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E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann". Die Augensemantik in Nathanaels Wahnsinn

Hausarbeit 2017 22 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Der Ursprung – Nathanaels Kindheitstrauma
1.1 Der Sandmann
1.2 Nathanaels Zurechnungsfähigkeit

2. Der Auslöser – Die Begegnung mit Coppola

3. Die Auswirkungen – Identitätsproblematik
3.1 Die Rolle der Olimpia
3.2 Die Frauenfiguren Olimpia und Clara
3.3. Wahrnehmungsmanipulation

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Ernst Theodor Amadeus Hoffmann war ein äußerst bekannter Schriftsteller und eine bedeutende Persönlichkeit der Zeit um 1800 und damit der Romantik. Diese Seminararbeit zu Der Sandmann, einer seiner Erzählungen der schwarzen Romantik, soll deutlich machen, dass das omnipräsente Motiv der Augen in offenkundigem Zusammenhang mit dem Wahnsinn der Hauptfigur Nathanael steht und auf welche Art und Weise diese Verbindung in der Erzählung funktionalisiert wird. Diese Fragestellung ist hinsichtlich der Thematik des Seminars aus dem Grunde interessant für eine eingehendere Untersuchung, da der Wahnsinn ein vorherrschendes Merkmal in den Werken der Romantik ist und Hoffmann dieses in Der Sandmann durch das Augenmotiv zugänglich macht.

Da sich Nathanaels Wahnsinn in E.T.A. Hoffmanns Erzählung in drei Abschnitte gliedern lässt, die chronologisch aufeinander folgen, ist diese Seminararbeit dementsprechend aufgebaut, aber dennoch immer auf die Problematik der Augen ausgerichtet. Der Ursprung des Wahnsinns der Erzählung liegt in einem Kindheitstrauma Nathanaels begründet. Dadurch, dass das Ammenmärchen des augensammlenden Sandmanns sich in unmittelbarer Umgebung des Jungen manifestiert und zur Realität wird, was bisher nur Fiktion war, wird der Grundstein für den Wahnsinn gelegt, der von diesem Zeitpunkt an die Erzählung durchdringt. Diesen Gesichtspunkt betrachtend ist es jedoch wichtig, auch Überlegungen hinsichtlich Nathanaels Zurechnungsfähigkeit anzustreben, wobei unter anderem Wert auf das Verhältnis von Subjektivität zu Objektivität gelegt wird. Da Subjektivität eine eigene Sichtweise darstellt und Sinneswahrnehmungen wie optische Reize in den Vordergrund stellt, legt auch diese Untersuchung den Fokus auf die Bedeutung des Augenmotivs für Nathanaels Wahnsinn.

Das darauf folgende Kapitel beschäftigt sich mit dem Auslöser der Manie. Die Begegnung mit dem Wetterglashändler Coppola, der mit Attributen der Sehhilfe versehen wird, mit Objekten optischer Natur, bringt einen Umbruch der Ereignisse mit sich. Es wird transparent gemacht, auf welche Art und Weise diese Zusammenkunft als Schlüsselszene der Erzählung fungiert.

Der Chronologie folgend, ist weiterführend eine Betrachtung der Auswirkungen des Wahnsinns unabdingbar. ,n diesem Kapitel soll beleuchtet und herausgearbeitet werden, LQZLHIHUQ GLHVH $XVZLUNXQJHQ PLW HLQHU ,GHQWLWlWVSUREOHPDWLN HLQKHUJHKHQ oder in einer solchen münden. Hierbei kommt der Figur der Olimpia eine bedeutende Rolle zu. An ihr soll gezeigt werden, auf welche Weise Wahnsinn und Augenproblematik in Verbindung stehen und worin die Bedeutung von Olimpias Blick für Nathanael und seine Identität besteht. Als Kontrastfigur wird ihr im darauf folgenden Abschnitt die Figur der Clara entgegengestellt, um das bereits Hervorgebrachte noch einmal herauszuheben. An dieser Stelle findet nun auch eine Betrachtung der Erzählinstanzen und weiterführend der Deutungsansätze, die die Erzählung anbietet, statt.

Daran schließt sich eine Untersuchung der Wahrnehmungsmanipulation an, die ergründen soll, inwiefern verschiedene Elemente, vor allem aber Coppolas Perspektive und Brillen, Nathanaels Sicht auf die Welt trüben und verfälschen.

Diese Vorgehensweise ermöglicht eine differenzierte und stufenweise Annäherung an die Problematik, bietet somit eine Gliederung des Wahnsinns Nathanaels, und macht ihn dadurch transparenter.

Die Schlussbetrachtung wird die grundlegendsten Erkenntnisse noch einmal zusammenfassen und entschlüsseln, inwieweit das Motiv der Augen von Bedeutung für den Wahnsinn Nathanaels ist.

Grundlage für diese Hausarbeit hat Christine Lubkolls und Harald Neumeyers E.T.A. Hoffmann Handbuch gebildet, indem sie konstitutives Wissen für die anschließenden Reflexionen dieser Arbeit berreitstellte.

Außerdem sind Auszüge aus Karakassis Aufsatz Ein subtiler Tod oder Der Blick des Anderen zum Blick-Konzept zentral für einige Überlegungen dieser Arbeit, ebenso wie Informationen über den Initiationsprozess nach Michael Titzmann.

1 Der Ursprung – Nathanaels Kindheitstrauma

Das Kindheitstrauma, das nicht nur Nathanaels Kindheit als Junge, sondern auch seine Gegenwart als erwachsener Mann maßgeblich beeinflusst, ist von außerordentlicher Bedeutung für den Verlauf der Erzählung E.T.A. Hoffmanns. Dieses prägende Ereignis bildet den Ursprung allen Wahnsinns Nathanaels. Es kann davon ausgegangen werden, dass, wie vielen anderen Erzählungen der Romantik, auch dem Werk Der Sandmann ein Initiationsschema zugrunde liegt. Nach Titzmann ist dieses Schema durch drei Phasen charakterisiert: den Ausgangszustand, die Transitionsphase und den Endzustand.1 Narrationen, die mit ebendieser Struktur versehen sind, weisen häufig einen sich im Kindes- oder Jugendalter befindlichen Protagonisten auf, der einen Initiationsprozess durchlebt. 2 Nathanaels Kindheitstrauma lässt sich demnach in Titzmanns erste Phase einordnen und bildet die Grundlage für den weiteren Prozess der Inititation und somit den Verlauf der Erzählung. Im Falle dieser Erzählung Hofmanns ist der Fortlauf durch die drei Phasen, beginnend mit dem Trauma der Hauptfigur, substantiell durch ein Motiv gekennzeichnet; nämlich das der Augen.

1.1 Der Sandmann

Der Erzähler beginnt seine Geschichte durch eine Kompilation aus mehreren Briefen, die die Kommunikation zwischen den Ziehgeschwistern Nathanael, Lothar und Clara in schriftlicher Form darstellt.3 Der Austausch fokussiert hauptsächlich ein zentrales Ereignis aus Nathanaels Kindheit. Dieser illustriert Lothar mithilfe einer Analepse, wie sich ein für ihn fiktionales Ammenmärchen aus dem Bereich der Phantasie in seiner Realität manifestiert hat. Infolgedessen wird die Grundlage aller zukünftiger

Irrungen und seines Unvermögens ebendiese Grenze zwischen Fiktionalität und Wirklichkeit auszumachen und zu separieren, konstruiert.

Das Trauma lässt sich noch vor der Begegnung mit dem Sandmann selbst situieren, denn es ist die Amme, die Nathanael die Geschichte erzählt, der Sandmann streue Kindern Sand in die Augen, sodass sie ihnen „blutig zum Kopf herausspringen“ (S. 5). An dieser Stelle wird das Augenmotiv zum ersten Mal verwendet und dadurch funktionalisiert, dass unmittelbar eine negative Konnotation des Begriffs entsteht, da unheilvolle Ausdrücke mit ihm in Zusammenhang gebracht werden (Vgl. S.5). Außerdem wird „[d]er Sandmann […] in diesem Ammenmärchen […] mit dem Motiv des Augenraubs [verbunden]“ 4 und somit eine Kopplung von Augenmotiv und Wahnsinn vorgenommen wird. Weiterhin weist die Tatsache, dass im Laufe seiner Kindheit „das Bild des grausigen Sandmanns“ nicht „bleicher wurde“ (S. 6), ohne, dass bisher eine wahrhafte Begegnung stattgefunden hat, darauf hin, dass der wahre Ursprung des Wahnsinns in der Darstellung der Augen im Ammenmärchen begründet liegt. Es ist eine reine Projektion der Augen in Nathanaels Vorstellung, auf die er sich bezieht. Es bildet sich das Konzept einer Figur in seinem Kopf, die er selbst visuell noch nie erblickt hat, die aber dennoch in der Lage ist, ihn „auf die Bahn des Wunderbaren“ (S. 6) zu lenken. Diese Textstelle zeigt auf, dass sich bei dem Protagonisten, nachdem ihm diese Geschichte dargelegt wurde, schon Symptome eines Unvermögens, Realität und Fiktion zu differenzieren, feststellen lassen. Nathanaels Fähigkeit, die Wirklichkeit von seiner Fantasie zu trennen, beginnt allmählich zu schwinden, sodass schon früh im Text unterschiedliche Perspektiven in der Deutung des Textes impliziert werden. Während bereits die negative Konzeption von Augen durch die Amme stattgefunden hat und somit begründet ist, weshalb diese die Quelle des Wahnsinns Nathanaels konstituieren, ist sein Kindheitstrauma mit dem Märchen allein jedoch noch nicht abgeschlossen. Dieses spitzt sich zu, als sich nun das Konstrukt seiner Gedankenwelt in seiner unmittelbaren als real zu bezeichnenden Gegenwart manifestiert. Die Augensemantik, die bereits infolge des Ammenmärchens eine negative, den Wahnsinn andeutende Konnotation erhalten hat, wird durch das Beobachten der Aktivitäten seines Vaters und des mit dem Sandmann identifizierten Coppelius' weiterhin mit Gewicht aufgeladen, da „[d]as alchemistische Experiment […] die allegorischen Bedeutungsfelder der Augen in Gang [setzt]“5. Außerdem wird in dieser Szene der bereits im Märchen angeklungene Augenraub konkretisiert. Nachdem Nathanaels Versteck entlarvt wurde, fordert Coppelius, der Sandmann, die Augen des Kindes ein (Vgl. S.9). Die Grundlage des Kindheitstraumas ist gelegt und wird gefestigt, da sowohl die Scheu des Protagonisten als auch der Unmut seiner Eltern ein anschließendes, aufklärendes Gespräch zu führen, darin resultiert, dass das Gesehene unverarbeitet im Geiste des Kindes verbleibt (S.10). Ob das Gesehene gleichwohl der Realität entspricht, wird durch den Text nur impliziert, jedoch nicht explizit beantwortet.

1.2 Nathanaels Zurechnungsfähigkeit

Dadurch, dass die Berichtserstattung seitens der Hauptfigur stattfindet und somit eine rein subjektive Wiedergabe der Geschehnisse bietet, wird an dieser Stelle die Frage virulent, inwiefern der Leser der Perspektive der Narration vertrauen kann. Die Erzählinstanz des Briefes, in dem Nathanael die Erzählung über seine Kindheit tätigt, ist intern fokalisiert. Dies führt dazu, dass allein seine subjektive Wahrnehmung zum Tragen kommt. Die grundlegende Gewissheit gegenüber der Zurechnungsfähigkeit der erzählenden Instanz wird jedoch durch Nathanael selbst infrage gestellt.

Dies wird begleitet durch die Subjektkonstruktion romantischer Texte. Demnach setzt sich das Subjekt der Narration aus seinem Inneren und seinem Äußeren zusammen. Ein Individuum vereint also eine Innenwelt, die Psyche, in der sich Konzeptionen bilden, und eine Außenwelt, die beinhaltet, was tatsächlich durch die Sinne wahrzunehmen ist. In Hoffmanns Der S andmann geschieht dies dadurch, dass wiederkehrende Phrasen wie „mir war es als“ (S.9) und „es war mir so“ (S.17) die Vertrauenswürdigkeit Nathanaels problematisieren. Sie deuten darauf hin, dass die Grenze zwischen Außen und Innen, zwischen „Physis und Psyche“6 für den Protagonisten nicht eindeutig zu separieren ist. Die Wahrnehmung durch seine Augen scheint getrübt, sodass er nicht apodiktisch zu formulieren vermag, ob das, was seine Augen erblicken, der realen Außenwelt entspricht, denn „[w]as Nathanael sieht und was er zu sehen glaubt, wird vom Text nirgends zweifelsfrei beantwortet“7. Weiterhin findet sich dieses Phänomen in der Tatsache, dass er Wesentliches nicht wahrnimmt und übersieht (S.9). Auch dies weist den Leser darauf hin, das Sehvermögen Nathanaels kritisch zu hinterfragen. Außerdem wirft er Kinderaugen im Allgemeinen und speziell seinen eigenen vor, dass diese nicht dazu fähig seien, Fiktion und Realität voneinander zu trennen:

„In der Tat, man sollte gar nicht glauben, dass der Geist, der aus solch hold lächelnden Kinderaugen, oft wie ein lieblicher süßer Traum, hervorleuchtet, so gar verständig, so magistermäßig distinguieren könne“ (S. 16).

Dadurch wirft er selbst die Frage nach seiner Zuverlässigkeit auf, indem er die Konzeption von Innen- und Außenwelt in diese Äußerung einbindet und darauf hinweist, dass die Grenze zwischen beidem leicht eine Auflösung erfahren kann, die in romantischen Texten meist eine Identitätsproblematik, in Verbindung mit dem Auftreten des Wahnsinns, hervorruft.

Außerdem schildert die Hauptfigur in dem Brief an Lothar Ereignisse, die aus seiner Kindheit stammen und lange zurück liegen, sodass sie eine reine Reproduktion seiner Erinnerung darstellen und dadurch als noch subjektiver empfunden werden. Daraus resultiert eine gewisse Unzurechnungsfähigkeit, die von Nathanael im Hinblick auf seine visuelle Wahrnehmungskraft ausgeht.

Darüber hinaus verfällt Nathanael zeitweise in einen Ohnmachtszustand. Er befindet sich, nach dem ersten Zusammentreffen mit dem Sandmann in einem „Todesschlaf“ (S.10). Hierbei wird das Medium der Erkenntnis, die Augen, außer Kraft gesetzt, sodass er erkenntnisunfähig wird. Dieser Vorgang ereignet sich ein weiteres Mal, nachdem der Tod des Vaters festgestellt wurde. Der Verlust der Sinne und damit des Sehvermögens, gleich eines Augenverlustes, wird an dieser Stelle deutlich hervorgehoben.

[...]


1 Vgl. Michael Titzmann: Die „Bildungs-“/Initiationsgeschichte der Goethe-Zeit und das System der Altersklassen im anthropologischen Diskurs der Epoche. In: Wissen in der Literatur im 19. Jahrhundert. Hg. von Lutz Danneberg und Friedrich Vollhard. Tübingen 2002, S. 7-64, 12.

2 Vgl. ebd., S. 11.

3 Vgl. E.T.A. Hofmann: Der Sandmann. Reclams Universal-Bibliothek Nr. 230. Stuttgart 2003, S. 3-17.

4 Carlo Brune und Lena Kraemer: KirchHoffmanns Sandmänner. Identitäts- und Körperkonstruktionen in den gleichnamigen Texten Der Sandmann von E.T.A. Hoffmann und Bodo Kirchhoff. In: E.T.A. Hoffmann Jahrbuch. Mitteilungen der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft. Hg.von Hartmut Steinecke u.a. Bd.14. Berlin 2006, S. 107-123, 111.

5 Nicole Calian: Calian, Nicole: „Bild-Bildlichkeit, Auge-Perspektiv“ in E.T.A Hoffmanns Der Sandmann. Der Prozess des Erzählens als Kunstwerdung des inneren Bildes. In: E.T.A. Hoffmann Jahrbuch. Mitteilungen der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft. Hg. von Hartmut Steinecke u.a. Bd.12. Berlin 2004, S. 37-51, 49.

6 Steffen Greschonig: Divination Lost. Blickauslöschung von Geschöpf und Schöpfer in E.T.A. Hoffmanns „Sandmann“ und Ridely Scotts „Blade Runner“. In: Weimarer Beiträge: Zeitschrift für Literaturwissenschaft, Ästhetik und Kulturwissenschaften. Hg. von Peter Engelmann u.a. Jahrgang 51. Wien 2005, S. 345-362, 352.

7 Michael Rohrwasser: Coppelius, Cagliostro und Napoleon: Der verborgene politische Blick E.T.A. Hoffmanns. Ein Essay. Basel u.a. 1991, S. 92.

Details

Seiten
22
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783346000743
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v494117
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
2,3
Schlagworte
hoffmanns sandmann augensemantik nathanaels wahnsinn

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Titel: E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann". Die Augensemantik in Nathanaels Wahnsinn