen und Spielhandlungen auf. Die Bandbreite der geistigen Fähigkeiten wird mit jeder Spielphase erweitert. Kinder entwickeln sich so betrachtet spielend weiter.

Um überhaupt einige Spiele spielen zu können, werden bestimmte kognitive, soziale und emotionale Kompetenzen benötigt. (vgl. Heute wieder nur gespielt: 2016, S. 22)

4.1 Objektpermanenz

Nach Jean Piaget entwickelt sich zwischen dem sechsten und achten Lebensmonat die „Objektpermanenz“. Dabei machen die Kinder die Erkenntnis, dass Objekte, die sie nicht sehen können, trotzdem vorhanden sind. Vorher galt das Prinzip „aus dem Auge, aus dem Sinn“. Die Kinder haben die geistige Reife erreicht und können ein inneres Bild herstellen. Ist zum Beispiel ein Ball unter den Schrank gerollt, so versuchen die Kinder diesen wiederzuholen. (vgl. Heute wieder nur gespielt: 2016, S. 22)

Ich habe beobachtet, dass Erzieher mit den Kindern Suchspiele spielen, zum Bespiel mit einem kleinen Stein, der in der Faust verschwindet und dann heimlich hinter dem Rücken oder in der Hosentasche abgelegt wird. Die Verwirrung des Kindes ist dann groß, wenn der Stein in beiden Händen nicht zu finden ist, da das Kind die Erwartung hat, dass der Stein in einer der beiden Hände sein müsste (Objektpermanenz).

4.2 Symbolverständnis

Das Symbolverständnis entwickelt sich mit ungefähr achtzehn Monaten und ist die Voraussetzung für das spätere Fantasie- und Rollenspiel. Die Als-ob-Spiele zeigen, dass das Kind fähig ist, sein Denken von der direkten festgestellten Wahrnehmung des Gegenstandes zu befreien. Diese Fähigkeit zur Abstraktion ist die Voraussetzung für das fantasievolle Spielen. (vgl. Heute wieder nur gespielt:2016, S. 23)

In der Praxis habe ich zum Bespiel beobachtet, dass ein Sieb zur Kopfbedeckung eines Kindes umgewandelt wurde oder ein Stock als Kerze auf einem Sandkucken umfunktioniert wurde oder ein Taschentuch zu einem gefährlichen Hai wurde.

4.3 Perspektivenübernahme

Mit etwa vier Jahren, überwinden Kinder ihren Egozentrismus (nach dem Entwicklungs-psychologen Piaget, beschreibt es die kognitive Unfähigkeit, den Blickwinkel eines anderen einzunehmen) den Kindern gelingt es immer mehr, sich in andere Personen hineinzuversetzen und deren Sichtweise zu übernehmen.

Sie verstehen immer besser, dass Menschen verschiedene Bedürfnisse und Meinungen haben. Verhaltensreaktionen können sie zum Teil voraus denken. Die Fähigkeit, eine Theorie darüber zu entwickeln, was die anderen fühlen, denken und wünschen, wird als „Theory of Mind“ genannt. Die Fähigkeit zum Wechsel der Perspektive ist im Kontext mit Empathie zu sehen und bildet die Grundlage für komplexe, anspruchsvolle Sozialspiele. Andersherum ist es jedoch auch so, je öfter Kinder sich in andere Rollen versetzen, desto besser werden sie darin, ihren Blickwinkel zu ändern. (vgl. Heute wieder nur gespielt:2016, S. 23)

In der Kita Turmspatzen habe ich beobachtet, dass ein Kind sich beim Fußballspielen das Knie aufgeschürft hat, ein anderes Kind (4 Jahre) darauf schnell zu mir eilte und mich fragte, ob es denn schnell eine Kühlkompresse für das verletzte Kind bei beim Küchenpersonal holen darf, um die Wunde zu kühlen. Das Kind hatte also mitgefühlt, dass das verletze Kind Schmerzen hatte und wollte ihm helfen.

4.4 Unterscheidung von Wirklichkeit und Schein

Im vierten Lebensjahr können Kinder meist zwischen Realität und Fantasie unterscheiden. Kinder treten aus ihrem Spiel heraus und besprechen sachlich, wie das Spiel weitergehen kann. Das ist wichtig für das Bewusstsein, um eine deutliche Grenze zwischen Spiel und Realität zu ziehen. (vgl. Heute wieder nur gespielt:2016, S. 23)

Ich habe dazu beobachtet, wie ein Mädchen in einem Mutter-Kind-Rollenspiel zu einem anderen Mädchen sagte:“ Du sollst jetzt so tun, als ob du ein Baby bist und schläft okay?“.

4.5 Bedürfnisaufschub und Impulskontrolle

Mit zunehmendem Alter können Kinder ihre Bedürfnisse, wie zum Beispiel Essen und Trinken, immer mehr aufschieben und ihre Impulse besser kontrollieren. Dadurch haben Sie die Möglichkeit im Spiel zu bleiben, so dass das Spiel weiter verlaufen kann und bis zum Schluss gespielt werden kann. (vgl. Heute wieder nur gespielt:2016, S. 24)

Oft habe ich beobachtet, dass die Kinder, wenn sie sehr in das Spiel vertieft sind, erst etwas zu trinken holen, wenn sie das Spiel zu Ende gespielt haben oder erst nach dem Spiel auf die Toilette gehen.

4.6 Regelverständnis

Das Regelbewusstsein von Kindern ist ein Prozess, der etwa über zehn Jahre verläuft. Gegen Ende des vierten Lebensjahres, entwickelt das Kind die Perspektivenübernahme und verfügt dann über ein einfaches Regelverständnis. Nach Jean Piaget übernimmt das Kind die Regeln, ohne zunächst einen tieferen Sinn dabei zu erkennen.

Im Stadium des „egozentrischen Regelverständnisses“ unterwirft sich das Kind strikten Regelvorgaben. Im Stadium der „abwandelbaren Regeln“, mit etwa zehn Jahren, begreift das Kind die meisten Regeln. Es entwickelt nun auch eine Regelverständigung, so dass Regeln situationsangepasst und bedürfnisorientiert abgewandelt werden können. (vgl. Heute wieder nur gespielt: 2016, S. 24)

5. Spielformen und Spielphasen

In diesem Kapitel möchte ich die Bedeutung von den verschiedenen Spielformen und Spielphasen darstellen.

Die Spielformen und Spielphasen lassen sich nicht eindeutig chronologisch zuordnen, weil es zeitliche und thematische Überschneidungen gibt. Auch Altersangaben sind nur Durchschnittwerte. Kinder, die lange in einer Spielphase verbleiben, nutzen diese wahrscheinlich intensiv aus, weil sie hier ungewöhnlich gut sind bzw. Begabungen entwickeln. Andersherum konnte das Überspringen einer Spielphase bislang nicht nachgewiesen werden. Dies wäre unlogisch, da die einzelnen Phasen aufeinander aufbauen. Auch wird keine Spielphase durch eine anschließende Phase komplett aufgelöst, sondern verändert. Da mit zunehmenden Alter und Spielerfahrung die Anforderung und Komplexität steigen. So entsteht aus einem Rollenspiel zum Beispiel darstellende Spielformen wie Pantomime oder Theater. Tätigkeiten wie Handarbeit oder Modellbau können sich aus Konstruktionsspiel (siehe Spielform) entwickeln. (vgl. Heute wieder nur gespielt: 2016, S. 24)

5.1Einzelspiel und Parallelspiel

Bei Kindern bis ungefähr drei Jahren dominieren noch das Einzel (Alleinspiel) und Parallelspiel, weil die Fähigkeit zur Perspektivübernahme und die Sprache noch nicht so weit entwickelt sind, um an komplexen Spielabläufen teilzunehmen. Einzel- und Parallelspiel stellen natürliche Übergansformen zum nachfolgenden Kooperationsspiel dar. Das Kooperationsspiel ist aufgrund der vielfältigen Lernmöglichkeiten eine sehr bedeutsame Spielform. (vgl. Heute wieder nur gespielt: 2016, S. 25)

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Details

Seiten
34
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668998193
ISBN (Buch)
9783668998209
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v493919
Note
2
Schlagworte
Spielen Pädagogik

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Titel: Die Bedeutung des selbstbestimmten Spiels für die kindliche Entwicklung