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Rätegremien in Bayern. Entstehung, Organisation und Funktion

Hausarbeit 2019 22 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Zeitalter Weltkriege

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Die Entstehung der Räte
Vorgeschichte und Beginn der Revolution
Die Entstehung der Räte in München
Die Politische Etablierung der Räte
Die Bedeutung der Räte nach dem 7. November
Die Rätebildung in weiteren Teilen Bayerns

Der Revolutionäre Arbeiterrat
Organisation
Funktion

Der Münchner Arbeiterrat

Der Münchner Soldatenrat
Organisation
Funktion

Der Landessoldatenrat
Organisation
Funktion

Der Bauernrat
Organisation
Funktion

Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Einleitung

Demokratie und Freiheit, dies ist im 21. Jahrhundert in Deutschland selbstverständlich. Doch dies war nicht immer der Fall. Vor etwa 100 Jahren, kurz vor der Beendigung des Ersten Weltkrieges, wurden die Grundsteine für ein freies und demokratisches Deutschland gelegt. Ausschlaggebend war hierfür die von Kurt Eisner angetriebene Novemberrevolution 1918 und die anschließende Bildung von Rätegremien in Bayern. Hierdurch wurde erstmalig die Mitbestimmung des Volkes durch freiwählbare Räte im politischen System verankert.

In der vorliegenden Hausarbeit soll nun diese Rätebewegung im Detail betrachtet werden. Zunächst werden die Vorgeschichte und Entstehung dieser Bewegung und der folgenden Gründung erster Räte vor allem innerhalb, aber auch außerhalb Münchens beschrieben. Anschließend folgt eine detaillierte Beschreibung der Organisation und Funktionen der jeweiligen Rätegremien. Unterschieden wird hierbei zwischen Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräten. Diese unterschieden sich in ihrem Aufgabenbereich, stellten aber allesamt eine wichtige Verbindung zwischen Staat und Volk dar. Im abschließenden Fazit werden die wichtigsten Inhalte noch einmal zusammengefasst und dabei deren Bedeutung hervorgehoben.

Als inhaltliche Basis dieser Arbeit dienen zahlreiche Geschichtsbücher und wissenschaftliche Arbeiten, die sich mit diesem für Deutschland sehr wichtigem geschichtlichen Ablauf auseinandersetzen. Besonders hervorzuheben ist dabei das Werk „Die zentralen Rätegremien in Bayern 1918/19“ von Georg Köglmeier. Dieser beleuchtet darin sehr detailliert die Geschehnisse um die Rätebewegung während und nach der Novemberrevolution 1918.

Die Entstehung der Räte

Vorgeschichte und Beginn der Revolution

Den Grundstein für die Entstehung der Räte in Bayern, legte Kurt Eisner. Ab dem Januar 1917 organisierte er regelmäßige, öffentliche Diskussionsveranstaltungen. Denn aus diesen Veranstaltungen ging auch später die Novemberrevolution hervor. Eisner verstand, dass die Mobilisierung großer Massen, der einzige Weg war, um viele Personen zu erreichen und diese in ihrer Forderung nach Demokratie zu stärken.1 Ausschlaggebend zu dieser Zeit war natürlich auch der erste Weltkrieg. Die meisten Personen wünschten sich Frieden und forderten, dass der Staat ihren Forderungen entsprach. Kurt Eisner war somit also im Grunde genommen, der Auslöser dafür, dass das Volk sich dafür einsetzte, dass die eigene Meinung im Handeln des Staates reflektiert wird.

Ein erster konkreter Streik, den Kurt Eisner in München organisierte, fand im Januar 1918 in München statt. Hieran nahmen circa 8000 Arbeiter aus den Großbetrieben der Stadt teil.2 Im Rahmen dieses Streiks wurde Eisner festgenommen. Dies durchkreuzte seine Pläne bereits im Januar eine Revolution loszutreten, den König zu entmachten und eine Demokratie zu erschaffen. Seine Verhaftung sorgte allerdings für Aufsehen und somit eine erhöhte Aufmerksamkeit für seine Person und seine politischen Absichten.3 Seiner Organisation, der USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands), schadete dies also nicht. Im Gegenteil: Die Partei konnte bis zur bevorstehenden Reichstagsnachwahl im Oktober des Jahres viele Befürworter finden und Kontakte zu Arbeitern und Bauern aufbauen. Nachdem Eisner als Spitzenkandidat seiner Partei aufgestellt wurde, konnte er das Gefängnis kurz darauf verlassen. Einige Tage später, am 23. Oktober 1918, folgte die erste bedeutende Wahlrede Eisners. In dieser forderte er lautstark den sofortigen Frieden, sowie die Einführung einer Demokratie, in welcher Arbeiter und Bauern die Führung übernehmen sollten. Wahlkampfmotto der USPD zu dieser Zeit war übrigens „Wählt Räte“, was das primäre Ziel einer Demokratisierung unterstrich.4

Ein nächster wichtiger Meilenstein, bis zur tatsächlichen Revolution, war am 02. November 1918, ein königlicher Erlass. Dieser besagte, dass Minister nur noch ernannt werden dürften, wenn beide Kammern des Landtages diesem zustimmten.5 Damit wurde erstmalig die Mitbestimmung eingeführt, sowie die das Vorrecht der Geburt und des Standes abgeschafft.6

Am 6. November 1918 wurde durch zahlreiche Plakate durch die MSP (Mehrheitssozialdemokratische Partei) und die USPD in der ganzen Stadt zu der Friedenskundgebung am nächsten Tag um 15:00 Uhr auf der Münchner Theresienwiese aufgerufen. An diesem Tag erfuhr auch das Innenministerium, dass die USPD möglicherweise einen Aufstand nach der Friedenskundgebung plante. Daraufhin wies der Innenminister sowohl den Polizeipräsidenten als auch den Kriegsminister an, jegliche Art von Unruhen zu unterbinden.7

Am 7.November schlossen sämtliche Münchner Betriebe und tausende Menschen strömten auf die Theresienwiese. Eine Schätzung der Teilnehmerzahl spricht von bis zu 200.000 Menschen, also etwa einem Drittel der damaligen Münchner Bevölkerung. Darunter befanden sich neben Arbeitern, Bürgerlichen und Schülern auch Soldaten. Ab 15:15 Uhr wurden mehrere Reden abgehalten. So wurde etwa über die Resolution von Erhard Auer der MSP abgestimmt, in welcher es hieß, dass es zukünftig keinen Kaiser und die dazugehörigen Ständegesellschaft mehr geben solle. Dies fand eine mehrheitliche Zustimmung. Etwa 30 Minuten später endete die Versammlung. Die Kundgebenden teilten sich in zwei Züge: Die Mehrheit folgte dabei Erhard Auer durch München. Der Rest schloss sich Kurt Eisner an.8 Dessen Rede fiel relativ kurz aus, forderte aber nach jahrelangem Gerede endgültig zum Handeln auf. Anschließend folgte eine Ansprache von Ludwig Gandorfer, der als Vertreter des Landvolkes, seine Solidarität zu den Arbeitern bekundete. Entscheidender aber, war die darauffolgende Rede des Soldaten Fechenbachs. Dieser forderte von den Soldaten, die gemeinsamen Kameraden aus den Kasernen zu befreien und sagte „Es lebe die Revolution!“9. Damit war der Grundstein für die Revolution gelegt. 10

Kurt Eisner führte in der Folge einen Zug von höchstens 2000 Personen durch München, also nur etwa 1% der gesamten Versammlungsteilnehmer. Darunter sämtliche Soldaten und zahlreiche Zivilisten. Ziel des Zugs war die Befreiung der Soldaten, die in den Kasernen der Stadt verbleiben mussten. Um etwa 21:00 Uhr hatten die Revolutionäre alle Kasernen in ihre Gewalt gebracht. Die befreiten Soldaten folgten meist ohne Widerstand dem Zug Eisners. Die Beteiligten eigneten sich Waffen und Fahrzeuge an, um ihrem Aufstand Nachdruck zu verleihen.11

Dadurch war der Umsturz gelungen. Eisner hatte die Münchner Besatzungstruppen hinter sich gebracht und damit das Militär der bayerischen Hauptstadt in seine Kontrolle genommen. König Ludwig III. verließ München noch an diesem Abend, da er und seine Minister befürchteten, dass Eisners Zug ihn zum Rücktritt drängen würde.12

Die Entstehung der Räte in München

Eine erste Initiative zur Bildung eines Soldatenrates fand schon direkt auf der Theresienwiese statt. So berichtet ein Augenzeuge bereits um 15 Uhr eine Gruppe von Soldaten beobachtet zu haben, die für die Gründung von Soldatenräten demonstrierte. Auch im weiteren Verlauf, beim Zug durch die Kasernen, plädierten vereinzelte Soldaten immer wieder für die Schaffung solcher Räte. Die Bayrische Staatszeitung berichtet davon, dass noch am Abend des 7.Novembers ein Soldatenrat gegründet wurde. Diesem Bericht zufolge geschieht dies auf dem Münchner Marsfeld, wo Eisner eine Versammlung der Soldaten einberief. Um kurz nach 20:00 Uhr nahm ein Unteroffizier im Namen des Soldatenrates den Hauptbahnhof in Besitz, was ein erster Nachweis für diesen Rat ist. Es wird davon gesprochen, dass auf dem Marsfeld, möglicherweise auch bereits ein Arbeiterrat gewählt wurde.13

Nach dem alle Kasernen erschlossen waren, zog Eisners Zug zum Mathäserbräu weiter. Hierunter befanden sich noch etwa 1000 der aktivsten Beteiligten, darunter die gewählten Soldatenräte und weitere am Umsturz beteiligte Anhänger Eisners. Im Mathäserbräu fanden folglich zwei separate Versammlungen statt, um jeweils einen Arbeiter- und einen Soldatenrat zu wählen. Die Versammlung der Soldaten fand im ersten Obergeschoss statt, die Zivilsten tagten im Erdgeschoss. 14 Man spricht hierbei von der Gründung des ersten Arbeiterrats in München und auch im gesamten Bayern. Der Arbeiterrat umfasste circa 50 Personen15, Kurt Eisner wurde zum ersten Vorsitzenden gewählt, Hans Unterleitner war, als zweiter Vorsitzender, sein Vertreter. Nach Beendigung der Wahlen für die beiden Räte, kamen diese zusammen, um weitere Pläne für die folgenden Stunden zu besprechen. Weitere Anhänger der revolutionären Bewegung fanden sich zudem noch in anderen Münchner Gasthäusern zusammen und organisierten und wählten dort weitere Arbeiter- und Soldatenräte. 16 Durch die Schaffung dieser Räte, wurde der Grundstein für die Novemberrevolution gelegt und der erste wichtige Meilenstein auf dem Weg zur Demokratie erreicht.

Die gewählten Räte hatten nun zunächst die Funktion, die weitere Organisation des Umsturzes und sein Gelingen voranzutreiben. Sie waren also sozusagen das Revolutionsorgan. Als nächster wichtiger Schachzug gilt dabei die Einnahme von öffentlichen Gebäuden. So konnten die Räte in der Nacht vom 7. auf den 8. November etwa das Post- und Telegraphenamt, sowie das Kriegsministerium und auch das Polizeipräsidium in ihre Gewalt bringen. Die Folge der Besetzung des Polizeipräsidiums war unter anderem, dass der Soldatenrat Staimer am 8. November zum neuen Polizeipräsidenten ernannt wurde. Eine der wichtigsten Besetzungen der Räte in dieser Revolutionsnacht war gegen 11:00 Uhr nachts die Druckerei der Münchner neuesten Nachrichten. Hierdurch erlang Kurt Eisner die Möglichkeit seine Proklamation17 in der Zeitung zu veröffentlichen.18

In der Proklamation verständigt Eisner das Volk darüber, dass fortan die Räte, bestehend aus gewählten Arbeitern, Soldaten und Bauern die Volksregierung bilden. Er erklärt Bayern zum Freistaat. Darüber hinaus informiert Eisner über die Notwendigkeit des Umsturzes, um in Deutschland Frieden einkehren lassen zu können.19

Die Politische Etablierung der Räte

Grundlegend für die beschriebene Proklamation, war die Versammlung der Räte im Landtagsgebäude. Nachdem die Revolutionsbewegung die erwähnten Gebäude eingenommen hatte, rief Kurt Eisner für 22:30 Uhr zu einer Versammlung im Landtagsgebäude auf. Es fand nun sozusagen die politische Etablierung der Räte statt. Kurt Eisner nahm Platz auf dem Stuhl des Präsidenten und eröffnete die Sitzung. Auf den Schriftführerplätzen neben ihm saßen Hans Unterleitner und der erwähnte Soldat Fechenbach. Auf den üblichen Plätzen der Minister, sowie der Abgeordneten saßen Soldaten, Arbeiter und Bauern, dabei unter anderem auch Ludwig Gandorfer. Eisner hielt folglich eine Rede von etwa 20 Minuten, in welcher er selbstsicher die zukünftigen Funktionen der Räte, sowie die politische Entwicklung Bayerns beschreibt.20 Einem Zeugen zufolge begann die Rede folgendermaßen: „Die bayerische Revolution hat gesiegt. Sie hat den alten Plunder der Wittelsbacher Könige hinweggefegt. Wir haben die Republik, den Freien Volksstaat Bayern, ausgerufen. Jetzt müssen wir zur Bildung einer Regierung fortschreiten. Wir müssen Wahlen vornehmen. Der, der in diesem Augenblick, zu Ihnen spricht, setzt Ihr Einverständnis voraus, dass er als provisorischer Ministerpräsident fungiert.“21

Mit dieser Rede löste Kurt Eisner helle Begeisterung bei den Anwesenden aus.22 In der Versammlung fungierten die Arbeiter- und Soldatenräte folglich als Parlament. Die Räte als Parlament sollten hierbei jedoch keineswegs eine dauerhafte Lösung sein. Viel mehr eine Provisorische, die dazu führen sollte, dass eine Nationalversammlung daraus hervorging. Diese sollte aus allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlen entstehen. Das bedeutendste Resultat der Versammlung für die Räte war, dass diese nicht nur Antreiber der Revolution waren, sondern auch zumindest für eine gewissen Zeitraum als politische Institution und somit als mündige Vertreter des bayerischen Volkes etabliert wurden.23

Das Vorgehen muss hierbei aber natürlich kritisch hinterfragt werden. So bezeichnete sich Eisner zwar als provisorischer Ministerpräsident Bayerns, aber nur ein kleiner Bruchteil der Münchner Bevölkerung hatte dies überhaupt mitbekommen, geschweige denn vom Rest des Staates. Woher also nahmen Eisner und der Rest der Revolutionäre diese Legitimation? Diese Frage stellte sich den Beteiligten im „Rausch der Revolution“ aber nicht. Es ging Ihnen nur darum, endlich Frieden und damit die Beendigung des Ersten Weltkrieges, sowie eine Demokratie und damit die freie Mitbestimmung des Volkes in die Wege zu leiten. Die Stellung der Räte änderte sich aber bereits am nächsten Tag.

Die Bedeutung der Räte nach dem 7. November 1918

Münchens Bevölkerung erfuhr neben der bereits beschriebenen Proklamation Eisners vor allem durch Plakate, die in der ganzen Stadt aufgehangen wurden, vom Umsturz und der Revolutionsnacht. Der in der vorherigen Nacht auserkorene Arbeiter- und Soldatenrat forderte ein, dass die Bevölkerung ihren Anweisungen Folge leisten sollte. Ihnen unterstand nun die Verwaltung inklusive dem Post- und Telegraphenpersonal, die Polizei und vor allem auch das Militär. Hierbei standen die Truppen vollkommen hinter den Absichten der Räte bzw. des provisorischen Parlaments.24

[...]


1 Vgl. Mertens, 1972, S.19

2 Vgl. Schade, 1961, S. 45f.

3 Vgl. Bosl, 1994, S. 79

4 Vgl. Mertens, 1972, S.19f.

5 Vgl. Albrecht, 1968, S. 383f.

6 Vgl. Bosl, 1969, S.429

7 Vgl. Köglmeier, 2001, S.36

8 Vgl. Köglmeier, 2001, S. 37-39

9 Fechenbach, 1929, S.40

10 Vgl. Fechenbach, 1929, S.40

11 Vgl. Fechenbach, 1929, S.40-42

12 Vgl. Köglmeier, 2001, S. 41f.

13 Vgl. Siegert, 1928, S. 10-13

14 Vgl. Köglmeier, 2001, S.43f.

15 Vgl. Mühsam, 1929, S. 12f.

16 Vgl. Köglmeier, 2001, S.44

17 Siehe Anhang S. V

18 Vgl. Köglmeier, 2001, S.44f. & Schmolze, 1969, S. 100-102

19 Vgl. Schmolze, 1969, S. 108-110

20 Vgl. Köglmeier, 2001, S.47 & Schmolze, 1969, S. 99

21 Schmolze, 1969, S. 99f.

22 Vgl. Schmolze, 1969, S. 100

23 Vgl. Köglmeier, 2001, S.47f.

24 Vgl. Köglmeier, 2001, S.49f.

Details

Seiten
22
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783668998292
ISBN (Buch)
9783668998308
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v494089
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
Schlagworte
rätegremien bayern entstehung organisation funktion

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Titel: Rätegremien in Bayern. Entstehung, Organisation und Funktion