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Zur Sprachkrise in "Ein Brief" von Hugo von Hofmannsthal

Eine Untersuchung zu Sprache und Wirklichkeit

Hausarbeit 2017 20 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Sprachkrise um 1900

3 Hugo von Hofmannsthal – Ein Brief
3.1 Gründe der Krise
3.2 Merkmale der Krise
3.3 Epiphane Momente und die neue Sprache

4 Sprachkrise bei von Hofmannsthal

5 Fazit

III Literaturverzeichnis

IV Anhang

[Anhang nicht Teil dieser Publikation.]

Einleitung

Hugo von Hofmannsthal war ein äußerst bekannter Schriftsteller zu Zeiten der Wiener Moderne. Seine Publikation Ein Brief, die 1902 verfasst wurde und unter anderem als Chandos-Brief bekannt ist, ist ein kanonisches Werk im Bezug auf den Begriff der Sprachkrise. Diese Krise und die damit einhergehende Kritik an der Sprache bilden eine signifikante Phase innerhalb der Geschichte der deutschen Sprache und sind daher von hoher Relevanz für die Sprachwissenschaft.

In dieser Seminararbeit zu von Hofmannsthals Ein Brief soll untersucht werden, inwiefern sich die um die Jahrhundertwende vorherrschende Sprachkrise in diesem Werk, vor allem in der Figur des Lord Chandos, widerspiegelt. Es wird erläutert, an welche Bedingungen seine Krise gebunden ist, auf welche Art und Weise sich die Merkmale ebendieser äußern und worin ihr Ursprung liegt.

Zu Beginn soll die grundlegende Problematik zum Themenkomplex der Sprachkrise um das Jahr 1900 noch einmal wiedergegeben werden, die während der Wiener Moderne aufgrund gesellschaftlicher Umbrüche stattfand. Die Erkenntnisse und Kriterien, die ebendiese Krise ausmachten, konstituieren die Grundlage der daran anschließenden Kapitel.

Darauf folgend soll in dieser Seminararbeit die Sprachkrise in Ein Brief eruiert werden. Dieses Kapitel erfährt eine Gliederung in drei Abschnitte, sodass eine differenzierte und stufenweise Annäherung an die Problematik gewährleistet werden kann. Der erste Abschnitt soll deutlich machen, welche Umstände zur Sprachkrise des Lord Chandos geführt haben. Es wird seine Ausgangssituation transparent gemacht, sodass eine Grundlage errichtet wird, auf der alle nachfolgenden Erkenntnisse, hinsichtlich des Auslösers der Krise, basieren. An dieser Stelle findet eine Betrachtung des Sprachsystems und dessen Verwendung in mündlicher und schriftlicher Form statt, um eine Eingrenzung der Krise des Lord Chandos vorzunehmen und die Bedingung des Eintretens der Krise zu analysieren.

Das weiterführende Kapitel beschäftigt sich mit den Merkmalen der Sprachkrise in von Hofmannsthals Werk. Im Fokus der Betrachtung steht erneut Philipp Lord Chandos und sein Unvermögen, die Sprache mit der Wirklichkeit zu verknüpfen. Es soll erläutert werden, auf welche Art und Weise sich die Krise der Figur äußert. Des Weiteren wird deutlich gemacht, welche spezifischen Ausformungen die Sprachkrise annimmt und durch welches Verhalten sie sich offenbart.

An diesen Abschnitt schließt sich eine Untersuchung der epiphanen Momente, die Lord Chandos am Ende des Briefes beschreibt, an. Diese stehen in enger Verbindung zu einer angedachten neuen Sprache, die somit einen potentiellen Ausweg aus der Krise ebnen könnte. Die Möglichkeit dieser neuen Sprache soll diskutiert werden und ein Vergleich der Parallelen zu anderen Auswegen aus der Sprachkrise aufgezeigt werden.

In Verbindung damit wird die Fragestellung virulent, inwiefern dieses Werk autobiographische Züge aufzeigt und ob diese auf eine vergleichbare Sprachkrise bei dem Schriftsteller von Hofmannsthal hinweisen. Um hierbei zu präziseren Ergebnissen zu gelangen, wird das Gedicht Brief an Richard Dehmel, das ebenfalls von Hugo von Hofmannsthal stammt, auf Merkmale einer Sprachkrise untersucht.

Die Schlussbetrachtung wird die grundlegendsten Erkenntnisse noch einmal zusammenfassen und entschlüsseln, inwiefern die Sprachkrise als solche in der Figur des Lord Chandos reflektiert wird.

Grundlage für diese Hausarbeit haben die Werke zu Hugo von Hofmannsthals Sprachgeschichte von Tobias Heinz gebildet; zum einen die Monographie Hofmannsthals Sprachgeschichte und zum anderen der Aufsatz Sprachbiographie Hugo von Hofmannsthals. Letzteres diente jedoch lediglich zum informierenden Einlesen, konstituiert aber dennoch einen wichtigen Teil der Forschungsliteratur im Bereich der literarischen Tätigkeit von Hofmannsthals. Außerdem sind Auszüge aus Rudolf Helmstetters Aufsatz Entwendet - Hofmannsthals Chandos-Brief, die Rezeptionsgeschichte und die Sprachkrise zentral für die Stützung der Überlegungen hinsichtlich des Ursprungs der Skepsis des Lord Chandos.

Darüber hinaus stellt das Werk Literatur um 1900: Naturalismus, Fin de Siècle, Expressionismus einen wichtigen Bestandteil dieser Seminararbeit, im Hinblick auf eine objektive Betrachtung der Sprachkrise, dar.

Insgesamt ist jedoch zu erwähnen, dass die Forschungsliteratur den Bereich der Sprachkrise, -skepsis und -kritik sehr ausführlich behandelt hat. Dies gilt vor allem im Bezug auf den Chandos-Brief, der als kanonisches Werk dieser Zeit zu werten ist.

2 Sprachkrise um 1900

Während der Jahre um 1900, im Umbruch der Zeiten und Epochen, lässt sich die Periode der Wiener Moderne markieren. Sie findet ihr Zentrum, wie bereits durch den Namen angedeutet, in der Hauptstadt Österreichs. Der Stadt wurden „inzwischen zu Stereotypen gewordene[] - Charakteristika des Morbiden, Dekadenten und Müden [zugeschrieben]“ (Heinz [2009], 29) und „[z]ugleich war Wien aber auch Schauplatz derjenigen (sprach)philosophischen und literarischen Debatten um den Stellenwert des Subjektes, die das Fin de Siècle in besonderer Weise kennzeichnen“ (Blome [2011], 258). Es herrschte demnach eine Bewusstseinskrise vor, die durch eine Skepsis auf sprachlicher Ebene ergänzt wurde. Aufgrund einer solchen Ich-Krise, waren die Hysterie und ähnliche psychologische Krankheitsformen kennzeichnend für die Epoche. (Blome [2011], 258) Ab den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts stellte der Zugang zur bisher problemlos verwendeten Sprache eine Problematik dar. 1 Die daraus resultierende Sprachkrise wurde unter anderem von den gesellschaftlichen Herausforderungen, die die Moderne begleiteten, ausgelöst. Neuartigen Medien wie der Zeitung, die das Berufsbild des Journalismus mit sich brachten, wurde vorgeworfen acht- und gedankenlos mit Sprache umzugehen. Außerdem wurde durch den Aufschwung der Naturwissenschaften konstatiert, dass Sprache Defizite aufweist und nicht ausnahmslos bezeichnend verwendet werden kann. Auch die Sprachphilosophie, die durch Nietzsche und Mauthner betrieben wurde, ist nicht von unwesentlicher Bedeutung für das Voranschreiten einer Sprachskepsis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts. (Ajouri [2009], 149-152) Diese wurde durch schöpferische Produktion im Bereich der Literatur verarbeitet, sodass sie Sprachkrise oder – kritik um das Jahr „1900 den paradigmatischen Fall der Ergründung eines auf die Sprache verweisenden Problembewusstseins mit literarischen Mitteln dar[stellte]“ (Heinz [2009], 9). Einer der literarischen Vertreter der Zeit war Hugo von Hofmannsthal, der die fiktive Figur des Lord Chandos, der „zu einer Ikone, zu einem Eblem geworden [ist], die den Topos 'Sprachkrise' illustriert“ (Helmstetter [2003], 450), konstruierte.

3 Hugo von Hofmannsthal –Ein Brief

Der Chandos-Brief wurde von Hugo von Hofmannsthal am 18. Oktober 1902 in der „Berliner Literaturzeitschrift Der Tag veröffentlicht“ (Alloa [2008], 7).

In Anlehnung an Helmstetter wird deutlich, dass ein objektives Gegenübertreten mit dem Text Schwierigkeiten birgt. (Helmstetter [2003], 447) Da sich viele Forschungen im Bezug auf die Wirkung und Rezeption ebendieses Textes, „der ein Vorverständnis suggerierende Verweis auf die 'Sprachkrise' die Interpretation eines literarischen Textes allzuhäufig ersetzt“ (Heinz [2009], 11), auseinandergesetzt haben, ist die Möglichkeit einer unvoreingenommenen Textarbeit kaum mehr gegeben. Dieses Werk Hofmannsthals ist kanonisch und auf diese Weise unumgänglich mit dem Begriff der Sprachkrise verwoben. (Helmstetter [2003], 450)

Dennoch ist die Krise des Lord Chandos nicht allein oder gar primär eine Sprachkrise, sondern viel mehr eine Bewusstseinskrise von Hofmannsthals. Das Auftreten einer Ich- Fremdheit und Spaltung bis hin zur Schizophrenie hat letztendlich eine Sprachkrise der Figuren seiner Werke zur Folge. (Wunberg [1965], 11)

Dies wird dadurch deutlich, dass er in „geistige Starrnis“2 verfällt. Der Brief handelt weitestgehend von dem Zustand seines Inneren, er fragt sich „bin denn ich's“ (S.45). Jedoch soll das nächste Kapitel ebendiese Sprachkrise in Ein Brief fokussieren und den Ich-Konflikt weitestgehend unbetrachtet lassen.

Im Folgenden wird erläutert, worin das Auftreten der Sprachkrise bei dem sechsundzwanzigjährigen Philipp Lord Chandos, einer fiktiven Figur, seine Begründung findet und wie diese zutage tritt. Darüber hinaus soll eine Betrachtung der epiphanen Momente des Chandos und seiner angedeuteten neuen Sprache stattfinden.

3.1 Gründe der Krise

Früher, in seiner Jugend, war Lord Chandos dazu in der Lage, das Innere der Dinge zu erkennen und die Bedeutung ihres Wesens wahrzunehmen. Er brachte ein Verständnis für die Form dieser auf. Der „geistige[...] Grundriß“ (S.45) faszinierte den damals Dreiundzwanzigjährigen, im Gegensatz zu den „Bauten des Palladio und Sansovin“ (S.45). Diese Gebäude weisen nämlich noch keinerlei eigene Bedeutung auf, sie sind noch nicht mit Inhalt gefüllt und nehmen keinerlei Repräsentationsfunktion ein, denn „[s]ie verweisen auf das Aktuelle, machen nichts Fernes und Abwesendes präsent“ (Schäfer [2012], 21). Diese Verwendung von Zeichen, das Verknüpfen eines Signifikanten mit einem Signifikat, und das damit einhergehende Bilden einer Einheit ist das, was des jungen Chandos Erkenntnis prägte (Vgl. S.47). Darauf basierend war es ihm möglich, durch die Verwendung sprachlicher Ausdrücke, „unter dem Prunk ihrer Worte“ (S.45) stehende Werke anzufertigen. Darüber hinaus hatte Lord Chandos zu diesem Zeitpunkt Pläne hinsichtlich weiterer großer Schriften, die allesamt durch das Eintreten seines Unvermögens sich auszudrücken keine Umsetzung finden können (Vgl. S.46). Dennoch scheint dieses Ausdrücken rein mündlicher Natur zu sein.

An dieser Stelle muss eine Betrachtung von Sprache im Bezug auf ihre konzeptionelle und mediale Mündlich- und Schriftlichkeit stattfinden. Briefe im Allgemeinen, und spezifischer Ein Brief, sind im Bereich der medialen Schriftlichkeit anzusiedeln. Nicht allein der Titel des Werkes weist den Chandos-Brief als solchen aus. Obwohl die Formalität einer Anrede entfällt, wird zu Beginn des Briefes eindeutig auf die Textsorte verwiesen und transparent gemacht, bei wem es sich um den Sender und den Adressaten handelt (Vgl. S.45). Darüber hinaus wird die Kommunikation nicht phonisch, sondern graphisch vorgenommen. (Dürscheid [2016], 43)

Es ist Chandos nun nicht mehr möglich, „Worte in den Mund zu nehmen, deren sich doch alle Menschen ohne Bedenken geläufig zu bedienen pflegen“ (S.48) und aus Figuren der Mythologie „heraus mit Zungen [zu] reden“ (S.47). Chandos folgend ist es allein die mediale Mündlichkeit, die ihm verwehrt bleibt. Denn Ein Brief kann als konzeptionell mündlich eingestuft werden, da er einen privaten Brief darstellt, der die orale Kommunikation, die aufgrund von Distanz nicht möglich ist, darstellt. Demnach besitzt Lord Chandos die Fähigkeit, sich im Bereich der konzeptionellen Mündlichkeit sicher zu bewegen und sich auszudrücken, solange das Medium nicht die gesprochene Sprache ist. Seine Krise lässt sich demnach als „Konflikt zwischen 'Schriftkultur' und 'Sprechkultur'“ (Helmstetter [2003], 455f.) identifizieren. Denn es ist ihm „völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen“ (S.48), aber nicht die Fähigkeit zu schreiben. Dies liegt darin begründet, dass er die abstrakten Worte, die nicht im Sinne von ungegenständlich und gedanklich, sondern als losgelöst von ihrer konkreten Realisierung in der Schrift definiert sind, nicht artikulieren kann (Vgl. S.48). Demnach ist es für Chandos nicht realisierbar, sich in Worte zu fassen, dennoch kann er ebendiese durch Schrift ausformulieren.

[...]


1 Die folgenden Ausführungen beziehen sich ebenfalls auf: Ajouri [2009], 149-152.

2 Hofmannsthal, Hugo v. (1991): Ein Brief (1902). In: Ellen Ritter (Hg.): Sämtliche Werke: kritische Ausgabe. Bd. 31: Erfundene Gespräche und Briefe. Frankfurt am Main, 45. Weiterführend sind die Verweise auf die Primärliteratur im Fließtext zu finden.

Details

Seiten
20
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783346000323
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v494118
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
2,3
Schlagworte
sprachkrise brief hugo hofmannsthal eine untersuchung sprache wirklichkeit

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