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Otto Dix und die Neue Sachlichkeit. Ein neutraler Blick auf die Welt?

Wissenschaftlicher Aufsatz 2018 17 Seiten

Kunst - Bildende Künstler

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Otto Dix und die Neue Sachlichkeit – ein neutraler Blick auf die Welt?

2 Die Neue Sachlichkeit- Kunstepoche und Stilrichtung
2.1 Stilmittel
2.2 Motive

3 Strömungen der Neuen Sachlichkeit
3.1 Der Verismus
3.2 Der Klassizismus
3.3 Der magische Realismus

4 Geschichte der Neuen Sachlichkeit
4.1 Anfänge und Verbreitung
4.2 Die NS-Zeit
4.3 „Die Wiederentdeckung der Neuen Sachlichkeit“

5 Otto Dix - Portrait eines Künstlers der Neuen Sachlichkeit
5.1 Frühes Leben
5.2 Ausbildung
5.4 Künstlerischer Aufstieg in der Neuen Sachlichkeit
5.5 Dix während der NS-Zeit
5.6 Späteres Leben und „die Wiederentdeckung der Neuen Sachlichkeit“

6 Die „dixschen“ Selbstbildnisse

7 Schlussbetrachtung

8 Literaturverzeichnis

1 Otto Dix und die Neue Sachlichkeit – ein neutraler Blick auf die Welt?

Ich brauche die Verbindung zur sinnlichen Welt, den Mut zur Hässlichkeit, das Leben ohne Verdünnung". Mit diesem Satz proklamierte Otto Dix nicht nur sein persönliches Mantra als „Wirklichkeitsmensch“, sondern fasste auch den Anspruch der, in der Weimarer Republik aufgekommenen, Neuen Sachlichkeit treffend zusammen. Diese versuchte „die Realität auf Leinwand zu bannen“ und den Menschen, sowie die Natur nicht länger „verschönert“ darzustellen. Stattdessen war das Ziel der Weimarer Künstler einen sachlichen, somit neutralen Zeichenstandpunkt zu erreichen und das Sujet aus einem möglichst objektiven Winkel zu zeichnen, wodurch der Expressionismus, mit seiner subjektiv-geprägten Malweise, abgelöst wurde.

Aber wird die neue Sachlichkeit und „Otto Dix“, der Pionier der Bewegung, diesem Anspruch gerecht? Diese Arbeit widmet sich, unter ausführlicher Analyse seines Lebens und einiger Werke, der Neuen Sachlichkeit.

2 Die Neue Sachlichkeit- Kunstepoche und Stilrichtung

Mit dem Begriff Neue Sachlichkeit wird eine der führenden Stilrichtungen der Weimarer Republik bezeichnet. Neben dem Dadaismus und dem Expressionismus gilt sie heute als eine eigene Kunstepoche, gekennzeichnet durch eine möglichst objektive und wirklichkeitsgetreue Malweise.

2.1 Stilmittel

Magische Wirklichkeit, neu-romantische Wirklichkeit, neue Wirklichkeit, Verismus, Neoverismus, Nachexpressionismus, Magischer Realismus und viele weitere eigene Strömungen werden in der Kunstgeschichte der Neuen Sachlichkeit zugeordnet. Trotz dieser regen Fülle an verschiedenen „Sachlichkeiten“, können für die meisten Strömungen gemeinsame oberflächliche Merkmale festgestellt werden: Da Emotionen als unsachlich und subjektiv gelten, sind Bilder meist unter Ausschluss aller Emotionen und dadurch nüchtern gezeichnet. Ein weiteres Stilmittel ist die „mimetische Wiedergabe der Farbe und der Formgestalt der Bildgegenstände“(Buderer 1994, S.72) wobei dieses Merkmal nur bedingt zutrifft und vor allem Gesichter häufig abstrahiert werden. In der Neuen Sachlichkeit wurden außerdem Abgrenzungen zwischen den verschieden Bildelementen gezogen, sodass diese untereinander eindeutig differenziert werden können. Auch definierten die „sachlichen“ Künstler in ihren Bildern oft genau einen perspektivisch-erfahrbaren Raum, welcher dem Betrachter die Illusion einer Tiefe vorgaukelte. Dieses Merkmal ist natürlich, wie alle oben aufgezählten Merkmale, nicht auf die Neue Sachlichkeit beschränkt, sondern fand auch in anderen Kunstepochen Anwendung, wie in der Renaissance. Durch eine moderate Farbvariation und dem Verzicht auf grelle Töne, erwirkten die Bilder der Neuen Sachlichkeit eine „kalte“ oder „kühle“ Ausstrahlung, verstärkt durch die „Statik“ und „Stille“ der meisten Werke. Schließlich muss erwähnt werden, dass nur beschränkt Stilmittel der Neuen Sachlichkeit eingrenzbar sind, zu groß sind die Unterschiede zwischen der Vielfalt an kleinen Strömungen und den tausenden von tätigen Künstlern. So sind die Werke von „George Grosz“, mit ihren vielfältigen farblichen Nuancierungen und Variationen, stark vom Expressionismus gefärbt, während die romantische Idealisierung von „Kanoldt“ die Wirklichkeit punktgenau wiedergibt, ohne wie bei den Veristen, gesellschaftskritische Elemente in das Bild zu verweben. Weswegen es sich ergibt, dass „ein Versuch, den unterschiedlichen Auffassungen von Realität eine jeweils korrespondierende formale Gestaltungsform zuzuordnen, scheitert“(Buderer 1994, S.73).

2.2 Motive

Als Motive wurden vor allem Personen und Landschaften verwendet, aber auch „Stadtansichten“ und Szenen aus dem „Stillleben“, sowie der technologische Fortschritt fanden in der Neuen Sachlichkeit eine weitverbreitete Anwendung. Die „Aktmalerei“ und teilweise groteske Darstellungen von Sexualität, wie der „Lustmord“ von Dix wurden ebenfalls thematisiert.

3 Strömungen der Neuen Sachlichkeit

Innerhalb der Bewegung der Neuen Sachlichkeit existierte kein einheitlicher Konsensus um das Zeichnen der Wirklichkeit, vielmehr versahen verschiedene Strömungen die „Sachlichkeit“ mit ihrer persönlichen Note. Diese können in drei übergeordnete Strömungen gegliedert werden:

3.1 Der Verismus

Die Veristen betrachteten die Neue Sachlichkeit als ein Mittel der politischen Kunst und Meinungsäußerung, weshalb veristische Maler ihrer Kreation meist Elemente der sozialen, gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Kritik hinzufügten. Oft behandelt wurde die Ungleichheit zwischen Arm und Reich, die Vergnügungssucht innerhalb der Weimarer Gesellschaft und die Ausbeutung der Arbeiter, sowie eine fortschreitende Hyperinflation, die der Bevölkerung das Leben zur Hölle machte. Die bekanntesten Veristen waren Persönlichkeiten wie „George Grosz“, „Otto Dix“, und „Konrad Felixmüller“. Auffällig ist zuletzt, dass die meisten Veristen am linken, revolutionären Rand angesiedelt waren, während rechte Veristen nur spärlich auftraten. Bekannte veristische Werke sind das „Bildnis der Eltern“ von „Otto Dix“, „The Gray Day“ von „George Grosz“, die „Skatspieler“ von „Otto Dix“ und zuletzt der „Arbeiter im Regen“ von „Conrad Felixmüller“.

3.2 Der Klassizismus

Die zweite Strömung innerhalb der Neuen Sachlichkeit war der Klassizismus, dessen Angehörige innerhalb der neuen Sachlichkeit die größte Bewegung darstellten. Klassizistische oder alternativ als neuromantisch bezeichnete Maler neigten bei ihrer Auffassung der Realität zur Idealisierung und nahmen sich im Gegensatz zum Verismus nicht die „Lebenshärte“, sondern das „schicksalsbefreite“ Leben des Menschen als Motiv. Auch oft gezeichnet wurden „stille“ und „unbewegte“ Landschaften. Als wichtigste Maler des Klassizismus gelten „George Schrimpf“, „Cristian Schad“, „Rudolf Dischinger“, Wilhelm Schnarrenberger und „Alexander Kanoldt“.

3.3 Der magische Realismus

Die Magischen Realisten hingegen, die dritte Gruppierung in der Neuen Sachlichkeit, verstanden sich als Bindeglied zwischen dem Surrealistischen und dem Naturalismus. So verarbeiteten berühmte Künstler, wie „Franz Radwill“ in ihren Bildern eine Mischung aus objektiver Realität, welche vermehrt als „Anhaltspunkt“ für ein Werk gesehen wurden und einer „dritten Realität“, welche aus Träumen, Imagination und Halluzinationen bestand. Aufgrund der „fließenden“ Kombination zweier Realitäten in ein Bild, wird Auseinanderhalten dieser dabei zur unmöglichen Aufgabe. Der vollkommene Übergang zum Surrealistischen, d.h. das über die Realität hinausgehende, gestaltet ebenfalls fließend.

4 Geschichte der Neuen Sachlichkeit

4.1 Anfänge und Verbreitung

Die Anfänge der Bewegung sind bereits nach Ende des Ersten Weltkrieges zu verzeichnen und schon in den ersten Nachkriegsjahren bildeten sich auf dem Gebiet der neugegründeten Weimarer Republik die ersten Künstler der Neuen Sachlichkeit heraus. Beispielsweise zeichneten Maler wie „George Grosz“, „Conrad Felixmüller“ und natürlich „Otto Dix“ schon früh sachlich, allerdings stellte die Neue Sachlichkeit in den Nachkriegsjahren eine noch junge Bewegung da, weshalb frühe Künstler in ihrem Stil noch stark in den zeitgenössischen Kunstströmungen, wie dem Impressionismus, Expressionismus, Dadaismus oder Futurismus verfangen waren. Somit musste sich die frühe Neue Sachlichkeit erst aus ihrem Stilpluralismus lösen. Dies geschah in den frühen 1920ern als, im Zuge der wirtschaftlichen Ungleichheit und Instabilität der Weimarer Republik, vor allem „veristische“ Künstler, die „neue Sachlichkeit“ als ein Mittel der Sozialkritik nutzten. Kritisiert wurden zum Beispiel die Hyperinflation oder die wachsende Ungleichheit zwischen Arbeitern und Wohlhabenden im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung. Daraus resultierte seine größere Polarisierung der Bewegung, die nun schleichend den Expressionismus als führende Kunstströmung ablöste.

Erste Versuche die Bewegung zu klassifizieren wurden bereits 1922 gemacht, als das „Kunstblatt“ Schreiben an „führende Künstler, Schriftsteller, Kunstfreunde“ versendete, in Hoffnung auf „Diskussion“ um die künstlerische Neuerscheinung. Die Bezeichnung „Neue Sachlichkeit“ aber, entstand erst mit der gleichnamigen Ausstellung „Neue Sachlichkeit“, die im Jahre 1925 Werke der bekanntesten „sachlichen“ Künstler ausstellte.

4.2 Die NS-Zeit

Schon vor dem machtpolitischen Aufstieg der Nationalsozialisten beschlossen führende Parteimitglieder im Jahr 1927 die Richtlinien der NS-Politik in Hinblick auf die Kunst. Im Jahr 1928 wurden diese im Grundkonstrukt der neugeründeten „nationalsozialistischen Gesellschaft für deutsche Kultur“ verankert. Das Dogma der Organisation postulierte hierbei, ein Zerfall der nationalen Kultur hätte begonnen, was die „Sittlichkeit“ und natürlich die „deutsche“ Kunst bedrohen würde. Um dieser scheinbaren Entwicklung entgegenzuwirken, entwarf die Organisation ein zweizeiliges Grundsatzprogramm: „Die Gesellschaft setzt es sich zum Ziel, das deutsche Volk über die Zusammenhänge zwischen Rasse, Kunst, Wissenschaft, sittlichen und soldatischen Werte aufzuklären“. Bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahre 1933, ging aus der „nationalsozialistischen Gesellschaft für deutsche Kultur“ der sogenannte „Kampfbund für deutsche Kultur“ hervor, die ideologischen Ziele, aber veränderten sich nicht. Nach der Machtergreifung setzten die Nationalsozialisten diese schließlich mit aller Härte durch. Großangelegte „Säuberungen“ fanden auf dem Geheiß von Dr. Wilhelm Frick, dem Innen- und Volksbildungsminister, in ganz Deutschland statt. Das „Weimarer Schlossmuseum“ wurde unter der Begründung, dass die abstrakten und veristischen Werke des Museums „nichts mit einem nordisch-deutschen Wesen gemein haben“(Peters 2013, S.178) das erste Opfer der nationalsozialistischen Zensur. Auf diese Maßnahme sollten noch viele weitere folgen, auf die Spitze getrieben mit der Beurlaubung des Direktors des „modernen Museums“ in Mannheim, der Beschlagnahmung aller Werke des Museums, sowie deren später öffentliche Ausstellung als „entartete“ Kunst.

Aufgrund der weitverbreiteten „veristischen“ Elemente in Bildern der Neuen Sachlichkeit geriet sie in das Visier der Nationalsozialisten. Künstler, wie „Dix“ oder „Grosz“, nutzten ihre Kunst als der Kritik am Obrigkeitsstaat, wodurch sie den Nationalsozialisten ein „Dorn im Auge“ waren. Noch weniger half dabei der Fakt, dass die Neue Sachlichkeit, auf Grund ihrer jungen Entstehungsgeschichte, nicht als „deutsche Kunstform“ angesehen wurde und die Nutzung von „obszönen“ Motiven, wie dem „Lustmord“ oder dem „Akt“, von den Nationalsozialisten als „entartet“ gesehen wurde. Letztendlich wurde die Kunst der Neuen Sachlichkeit von den Nationalsozialisten unter großen Anstrengungen entweder beschlagnahmt oder vernichtet und „sachliche“ Künstler mit aller Macht von ihrem Schaffen abgehalten, sei es durch öffentliche Brandmarkung oder Berufsverbote.

4.3 „Die Wiederentdeckung der Neuen Sachlichkeit“

In den Wirren der Nachkriegsjahre konnte sich die Neue Sachlichkeit zunächst nicht etablieren und erfuhr von der „Verdrängungsgesellschaft“ der BRD kaum Beachtung, fast erdrückend erschien die Prävalenz des Surrealismus und der Moderne. Dies lag primär an damaligen Vorurteilen, welche sich vor der „Rückkehr“ erst abbauen mussten: Zum einen galt die Neue Sachlichkeit, aufgrund der Nähe des Großteils der Künstler zu linken und revolutionären Kreisen als „bolschewistisch“ und „anti-germanisch“, andererseits aber als ein „Anachronismus“, d.h. ein direkter Vorläufer, zur pseudo-realistischen Kunst der Nazismus. Neben diesem negativen Stigma hatte die Neue Sachlichkeit aber auch an anderer Stelle zu kämpfen. Wir oben aufgeführt, handelte es sich bei der „Postmoderne“ und dem „Surrealismus“ um eine, für die Neue Sachlichkeit, zuerst unüberwindliche Konkurrenz. Damit geriet sie indirekt noch weiter in Vergessenheit.

Aus dieser konnte sich die Neue Sachlichkeit erst mit Beginn der 60er Jahren befreien:

Den Direktoren der „Kunsthalle Mannheim“ gelang im Jahr 1961 eine Wiederbelebung der traditionellen Ausstellung „Neue Sachlichkeit“, die auch im Jahre 1925 schon stattgefunden hatte und damals den Namen Neue Sachlichkeit prägte. Gleichzeitig fand im Berliner „Haus am Waldsee“, eine gleichnamige Ausstellung mit dem Thema der Neuen Sachlichkeit statt, wodurch sich das Interesse an der Kunstrichtung langsam, aber grundlegend änderte. Einzelnen Malern, wie z.B. Otto Dix, wurden sogar eigene Ausstellungen gewidmet.

Dadurch wurde auch die die Kunstwissenschaft die Neue Sachlichkeit Aufmerksam, was zur Folge hatte, dass das Phänomen „neue Sachlichkeit“, wie schon in den 20ern, in der Fachliteratur intensiv thematisiert wurde. Über Künstler, wie „Dix oder „Grosz“, erschienen die ersten Biografien und ihre Werke erfuhren innerhalb der Kunstgemeinde erneute Aufmerksamkeit. Insgesamt hatte dies zur Folge, dass die Neue Sachlichkeit in der Kunstwissenschaft nicht länger als „Übergangsperiode“ zwischen dem „Expressionismus“ und der Kunst des Nationalismus abgetan wurde und die Öffentlichkeit ein Interesse für die lang in Vergessenheit geratene Kunstepoche entwickelte.

Heute ist die Neue Sachlichkeit ein dauerhafter Bestandteil der deutschen Kunst, geäußert durch eine regelmäßige Vertretung in Museen, Ausstellungen usw. und eine international anerkannte, sowie sporadisch ausgestellte, Kunstform.

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Details

Seiten
17
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668996359
ISBN (Buch)
9783668996366
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v494046
Note
15,00
Schlagworte
Kunst Neue Sachlichkeit Otto Dix Sachlichkeit in der Kunst Weimarer Republik Dix'schen Selbstbildnisse Dix

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