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Scheidungskinder. Wie sich eine Scheidung auf die betroffenen Kinder auswirkt

von Katharina Wolf (Autor)

Studienarbeit 2011 25 Seiten

Psychologie - Entwicklungspsychologie

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Systemtheorie

3. Veränderungen im System
3.1. Verhalten der Eltern nach der Scheidung
3.1.1 Frisch Geschiedene
3.1.2 Selbstfindung
3.1.3 Väter mit alleinigem Sorgerecht
3.2. Neue Anforderungen als Alleinerziehender (mit Berufstätigkeit)
3.2.1 Bedeutung für den Alleinerziehenden
3.2.2 Bedeutung für die Kinder
3.3. Gefahr der Parentifizierung
3.4. Verhältnis zum getrenntlebenden Elternteil
3.4.1 Gründe für Rückzug des getrenntlebenden Elternteils
3.4.2 Reaktionen des Kindes auf den Rückzug des Elternteils
3.4.3 Rolle des Vaters als getrenntlebender Elternteil
3.4.4 Besuchswochenende
3.5. Verhalten der Eltern untereinander und Loyalitätskonflikte
3.5.1 Streit zwischen Geschiedenen
3.5.2 Loyalitätskonflikt und Allianzen
3.5.3 Kooperatives Elternverhalten

4. Veränderungen der Lebensumstände
4.1. Neues Umfeld
4.2. Ökonomische Situation
4.3. Chaos
4.4 Zwei Haushalte

5 Erlösung oder Verlust

6 Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ich möchte mich in meiner Hausarbeit mit dem Thema „Scheidung und deren Auswirkungen auf die betroffenen Kinder - Eine systemische Betrachtungsweise“ befassen. Dieses Thema ist von aktueller Brisanz, da sich die Scheidungsrate in den vergangenen dreißig Jahren sich nahezu verdoppelt hat. Wurden 1980 26,6% der Ehen geschieden, so hat sich die Zahl bis 2008 auf 50,9% erhöht. Auch wenn sie die Höchstwerte von 55,9% im Jahr 2003 noch nicht wieder erreicht sind, ist dennoch ein leichter Anstieg um 2,6% im Vergleich zu 2007 zu verzeichnen. Bei etwa der Hälfte aller Scheidungen sind minderjährige Kinder involviert. Während 2007 noch 144 981 betroffene minderjährige Kinder gezählt wurden, waren es 2008 bereits 150 187 Kinder. Das entspricht einer Zunahme um 3,6 %.1

In meiner Studienarbeit werde ich die Auswirkungen einer Scheidung der Eltern auf die Kinder näher beleuchten. Hierbei gehe ich zunächst auf die Systemtheorie nach Maturana und Valera ein, die den Ausgangspunkt für meine Studienarbeit darstellt. Anschließend werden die Veränderungen im System herausgestellt, wobei besonders auf das Verhalten der geschiedenen Eltern unmittelbar nach der Scheidung eingegangen wird. Die neuen Anforderungen des Alleinerziehenden, ebenso wie die Gefahr der Parentifizierung, das Verhältnis des Kindes zum getrenntlebenden Elternteil und das Verhalten der Eltern untereinander eingegangen wird. Anschließend werden die Veränderungen der Lebensumstände des Kindes sind weitere wesentliche Aspekte. Zum Schluss gehe ich der Frage nach, ob die Scheidung der Eltern für die Kinder einen Verlust oder eine Erlösung aus einer disharmonischen Familie darstellt.

2. Systemtheorie

In der Familientherapie wird die Familie als ein operational geschlossenes System verstanden, welches wiederum als mehreren Subsystemen besteht.2 Diese Subsysteme sorgen gemeinsam für den Erhalt und die Funktionsfähigkeit des Gesamtsystems, indem sie zusammenarbeiten. Dieser Erhalt des Systems, die Selbststeuerung und Selbsterzeugung, die das System kennzeichnen, sind ein Prozess der Selbstorganisation in dem sich das System selbst verwirklicht. Daher spricht man von der Autopoiesis des Systems. Durch die operationale Geschlossenheit des Systems entsteht eine Autonomie, die entscheidend dafür ist, welche Umwelteinflüsse in das System gelassen werden und welche nicht.3

Das Mikrosystem Familie bedingt sich gegenseitig selbst. Durch das gegenseitige Sich-Bedingen und Zusammenwirken der einzelnen Subsysteme verändert jede Handlung eines Mitgliedes das System. Diese Veränderung wirkt sich automatisch wieder auf die Familienmitglieder aus. Dies hat zur Folge, dass die Scheidung der Eltern nicht nur das Ehepaar betrifft, sondern Auswirkungen auf das Gesamtsystem und die einzelnen Ontosysteme und deren Rollenverständnis hat. Das System muss sich in Folge einer Scheidung neu konstruieren, da sich seine Struktur und zum Teil auch seine Organisation ändert. Da das System in seiner Struktur veränderbar ist, kann es gegenüber einer organisatorischen Veränderung neue Handlungsmuster ausbilden.

3. Veränderungen im System

Die Veränderungen im System, die Beziehung und Beziehungsqualitäten zu beiden Elternteilen haben einen nachhaltigeren Einfluss auf das Kind als die Trennung selbst.4 Die massiven Veränderungen in der Beziehungsgestaltung haben für das Kind eine Vertreibung aus der Sphäre der Geborgenheit, die einen schweren Verlust des Kindes zur Folge hat.5 Entscheidend für das Kind ist nicht die Scheidung an sich, sondern die Situation in der der Nachscheidungsphase, das Verhalten der Eltern einzeln und miteinander und ihre Verfügbarkeit. Dies wird im Folgenden näher betrachtet.

3.1. Verhalten der Eltern nach der Scheidung

Das Verhalten der Eltern nach der Scheidung hat unmittelbaren Einfluss auf die Kinder. Besonders Kleinkindern fällt es schwer zwischen den Gefühlen der Eltern und ihren eigenen zu trennen. Dies erlernen sie erst mit einundzwanzig bis vierundzwanzig Monaten, zu einem Zeitpunkt, ab dem sie ihr eigenes Spiegelbild erkennen. Bis dahin bleibt ihre Gefühlswelt eng verflochten mit der ihrer Mutter. Sowohl ihre positiven als auch ihre negativen Gefühle empfindet das Kind als seine eigenen. Weiterhin ist es von großer Bedeutung für das Kind in welcher Gefühlslage sich seine wichtigste Bezugsperson befindet, da es unmittelbare Auswirkungen auf sein Leben hat. Gleichermaßen wirkt sich das Empfinden des Kindes auf die Bezugsperson aus, da die Familie als System gesehen wird. Das Kind ist den Schwankungen und Launen des elterlichen Kriesenerlebens beinahe schutzlos ausgeliefert, da seine Situation aufs engste darin eingebunden ist6. Im Folgenden sollen diese Empfindungen der frisch geschiedenen Elternteile kurz aufgezeigt werden.

3.1.1 Frisch Geschiedene

Kurz nach der Scheidung besteht in den meisten Familien ein hoher Grad an Desorganisation, der die Eltern psychisch und physisch stark belasten kann.7 Neben den juristischen Folgen müssen die Eltern den emotionalen Verlust mit Gefühlen der Schuld, des Versagens und der Trauer auf der individuellen Ebene und eine gefühlsmäßige, soziale und finanzielle Ablösung vom Partner bewältigen.8

Die Scheidung wirkt sich dabei ganz unterschiedlich auf das Befinden der Erwachsenen aus. Einige sehen diesen Lebensabschnitt positiv, sind zufriedener und fühlen sich durch die Scheidung befreit. Andere schwanken zwischen Freude über ihre neugewonnen Freiheiten und Möglichkeiten und Trauer und Zukunftsängsten bezüglich des Aufbaus eines neuen Lebens.9 Deshalb kann es vorkommen, dass sie dem Kind ambivalent gegenübertreten.10 Manche reagieren auch mit psychosomatischen Erkrankungen, Depression oder einem negativen Selbstbild auf die Veränderungen. Besonders bei Elternteilen, die mehr oder weniger gegen ihren Willen getrennt wurden, dominieren die Belastungen und Gefühle der Einsamkeit, Trauer und Schmerz.11 Werden diese Empfindungen nicht zugelassen und verdrängt, so können diese sich in Wut und Enttäuschung wandeln.12 Zusätzlich belasten sie Schuldgefühle, der Selbstvorwurf versagt zu haben und Streitereien mit dem Ex-Partner über Sorgerecht, Alimente oder Kleinigkeiten. Dieser verletzte Stolz, das beschädigte Selbstwertgefühl und die gefühlsmäßige Vereinsamung können zu einer irrationalen Verzweiflung eskalieren.13 Durch die große psychische Belastung sind die Eltern anfälliger für Krankheiten, welche sie in dem Moment außer Gefecht setzen, wenn die Kinder sie am meisten brauchen.14

3.1.2 Selbstfindung

Nach der Scheidung befinden sich viele Eltern in einer Phase der Selbstfindung. Speziell Menschen, deren Selbstkonzept von der Ehe und dem Ehepartner abhängig war, müssen sich neu definieren und herausfinden, wer sie nun sind und was sie vom Leben erwarten. In jedem Fall kommt es nach der Trennung zu einer Veränderung des Selbstentwurfs. Für manche bedeutet dies ein Aufbruch zur positiven Selbstentdeckung. Andere erkennen verborgene Abhängigkeiten und persönliche Schwächen, denen sie sich nicht bewusst waren. Wenn sich das Elternteil nicht zwischen finanziellen Nöten und den daraus resultierenden Schwierigkeiten, ihre Kinder zu ernähren gefangen fühlen, experimentieren sie häufig mit neuen Hobbies, beruflichen Möglichkeiten und/oder ihrem Aussehen, um ihr Selbstwertgefühl zurück zu gewinnen.15 Ungeachtet dessen, wie sich das Elternteil verändert, kann dies eine Vernachlässigung des Kindes zur Folge haben. Häufig erwarten die Eltern in dieser Phase die größtmögliche Anpassung ihrer Kinder, da sie mit ihren eigenen Gefühlen beschäftigt sind.16

Aber nicht nur die Eltern befinden sich kurz nach der Scheidung in einer Orientierungsphase. Diese trifft die Kinder meist noch viel stärker, da sie keinen Einfluss auf die Situation haben und sich dieser ausgeliefert fühlen. Sie müssen sich in dem nach der Trennung neu konstituierten Familiensystem umorientieren und die Scheidung verarbeiten. In diesem Prozess, der in Fragen, Spielen, Malen oder Weinen der Kinder Ausdruck findet, fallen die Eltern meist als Bearbeitungspartner weg, da sie mit selbst beschäftigt sind und sich zu sehr mit ihren eigen unbewältigten Gefühlen konfrontiert sehen. Dies kann unter Umständen zu einer direkt oder indirekt Unterdrückung des Verarbeitungsprozesses führen, indem sie dem Kind bewusst oder unbewusst Signale senden, diese Aktivitäten zu unterlassen.17 Unter diesen Umständen können die Kinder mit dem Verlust eines Elternteils nur schwer umgehen und haben Schwierigkeiten die Trauer zu bewältigen.18

3.1.3 Väter mit alleinigem Sorgerecht

Väter mit alleinigem Sorgerecht befinden sich in einer ähnlichen Phase. Erschwerend kommt hinzu, dass sie meist aufgrund des traditionellen Rollenverständnisses nur wenig an der Kindererziehung beteiligt waren und nun sich zusätzlich mit der Fürsorge für die Kinder in einer vollkommen neuen Rolle wiederfinden. Entscheidend für die Schwere der Situation ist, ob sie sich selbst um das Sorgerecht bemüht haben oder ob es ihnen durch andere Umstände, wie der Tod, eine Krankheit oder das Verlassen der Mutter von Mann und Kindern, zugesprochen wurde.19 Für die Kinder ändert sich mit der neuen Aufteilung des Sorgerechts die Situation meist drastisch. Die Erziehungsmethoden des Vaters sind oftmals weniger vorhersehbar, da dieser seine Rolle neu erlernen und den richtigen Zugang zu den Kindern meist erst erproben muss.20 Auch gelingt es Vätern schwerer ihre Kinder zu ermutigen über ihre Gefühle zu sprechen, was besonders in der Nachscheidungsphase wichtig ist.

Dennoch stehen den Väter meist von Anfang an ein größeres Repertoire an materiellen und sozialen Ressourcen zur Verfügung. Durch die meist bestehende Arbeitstätigkeit sind sie nicht verpflichtet weiteren Arbeitsmöglichkeiten in Anspruch nehmen. Zudem erfahren sie eine umfangreichere Unterstützung von meist weiblichen Personen aus ihrem sozialen Netzwerk, die die Kinderbetreuung und gewisse Haushaltstätigkeiten vorübergehend übernehmen.21

Wie bei einer alleinerziehenden Mutter, wirken auch beim Vater die Erziehungsqualität und Verhaltensweisen des Elternteils unmittelbar auf das Kind ein ohne, dass der andere Elternteil dies abschwächen oder umlenken kann. Das Kind findet dann keinen Trost oder Schutz bei schlechter Laune oder Überforderung des Vaters bei der Mutter, da diese zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht anwesend ist.22

3.2. Neue Anforderungen als Alleinerziehender (mit Berufstätigkeit)

Sechzig Prozent der Kinder leben nach Scheidung bei einem alleinerziehenden Elternteil, meist den Müttern. Die finanzielle Situation verschlechtert sich für viele Mütter und seltener auch für die Väter nach der Trennung oder Scheidung erheblich, im besonderen Maße, wenn der ehemalige Partner nicht oder nicht ausreichend für den Lebensunterhalt von Alleinerziehenden und Kind aufkommt. Daher sind die Erziehenden dazu verpflichtet durch eine Erhöhung der Arbeitszeit oder durch Inanspruchnahme zusätzlicher Arbeitsmöglichkeiten ihr Einkommen aufzubessern. Dies kann zur Folge haben, dass sich die gemeinsame Zeit auf die Erledigung der essentiell wichtigen Alltagsaufgaben beschränkt. Somit wird die Befriedigung der psychischen Grundbedürfnisse des Kindes meist von anderen Betreuungspersonen, wie den Großeltern übernommen. Dem Sorgeberechtigen fallen eher die instruktiven, initialisierenden und kontrollierenden Funktionen zu, was das Eltern-Kind-Verhältnis zusätzlich stark belastet.23

3.2.1 Bedeutung für den Alleinerziehenden

Viele unterschätzen die Anforderungen, die Beruf und Familie parallel mit sich bringen, ohne dass die Kinder oder auch die Arbeit vernachlässigt werden und Schaden nehmen.24 Vielen Alleinerziehenden fällt es schwer die Doppelbelastung trotz Unterstützung von Kindertagesheimen, Tageseltern oder Großeltern zu bewältigen.25 Sie können nicht, wie bei zusammenlebenden Eltern, auf das traditionelle Rollenmodell ausweichen.26 Es besteht nicht nur eine Überforderung durch die neu hinzugekommenen Arbeitszeiten, sondern es kann auch zu einer Überforderung bezüglich dem gestiegenen Organisationsbedarf und der erhöhten Zuwendungsbedürftigkeit des Kindes führen.27 Sie tragen die alleinige Verantwortung für ihre Kinder und daher ist ein hohes Maß an Entscheidungs- und Organisationsfähigkeit gefragt (28 ).

Die Alleinerziehenden sind physisch erschöpft und emotional ausgepumpt. Ihr Versuch den Kindern alle physischen Grundbedürfnisse nach Nahrung, Kleidung und Herberge zu stillen gehen zu Lasten ihrer Ansprechbarkeit als Elternteil.29 Häufig fehlt in der Nachscheidungsphase die Zeit und Kraft sich im selben Maß und Intensität um das Kind zu kümmern wie vor der Scheidung. Daraus ergibt sich das Gefühl den Kindern kein guter Elternteil für die Kinder darzustellen.30

3.2.2 Bedeutung für die Kinder

Besonders Kinder im Vorschulalter trifft die Scheidung schwer, vor allem, wenn ihre Bedürfnisse aufgrund der Berufstätigkeit des alleinerziehenden Elternteils nicht ausreichend befriedigt werden. Die familiäre Situation ändert sich radikal. Die Kinder sind häufig alleine und auf sich gestellt oder werden von wechselnden Betreuungspersonen beaufsichtigt. Ältere Kinder müssen innerhalb eines kurzen Zeitraumes deutlich mehr Verantwortung für sich und ihre Geschwister übernehmen und haben keine Zeit diese sukzessiv zu erlernen.31 Dies fördert einerseits das Selbstvertrauen der Kinder, kann aber andererseits zu einer Überforderung führen, in der ein Ansprech- und Interaktionspartner fehlt.32 Oftmals ändert sich die Situation direkt nach der Scheidung und der Alleinerziehende ist nicht verfügbar, wenn die Kinder ihn am meisten benötigen. Dies löst in den Kindern ein Gefühl von Einsamkeit und des Verlassen-seins aus, welches mit großen Ängsten verbunden ist. Somit verliert das Kind nicht nur den getrenntlebenden Elternteil sondern auch den Alleinerziehenden der nicht mehr zur Verfügung steht.

Das Kind fühlt sich wie ein Überbleibsel aus einer verfehlten Ehe und kommt sich wie eine zusätzliche Belastung vor. Sie versuchen dem Elternteil jede weitere mögliche Belastung zu ersparen und sprechen daher eigene Probleme und Ängste ihnen gegenüber nicht an. Sie sind daher deutlich selbstständiger als ihre Altersgenossen, da dies ein wesentliches Kriterium für das Alltagsbewältigung der Einelternfamilie darstellt.33

Kleine Kinder verstehen noch nicht, die Gründe für das gesteigerte Arbeitspensum. Sie folgern daraus eine ungenügende Attraktivität und einen geringen Stellenwert ihrer Person. Sie suchen nach Erklärungen für das Fernbleiben des Elternteils und beschuldigen sich selbst des Ungehorsams.34 Der plötzliche Verlust der Aufmerksamkeit ist für kleine Kinder ein unvorstellbares traumatisches Geschehen. Die wichtigste Bezugsperson spendet Nahrung, Wohlbefinden und Trost. Das Kind nimmt unter ihrem wachsamen und zustimmenden Blick sein eigenes Wachsen und die Freude an seiner Entwicklung wahr. Diese Funktion kann nicht sofort von einer anderen Betreuungsperson übernommen werden.35

Obwohl der Alleinerziehende einen beträchtlichen Aufwand leistet, kann er die frühere emotionale Investition in das Kind nicht fortführen und erhält durch die Reduzierung auf die Beschaffung des Unterhaltes eine sehr undankbare Aufgabe. Sie stellt für ihre Kinder damit nicht mehr die Hauptbezugsperson dar, sondern nimmt eine eher periphere Rolle im Leben ihres Kindes ein.36

Im Gegensatz zu intakten Familien, in denen beide Elternteile Ganztagsbeschäftigungen nachgehen, ist kein Ehepartner abends zur Aufgabenteilung zugegen. Zudem ist das finanzielle Einkommen auch nicht so hoch wie in Familien mit Doppelverdienern. Daher können auch nicht so gute Betreuungsmöglichkeiten für die Kinder wahrgenommen werden. Alleinerziehende stehen unter viel größerem Druck als andere berufstätige Elternteile, da auch kein Partner anwesend ist, mit dem Probleme besprochen werden.37

3.3. Gefahr der Parentifizierung

In Folge der Belastungen, die dem alleinerziehenden Elternteil durch die Doppelbelastung von Arbeit und Familie, das Wegfallen der Aufgabenteilung und die damit verbundene zwangsläufige Monopolisierung der erzieherischen Funktion kommt es zu einer Umgestaltung der Beziehung zum Kind. Da dem alleinerziehendem Elternteil der Ehepartner als ebenbürtiger Ansprechpartner fehlt, kann es dazu kommen, dass er das Kind bei Angelegenheiten ins Vertrauen zieht, denen das Kind mit seiner emotionalen und intellektuellen Reife nicht gewachsen ist, und ihm teilweise eine partnerersetzende Rolle zumutet.38 Hierbei kommt es zu einer subjektiven Verzerrung die in einer Wunschfantasie oder in einem Abhängigkeitsverhalten äußert.39 Diese Verzerrung ist mit einer Störung der Generationengrenzen verbunden (vgl. Salomon 2009, S. 36) Stellt diese Parentifizierung nicht nur einen zeitweilige Rollentausch dar, sondern ist von pathologischer Art, so stellt diese eine Überforderung des Kindes dar und kann dieses in seiner Entwicklung erheblich beinträchtigen (vgl. Boszormenyi-Nagy 2006, S.47).

Durch die partnerschaftliche Ebene findet ein Respektverlust bezüglich des Elternteils statt. Die daraus resultierende mangelnde Durchsetzungskraft von Grenzen und Regeln haben einen Verlust von Sicherheit, Geborgenheit und Orientierung zur Folge. Bei dieser Form des Kindesmissbrauchs gibt das Kind dem Elternteil die Akzeptanz und Zuwendung, den Halt und die Geborgenheit, sowie die notwendige Einfühlung und Resonanz, die normalerweise umgekehrt die Kinder von ihren Eltern bekommen (vgl. Haag 2006, S. 33). Eine kindgerechte Entwicklung ist daher nicht mehr gewährleistet und infantile, ungestillte Bedürfnisse können bis ins Erwachsenenalter bestehen (Egle 2004, S. 262). Auch eine sukzessive Ablösung, die die Entwicklung des Kindes begleitet, wird durch das Verantwortlichkeitsgefühl den Eltern gegenüber, erschwert (vgl. Schmidt-Denter 2005, S.56).

[...]


1 vgl. Statistisches Bundesamt

2 vgl. Seib, P./ Wirsching, M. (2002) In: Seib, P. (Hrsg.), S. 174

3 vgl. v. Foerster 1999, S. 11

4 vgl. Schmidt 1997 In: Krieger (Hrsg.), S.34

5 vgl. Stolz 2009, S.37

6 vgl. Largo 2003, S.116

7 vgl. Largo 2003, S.180

8 vgl. Radosztics 2000 In: Werneck/ Rohrer-Werneck (Hrsg.), S.105

9 vgl. Hetherington 2003, S.76

10 vgl. Largo 2003, S. 180

11 vgl. Peuckert 2008, S.199

12 vgl. Beck 2003, S. 12

13 vgl. Largo 2003, S.186

14 vgl. Hetherington 2002, S.90

15 vgl. Hetherington 2002, S.90f

16 vgl. Krieger 1997, S. 33

17 vgl. Krieger 1997, S. 32f

18 vgl. Strobach 2002, S.24

19 vgl. Stiehler 2000, S.101

20 vgl. Hetherington 2002, S.163

21 vgl. Stiehler 2000, S.101

22 vgl. Hetherington 2002, S.174

23 vgl. Krieger 1997, S. 124f

24 vgl. Napp-Peters 1995, S. 93

25 vgl. Napp-Peters 1995, S. 106

26 vgl. Limmer 2004, S. 22

27 vgl. Krieger 1997, S. 127

28 vgl. Brand 2002,S.220

29 vgl. Wallerstein 2000, S.181f

30 vgl. Schneider 2001, S.348

31 vgl. Wallerstein 2000, S.178ff

32 vgl. Krieger 1997, S.84

33 vgl. Gutschmidt (1997) In: Menne et. al (Hrsg.), S.302

34 vgl. Wallerstein/ Lewis/ Blakeslee 2002, S.185

35 vgl. Wallerstein/ Lewis/ Blakeslee 2002, S.244

36 vgl. Strecker 1996, S.62

37 vgl. Wallerstein/ Lewis/ Blakeslee 2002, S.190

38 vgl. Krieger 1997, S.116

39 vgl. Boszormenyi-Nagy 2006, S.209

Details

Seiten
25
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668991996
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v494283
Institution / Hochschule
SRH Hochschule für Gesundheit Gera
Note
2,0
Schlagworte
scheidung auswirkungen kinder

Autor

  • Katharina Wolf (Autor)

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