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Der Gendergap der politischen Partizipation. Wie erklärt das feministische Konzept Unterschiede in der Wahlbeteiligung?

Hausarbeit 2019 19 Seiten

Politik - Politische Systeme - Allgemeines und Vergleiche

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der gender gap der politischen Partizipation
2.1 Definition politischer
2.2.1 Der Sozialisationstheoretische Erklärungsansatz
2.2.2 Der situative/soziokulturelle Erklärungsansatz
2.2.3 Der strukturelle Erklärungsansatz

3. Methoden der Partizipationsforschung
3.2 Feministische Forschung

4. Politische Partizipation der Geschlechter
4.1. Wahlbeteiligung
4.2 Erklärungsansätze für die Wahlbeteiligung
4.3 Anwendung der Theorien auf die Ergebnisse

5. Zusammenfassung und Ausblick
5.1 Überprüfung der Erklärungsansätze
5.2 Eignung der Messmethode

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Fast 100 Jahre nach Verabschiedung der Weimarer Verfassung, in der der weiblichen Hälfte der Bevölkerung zum ersten Mal die gleichen staatsbürgerlichen Rechte wie ihrem männlichen Pendant zugestanden wurden, legt die erste Frau ihr Amt als Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland nieder. Beweist nicht allein die mit 18 Jahren sehr lange Amtszeit von Angela Merkel als CDU-Parteivorsitzende, dass Politik schon lange keine reine Männerdomäne mehr ist?Trotzdem ist das Diktum der „unpolitischen Frau“ (Westle und Schoen 2002: 215) bisweilen ein allgegenwärtiges und anerkanntes Phänomen, die den gender gap in der Politik fortbestehen lässt.

Es gilt als eines der gesicherten Erkenntnisse der Politikwissenschaft, dass Frauen ein geringeres politisches Wissen aufweisen als Männer (z.B. Mondak und Anderson 2004: 494). Auch Dow (2009: 118) bestätigt, dass der „ political knowledge gender gap “ existiert.

Diese Arbeit geht also von der Annahme aus, dass der gender gap besteht und will diesen mit Erklärungsansätzen aus feministischer Sicht unter der folgenden Fragestellung untersuchen:

Inwiefern kann das feministische Konzept die politische Partizipation der Frau unter Betrachtung der Wahlbeteiligung in der Bundesrepublik Deutschland erklären?

Die Analyse der Wahlbeteiligung der Frau im Verlauf der Jahre soll Aufschluss über die Partizipation der Frau geben und dient als Methode, um die Theorien des feministischen Konzeptes zu überprüfen.

Die Wahl als ein aktiver Akt der politischen Partizipation wird hierbei vor allem als Medium der Interessensartikulation angesehen, denn durch die Wahlentscheidung kann die Zustimmung zu politischen Themen und auch deren Ablehnung vermittelt werden.

Diese Arbeit kann also dazu beitragen, die aktive politische Partizipation empirisch zu belegen und von diesen Ergebnissen aus zu diskutieren, inwiefern sich Schlüsse auf das politische Interesse der Frau ziehen lassen können.

Sie kann keine empirische Grundlage für das politische Interesse an sich bieten, da die gewählte Methode keine direkte Aussage über diese machen kann.

Ferner kann die Entwicklung der Wahlbeteiligung über die Zeit nachgezeichnet werden, sodass eventuelle Tendenzen in dieser Entwicklung sichtbar gemacht werden.

In dieser Arbeit soll in einem ersten Schritt die theoretische Grundlage der politischen Partizipation beleuchtet und anschließend die drei traditionellen Theorien des feministischen Konzepts vorgestellt werden. Dazu zählen der sozialisationstheoretische, der situative und der strukturelle Erklärungsansatz.

Anschließend werden die Datensätze der Wahlbeteiligung von 1953 bis zur letzten Bundestagswahl im Jahr 2017 ausgewertet und analysiert, um dann in einem letzten Schritt die Theorien zu überprüfen.

2. Der gender gap der politischen Partizipation

2.1 Definition politischer Partizipation

Politische Partizipation umfasst alle Handlungen und Verhaltensweisen von Bürger*innen mit dem Ziel, Einfluss auf die Politik zu nehmen (van Deth 2009: 141).

Es wurden verschiedene Taxonomien entwickelt, um die Formen der politischen Partizipation zu systematisieren. Traditionell wird unterschieden zwischen konventionell versus unkonventionell, wobei letztere wiederum in legal und illegal unterschieden werden kann (Hoecker 1995: 17).

Konventionelle Partizipation umfasst zum Beispiel die Beteiligung an Wahlen oder die aktive Mitarbeit in Parteien. Unkonventionelle Beteiligung kann zudem in legal und illegale Partizipation unterteilt werden. Legale, unkonventionelle Beteiligung kann in Form von Mitarbeit in einer Bürgerinitiative oder der Teilnahme an genehmigten Demonstrationen stattfinden.

Illegale, unkonventionelle Beteiligung wird wiederum in gewaltsame und gewaltlose Beteiligung unterschieden, die sich in zivilem Ungehorsam bzw. in politischer Gewalt äußern kann.

Uehlinger ( 1988 ) unterscheidet politische Partizipation dabei in fünf Kategorien. Dieses fünfkategoriale System der politischen Partizipation wird in Tabelle 1 dargestellt. In dieser Arbeit wird vor allem die konventionelle, institutionalisierte Dimension politischer Beteiligung untersucht.

Tabelle 1: Taxonomien der politischen Partizipation

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Nach Uehlinger 1988

2.2 Erklärungsansätze für den gender gap aus Sicht der feministischen Forschung

Der gender gap der politischen Partizipation beschreibt das soziale Phänomen der Ungleichheit zwischen den Geschlechtern, das sich in Unterschieden in der politischen Beteiligung (gem. Kapitel 2.1.) äußert (vgl. Hoecker 1995: 24). Man spricht auch von der Geschlechterkluft. Verba und Nie formulierten diesen gender gap in der Intensität der politischen Beteiligung: „ In all societies for which we have data, sex is related to political activity; men are more active than women.“ (Verba/Nie 1972: 234)

Um die Differenzen der politischen Partizipation zwischen den Geschlechtern zu erklären, führt das feministische Konzept der Partizipationsforschung traditionell drei Erklärungsansätze an. Die Beteiligung der Frau sei im Wesentlichen von soziokulturellen, situativen und institutionellen Faktoren abhängig. Somit können die klassischen Erklärungsansätze in den sozialisationstheoretischen, den situativen und in den strukturellen bzw. institutionellen Erklärungsansatz untergliedert werden (vgl. Westle/Schoen 2002: 216).

2.2.1 Der Sozialisationstheoretische Erklärungsansatz

Der sozialisationstheoretische Ansatz wird durch soziokulturelle Faktoren wie Bildung, Beruf und familiären Hintergrund konstituiert und geht davon aus, dass Mädchen und Jungen schon während ihrer Kindheit geschlechtsspezifische Rollen und somit auch ein unterschiedliches Verhältnis zur Politik vermittelt bekommen würden. Das klassische male breadwinner Model suggeriert, dass die Politik eine reine Männerdomäne sei und der Frau aufgrund ihrer vornehmlichen Zuständigkeit im Haushalt und für die Kindererziehung die Kapazität und das Interesse für politische Partizipation fehlen (vgl. Westle/Schoen 2002: 216; Hoecker 1995: 33; Welch 1977: 713). Campbell et. al (1964: 29) schreiben, dass die Frau so in eine passive politische Rolle sozialisiert werden würde.

Allerdings wird dieser Ansatz nur sehr schwach empirisch gestützt. Vielmehr verbreitet ist die Annahme, dass die als politisch relevant geltenden Fähigkeiten nicht schon im Kindesalter durch die Sozialisation von Mädchen und Jungen, sondern erst durch den Beruf und die Sozialisation im Erwachsenenalter zunehmend geprägt werden (Welch 1977: 714).

Andersen (1975) unterstützt anhand ihrer SRC Auswahlstudien diese These und bestätigt, dass „ adult socialization experience" einen großen Einfluss auf die Partizipation der Frau habe.

2.2.2 Der situative/soziokulturelle Erklärungsansatz

Die Schwächen des sozialisationstheoretischen Erklärungsansatz greift das Argumentationsmuster des situativen Erklärungsansatzes auf.

Dieser sieht die Gründe für die Geschlechterkluft nicht in den prädispositiven Faktoren, sondern vielmehr in den situativen Umständen wie Beruf, Bildung und familiären Hintergrund.

Ein wichtiger Faktor dabei ist das Zeitbudget, das für die Entwicklung des politischen Interesses, vor allem aber für die Artikulierung dessen und somit für die politische Beteiligung der Frau zur Verfügung steht. Auch dies lässt sich auf das male breadwinner Modell zurückführen, nach dem die Frau traditionell für die Hausarbeit und die Erziehung der Kinder zuständig sei. Dieses Argument stützt die These, dass das Vorhandensein von Kindern bei gleichzeitiger Abwesenheit einer Arbeitsstelle außerhalb des Hauses die politische Partizipation der Frau einschränkt (vgl. Welch 1977: 715; Westle/Schoen 2002: 216; Paxton/Hughes 2017: 138).

Andersen (1975: 444) bestätigt, dass Frauen, die aus der traditionellen Rolle der Hausfrau herausbrechen (können), indem sie auch außerhalb dieser Aufgaben erwerbstätig sind, eine höhere politische Beteiligung aufweisen.

Besonders bei der konventionellen, parteiorientierten Partizipation kommt der Erwerbstätigkeit und somit vorangehend der Bildung eine wichtige Rolle zu. Außerdem kann die Erwerbstätigkeit Möglichkeiten organisierter Aktivitäten ermöglichen, welche sich beispielsweise in Form von Gewerkschaften äußern. (vgl. Andersen 1975: 441).

2.2.3 Der strukturelle Erklärungsansatz

Der strukturelle oder auch der institutionelle Erklärungsansatz lokalisiert die Ursachen der ungleichen politischen Partizipation von Frauen und Männern in einer von Männern dominierten Gesellschaft, die Frauen den Zugang zur institutionalisierten Politik verwehren würde.

Es bestehen Thesen, die besagen, dass Frauen schulisch weniger gefördert werden würden als Männer, ihnen der berufliche Aufstieg im späteren Berufsleben durch Diskriminierung und die Bevorzugung von Männern verwehrt werden würde und ihnen durch fehlende Strukturen zur Entlastung der Frau von Hausarbeit und Kindererziehung sowie Vereinbarkeit von Familie und Beruf der Zugang zur Politik erschwert werde (Welch 1977: 712ff.; Westle/Schoen 2002: 217).

Auch die institutionellen Strukturen von Politik würden eine politische Karriere der Frau erschweren.

Darunter werden also vor allem die Strukturen des Parteien- und Wahlsystems, sowie das Rekrutierungsmuster des politischen Personals gefasst (vgl. Hoecker 1995: 189).

Dieser Erklärungsansatz konnte allerdings empirisch nur minimal und somit nicht ausreichend aussagekräftig bestätigt werden.

Verba und Nie (1972: 101) bestätigten, dass „ Men are somewhat overrepresented (…) but not to a very great degree.“

Vielmehr seien das Einkommen und die Bildung ausschlaggebend für die politische Partizipation, nicht aber das Geschlecht ein einschränkender Faktor (vgl. Welch 1977: 716).

Diese These lässt sich somit abermals auf die Theorien des situativen Erklärungsansatzes zurückführen.

3. Methoden der Partizipationsforschung

3.1 Mainstream Forschung

Die Mainstream Partizipationsforschung bedient sich vor allem der quantitativen Methoden wie der Querschnittsuntersuchungen, bei denen die Probanden entweder zu einem bestimmten Zeitpunkt oder über einen längeren Zeitraum (Panelstudien) zu denselben Themen befragt werden (Hoecker 1995: 20). Es wird darauf abgezielt, dass die Angaben für die Bevölkerung repräsentativ sind.

3.2 Feministische Forschung

Die Verfechter*innen der feministischen Partizipationsforschung kritisierten an der standardisierten Mainstream Forschung, dass die Fragestellungen nicht die weibliche Lebenserfahrung sowie Politikverständnis und -interesse beachten würden und die Ergebnisse somit nicht aussagekräftig genug seien (Geißel/Penrose 2003: 5).

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Details

Seiten
19
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783668999732
ISBN (Buch)
9783668999749
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v493997
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Institut für Politikwissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
Politische Partizipation Frauen gender gap feministisch Wahlbeteiligung

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