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Die Rezeption des Vorschlags zum Schuman-Plan im deutschen Bundestag am 13. Juni 1950

Eine Kontroverse zwischen Konrad Adenauer und Kurt Schumacher

Hausarbeit 2019 32 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung – Stellenwert und Erkenntnisinteresse
1.1 Die 68. Bundestagsdebatte
1.2 Die politische Situierung Deutschlands

2 Die Rezeption des Schuman-Plans am 13. Juni im deutschen Bundestag
2.1 Bundestagsprotokoll von Konrad Adenauer
2.2 Bundestagsprotokoll von Kurt Schumacher

3 Die Auswertung der 68. Bundestagsdebatte
3.1 Aussagegehalt und Stellenwert der 68. Bundestagssitzung
3.2 Kurt Schumachers Gesamteinstellung gegenüber dem Schuman-Plan
3.3 Konrad Adenauers Gesamteinstellung gegenüber dem Schuman-Plan

4 Verantwortliche Faktoren für die Kontroversität um den Vorschlag zum Schuman-Plan

5 Quellen und Literaturverzeichnis
5.1 Quellenverzeichnis
5.2 Literaturverzeichnis

1 Einleitung – Stellenwert und Erkenntnisinteresse

Der Vorschlag zum Schuman-Plan gilt heute als eines der großen Gründungsdaten und zukunftsweisenden Schritte innerhalb der Entstehungsgeschichte der Europäischen Union. Obwohl am 09. Mai ‚lediglich‘ eine wirtschaftliche Zusammenarbeit zunächst nur der Nationen Deutschland und Frankreich vorgeschlagen wurde, nimmt die daraus resultierende Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl innerhalb der europäischen Integrationsgeschichte einen hohen Stellenwert ein. Das politische Konstrukt Schuman-Plan etablierte sich vor allem in populärwissenschaftlichen Darstellungen schnell zu einem klassischen Erfolgsnarrativ.1 Im westdeutschen Bundestag, als der Plan zum ersten Mal am 13. Juni 1950 in einer Bundestagssitzung thematisiert wurde, war der Vorschlag allerdings nicht von allen Volksvertretern so wohlwollend begrüßt worden.2 Aus diesem Gegensatz motiviert sich das zentrale Erkenntnisinteresse dieser Ausarbeitung. Das Leitmotiv wendet sich dabei der Frage zu, wie und warum der französische Vorschlag in der 68. Bundestagssitzung kontrovers rezipiert worden ist. Um dieser Fragestellung zufriedenstellend beikommen zu können, werden drei sich ergänzende Analyseschritte vollzogen, die in den jeweiligen Kapiteln3 in eigener Systematik als spezifische Erweiterungen der aufgeworfenen Fragestellung verstanden werden sollen. Die Richtung der Nachforschung folgt dabei zunächst der induktiven Methode, wodurch sich das Verständnis um die Kontroversität der Debatte, sukzessive vom Speziellen ins Allgemeine wird erschließen lassen. In einem letzten Schritt werden im Schlussteil dieser Untersuchung die jeweiligen Ergebnisse synthetisiert und in einem deduktiven Vorgehen den Fokus wieder speziell zurück auf die 68. Bundestagssitzung legen. Die Kombination der verschiedenen Erkenntnisse aus den jeweiligen Kapiteln soll insgesamt zu einem ausdifferenzierten und objektiveren Verständnis der westdeutschen Rezeption des Schuman-Plans führen, wobei auf die Rezeption im frühen Bundestag das Hauptaugenmerk gelegt bleiben soll.

1.1 Die 68. Bundestagsdebatte 1950

Das spezifische Interesse des ersten Kapitels dieser Abhandlung wendet sich dabei der Untersuchung zu, inwiefern der Vorschlag zum Schuman-Plan nur wenige Wochen nach seiner Ankündigung am 09. Mai 1950, innerhalb des tagespolitischen Geschehens des Bundestags eine Rolle spielte. Dazu soll das Sitzungsprotokoll der 68. Bundestagssitzung als Quelle methodisch analysiert werden.4 Um den zweifelsohne bedeutendsten zwei Stimmen im Bundestag der frühen Nachkriegszeit diesbezüglich Ausdruck zu verleihen und zugleich zwei sehr unterschiedliche Standpunkte zu beleuchten, soll die am 13. Juni gehaltene Bundestagsansprache Konrad Adenauers und Kurt Schumachers gegenübergestellt werden.5 Beide Akteure stehen stellvertretend für die zwei größten Fraktionen, CDU/CSU und SPD, denen in der 68. Bundestagssitzung ein großer Redeanteil von jeweils einer guten Stunde zugesprochen worden war.6 Die direkt hintereinander erfolgte Rede Adenauers, als erster denkbar knapp gewählter Bundeskanzler und Regierungschef des Hauses, und Schumachers, als unangefochtener Parteichef der SPD und leidenschaftlicher Oppositionsführer, deutet schon im Vorfeld auf eine spannungsgeladene Debatte hin.7 Welche Argumente am 13. Juni angebracht wurden und innerhalb welchem politischen Kalkül Geltung verliehen wurde, das sind die vordergründigen Untersuchungsbereiche dieses ersten Kapitels.

Bevor die angesprochenen Fragen in den Mittelpunkt der Hausarbeit rücken, wird verständnishalber und mit Hinblick auf die Fragestellung eine kurze Skizzierung der politischen Situation der jungen Bundesrepublik Deutschland8 im historischen Kontext der 1950er Jahre als Grundlage vorausgehen, sowie aus parteipolitischer Perspektive ein kurzer Auszug über die außenpolitischen Zielsetzungen angedeutet.

1.2 Die politische Situierung Deutschlands 1950

Der Handlungsspielraum für eine eigenständige deutsche Außenpolitik respektive Europapolitik war de jure gar nicht vorhanden. Gemäß dem Besatzungsstatut lag die Kontrolle für die politischen und wirtschaftlichen Außenbeziehungen der BRD bei der Alliierten Hohen Kommission, „von Außenpolitik konnte eigentlich zunächst gar keine Rede sein“9. Konrad Adenauer unterzeichnete im November 1949 das ‚Petersberger Abkommen‘10, worin die Alliierten in einem vertragsartigen Protokoll zunächst einmal eine Einschränkung der Demontagen zugestanden hatten.11 Für die Lockerung der Besatzungsbestimmungen akzeptierte Adenauer im Gegenzug den deutschen Beitritt in die internationale Ruhrbehörde und stimmte damit seinerseits der alliierten Forderung nach einer ‚freiwilligen‘ deutschen Beteiligung am Sicherheits- und Kontrollsystem über Deutschland zu. Adenauers westorientierter Politikstil folgte dem von Westalliierter Seite aus vorgeschlagenen Prinzip des ‚do ut des‘ und bedeutete für ihn ein erster kleiner erfolgreicher Schritt zur internationalen Gleichberechtigung und Souveränität Westdeutschlands, deren Erlangung das Primat seiner Außenpolitik darstellte. Der Beitritt in die Ruhrbehörde führte aber auch gleichzeitig zum Bruch mit der SPD in Fragen der Außenpolitik. Für diese bedeutete der Eintritt in die Ruhrbehörde den Verlust des noch verbliebenen politischen und ökonomischen Vermögens Deutschlands und die sozialdemokratischen Parteigenossen lehnten das Ruhrstatut als erniedrigend ab. Unter der Wortführung Kurt Schumachers priorisierte die Partei zunächst die völkerrechtliche Wiedererlangung deutscher Territorien in den Grenzen von 1937. Eine Westintegration war zwar ebenfalls Ziel der sozialdemokratischen Außenpolitik, allerdings nur unter gleichberechtigten Bedingungen.

Daneben gab es auch zentrale Aspekte in denen Adenauer und Schumacher übereinkamen. Beide hatten eine ausgeprägte Ablehnung gegenüber dem Kommunismus und der Sowjetunion, hielten nicht viel von Konzepten eines neutralen Deutschlands, sondern befürworteten eine deutsche Anbindung in einem vergemeinschafteten Westeuropa, da man hier die kulturellen und gesellschaftlichen Orientierungspunkte sah.

Das Zusammenkommen der Nationen von Europa verlangte allerdings die Beilegung der deutsch-französischen Erbfeindschaft und insbesondere der Schuman-Plan erforderte eine politisch geregelte Verständigung über das Saarland. Einerseits wurden in der vorgestellten Konzeption des Schuman-Plans die bisher zu Lasten der BRD bestehenden Direktive des Ruhr- und Besatzungsstatuts in vielen Bereichen berührt, womit die Möglichkeit geboten war, bei den anstehenden Verhandlungen die diskriminierenden Elemente des Ruhrstatuts gründlich zu revidieren. Andererseits stand der Vorschlag in der Kontinuität der französischen Ruhrpolitik, innerhalb derer sich das französische Sicherheitsverlangen vor Deutschland, dem wiederholten Kontrahenten vergangener kriegerischer Auseinandersetzungen, am deutlichsten manifestierte.12

Im Folgenden quellenanalytischen Teil sollen nun die Betrachtungsweisen Adenauers und Schumachers zu der aufgeworfenen Thematik methodisch analysiert und gegenübergestellt werden. Beide Stellungnahmen im Bundestag werden dabei in relevante thematische Schwerpunkte zusammengefasst und sowohl jeweils für sich, als auch in Bezug zueinander nachvollzogen. Die Inhalte sind demnach nicht stringent chronologisch aus dem Sitzungsprotokoll entnommen, sondern nach einzelnen Themenpunkten gegliedert zusammengefasst. Markante Punkte sollen dadurch hervorgehoben werden, indem sie weiter ausgeführt und gegebenenfalls fachwissenschaftlich und historisch kontextualisiert werden.

2 Die Rezeption des Schuman-Plans am 13. Juni im deutschen Bundestag

2.1 Bundestagsprotokoll von Konrad Adenauer

Nach einem stimmungsvollen Auftakt erhielt Konrad Adenauer das Wort.13 Zwar war er selbst erst nach kurzer Krankheit zurückempfangen worden, hatte aber dennoch mit Hinblick auf die vergangene Außenministerkonferenz, vom 11. bis 13. Mai 1950 in London, allen Grund gestärkt aufzutreten.14 Am Beginn seiner Regierungserklärung kommt er, neben einer kurzen Ausführung über Satzung und Statut des Europarats, auch auf die an Deutschland gerichtete Einladung zum Europarat zu sprechen.15 Unter Einbeziehung einiger Fakten, aus einer von ihm an den Bundestag gerichteten Denkschrift diesbezüglich16, konstatiert Adenauer, dass neben dem inhaltlichen Teil, in der Denkschrift auch ein Abschnitt eingefügt sei, der aus Für und Wider Argumenten zum Europarat bestehe. Dieses Kapitel müsse nun auf Grund bedeutender außenpolitischer Vorgänge erweitert, beziehungsweise angeglichen werden. Denn neben der jüngsten Konferenz, der eben genannten westlichen Außenminister in London, über die Westintegration der BRD und dem Beschluss des Hamburger Parteitags der SPD, sei vor allem der Vorschlag des Schuman-Plans als eine neue außenpolitische Veränderungen hinzugekommen, welche das deutsche Parlament bei der Abstimmung zum Europarat zu berücksichtigen habe.17 Adenauers Aussagen über den Schuman-Plan, die im Folgenden zusammengefasst werden sollen, wurden sonach maßgeblich vor dem Hintergrund dieser außenpolitischen Vorgänge diskutiert.

Auf dem Papier ginge es beim Beschluss des französischen Kabinetts um die Zusammenlegung der deutschen und französischen Montanindustrien, und um eine hohe Behörde, an die „eine Assoziation von Souveränitätsrechten der verschiedenen Paktländer übertragen werden soll“18. Wie schon beim Europarat unterstreicht Adenauer auch bezüglich des Schuman-Plans die Entscheidungsfreiheit des deutschen Bundestags und weist ausdrücklich darauf hin, dass das deutsche Parlament in seinen Rechten nicht beschnitten werde. Damit weist er einige kritische Fragen von Schumacher zurück, die jener in seinem Grundsatzreferat auf dem sozialdemokratischen Parteitag vom 21. bis 25. Mai 1950 in Hamburg gegenüber dem französischen Vorschlag geäußert hatte.19 Diese und weitere skeptische Einwände von Seiten der SPD seien ohnehin schon in der Erklärung des französischen Kabinetts beantwortet, das außerdem – entgegen Schumachers Unterstellung auf dem Parteitag – auch in Einigkeit hinter dem Vorhaben stehe, so Adenauer weiter in seiner Ansprache.20 In einer weiteren Bezugnahme zum Hamburger Parteitag wird ersichtlich, wie wichtig Adenauer die Annahme des Schuman-Plans war und wie tief der Bruch zwischen CDU und SPD. Schumacher habe dort verlauten lassen, dass die „Realisierung einer grundsätzlichen Politik“21 ohne die SPD, nur wenig bedeutsam wäre und der Vorschlag der Franzosen ohne die Sozialdemokraten nicht umzusetzen wäre. Adenauer argumentiert in seiner Ansprache dagegen, dass „der Vorschlag der Franzosen […] auch ohne Sie [die Sozialdemokraten] gehen“22 werde. Vor der notwendigen Aufgabe der europäischen Integration der BRD, erschien es Adenauer überhaupt als bedauerlich, dass Schumacher den Schuman-Plan in Hamburg öffentlich denunziert hatte.23

Auch die von Schumacher angebrachte Kritik an den wirtschaftlichen Komponenten der französischen Konzeption weist Adenauer zurück, denn vordergründig würde es bei dem Vorhaben um den Europagedanken gehen. Damit seien vor allen Dingen die langfristig zusammenhängenden politischen, kulturellen, sogar psychologischen Folgen gemeint, welche der Zusammenschluss von Kohle und Stahl ‚schmieden‘ könnte. In der Tat erschien der Schuman-Plan auf den ersten Blick auf technische Sektoren begrenzt, allerdings implizierte die internationale Organisationsstruktur der Supranationalität auch umfassende politische Ansprüche, auf die Adenauer bereit war, als weiteren Schritt in Richtung europäische Integration einzugehen.24 Innerhalb der Leitlinie seiner Außenpolitik erachtete er daher den politischen Mehrwert zunächst über dem des wirtschaftlichen, weshalb bei den Verhandlungen vorerst keine wirtschaftlichen oder technischen Fragen zu klären seien25, sondern in erster Linie europaintegrierende Elemente diskutiert werden müssten. Schließlich hätten laut Adenauer in dieser Absicht stehend auch die Urheber Jean Monnet und Robert Schuman den Plan entworfen und vorgeschlagen.26 Dem angemessen würde die Vertragsgestaltung in Paris nicht nur ein kontrolliertes, sehr komplexes und genau geplantes Vorhaben werden, sondern auch bei der „Zusammensetzung der Deputation“27, Politiker von den teilnehmenden Nationen ausgewählt, die „mit weitem wirtschaftlichen Horizont“28, „europäisch denkend“29 und der Kompetenz „staatsrechtliche Verträge zu entwerfen und zu beraten“30, ausgestattet wären. Als initiales Projekt bilde es die Grundlage zum Aufbau eines föderativen Europas und diene im Weiteren zur Beseitigung der Differenzen zwischen dem deutschen und französischen Volk, was die Voraussetzung für sämtliche Vorhaben dieser Art sei. Auf diesem Wege eine Verständigung mit Frankreich zu erzielen, sei auch im Sinne des deutschen Volkes. Auf diese Motivik und den Anspruch auf die Deutungshoheit des ‚deutschen Volkes‘ stützt sich Adenauers Schuman-Plan-Rhetorik wesentlich. Im letzten Teil seiner Ansprache stellt Adenauer einige außenpolitische Themenbereiche in Zusammenhang und akzentuiert ihre Bedeutung im Lichte seiner Auffassung, die im Folgenden mit Hinblick auf den Schuman-Plan gekürzt ausgeführt werden sollen.

Adenauer markiert besonders die Wechselwirkung zwischen Europarat und Schuman-Plan. Seiner Einschätzung nach würde eine Ablehnung der Einladung zum Europarat, auch eine Absage des Schuman-Plans vorentscheiden. Zumal beide Vorhaben die Tendenz zu einer europäischen Föderation hätten, käme der Entscheidungsbeschluss gegen den Beitritt zum Europarat, ferner einer Präjudikation Deutschlands gegenüber allen Vorhaben dieser Art gleich. Für die Integrationsbemühungen erachtete er daher beide Projekte von essentieller Bedeutung. Die Ablehnung komme einem Scheitern der Westpolitik gleich und diese bedeute die Gefahr eines neutralen Deutschlands zwischen den Blöcken.31 Viel Wert legte er deshalb darauf, dass die Abgeordneten geschlossen für die geplanten Vorhaben votieren, einerseits als Signal der Teilnahme an einer aktiven Europapolitik des westdeutschen Bundestags und andererseits zur Stärkung seiner eigenen Position nach außen hin. So plädierte er in seiner Rede, dass das gegenwärtige „Stadium des Stillstands und des Mißtrauens durch einen sichtbaren, durch einen entschiedenen Schritt nach vorwärts überwunden werden“32 muss, der deutsche Beitritt in den Europarat und die Annahme des Schuman-Plans. Im Folgenden soll nun Kurt Schumachers Ansprache insbesondere mit Hinblick auf die Rezeption des Schuman-Plans untersucht werden.

2.2 Bundestagsprotokoll von Kurt Schumacher

Kurt Schumacher beginnt seine Ansprache unmittelbar damit, die Politikführung Konrad Adenauers mit Vorwürfen zu überziehen. Die Regierungspartei und insbesondere Adenauer selbst habe es vermissen lassen, gemeinsam mit der Opposition Politik zu betreiben, geschweige denn wenigstens Informationen über die kontemporären Politika auszutauschen. Schumacher mahnt, dass eine Regierung stets darum bemüht sein sollte, „das Gemeinsame in der Außenpolitik auch da zu erstreben, wo man verschiedene Standpunkte hat.“33. Der Einwand des Sozialdemokraten gewinnt angesichts der politischen Konstitution der BRD deutlich an Gewicht. Denn die vorhandene politische Verfügungsgewalt war in den Anfangsjahren durch die im Artikel 65 des Grundgesetzbuchs festgelegte Richtlinienkompetenz in hohem Maße in der Person Adenauers zentralisiert.34 Trotz der begrenzten außenpolitischen Befugnisse der BRD stand Adenauer innerhalb dieser, eine große Entscheidungsfreiheit zu und bei außenpolitischen Fragen verfügte er über ein verfassungsmäßiges Vorrecht, Richtlinien festzulegen.35 Ausführlich beschwert sich Schumacher über diesen konstitutiven Umstand, welcher der Westdeutschen parlamentarischen Verfassung nicht gerecht werde, denn weder betreibe Adenauer Politik mit „vorherige[r] Fühlungnahme mit dem Auswärtigen Ausschuß [noch] mit der Opposition“36.

Im Weiteren kritisiert Schumacher Adenauers optimistische Interpretation der außenpolitischen Geschehnisse und pointiert, dass zu einer realistischen Darstellungsweise, stets die negativen Kehrseiten miteinbezogen werden müssen, um „alle politischen Dinge [zu] umfassen“37. Sonach konstatiert er, ablehnend gegenüber Adenauers Ausführungen, dass Deutschland keinerlei Konzessionen gemacht worden wären und auf Grund der beschränkten Handlungsspielräume noch immer ein Land sei, das von den Hohen Kommissaren und dem Besatzungsstatut regiert werde. Um eigene politische Handlungsspielräume zu suggerieren, stütze sich die Bundesregierung auf eine Reihe Prestigeerfolge, wie beispielsweise das Petersberger Abkommen, zur naiven Befriedigung des Volkes.38 Die politischen selbstzugeschriebenen Erfolge des Bundeskabinetts bewertet Schumacher als alliierte Erlaubnisse, welche diese mehr aus eigenem Selbstschutz vor dem Ostblock veranlasst und genehmigt hätten, weniger als wohlwollende Zugeständnisse gegenüber Deutschland. Entlang der Kritik an der Adenauerschen Politikführung entsteht die zum Bundeskanzler konträre Interpretation der außenpolitischen Vorgänge, die im Folgenden auf den Vorschlag zum Schuman-Plan zusammengefasst werden soll.

Entgegen Adenauers hervorgehobenen politisch moralischen Aspekt des Schuman-Plans, erwidert Schumacher, dass es weniger um eine wahrhaftige Einigung der Völker ginge, sondern vielmehr würde aufgrund geschäftlicher Interessenrücksichtnahme eine widerwillige Verteilung der Profite stattfinden.39 So fürchtete sich die SPD-Spitze bezüglich der Ausgestaltung des Vertragswerks vor einer dominierenden Berücksichtigung schwerindustrieller Interessen, insbesondere repräsentiert durch die Delegierten der zur Auflösung bestimmten Altkonzerne.40 Vor allem im wirtschaftlichen Bereich konstatierte Schumacher ein unvorteilhaftes Planungskalkül, was angesichts der deutschen Lage tendenziell dazu führen würde, dass die deutschen nationalen Interessen wenig Berücksichtigung fänden. Ferner drohe damit die Gefahr einer diskriminierenden Präjudikation gegenüber der deutschen wirtschaftlichen Macht von Pariser Seite aus.41 Schumacher warnte jedoch nicht nur energisch vor Verwaltung und Kontrolle der bedeutenden wirtschaftlichen Nationalvermögen, auch plädierte er dafür, dass „die permanente Drohung der französischen Politik mit der einseitigen Internationalisierung deutschen Eigentums aus der Welt zu schaffen“42 sei. Für Schumacher stand damit fest, dass „das Schuman-Projekt und das Bestehen des Ruhrstatuts und der Ruhrbehörde, einander ausschließen“43 müssen. Wiederholt spricht er sich an dieser Stelle dafür aus, dass nicht Teile Deutschlands internationalisiert werden dürften, vielmehr sollte ganz Europa internationalisiert werden. Ansonsten sehe er in den geplanten Vorhaben die Gefahr einer Balkanisierung des Ruhrgebiets, das in Europa nur den Revanchismus fördern würde.44

Auch die Auswirkungen des Schuman-Plans ergründet der SPD-Vorsitzende und einer Feststellung gleichkommend kündigt er mehrere davon prospektiv an. Zum einen würden die kleinen Schritte über den Schuman-Plan zu regionalen Spannungen führen, wobei vor allem Deutschland in derzeitiger Konstitution wesentlich zu schwach wäre, diese auszuhalten. Zum Zweiten drohe die selektierte Anzahl der Mitgliederstaaten Europa erneut in zwei Teile aufzutrennen und der beschränkte wirtschaftliche Bereich der Montanindustrie sei wesentlich zu klein gedacht.45 So konkludiert er, dass der Weg über den Schuman-Plan, die Einigung „Kleinsteuropa[s] des äußersten Westens“46 sei. Der westliche Zusammenschluss über das atlantische Paktsystem, dem untergeordnet der Europarat, dem untergeordnet der Schuman-Plan würde Deutschland sich nach Schumachers Begriffen in ein hierarchisches System eingliedern, wobei man selbst der unterste Bestandteil wäre und bei ‚freiwilligem Beitritt‘47, über keine selbstbestimmte Entscheidungsgewalt mehr verfüge.48

3 Die Auswertung der 68. Bundestagsdebatte

3.1 Aussagegehalt und Stellenwert der 68. Bundestagssitzung

Auf der Textgrundlage des Protokolls der 68. Bundestagssitzung wurden Adenauers und Schumachers Aussagen im Hinblick auf den Vorschlag zum Schuman-Plan reflektiert. Die Bundestagsreden wurden jeweils für sich genommen nachvollzogen, wobei sich die Kontroversität der Debatte, insbesondere durch die antagonistisch aufgezogenen Bezugnahmen zueinander hat nachweisen lassen, die vor allem für die Forschungssynthese im vierten Kapitel weiter aufschlussreich sein werden. Um in diesem abschließenden Kapitel einen adäquaten Umgang mit den Ansprachen Adenauers und Schumachers zu gewährleisten, soll nun als Prämisse dafür eine zeitlich größere Perspektive auf die markantesten Punkte beider Positionen im Zusammenhang mit dem Schuman-Plan gelegt werden, wobei der ‚Zoom‘ vordergründig auf der Ebene des Bundestags eingestellt bleiben soll. Mittels dieser Distanznahme wird eine Einschätzung über den Aussagegehalt beider Bundestagsreden hinsichtlich ihres politischen Gewichts ermöglicht werden und damit weiterführend der Stellenwert der 68. Bundestagssitzung für den Schuman-Plan insgesamt. Neben weiteren Schuman-Plan relevanten Plenarprotokollen sollen hierbei auch Meinungen aus dem Forschungsdiskurs über das allgemeine politische Schaffen und Einschätzungen über die politischen Auswirkungen beider Protagonisten miteinbezogen werden. Daneben sind auch persönliche Hintergründe Adenauers und Schumachers zu berücksichtigen, die sich als aufschlussreich über die jeweilige Positionierung gegenüber dem Schuman-Plan erweisen werden.

3.2 Kurt Schumachers Gesamteinstellung gegenüber dem Schuman-Plan

Freilich fällt bei Kurt Schumacher allein aus Gründen der Oppositionszugehörigkeit und als zunehmend erbittertem Widersacher der Adenauerschen Westpolitik die Einschätzung der europäischen Vorhaben wesentlich kritischer aus. Dazu sei erwähnt, dass seine Reden im Bundestag häufig von einem aggressiven Grundtonus begleitet wurden und ebenso oft darauf abzielten, gegen seine politischen Kontrahenten zu polemisieren.49 Trotzdem war er dem Schuman-Plan gegenüber zunächst ‚nur‘ ambivalent eingestellt. Denn auf dem Hamburger Parteitag hatte er ihn einerseits noch begrüßt, weil er den Vorzug habe, initiativ von französischer Seite aus zu kommen. Allerdings apostrophierte er den erst in Umrissen bekannt gegebenen Vorschlag auf dem Parteitag, wie oben bereits dargelegt, mit allerlei Skepsis.50 In der vorliegenden Bundestagsdebatte erhebt er demgegenüber wie gezeigt wurde, wesentlich größere Bedenken.

Obwohl die aus deutscher Perspektive kritische Auslegung auch zur Stärkung seiner eigenen Position als Oppositionsführer im Bundestag führte, lässt sich für Schumacher festhalten, dass seine Kritik auch intrinsisch motiviert war. Der Charakter des Vorhabens und die daran angeschlossenen hintergründigen französischen Motive mussten bei Kurt Schumacher auf Ablehnung stoßen und die seinerseits angebrachten kritischen Bemerkungen darüber ergaben sich nicht allein aus Gründen der Oppositionszugehörigkeit. Innerhalb der Gesamtwahrnehmung des Schuman-Plans missfiel dem Sozialdemokraten insbesondere die Instrumentalisierung des Europagedankens und demgemäß lehnte er ausdrücklich den kapitalistischen und kartellistischen Impetus des Projekts ab. Denn damit berge der Plan die Gefahr einer technokratischen Diktatur, stelle ferner ein Hindernis für eine mögliche Sozialisierung der Grundstoffindustrien dar und treibe den Ausbau des Kapitalismus auf internationaler Ebene weiter voran.51 Ferner markierte er den Schuman-Plan als Reaktion der Franzosen auf die Bedrohung der westdeutschen Montanindustrie und als Versuch Frankreichs, diese einer supranationalen Kontrollbehörde zu unterwerfen. Lange Zeit galt diese Stigmatisierung von Seiten des ersten Nachkriegsvorsitzenden bei seinen Parteigenossen, der die Montanunion zusammenfassend mit den vier K definierte, als konservativ, klerikal, kapitalistisch und kartellistisch.52

Am 20. April 1951, zwei Tage nach Unterzeichnung des Schuman-Plans, manifestierte sich die Ablehnung der von Schumacher eingestellten SPD am Projekt der Montanunion in einer Presseerklärung. Darin veröffentlichte Schumacher seine Argumente gegen die Deutschlandpolitik der Alliierten und konstatierte: „alle Spezialpläne […] sind nur Versuche, eine [ohnehin] kommende deutsche Gleichberechtigung dadurch zu verhindern, daß man möglichst viele Tatsachen der Ungleichheit schafft.“53 Demgemäß beurteilte er das Vorhaben der Montanunion lediglich als Kalkül, Deutschland vor vollendete Tatsachen zu stellen und der Schuman-Plan sei in diesem Sinne, die „Fortsetzung der alten Politik französischer Herrschaftsansprüche mit europäischen Worten“54. Die französischen sicherheitspolitischen Implikationen gegenüber Deutschland bezeichnete er als die „Solidarität von Siegern gegenüber Besiegten“55. Auch in der Folgezeit begründete er das Nein der Sozialdemokraten zum Schuman-Plan ebenso entschlossen wie ausführlich.56

Insgesamt beurteilte er die alliierte Entflechtungspolitik als Versuch, der westdeutschen Montanindustrie, vor ihrer angestrebten Integration in einem gemeinsamen Markt, möglichst ungünstige Ausgangsbedingungen zu diktieren. In diesem Zusammenhang warnte er auch vor Frankreichs Bestreben nach einer möglichst raschen Umsetzung der geplanten Vorhaben, denn aufgrund der internationalen politischen Lage, insbesondere durch den Kalten Krieg bedingt, würde sich die einseitige Kontrolle der westdeutschen Montanindustrie in Kürze als politisch obsolet erweisen. Nicht nur in der vorliegenden Bundestagsdebatte verwies er deshalb auf den Umstand, dass einst getroffene Verhältnisse die Tendenz hätten, verfestigt zu werden und das Ruhrgebiet drohe, sich dauerhaft dem deutschen Einfluss zu entziehen und endgültig internationaler Kontrolle unterworfen zu werden. Häufig betonte er dieses Gefahrenpotential im Zusammenhang mit einer zu nachgiebigen deutschen Außenpolitik, wie sie seines Erachtens nach Adenauer praktizierte und setzte sich demgegenüber früh und stark für die Interessen der westdeutschen Außenpolitik ein.57

Hinsichtlich Adenauers verhandlungstaktischem Kalkül der Vorleistungspolitik hatte Schumacher die Sorge, dass dieser sich von den drei alliierten Hohen Kommissaren über den Verhandlungstisch ziehen lassen würde. Mit Entstehung des Pleven-Plans Ende 1950 verstärkten sich seine Befürchtungen, denn darin wurde die BRD ähnlich wie bei der Einladung zum Europarat, im Verhältnis zu den anderen europäischen Partnerstaaten, erneut deutlich diskriminiert. Die in vielen Vorhaben implizierten ausländischen Ansprüche gegen Deutschland und Interessen in Deutschland schürten auf deutscher Seite die Zweifel an Vorhaben wie dem Schuman-Plan, der nach Lesart der Sozialdemokraten die von Schumacher angeführten Kritikpunkte verkörperte.58

Seine stark oppositionelle Einstellung gewinnt als Parteiangehöriger der SPD an Gewicht, hatte diese immerhin als einzige Partei in der Zwischenkriegszeit in Kontinuität an Demokratie und Frieden festgehalten59, worin sich auch sein Anspruch nach einer friedensstiftenden europäischen Integration legitimiert. Auf diese Tatsachen begründet schrieb er schon früh, im August 1945, seine Leitgedanken für den Wiederaufbau Europas nieder, wobei Deutschland „als geschlossenes nationales und wirtschaftliches Ganzes im Rahmen des europäischen Gleichgewichts der europäischen Notwendigkeit“60 aufzugehen habe.61

Innerhalb dieser Einschätzungen, aus Gründen der eigenen Biografie und der Geschichte der SPD62, sowie insbesondere gegenüber der französischen Hegemonialpolitik, begründete sich seine hohe und vergleichsweise frühe Forderungshaltung in der westdeutschen Außenpolitik. Der Europagedanke, wie ihn seine politischen Zeitgenossen im Begriff waren umzusetzen und wie Adenauer bereit war ihn anzunehmen, missfiel ihm derart, dass er sich geradlinig und offen gegen alle seinerseits miterlebten Stationen der europäischen Integration aussprach: Ruhrstatut, Europarat, Schuman-Plan und Europäische Verteidigungsgemeinschaft.63

Während seiner besonders einflussreichen letzten Jahre in der Politik sah er sich zunehmend der Kritik ausgesetzt, ein nationalistischer Verfechter deutscher Interessen zu sein. Diese war ihm indessen nicht gänzlich unwillkommen, passte sie gut zu seiner „Rolle eines patriotischen Führers als Hauptgegner der französischen Interessen“64. Demgemäß setzte er sich früh und energisch für eine nationalpatriotische Parteilinie ein und forderte seine Parteigenossen in seiner Ansprache auf dem Hamburger Parteitag dazu auf, die deutschen Staatsbürger „in den Kampf um eine sozialistische Demokratie hineinzuziehen“65.

Es verwundert daher nicht, dass Schumacher auf Grund seiner hohen Forderungshaltung und Risikobereitschaft, oft schwerwiegenden Vorwürfen an der Politik der Westalliierten und der meist äußerst kritischen Haltung gegenüber dem Regierungslager, auf sich bezogene negative Resonanzen erzeugte. Im Inland als auch im Ausland wurde der vor Leidenschaft glühende Sozialdemokrat der politischen Obstruktion bezichtigt und seine Position galt als recht intransigent. Diese in der Kritik stehenden Attribute Schumachers spiegelten sich auch in seinem Europakonzept wider, das im Folgenden kurz ausgeführt werden soll.

Wie bereits erwähnt sah Schumacher eine deutsche Beteiligung am europäischen Gemeinschaftswerk als unabdingbar, denn die europapolitische Position nach dem Zweiten Weltkrieg im Zusammenhang mit der zunehmenden Verschärfung des Kalten Krieges erforderte ein starkes Deutschland zwischen den Blöcken.66 Insbesondere die Überschreitung der Demarkationslinie von nordkoreanischen Truppen am 25. Juni 1950 führte zu einem alliierten „Stimmungsumschwung zugunsten eines westdeutschen Verteidigungsbeitrags“67 und bestätigte Schumachers Annahmen. Wie Adenauer war er ebenfalls von der Notwendigkeit des deutschen Beitritts in eine europäische Föderation überzeugt, freilich unterschied sie sich aber grundsätzlich, wie allein die bisher wiedergegebene Gegenrede naheliegend vermuten lässt. Von vornherein propagierte der SPD-Parteivorsitzende ein offeneres, größeres, demokratischeres und sozialeres Europa. Ein Europa in der Vision Schumachers sollte nicht nur ‚lebenskräftig‘ sein, die Freiheit, Menschlichkeit und Gerechtigkeit für alle beteiligten Völker in gleicher Weise gelten und mit großen gesellschaftlichen Veränderungen einhergehen.68 Auch in der Debatte der 68. Bundestagsversammlung skizziert er im Zuge seiner Ausführungen diese Vision eines vergemeinschafteten Europas. Das in Konturen entstandene Bild darüber lädt er normativ auf, woraus sich seine Europavorstellung kreiert, die im Anspruch edler und moralischer, weniger ökonomisch und nutzenorientiert ist. Das von ihm ersehnte ‚starke‘ Europa war auch aus sicherheitspolitischen Aspekten erwünscht, denn nur so könne die Gefahr des Kommunismus nachhaltig überwunden werden. Dieses Europa sollte zwischen allen beteiligten Nationen gleichberechtigt und intergouvernemental regiert werden. Daher bestand er hinsichtlich europapolitischer und transatlantischer politischer Vorhaben auf eine konsequente Durchsetzung der gleichberechtigten Beteiligung Deutschlands. Die Basis dafür sollte ein breit angelegtes und mit reichlich Verfügungsgewalt ausgestattetes Europaparlament sein. Dieses europäische Parlament sollte Quelle und Gestalter aller Wirtschaftspolitik sein und über eine europäische Exekutive verfügen. In den zur Debatte stehenden Vorhaben sah er diese Voraussetzungen nicht gegeben.

Einige Implikaturen69 seines Europagedankens waren jedoch Jahrzehnte zu früh gedacht und hätten die Konzessionsbereitschaft der Alliierten vermutlich nicht erreicht. Innerhalb der Forschung wird angenommen, dass er die noch immer bestehenden Vorbehalte der westlichen Nationen gegenüber Deutschland unterschätzte und angesichts der historischen Situation, mindestens Frankreich entschieden überfordert hätte.70

Für Schumacher lässt sich bis hierhin resümieren, dass er einerseits von seiner idealistischen Europavision überzeugt war, die einem werteorientierten Ansatz zu Grunde lag und bei deren Verkündigung er, einer politisch ideengeschichtlichen Theorie gleich, weit ausholte. Andererseits forderte er auch vehement aus einem nationalpatriotischen Kalkül die Vertretung der deutschen Interessen ein.71 Dieses Verständnis um Schumachers politische Denke ist wichtig, denn daraus ergibt sich das Verständnis für seine Schuman-Plan-Rhetorik.

Denn gerade im Gegensatz zu Schumachers idealistischem Europabild findet der wirtschaftlich instrumentalisierte Zusammenschluss der europäischen Völker, der über den Schuman-Plan umgesetzt wurde, am deutlichsten Kritik. In diesem Kontrast hebt sich die Paradoxie der alliierten Deutschlandpolitik erkennbar hervor, die sich einerseits aus sicherheitspolitischen Gesichtspunkten zusammensetzte und andererseits aus Selbstschutz einen westdeutschen Verteidigungsbetrag forderte. Schumachers politisches Engagement am Anfang der BRD blieb demnach nicht allein bei Kritik, dem Aufzeigen von Alternativen und dem Versuch die Regierungspolitik zu blockieren, sondern er stellte als Anführer der Opposition auch eine wichtige kritische Instanz innerhalb des Bundestags dar. Insbesondere die französischen Hinterabsichten des Schuman-Plans benannte er explizit und erhob berechtigte Zweifel an der französischen Europapolitik, zumal Frankreich in jedem Stück Europa, auch hartnäckige nationale Interessenspolitik betrieb.

3.3 Konrad Adenauers Gesamteinstellung gegenüber dem Schuman-Plan

Die durchaus angebrachten Bedenken von Seiten Schumachers an der restriktiven Entflechtungspolitik der Alliierten stellten Adenauer vor große Schwierigkeiten, den Schuman-Plan vor dem Bundestag zu befürworten.72 Auch auf die französische Saarpolitik, die damit eng im Zusammenhang stand, hatte sich Schumacher wie gezeigt wurde mit einigen gerechtfertigten Argumenten eingeschossen. Adenauer selbst beklagte sich in seinen Memoiren darüber, dass er sich der Kritik Schumachers kaum erwehren konnte und er trotz all seiner Zurückhaltung gegenüber der französischen Saarpolitik, von französischer Seite aus kaum Argumente erhielt, die vom Sozialdemokraten erhobenen Zweifel zu beseitigen. Auf dem Mühlebrett sah er sich einer Zwickmühle aus der Kritik Schumachers und der Sicherheitspolitik Frankreichs ausgesetzt.73 Dennoch war es zur Aufrechterhaltung seines Kurses der Westbindung von enormer Wichtigkeit, seinen politischen Gegnern oder mindestens den Skeptikern aus den eigenen Reihen zur Annahme der ausstehenden Entscheidungen zu bewegen. Deswegen interpretierte er den deutschen Standpunkt wie in der 68. Bundestagsdebatte gezeigt werden konnte, wesentlich optimistischer und betonte vor allem die bei Annahme zur Aussicht gestellten zukünftigen Vorteile. Schumacher hatte seine Parteigenossen jedoch auf seine renitente Position eingestellt und die SPD stimmte im Bundestag konsequenterweise, selbst nach dessen Ableben 1952, gegen EGKS, die EVG und die Pariser Verträge.74

Der Gegenpol durch Schumacher und die SPD bedeutete für Adenauer jedoch nicht nur innenpolitischer Widerstand, denn die innenpolitische Drucksituation konnte er seinerseits wiederum als Druckmittel in der Außenpolitik verwenden. Auch war es ihm seit Beginn des Jahres 1950 möglich, mit dem Scheitern der Schuman-Planverhandlungen zu drohen und die hartnäckige Opposition der SPD machte diese Drohung durchaus glaubhaft.75 Die französischen Verantwortlichen registrierten, wie der innenpolitische Spielraum Adenauers durch Schumachers opponieren sichtlich enger wurde. Unter diesen Umständen drängte Jean Monnet Robert Schuman dazu, die europäische Föderation zu einem politischen Nahziel zu machen und Deutschland gewisse Souveränitätsrechte nicht länger vorzuenthalten, bzw. die Ruhrpolitik im Ansatz des Dominanzprinzips einzudämmen.76 In diesem Sinne gewann Adenauer durch das nach außen getragene Bild einer starrköpfigen sozialdemokratischen Opposition an außenpolitischem Spielraum. Gleichzeitig verfolgte er im Umgang mit den Alliierten insgesamt eine konziliante Linie. Innerhalb dieses Kalküls unterwarf er die nationalpolitischen Interessen Deutschlands mehrfach den außen- und sicherheitspolitischen Handlungsmaximen der Westalliierten, wodurch sich schließlich seine konzedierte Westpolitik definierte.77 Eine zu zögerliche Verhandlungsführung, eine zu hohe Forderungshaltung hätte ungewollt Skepsis und Zweifel für die internationalen Beziehungen bedeuten können und damit einhergehend Misstrauen, in die ohnehin schon infrage gestellte und historisch vorbelastete deutsche Europapolitik.

Innerhalb einer überhöhten Forderungshaltung oder inkonsequenten Außenpolitik sah er stets die Gefahr einer Einigung der vier Siegermächte auf Kosten Deutschlands und damit die schutzlose Auslieferung des westdeutschen Teilstaats gegenüber der Sowjetunion. Sein daran ausgerichteter Politikstil zielte darauf ab Deutschland möglichst schnell, durch eine kontinuierliche und konsequente Westpolitik in europäische Zusammenhänge zu integrieren, um durch Bindung Souveränität zu erlangen. Die Intentionen seiner Deutschlandpolitik in Einklang zu den Interessen der europäischen Integration zu bringen, bedeutete nach außen hin eine vorsichtige Verhandlungsbereitschaft zu signalisieren und sich innenpolitisch für die Annahmen der auszustehenden Einladungen auszusprechen, sowie die Bereitschaft zur Abgabe gewisser Hoheitsrechte an supranationale Organisationsstrukturen zu erbringen. Bis 1955 mainifestierten sich seine Bestrebungen vor allem in institutionellen Organisationen. Dies bedeutete für Adenauer nicht nur den Zugewinn an internationalem Mitspracherecht, auch kam er damit der amerikanischen Forderung nach einer europäischen Integration nach, deren Unterstützung er sich bei der später umzusetzenden deutschen Wiedervereinigung erhoffte.78 Allerdings sollte Schumacher in diesem Punkt Recht behalten, denn Adenauers Politik der Stärke führte nicht etwa zur erwünschten deutsch-deutschen Annäherung, sondern ‚zementierte‘ die Abtrennung der Ostgebiete und begünstigte überdies den Rüstungswettlauf zwischen UdSSR und den USA.79

Doch im Gegensatz zu Schumacher war er sich der ambivalenten Einstellung der Westmächte gegenüber Deutschland nur allzu bewusst, erkannte und berücksichtigte die Vorbehalte und das Misstrauen vor allem gegenüber Deutschland als Nation. Viel setzte er dessentwegen auf seine diplomatische Kompetenz und pflegte intensiv die persönlichen Beziehungen zu den entscheidenden Politikern im Ausland. Zudem war er trotz seiner sehr konservativen Einstellung vergleichsweise schnell bereit, neue institutionalisierte Strukturen mit zu initiieren. Beides bewies er, als er Schuman unverzüglich seine Zustimmung zum Schuman-Plan schriftlich zusicherte. Die Signifikanz von Adenauers schneller Konzessionsbereitschaft bestätigte später auch Robert Schuman in einem Schreiben, dass Adenauers persönliche und unverbindliche Zusage zur Unterstützung des Schuman-Plans von großer Wichtigkeit für ihn war. Er erachtete Adenauers enthusiastische Rezeption seines Vorschlags als ein kraftgebender, erster Schritt zu einer deutsch-französischen Zusammenkunft.80

Auf diesem Weg gewann Adenauer schnell an internationaler politischer Glaubwürdigkeit und Anerkennung, seine Vertrauensrhetorik und Vorschussbereitschaft verfing erfolgreich in westalliierten Kreisen. Trotz der Beschränkungen des Besatzungsstatuts und dem Ausbleiben des Friedensvertrags gelang es ihm bis in das Jahr 1955, in innenpolitischen sowie außenpolitischen Fragen ein Zuwachs an Entscheidungsmöglichkeiten zu verzeichnen.81 Erfolgreich überwand er auf interpersonaler Ebene die nationalen Vorbehalte gegenüber der BRD und setzte seine Westbindungspolitik effektiv als Hebel zur Wiedererlangung von Souveränität und Gleichberechtigung an. Mit der Bereitschaft sich auch gegen den innenpolitischen Widerstand für den Schuman-Plan auszusprechen, wuchs sein Ansehen in der französischen Wahrnehmung.82 Von Beginn an nahm er insbesondere auf die psychologischen Bedenken des französischen Nachbarn Rücksicht und reagierte damit angemessen auf die historische Sondersituation, in der sich Europa nach dem Zweiten Weltkrieg befand.83

Im Forschungsdiskurs der Integrationsgeschichte erhielt er für seine Einsichtnahmen der politischen Situierung Deutschlands und seine daran ausgerichtete Westbindungspolitik die Bewertung ein illusionsloser Realpolitiker gewesen zu sein. Grundlegend habe er die neue Struktur des internationalen Mächtesystems seit 1945 verstanden und das daraus resultierende Gefahren- aber auch Chancenpotential für die junge Bundesrepublik erkannt. Dies bedeutete vor allen Dingen den Grat zwischen Konzessionsbereitschaft und eigener Forderungshaltung entlang der politischen Gegebenheiten konstruktiv einzuschätzen.84

Abschließend sollen nun die Erkenntnisse aus den einzelnen Kapiteln synthetisiert werden. Die Ergebnisse hieraus sollen rückschließend auf die Bundestagsdebatte angewandt werden, womit ein kleiner wissenschaftlicher Beitrag getan sei, indem sich daraus ergebend einzelne für die Kontroversität der Debatte verantwortliche Faktoren, mit speziellem Hinblick auf die 68. Bundestagsdebatte, werden ableiten lassen.

4 Verantwortliche Faktoren für die Kontroversität um den Vorschlag zum Schuman-Plan

Der Schuman-Plan war, wie gezeigt wurde, in eine Reihe komplexer außenpolitischer Zusammenhänge eingeflochten, wodurch sich die Rezeption des Vorschlags für die Zeitgenossen vertrackter sowie disputabler gestaltete. Aus ereignisgeschichtlicher Hinsicht ist der französische Vorschlag damit in einen größeren Kontext wichtiger Politika einzubetten. Einige europäische und transatlantische Projekte und Institutionen waren im Begriff zu entstehen, die sich als wichtige Entscheidungsbeschlüsse auf der politischen Agenda des deutschen Bundestags wiederfinden lassen und in komplex-kausalen Zusammenhängen zueinander diskutiert wurden.85 Diese waren von den großen Umwälzungen der Nachkriegszeit ermöglicht, bzw. von den daraus folgenden weltpolitischen Spannungen bedingt notwendig geworden. Trotz aller und/oder gerade wegen den weltpolitischen Entwicklungen gab es eine gewisse Aufbruchsstimmung zu einem vergemeinschafteten Europa, als reaktive Antwort der einzelnen Nationalstaaten auf die europäische Sondersituation nach dem Zweiten Weltkrieg. Der europäische Nationalismus wich Integrationsbestrebungen, die vom Prinzip der Supranationalität geleitet waren und die beteiligten Länder sich bemerkenswerterweise ‚freiwillig‘ bereit erklärten, auf einen Teil ihrer Souveränität zu verzichten.86

Wie durch die Analyse der beiden Standpunkte ersichtlich geworden, interpretierten Adenauer und Schumacher die kontemporären außenpolitischen Sachverhalte in vielen Punkten ausgesprochen konträr. Dem zu Grunde lagen die ebenfalls dargelegten, höchst unterschiedlichen politischen Konzeptionen, die beide Spitzenpolitiker im Rahmen ihrer Parteilinie verfolgten, bzw. mit denen sie die eigene Partei auf Kurs hielten. Daraus resultierten in Wechselwirkung sich verhärtende parteipolitische Fronten und die Debatte zwischen CDU und SPD war folglich zunehmend polarisiert. Schon im Vorfeld der 68. Bundestagssitzung bezogen Adenauer und Schumacher in politischen Kundgebungen aller Art Stellung, die in einigen Aspekten auch entlang der Kritik an der Gegenseite entstanden sind. Die am 13. Juni im Bundestag diskutierten Themenkomplexe hatten dementsprechend einen langen Vorlauf und die bestehenden Differenzen darüber entluden sich in einem gut aufeinander vorbereiteten, rhetorischen Schlagabtausch. Dabei fielen sowohl persönliche Sticheleien, als auch der Versuch die Gegenseite mit übertriebenen Vorwürfen und Unterstellungen zu provozieren, um sie aus der Reserve zu locken, nicht aus dem Rahmen des politisch Vertretbaren. Auch die durch die Analyse deutlich gewordene Intensität und Rigidität untereinander ist bezeichnend für den frühen Bundestag und lässt sich ebenfalls als Befund für die politische Kultur der ersten Legislaturperioden festhalten. Schnell zeigt sich bei einem Blick in die alten Plenarprotokolle, dass einige heute unüblich gewordenen rhetorische Mittel recht waren, um die Plausibilität der Argumentation der Gegenseite mindestens in Frage zu stellen und damit Stimmen für die eigene Position zu gewinnen.87 Die Gesprächskultur im frühen Bundestag verstärkte den Antagonismus zwischen den zwei hier behandelten Personen und verschärfte zusätzlich die Debatte um den Schuman-Plan. Aus dem Zusammenspiel der politikkulturellen Gegebenheiten und der konträren Verarbeitung der vorherrschenden Politika, ergeben die zeitgenössischen Stimmen Adenauers und Schumachers zwar einen standpunktabhängigen und in Teilen zueinander widersprüchlichen, aber zugleich auch sehr differenzierten Blick auf den Vorschlag zum Schuman-Plan. Beide Akteure waren sich der richtungsweisenden Tragweite der auszustehenden Entscheidungen bewusst und betonten häufig in diesem Sinne die historische Verantwortung und Bedeutung, die dem deutschen Bundestag in diesen Tagen zukam. Das Bewusstsein über den geschichtlichen Stellenwert der Vorhaben und das große Chancen- und Gefahrenpotential der frühen Nachkriegszeit als Umbruchszeit, lässt sich mit Hinblick auf die vorliegende Bundestagsdebatte als ein Faktor aufnehmen, der zu sehr hitzigen und hart umkämpften Stellungnahmen führte, wodurch das Aufeinandertreffen im Bundestag seinen emotionalen Charakter erhielt.88 Beide Parteivorsitzende sind jedoch auch bewährte Spitzenpolitiker, waren maßgeblich am Wiederaufbau der eigenen Partei nach 1945 beteiligt und hatten sich die Führungsposition innerhalb dieser über Jahre erarbeitet. Demgemäß gaben sie innerhalb ihres politischen Urteilvermögens auch denkbar professionelle Einschätzungen zur Sachlage um den Schuman-Plan ab. Für den Grad an Polemik in der Bundestagsdebatte lässt sich damit festhalten, dass sie sich neben den Meinungsverschiedenheiten über den Vorschlag selbst, auch aus Faktoren zusammensetzte, die nicht direkt mit dem Schuman-Plan etwas zu tun hatten, sondern aus dem kontemporären Kontext gegeben waren.

Der wirtschaftliche Bereich, welcher der Schuman-Plan umfing, lässt sich dagegen als wesentlich naheliegender Konfliktparameter markieren. Denn die Kohle- und Stahlindustrie war eine in den 50er Jahren noch politisch empfindliche, wirtschaftlich bedeutend eingeschätzte Branche und genoss insbesondere innerhalb macht- und sicherheitspolitscher Konzeptionen große Aufmerksamkeit.89 Die im Plan intendierte deutsch-französische Vergemeinschaftung in diesem essenziellen Sektor reichert damit das Konfliktpotential der 68. Bundestagssitzung zusätzlich an. Vor allem auch, weil die Saarfrage eng damit im Zusammenhang stand und sich eben an diesem Punkt Adenauer und Schumacher hinsichtlich der politischen Prioritätensetzung am deutlichsten unterschieden: Gleichberechtigung und Wiedervereinigung.90

Die komplexen Zusammenhänge der politischen Angelegenheiten werden im Weiteren daran erkennbar, dass die Stellungnahmen zu politischen Entscheidungen häufig in Beziehung zueinander gesetzt waren. Zwar ermöglichte dies den eigenen Standpunkt mit einem breiten Spektrum an Argumenten darzulegen und ausgedehnt verteidigen zu können, eröffnete aber geradeso der Gegenseite an einigen Punkten mehr Kritik üben zu können. Ein weiteres Indiz für die Verflochtenheit der Themenkomplexe untereinander sind die Hervorhebungen der präjudizierenden Auswirkungen beider Politiker. Auf Grund der unterschiedlichen Prioritätensetzungen und der daraus folgenden unterschiedlichen Entscheidungsbefürwortungen, wirken und gelten die Warnungen vor den politischen Vorentscheidungen wiederum gleichfalls als Kritik am politischen Ansatz des Gegenübers. Ferner sorgte die simultan zu schaffende politische Neuordnung Westdeutschlands dafür, dass die außenpolitischen Sachverhalte häufig im Zusammenhang mit innenpolitischen Angelegenheiten diskutiert wurden. Wie in der Analyse der vorliegenden Bundestagssitzung ersichtlich wurde, waren daher beide Volksvertreter gezwungen, stets über politisch ganz Grundlegendes zu verhandeln, beispielsweise wie Gestalt der demokratische Parlamentarismus in Westdeutschland zukünftig zu sein habe oder welche normativen Vorstellungen und Maximen die westdeutsche Politik überhaupt verfolgen solle. Gab es zwischen Adenauer und Schumacher freilich auch in diesen Belangen Differenzen, so wirkte sich diese Relation zwischen Außen- und Innenpolitik folgendermaßen auf die Rezeption des Schuman-Plans aus: Während er in Adenauers realpolitischen Ansatz als wichtiger Baustein in sein Deutschland- und Europakonzept passte, wurde er demgegenüber in Schumachers sozialpolitischem und eher werteorientiertem Ansatz als nicht der richtige Schritt auf dem Weg zu einem wiedervereinigten und souveränen Deutschland in einem gleichberechtigt vergemeinschafteten Europa eingeschätzt.

Hinsichtlich der dem Schuman-Plan beigemessenen Bedeutung lässt sich festhalten, dass angesichts der kontemporären politischen Vorhaben, der Vorschlag zur Zusammenlegung der deutsch-französischen Stahlindustrie wie bereits erwähnt, ‚nur‘ eines von mehreren wichtigen Politika war, wobei dringlichere Angelegenheiten vornehmlich Aufmerksamkeit erhielten. Dies erklärt auch, warum der Schuman-Plan in der Bundestagssitzung vom 13. Juni keinen eigenen Tagespunkt erhielt91, sondern vorerst in der Debatte zum Europarat untergeordnet mitdiskutiert wurde. Es dauerte über ein Jahr bis der Aushandlungsprozess so weit vorangeschritten war, dass es am 12. Juli 1951 zur „erste[n] Beratung des Entwurfs eines Gesetzes betr. den Vertrag über die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl vom 18. April 1951 […]“92 kam. Adenauer war sich der Ratifizierung im Bundestag so sicher, dass er bereits im Vorfeld betonte, die Annahme würde Klarheit zur definitiven Eingliederung Westdeutschlands in Westeuropa schaffen. Der zu treffende Entscheidungsschluss des Schuman-Plans sei von derartigem Stellenwert, dass kein vorheriger innerhalb der knapp zweijährigen Geschichte des Parlaments diesen an Bedeutung übertroffen hätte.93 Auch die zunehmende Kritik Kurt Schumachers darf als ein Zeichen dergleichen verstanden werden, sowie die Ablehnung der gesamten SPD, die unter Federführung ihres Parteivorstandes in der Presserklärung vom 20. April 1951 die Zustimmung zum Schuman-Plan einem Scheitern der westdeutschen Europapolitik gleichsetzte.94 Mittels dieser Einsichtnahmen lässt sich schlussfolgern, dass der Plan – wie es naturgemäß den meisten Politika ergeht – mit dem näher rücken der Ratifizierungsverhandlungen in proportionalem Verhältnis dazu an politischem Gewicht gewann.

Ausfühlich wurde in dieser Ausarbeitung besprochen, welche Spekulationen, Befürchtungen und Warnungen von Kurt Schumacher angeführt wurden, um die Abgeordneten zur Ablehnung des Vorschlags zum Schuman-Plan im Bundestag zu bewegen. Neben den schon zusammengetragenen Faktoren der für die kontroverse Rezeption des Schuman-Plans verantwortlichen Faktoren lässt sich damit bemerken, dass der Sozialdemokrat einigen Einfluss darauf hatte und innerhalb seiner Anti-Schuman-Plan-Rhetorik, sowohl die westdeutschen Interessen, als auch die französischen hintergründigen Motive als Argumente dafür heranzog. Allerdings wurde durch die Analyse der 68. Bundestagsdebatte ersichtlich, dass bei der Zusammensetzung der Faktoren dafür, ein Term aus wesentlich mehr Determinanten entstanden ist. Darüber hinaus hat die zeitlich vergrößerte Perspektive auf die Verhandlungen um den Schuman-Plan gezeigt, dass er selbst wiederum als Term in einer komplexen Gleichung steht, der europäischen Integration.

Im Vergleich zu der in dieser Ausarbeitung vordergründigen historischen Rezeption des Schuman-Plans fällt auch die gegenwärtige Rezeption des Schuman-Plans different aus. Während der Plan noch im Forschungsdiskurs der Zeitgeschichte meist kritisch, multiperspektivisch und demzufolge ausdifferenziert rezipiert wird, verarbeiten ihn populärwissenschaftliche Darstellungen vorwiegend als Erfolgsnarrativ. Als der Gründungsakt der Europäischen Union stilisiert und den einbezogenen Akteuren, die als Gründerväter Europas Pate stehen, neigen diese Darstellungen dazu den historischen Stoff zu mythisieren. Dass diese Darstellungen zur einseitigen Aufarbeitung der Geschehnisse tendieren und die dabei häufig fundamental angeprangerte Originalität des Schuman-Plans kritisch zu betrachten ist, haben Historiker wie beispielsweise Gilbert Trausch in ihren Beiträgen ausführlich nachgewiesen.95 Auch diese Ausarbeitung konnte mit Einblick in die frühen Plenarprotokolle des Bundestags und der daran aufgeworfenen Fragestellung dem naiv verstandenen Erfolgsnarrativ Schuman-Plan relativierend bis widersprechend begegnen. Dennoch verliert der Plan damit nicht an historischer Bedeutung. Im Gegenteil, es wird ersichtlich wie wichtig die Rezeption des Vorschlags auch von kritischen zeitgenössischen Stimmen, wie beispielsweise die eines Kurt Schumachers ist und belegt, warum der Plan nicht als ideales Einigungswerk verstanden werden darf, sondern quellennah vor dem forschungswissenschaftlichem Kontext diskutiert werden sollte, um die Komplexität der historischen Wirklichkeit angemessen verarbeiten zu können.

5 Quellen und Literaturverzeichnis

5.1 Quellenverzeichnis

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Plenarprotokoll Deutscher Bundestag – 144. Sitzung, Bonn, Mittwoch, den 30. Mai 1951.

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[...]


1 Vgl. Gilbert, Trausch: Der Schuman-Plan zwischen Mythos und Realität. Der Stellenwert des Schuman-Plans. In: Trausch, Gilbert/ Croisé-Schirtz, Edmée/Nies-Berchem, Martine/ Majerus, Jean-Marie/Barthel, Charles (Hgg): Centre d'études et de recherches européennes Robert Schuman (Collectif), Le Luxembourg face à la construction européenne – Luxemburg und die europäische Einigung, Luxembourg 1996, S.45-65, hier S. 1.

2 Obwohl zwischen dem 09. Mai und 13. Juni fünf Bundestagssitzungen stattfanden, ergab eine Recherche durch die Plenarprotokolle, dass der Vorschlag in diesem Zeitraum nicht zur Sprache kam.

3 Kapitel zwei bis vier.

4 Um einen Rückblick und einen Ausblick auf die Geschehnisse zu erlauben, werden auch vorausgegangene, als auch spätere Sitzungsprotokolle als Quellenmaterial herangezogen, sowie Bezugnahmen auf Briefe, Pressemitteilungen etc.

5 Auf Grund der oben erläuterten induktiven Methode und der Bearbeitung zweier Standpunkte zur selben Fragestellung, werden sich inhaltliche Doppelungen nicht vermeiden lassen. Zur Aufrechterhaltung des Erzählstrangs sollen diese jedoch nicht jedes Mal kenntlich gemacht werden, sondern als inhaltliche Wiederaufgriffe verstanden werden, die im Sinne des hermeneutischen Zirkels den fortlaufenden Erkenntnisfortschritt signalisieren.

6 Vgl. Sitzungsprotokoll Deutscher Bundestag, 13. Juni 1950, S. 2459. Ein Blick auf die frühen Bundestagssitzungen erlaubt die Behauptung, dass allein das Aufeinandertreffen Adenauers und Schumachers schon als ein Indiz für eine wichtige Bundestagssitzung verstanden werden darf.

7 Vgl. Hilz, Wolfram: Deutsche Außenpolitik (Brennpunkt Politik), Stuttgart 2017, S. 27.

8 Im Rahmen dieser Hausarbeit ist die am 24. Mai 1949 gegründete demokratische Republik als westdeutscher Teilstaat gemeint, fortan abgekürzt mit BRD.

9 Müller-Brandeck-Bocquet, Gisela et al.: Deutsche Europapolitik. Von Adenauer bis Merkel, Wiesbaden² 2010, S. 14.

10 In Anbetracht dessen, dass das besetzte Deutschland bislang vor Diktate, Befehle und Aufforderungen gestellt worden war, war die Unterzeichnung ein erster kleiner Schritt in Richtung Souveränität, vgl. Benz, Wolfgang: Der Aufbruch in die Moderne. Das 20. Jahrhundert, Band 18, Handbuch der deutschen Geschichte, Stuttgart 2010(b), S. 115.

11 Zum Folgenden Bierling, Stephan: Die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland. Normen Akteure, Entscheidungen, München 1999, S. 84; Loth, Wilfried: Die Europa-Bewegung in den Anfangsjahren der Bundesrepublik. In: Herbst, Ludolf/Bührer, Werner/Sowade, Hanno (Hgg.): Vom Marshallplan zur EWG. Die Eingliederung der Bundesrepublik Deutschland in die westliche Welt, München 1990(a), S. 63-80, hier S. 52; Thum, Horst: Mitbestimmung in der Montanindustrie. Der Mythos vom Sieg der Gewerkschaften, Stuttgart 1982, S. 57; Weidenfeld, Werner/Korte, Karl-Rudolf: Handbuch zur deutschen Einheit. 1949-1989-1999, Frankfurt am Main 1999(a), S. 240.

12 Vgl. Wildenmann, Rudolf: Macht und Konsens als Problem der Innen- und Außenpolitik. Wiesbaden2 1967, S. 197.

13 Die Sitzung musste mehrmals unterbrochen werden, bis der von der KPD angefeuerte Reimann nach wiederholten Zwischenrufen aus dem Sitzungssaal verwiesen wurde, vgl. Sitzungsprotokoll Deutscher Bundestag, 13. Juni 1950, S. 2457f.

14 Auf der Konferenz wurde ihm mitgeteilt, dass eine Studiengruppe einberufen wurde, die im Zusammenhang mit den Vorbereitungen für eine Revision des Besatzungsstatus erörtern sollte, wie eine völkerrechtliche Beendigung des Kriegszustands mit Deutschland getroffen werden kann, vgl. Dahlhoff, S. 234.

15 Deutschland erhielt neben der Saar das Angebot, als assoziiertes Mitglied in den Europarat einzutreten.

16 In dieser hatte Adenauer für die Unerlässlichkeit einer europäischen Annäherung plädiert, zwei Tage bevor Schuman seinen Plan für die Montanunion vorgelegt hatte, vgl. Warneke, Sarah: Die europäische Wirtschaftsintegration aus der Perspektive Wilhelm Röpkes. (Marktwirtschaftliche Reformpolitik [Band 13]), Stuttgart 2013, S. 104.

17 Vgl. Sitzungsprotokoll Deutscher Bundestag, 13. Juni 1950, S. 2459. Schuman hatte die Regierungserklärung nur drei Tage vor derLondoner Konferenz verlesen. Obwohl die leitenden Gesichtspunkte der Konferenz die europäische Politik sein sollten, war der Schuman-Plan das meistgelesene Dokument auf der Konferenz, vgl. Timmermann, Heiner: Die Westpolitik der Bundesrepublik Deutschland 1949-1957. In: Sieg, Martin/Timmermann, Heiner (Hgg.): Internationale Dilemmata und europäische Visionen. Festschrift um 80. Geburtstag von Helmut Wagner, Berlin 2010, S. 151-178, hier S. 160.

18 Sitzungsprotokoll Deutscher Bundestag, 13. Juni 1950, S. 2459.

19 Vgl. Benz, Wolfgang: Kurt Schumachers Europakonzeption. In: Herbst, Ludolf/Bührer, Werner/Sowade, Hanno: Vom Marshallplan zur EWG. Die Eingliederung der Bundesrepublik Deutschland in die westliche Welt, München 1990(a), S. 47-62, hier S. 56.

20 Vgl. Sitzungsprotokoll Deutscher Bundestag, 13. Juni 1950, S. 2459f.

21 Ebd., S. 2463.

22 Ebd., S. 2464.

23 Vgl. ebd., S. 2464.

24 Vgl. Thiemeyer, Guido: Europäische Integration. Motive – Prozesse – Strukturen, Köln 2010, S. 46.

25 Weil der Plan sonst Gefahr laufen würde, „zerredet zu werden“ (Sitzungsprotokoll Deutscher Bundestag, 13. Juni 1950, S. 2463).

26 In der Folgezeit zeigte sich auch dieser Wille derart, dass Jean Monnet als Leiter der französischen Delegation darauf bestand, „einen Experten des internationalen Rechts als westdeutschen Verhandlungspartner einzustellen“ (Segers, Mathieu: Deutschlands Ringen mit der Relance. Die Europapolitik der BRD während der Beratungen und Verhandlungen über die römischen Verträge (Europäische Hochschulschriften 31), Frankfurt am Main 2008, S. 50).

27 Sitzungsprotokoll Deutscher Bundestag, 13. Juni 1950, S. 2463.

28 Ebd., S. 2463.

29 Ebd., S. 2463.

30 Ebd., S. 2463.

31 Vgl. ebd., S. 2460.

32 Ebd., S. 2461.

33 Ebd., S. 2470.

34 Diesen Handlungsspielraum hatte Adenauer schon häufiger benutzt, wie etwa bei der eingangs erwähnten Unterzeichnung des Petersberger Abkommens, vgl. Richardson, James: Deutschland und die Nato. Strategie und Politik im Spannungsfeld zwischen Ost und West, Köln und Opladen 1967, S. 26; Häckel, Erwin: Die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland. In: Woyke, Wichard: Netzwerk Weltpolitik. Grossmächte, Mittelmächte und Regionen und ihre Aussenpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg, Opladen 1989, S. 217-248, hier S. 221.

35 Führte er die Funktion des Außenministers schon 1950 aus, beanspruchte er dieses Amt auch offiziell, als die Alliierten im März 1951 einem deutschen Außenministerium zugestimmt hatten, vgl. Banchoff, Thomas: The German Problem Transformed. Institutions, Politics, and Foreign Policy, 1945-1995, Michigan 1999, S. 50, Müller-Brandeck, S. 20, Stüwe, Klaus: Die großen Regierungserklärungen der deutschen Bundeskanzler von Adenauer bis Schröder. Opladen 2002, S. 33.

36 Sitzungsprotokoll Deutscher Bundestag, 13. Juni 1950, S. 2470.

37 Ebd., S. 2470.

38 Vgl., Thum 57.

39 Vgl. Sitzungsprotokoll Deutscher Bundestag, 13. Juni 1950, S. 2475.

40 Vgl. ebd., S. 2476.

41 Vgl. Hörber, Thomas: The Foundations of Europe. European Integration Ideas in France, Germany and Britain in the 1950s, Wiesbaden 2006, S. 212.

42 Ebd., S. 2476.

43 Sitzungsprotokoll Deutscher Bundestag, 13. Juni 1950, S. 2476

44 Vgl. Benz(a), S. 49, 57.

45 Vgl. Sitzungsprotokoll Deutscher Bundestag, 13. Juni 1950, S. 2476.

46 Ebd., S. 2476.

47 Im Sinne von ohne konkrete Gegenleistung.

48 Vgl. Sitzungsprotokoll Deutscher Bundestag, 13. Juni 1950, S. 2476f.

49 Vgl. Edinger, Lewis: Kurt Schumacher. Persönlichkeit und politisches Verhalten, Köln und Opladen 1967, S. 63.

50 Vgl. Benz(a), S. 57.

51 Vgl. Warneke, S. 104.

52 Vgl. Albrecht, Willy: Kurt Schumacher. Reden – Schriften – Korrespondenzen 1945-1952, Berlin und Bonn 1985, S. 808.

53 Ebd., S. 807.

54 Ebd., S. 806.

55 Ebd., S. 806.

56 Vgl. Benz(b), S. 58.

57 Vgl. Thum, S. 58.

58 Vgl. Tuschoff, Christian: Wiederbewaffnungn, Westbindung und Wiedervereinigung. Konstitution, nachholende Entwicklung und Rekonstitution deutscher Sicherheitspolitik nach 1949. In: Elvert, Jürgen/Salewski, Michael (Hgg.): Deutschland und der Westen im 19. und 20. Jahrhundert, Stuttgart 1993, S. 176.

59 Man denke hierbei beispielsweise an Otto Wels und die anderen 93 SPD-Abgeordneten, die am 23. März gegen das Ermächtigungsgesetz gestimmt hatten.

60 Albrecht, S. 382.

61 Vgl. Benz(a), S. 48.

62 Mehr dazu bei Forkmann, Daniela/Schlieben, Michael: Die Parteivorsitzenden in der Bundesrepublik Deutschland 1949 – 2005. (Göttinger Studien zur Parteienforschung[1]), Wiesbaden 2005, S. 66-70.

63 Vgl. Benz(a), S. 48.

64 Edinger, S. 249.

65 Ebd., S. 135.

66 Vgl. Thum, S. 98.

67 Vgl. Loth, Wilfried: Europas Einigung. Eine unvollendete Geschichte, Frankfurt am Main 2014(b), S. 41.

68 Vgl., Bredebach, Patrick: Das richtige Europa schaffen: Europa als Konkurrenzthema zwischen Sozial- und Christdemokraten – Deutschland und Italien von 1945 bis 1963 im Vergleich, Göttingen 2013, S. 206.

69 Hier im Sinne von indirekten Folgerungen gemeint, die sich bei der Umsetzung seines Europakonzepts ergeben hätten.

70 Vgl. Imlay, S. 335.

71 Vgl. Benz(a), S. 52, 58f.

72 Vgl. Thum, S. 58.

73 Vgl. Dahlhoff, S. 359f.

74 Vgl. Zabel, Malte: Euroskeptizismus. Ursprünge und Ausdrucksformen im Verlauf des europäischen Integrationsprozesses, Bonn 2017, S. 141.

75 Vgl. Thum, S. 57.

76 Vgl. Loth (b), S. 41f.

77 Löffler, Bernhard: Soziale Marktwirtschaft und administrative Praxis. Das Bundeswirtschaftsministerium unter Ludwig Erhard. In: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Band 162 (2003), S. 530.

78 Gersdorff, Gero: Adenauers Außenpolitik gegenüber den Siegermächten 1954: Westdeutsche Bewaffnung und internationale Politik. (Beiträge zur Militärgeschichte 41), München 1994, S. 350.

79 Vgl. Benser, Günter: Ulbricht vs. Adenauer: Zwei Staatsmänner im Vergleich, Berlin 2015, S. 32.

80 Mit einigen dieser Personen teilte er auch die abendländische Wertegemeinschaft (Religion, Weltbewusstsein/Weltordnung, wirtschaftliche Vorstellungen etc.), vgl. Haller, Max: Die Europäische Integration als Elitenprozess. Das Ende eines Traums?, Wistbaden 2009, S. 105.

81 Vgl. Schukraft, Corinna: Deutsche Europapolitik von Konrad Adenauer bis Gerhard Schröder. Opladen 2002, S. 14.

82 Vgl. Lappenküpper, Ulrich: Die deutsch-französischen Beziehungen 1949-1963. Von der „Erbfeindschaft“ zur „Entente élémentaire“, München 2001, S. 1862. Auch wenn nach wie vor die französische Hegemonialpolitik eine Rolle in der Außenpolitik Frankreichs spielte, so zeigt ein Blick in die 144. Bundestagssitzung vom 30. Mai 1951 dennoch an mehreren Stellen, dass sich Adenauers und Schumans persönliche Korrespondenz allemal positiv auf die deutsch-französische Annäherung auswirkte. Beispielsweise als sie in einem Briefwechsel vom 18. April darüber eingekommen sind, „daß die endgültige Regelung der Saarfrage nur durch einen Friedensvertrag“ (Sitzungsprotokoll Deutscher Bundestag, 30. Mai 1951, S.5667) erfolgen könne.

83 Mehr über die historische Sondersituation Europas bei Weidenfeld, Werner: Europa von A bis Z, Baden-Baden 2014(b), S. 17.

84 Depkat, Volker: Die Politik der europäischen Integration als Ergebnis einer erfahrenen Zeitwende – Konrad Adenauer. In: Depkat, Volker/Graglia, Piero (Hgg.): Entscheidung für Europa. Erfahrung Zeitgeist und politische Herausforderungen am Beginn der europäischen Integration, Göttingen 2010, S. 169-188, hier S. 172f.

85 Vgl. Thiemeyer, S. 46.

86 Vgl. Sitzungsprotokoll Deutscher Bundestag, 12. Juli 1951, S. 6500f.

87 Vgl. Banchoff, S. 51.

88 Auch erkennbar an dem eingangs angedeuteten turbulenten Auftakt und den etlichen Zwischenrufen während beider Ansprachen.

89 Bis zu diesem Zeitpunkt waren es die kriegswichtigsten Rohstoff- und Energielieferanten, wobei beide Zwecke durch das Aufkommen des Atom-Zeitalters an beträchtlichem Bedeutungsgehalt verloren.

90 Vgl. Dahlhoff, S. 234.

91 Möglich dazu wäre eine Regierungserklärung zum Vorschlag des Schuman-Plans gewesen oder ein Antrag von Seiten der SPD zur Besprechung des Schuman-Plans. Dies war zuvor beispielsweise wegen der Saardebatte häufig gemacht worden.

92 Sitzungsprotokoll Deutscher Bundestag, 12. Juli 1951, S. 6497.

93 Vgl. ebd., S. 6500f.

94 Vgl. Benz(a), S. 57.

95 Vgl. Trausch, S. 15f.

Details

Seiten
32
Jahr
2019
ISBN (Buch)
9783668998575
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v494239
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Philosophische Fakultät
Note
1.3
Schlagworte
Schuman-Plan Konrad Adenauer Kurt Schumacher Montanunion EGKS Europäische Integration Robert Schuman Jean Monnet

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Titel: Die Rezeption des Vorschlags zum Schuman-Plan im deutschen Bundestag am 13. Juni 1950