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Albert Speer und sein Verhältnis zu Adolf Hitler

Eine Analyse anhand des Selbstzeugnisses "Erinnerungen"

Hausarbeit 2019 17 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Aussagewert des Selbstzeugnisses
2.1 Problematik von Autobiographien
2.2 Selbstdarstellung und Außenwirkung

3. Annäherung und Beziehung
3.1 Annäherung an die NSDAP
3.2 Grundlagen der Beziehung

4. Mitarbeit und Karriere
4.1 Die Beziehung und Arbeit als Architekt
4.2 Die Beziehung und Arbeit als Minister

5. Rückhaltung, Distanzierung und Aufarbeitung
5.1 Die Beziehung zu Hitler in Krankheit und Abwesenheit
5.2 Die Beziehung unmittelbar vor und nach dem Tode Hitlers

6. Resümee und Schlussbetrachtung

7. Quellen- und Literaturverzeichnis
7.1 Quellenverzeichnis
7.2 Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Albert Speers Buch „Erinnerungen“ gibt einen biografischen Überblick, über das Leben des Architekten, dabei liegt der Schwerpunkt in der nationalsozialistischen Zeit. Unter anderem wird die Beziehung zwischen Hitler und Speer in der Zeit von 1931 bis 1945 aus der Sichtweise von Albert Speer dargestellt. Das Buch ist eine Autobiografie, die ab ca. 1946 unter den Besatzungsmächten in Gefangenschaft entstanden ist. Aufgrund dessen wird in dieser Arbeit umfassend über den Aussagewert seiner schriftlichen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit eingegangen. Es ist unter anderem die Frage zu klären, welchen Einfluss die Nachkriegszeit auf seine „Erinnerungen“ hat und wie aussagekräftig das Buch dadurch ist. Das Verhältnis zwischen Albert Speer und Adolf Hitler zu analysieren, ist der Hauptfokus dieser Arbeit. Darüber hinaus ist zu klären, wie Albert Speer im Nationalsozialismus Karriere macht und welche Rolle dabei Ideologie, gesellschaftliche Position und die Zuneigung von Hitler spielen. Unter anderem wird auch der Frage nachgegangen, wer der führende und dominantere Part in der Beziehung ist. Albert Speers Karriere geht nach dem Ende des nationalsozialistischen Deutschlands als Autor weiter, anders als es bei den übrigen direkten Wegbegleitern Adolf Hitlers der Fall ist. Diese Besonderheit macht Albert Speer als Person, die ein ungewöhnliches Verhältnis zu Hitler hatte, zu einem geeigneten Untersuchungsfeld. Diese Arbeit soll einen neuen Blickwinkel auf die nationalsozialistische Führungsetage geben und darüber hinaus für andere Arbeiten eine Grundlage schaffen, um Adolf Hitler und Albert Speer besser charakterisieren zu können.

In der Fachliteratur wird die Untersuchung Albert Speers und sein Verhältnis zu Adolf Hitler mit der Arbeitsgrundlage des Buches „Erinnerungen“ nicht schwerpunktmäßig abgehandelt. Die zentrale Rolle der Beziehung wird nicht in den Fokus genommen, sondern als Nebeneffekt abgehandelt. Es existieren viele Biographien über Speer. Insbesondere ist auffällig, dass die meisten davon unmittelbar vor und nach seinen Tod entstanden sind und ab Mitte der 2000er Jahre noch einmal neu aufgelegt wurden. Zu erklären ist dies mit neuen Erkenntnissen und bis dato unbekannten Quellenmaterialien. In den neuen Biographien finden sich teils kontroverse und widersprüchliche Aufarbeitungen über die Unwahrheiten in Albert Speers Autobiographie. Die Literatur widerspricht sich teilweise gegenseitig so erheblich, dass es Schwierigkeiten bei der Unterscheidung zwischen empirischer und nicht empirischer Forschung gibt. Rein wissenschaftliche Biographien sind nicht existent, trotz neu entdeckten Quellen- und Datenmaterials, findet derzeit nach Brechtkern keine weitere Aufarbeitung statt (Stand: 2012) (vgl. Brechtkern 2012: 68). Der Grund dafür ist in der Beeinflussung von Speer selbst zu sehen, dessen Meinungsbild und Ansichten, welche fest manifestiert wurden, nur schwer aufzubrechen sind. Auch nach Speers Tod halten seine Botschaften und seine Verschleierungen noch in einem gewissen Maße bis heute in der Forschung an (vgl.Brechtkern 2012: 61ff.). „Verantwortlich für die Dauerhaftigkeit eines hinter der Forschung zurückbleibenden Speer-Bildes waren vor allem Joachim Fest und Gitta Sereny. Ihre Wertungen stehen in der Tradition eines maßgeblich von Speer selbst beeinflussten Geschichtsbildes, das über Jahrzehnte bemerkenswert stabil blieb.“ (Brechtkern 2012: 38) So ist beispielsweise Joachim Fests neue Auflage von 2005 in ihren Grundzügen gleich geblieben. Ein weiteres Beispiel ist Schmidts Werk von 2005, das kritisch zu beurteilen ist, da es sich ebenfalls um eine Neuauflage handelt. Das 1982 erschienene Buch stand direkt unter dem Einfluss von Albert Speer, der ein Jahr zuvor verstarb (vgl. Brechtkern 2012: 61). Insbesondere bei populären Fragestellungen wie z. B. der Schuldfrage Albert Speers zeichnet sich ein überproportionaler Literaturbestand ab. Inzwischen findet sich die Quelle „Erinnerungen“ nicht mehr im Buchhandel, sondern gilt als historisches, nicht mehr produziertes Buch.

Der nachstehende Hauptteil ist in vier Abschnitte untergliedert, die sich mit der unter Punkt 1. geschilderten Fragestellung auseinandersetzen. Der erste Abschnitt beschäftigt sich mit dem Aussagewert des Buches „Erinnerungen“, indem die Außenwirkung der Autobiographie und die Zielsetzung Speers erläutert werden. Auch ein allgemeiner Problemaufriss von Autobiografien wird darin vorgenommen. Im weiteren Verlauf wird die politische Gesinnung Speers und die Grundlagen der Beziehung von Speer und Hitler thematisiert. Im dritten Abschnitt wird der Verlauf der Beziehung von Speer und Hitler geschildert. Dies erfolgt in den zwei Zeitabschnitten, in denen Speer zum einen Architekt und zum anderen zusätzlich Minister war. Im letzten Abschnitt des Hauptteils folgt die Darstellung der Beziehung, anhand von zwei signifikanten Ereignissen. Dies ist zum einen die Beziehung während der Krankheit Speers und zum anderen die Beziehung kurz vor und nach dem Tod Adolf Hitlers. Abschließend folgen die Beantwortung und Bewertung der Fragestellung in einem Fazit.

2. Aussagewert des Selbstzeugnisses

Albert Speer schreibt die schriftlichen Grundlagen seiner Autobiografie während seiner 20-jährigen Haftzeit im Spandauer Gefängnis. Nach seiner Entlassung im Jahre 1966 fasst er seine gesammelten Protokolle, Gedächtnisstützen und niedergeschriebenen Erfahrungen, also sein Manuskript zusammen und veröffentlicht drei Jahre später seine Autobiografie „Erinnerungen“. Es ergeben sich aus dieser Begebenheit mehrere Problematiken, die unter anderem den Wahrheitsgehalt und damit den Aussagewert der Autobiografie in Frage stellen. Ebenso treten Grundproblematiken auf, die sich aus der literarischen Gattung der Autobiographie ergeben.

2.1 Problematik von Autobiographien

Die Autobiographie ist schon im Vorfeld, mit Hinblick auf ihren Wahrheitsgehalt und ihren Aussagewert als Quelle kritisch zu betrachten. Nach Wagner-Egelhaaf ergibt sich folgendes grundlegendes Problem: „Der objektiven Berichterstattung steht die subjektive Autorposition gegenüber: Es liegt auf der Hand, dass niemand in der Lage ist, die subjektive Wahrnehmungsperspektive hinter sich zu lassen. Wünsche und Illusionen leiten die Selbst- wie die Fremdwahrnehmung […] (Wagner-Egelhaaf 2005: 2). Dies bedeutet, dass die Autobiographie niemals objektiv neutral verfasst sein kann. Auch wenn der Autor dies versucht, wird ihm dies niemals gelingen. In den meisten Fällen wie auch bei Albert Speers „Erinnerungen“ ist dies aber auch gar nicht beabsichtigt.

Eine Autobiographie ist immer ein Versuch und ein Wille, das selbst Erlebte für andere greifbar und erfahrbar zu machen. Der Leser ist dabei immer den Darstellungen und Beschreibungen des Autors unterworfen. Nachweise für seine Behauptungen und Schilderungen lassen sich nur selten erbringen. In Albert Speers „Erinnerungen“ ist dies bis zu seinem Tode ein wichtiger Baustein gewesen. Der Autor verfolgt mit einer Autobiographie unter anderem meist eine persönliche Rechtfertigung, eine Referenz gibt er über sein Leben, die das Ziel verfolgt, wahrheitsweisend zu sein (vgl. Wagner-Egelhaaf 2005: 2 ff.). „Der Vorgang Erinnerung ist der jeder autobiographischen Reflexion zugrunde liegende Akt“ (Wagner-Egelhaaf 2005: 12). Dabei stellen sich viele Problematiken ein. So hat das menschliche Gedächtnis Lücken und ist begrenzt. Nach Wagner- Egelhaaf ist das Erinnerungsvermögen defizitär angelegt. Dies bedeutet, dass der Mensch nur bedingt in der Lage ist, sich zu erinnern. Seine eigene Wahrnehmung der Vergangenheit und seine aktuelle Wahrnehmung können Fakten überspielen und verfälschen. Dies ist meistens unbewusst der Fall, kann aber auch bewusst gesteuert werden (vgl. Wagner-Egelhaaf 2005: 43 ff.). „In die Lücken des Gedächtnisses kann […] die Phantasie eintreten; da, wo die mimetische Kraft des Gedächtnisses versagt, tut sich ein produktiver Spielraum für die Phantasie auf“ (Wagner-Egelhaaf 2005: 47). Die vergangene Zeit zwischen dem Erlebten und dem Erinnerten verstärkt diesen Effekt. Hinzu kommt, dass das eigene Leben als Gesamtkunstwerk gesehen wird und damit Schwerpunkte verändert werden. So kann die chronologische und zeitliche Ordnung bewusst oder unbewusst vermischt und stark abgeändert werden und trotzdem als sinnvoll und zeitlich korrekt, von den Lesern, aber auch vom Autor angesehen werden. Dies macht es noch einmal umso schwieriger, nachträgliche Abgrenzungen von Wirklichkeiten und Fiktionen vorzunehmen.

Außerdem können Leser schwer bis gar nicht erkennen, ob es sich um eine Wirklichkeits(re)konstruktion oder Phantasie handelt. Die Auslegungsvarianten von Interpretationen bestimmter Schilderungen und Ereignisse sind vielfältig. Zudem spielt die Betrachtungsweise des Lesers eine große Rolle, die unter anderem von seiner Ethik, Kultur, aktuellen Lebenssituation, seinen Erfahrungen, seinem Sprachschatz und eigenen Begriffsdefinitionen, seiner Emotionalität sowie seinen Erwartungen an die Autobiographie und die eigene Identifikation mit der Person abhängig ist (vgl. Wagner-Egelhaaf 2005: 65 ff.).

2.2 Selbstdarstellung und Außenwirkung

Die Selbstdarstellung Speers in seinem Werk „Erinnerungen“ ist mehr eine Art Neupositionierung, aus dem Ergebnis der Öffentlichkeitsprofilierung heraus, als eine Darstellung seiner selbst. Es ist davon auszugehen, dass die Autobiographie ein Mittel zur nachträglichen Darstellung der eigenen Position, aufgrund der Nürnberger Prozesse ist. „Im Nürnberger Prozess zeigte er als einer der wenigen Angeklagten Reue und distanzierte sich von Hitler und dem Nationalsozialismus, wobei er sich selbst als unpolitischen, ausschließlich an Kunst und Technik interessierten Mitläufer darstellte. Seine in Nürnberg erfolgreich eingeübte Selbstinszenierung als unpolitischer Architekt und Technokrat wiederholt Speer auch in den Erinnerungen.“ (Kremer 2017: 135) Den Erfolg seines Buches „Erinnerungen“ und der darauf später folgenden Spandauer Tagebücher, überschatten viele kritische Stimmen und vertuschten bis zu seinem Lebensende und darüber hinaus, viele Wahrheiten und Unwahrheiten. Speer selbst profiliert sich in seinem Buch als offenherzig, elegant, reumütig und selbstkritisch. Insbesondere ist seine Darstellung am Anfang des Buches als jemand der unbescholten und unselbständig ist, zu erwähnen. Dies erzeugt ein Bild, das sich auf seine gesamte Biografie vom naiven, ferngelenkten und beeinflussbaren Speer projiziert. Die Selbstinszenierungen als Bildungsbürger durch Kulturvergleiche und Geschichten innerhalb der Biografie erzeugen beim Leser eine erhöhte Glaubwürdigkeit. Speer nutzt viele rhetorische Mittel und Wege, sich als historisches, ungeliebtes Genie der NS-Sozialisten darzustellen (vgl. Kremer 2017: 197). Er verzichtet auch wie in den Nürnberger Prozessen auf eine Selbstverteidigung und setzt mit allen Mitteln, die zur Verfügung stehen, auf eine Selbstanklage. „[…] Wo möglich, wird auf die eigenen Wohltaten verwiesen. Wo dies nicht möglich ist, wird stattdessen auf den Willen verwiesen – jedoch häufig im Modus der Selbstkritik, […]“ (Kremer 2017: 167). So entsteht auch durch das Hervorheben von schlechten Entscheidungen eine Selbstinszenierung, die ihn als gekreuzigten verachteten Deutschen darstellt, welcher alle Schuld auf sich nimmt und sich durch eine Selbstoffenbarung nun von ihr befreien will. „Auch nach der Veröffentlichung seiner Autobiografie arbeitete Speer weiter am Bild des unpolitischen Architekten und Technokraten, dass er in den Erinnerungen so eindrücklich gezeichnet hatte“ (Kremer 2017: 137).

Die öffentliche Wahrnehmung durch seine ungewöhnliche Darstellung, anders als seine Genossen es tun, bringt großes Interesse an seiner Person mit sich. Speer thematisiert weder die NSDAP- Mitgliedschaft noch seine Familie ausführlich. Das Leben für und mit dem Staat (insbesondere mit Hitler) steht im Vordergrund. Seine Beschreibungen und detaillierten Erklärungen zu architektonischen Arbeiten, sowie seine immer wiederkehrenden Darstellungen als Zeuge und Beobachter lassen eine Verknüpfung entstehen, dass Speer Hitlers Architekt war und andere Ministerposten nur nebenbei ausgeführt wurden (vgl. Kremer 2017: 221).

So fasst Schmidt die Selbstdarstellung Speers in drei Phasen zusammen: Erstens Speer als kunstbegabten Architekten, der auf seine Arbeit fokussiert ist, zweitens Speer als Bau- und Rüstungsminister, der voller wirtschaftlicher Unmoral handelt und drittens, Speer als belehrender und geständiger Zeitzeuge (vgl. Schmidt: 11). Durch die Beteuerung von Verantwortung und das Nichtaufzeigen von Schuld, trifft Speer die Zielgruppe der Kriegsveteranen und der Nachkriegsgeneration, welche sich in der Entnazifizierung befinden. Die Identifizierung der eigenen Person mit Speer ist so für viele möglich. Dies schafft eine emotionale Bindung, eine Akzeptanz und Glaubwürdigkeit seiner Person. „Auch als Schuldiger erweist sich Speer noch als Führungspersönlichkeit, die dem Volk einen Weg aus dem Dilemma zeigen kann und will“ (Kremer 2017: 164). Es entsteht ein Personenbild von Speer, das äußerst resistent gegenüber Aufarbeitungen und neusten Enthüllungen funktioniert. „In der Folge blieb eine kritische Auseinandersetzung mit Speers Lebenswerk – mit Ausnahme der Goldhagen Debatte – zu seinen Lebzeiten aus“ (Kremer 2017: 139). Erst nach seinem Tod beginnen kritische Biografien über ihn mit der Aufarbeitung seiner Vergangenheit und erzeugten öffentliche Aufklärung (vgl. Schmidt: 19). „Speers Selbstinszenierung und ihr journalistischer Widerhall bleiben nicht ohne Folgen für die wissenschaftliche Aufarbeitung von Speers Leben. Insbesondere an den zahlreichen Speer- Biographien lässt sich gut ablesen, welchen Einfluss Speers Selbstdeutung auch hier ausüben konnte“ (Kremer 2017: 138). Eine Aufdeckung erscheint nur in einem gewissen Maße möglich zu sein, unter anderem aufgrund schwieriger Nachweisbarkeit. Die Autobiografie ist daher kritisch und nachfragend zu behandeln.

3. Annäherung und Beziehung

Die Anfangsjahre und Grundlagen der Beziehung zwischen Hitler und Speer sind mit Abstand die, die am besten dokumentiert sind. So finden sich überproportional viele Erwähnungen in der Autobiographie, anders als seine ideologische Parteizugehörigkeit, die fast gar nicht thematisiert wird.

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Details

Seiten
17
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346000613
ISBN (Buch)
9783346000620
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v494180
Institution / Hochschule
Universität Kassel – Fachbereich Gesellschaftswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Adolf Hitler Albert Speer Nationalsozialismus Selbstzeugnis Nachkriegszeit Schuldfrage Erinnerungen Hitlers Vertraute Architekt Rüstungsminister Kanzler Bauminister Autobiographie NS Verbrechen Kriegsschuld Robert Klötzer

Autor

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Titel: Albert Speer und sein Verhältnis zu Adolf Hitler